Baab, Florian: Weltuntergang. Eine Meditation (Blaue Reihe).
Hamburg: Meiner 2026. 138 S. Kt. 19,90.
Klimakatastrophe, Kriege, entfesselte KI: Unsere Gegenwart bietet viele Anlässe, um über den absoluten Worst Case nachzudenken: den Weltuntergang. Diesem Thema wendet sich Florian Baab, Theologe und Philosoph an der Universität Hamburg, zu. Er versteht den Text als „Meditation“, mit der er bei der Beobachtung einsetzt, dass es den Begriff Weltuntergang so nur im Deutschen gibt.
Das Buch hat zwei Teile. In den ersten vier Kapiteln werden theoretische und ideengeschichtliche Grundlagen eingeführt. Dabei geht es insbesondere um das Verhältnis von Erfahrung und Erwartung, für das Baab sich auf Reinhart Koselleck und Hermann Lübbe bezieht. Im zweiten Teil (Kap. 5-9) werden konkrete Weltuntergangs-Denker vorgestellt, wobei sich das siebte und das neunte Kapitel stärker von der Darstellung einzelner Autoren lösen. Als Denker des Weltuntergangs werden Oswald Spengler, Theodor Lessing und Alfred Rosenberg vorgestellt. Sie stehen für unterschiedliche Zugänge zum Weltuntergang, die sich in Baabs Interpretation zu einem Panorama fügen: „Spengler war Fatalist, er sah das Ende kommen und beschrieb dessen Gang. Lessing war Utopist, das Ende des Individualismus führte ihn in die Freiheit von der ‚Not‘. Rosenberg ist Rassist, er [ …] konstruiert sich einen Höchstwert, für den es [ …] rücksichtslos zu handeln gilt, das ‚arische Blut‘, die ‚Rassenseele‘“ (60 f.). Diese drei Positionen ergänzt Baab um solche, die sich an dem Problem der Atombombe als der erstmaligen „realen Möglichkeit eines absoluten Endes“ (73) abarbeiten. Auch hier fächert Baab ein Panorama auf, das von Bertrand Russell über Karl Jaspers, Maurice Blanchot und Günther Anders bis zu Carl Friedrich von Weizsäcker reicht. Das Ende des Buches führt Baab dann zu Francis Fukuyama und seiner sprichwörtlich gewordenen Idee eines „Endes der Geschichte“, die er gegen Übersimplifizierungen verteidigt.
In der Darstellung aller genannten Positionen orientiert sich Baab eng an Primärtexten, die er nur gelegentlich um sekundäre Referenzen ergänzt. Diese Beschränkung ergibt sich aus der gewählten Gattung. Und in der Tat erweist sich die Meditation als leistungsfähiges Format, in dem Baab auf vergleichsweise wenigen Seiten unterschiedliche Konzepte des Weltuntergangs verdichtet. Er tut dies mit stilistischer Souveränität und Mut zu Pointen, auch wenn dies gelegentlich zu Unschärfen beiträgt. Das gilt bspw., wenn Baab sich im obigen Zitat darauf festlegt, Lessing als Utopisten zu sehen, sich einige Seiten zuvor aber noch unschlüssig zeigt, ob Lessings Szenarien nun „eher [als] Utopie oder Dystopie“ (49) zu lesen seien. Das aber ändert nichts daran, dass Baab ein sehr gut lesbares und vor allem lesenswertes Buch geschrieben hat. Sicher werden darin nicht alle Fragen und Themen behandelt, die im Umfeld von Weltuntergangs-Szenarien bedacht werden könnten. Dies aber entspricht auch nicht dem methodischen Zuschnitt des Bandes. Es geht um einen ersten Zugang, der weitere Überlegungen anregen kann.
Jonas Maria Hoff
Bauer, Joachim: Fundamental Things. Über Vernunft, Moral und Empathie. Was es bedeutet, Mensch zu sein.
Freiburg: Herder 2026. 224 S. Gb. 22,–.
Anthropologie als philosophische Disziplin wird von Empirikern eher skeptisch beäugt. Sie neigt dazu, verallgemeinernde Aussagen über „den Menschen“ zu machen und dabei Grenzen zu überschreiten, die dem empirischen Forschen gesetzt sind. Schnell kommt es dabei zu naturalistischen Fehlschlüssen. Doch für den Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeuten Joachim Bauer sind die aktuellen „Menetekel gefährdeter Vernunft, Moral und Empathie“ (9-17) Anlass genug, eine „neurophilosophische“ (vgl. 29) Annäherung an das Thema zu wagen.
Bauer beginnt mit der Aussage, dass „der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist, aber ohne Vernunft zur Welt kommt“ (20). Kant, dem ein ganzes Kapitel gewidmet ist (19-38), verfügte zu seiner Zeit nicht über die biologisch-entwicklungspsychologischen Kenntnisse, die es ihm ermöglicht hätten, seinen Dualismus zwischen dem Menschen als Naturwesen und dem Menschen als Vernunftwesen zu einer Einheit zusammenzuführen. Aber Kant spürte die Schwäche seiner strengen Trennung, da er andererseits sehr genau wusste, dass zum Denken gehört, „sich an die Stelle des Anderen zu denken.“ Nicht einmal Denken geht also ohne Empathie. Das Korrelat zu Kants kategorischem Imperativ befindet sich aber ebenso wie die Korrelate zu Gefühlen, Neigungen und Antrieben im menschlichen Gehirn (vgl. 33). Beides wird durch Empathie aktiviert. Vernunft entsteht also aus sozialen Beziehungen, und zwar von Säuglings- und Kindesbeinen an (39-66). Es lässt sich nicht schwer erraten, welche Konsequenzen Bauer für Erziehungs- und Bildungsprozesse zieht, gerade wenn es darum geht, Vernunft, Moral und Empathie die Tür zu öffnen (67-84), aber auch um den Umgang mit Arbeit, Liebe, Glück, Krieg und Frieden (85-166). Empathie bildet jedenfalls in alledem den Kern von Vernunft und Moral.
Bei der Empathie handelt es sich, „wissenschaftlich betrachtet, um ein absolut erstaunliches Phänomen“ (61). Bauer stellt es neben das erstaunliche Phänomen der Gravitation: „Als Isaac Newton 1687 das von ihm entdeckte Gravitationsgesetz formulierte, demzufolge sich zwei Massen beziehungsweise zwei Körper gegenseitig anziehen, war er selbst sprachlos.“ Bis heute bleibt es ein „nicht einfach zu begreifendes Rätsel“ (62). Dieses Staunen öffnet Bauer für eine Dimension des Menschseins, die sich der algorithmischen 0/1-Rationalität entzieht. So durchzieht den Text immer wieder der Hinweis auf die Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV. Bauer konstatiert mit „Verblüffung“ (vgl. 187, Anm. 1), dass sich die Analyse des Papstes in hohem Maße mit den Darstellungen deckt, die er in seinem vorangegangenen, bereits im Frühjahr 2026 erschienenen Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“ ausgebreitet hatte. So passt es, dass er voller Respekt formuliert: Die Fähigkeit des Menschen, sogar mit Lebewesen jenseits der eigenen Spezies mitzufühlen „legt nahe, in Vernunft, Moral und Empathie ein hinter der Evolution verborgenes Geheimnis – ein Geheimnis, das Gläubige Gott nennen – zu sehen“ (10).
Klaus Mertes SJ
Müller, Sigrid / Schlögl-Flierl, Kerstin: Geschichte der christlichen Ethik.
Freiburg: Herder 2026. 380 S. Gb. 38,–.
Der vorliegende Band bietet eine kurzgefasste Geschichte der christlichen Ethik aus Sicht der katholischen Moraltheologie und erfüllt damit ein seit langem bestehendes Desiderat. Die Autorinnen, die als Moraltheologinnen zu verschiedenen Epochen der Geschichte ihres Fachs geforscht haben, stellen sich der – angesichts der Fülle des Stoffs – höchst anspruchsvollen Aufgabe, auf überschaubarem Raum eine differenzierte Darstellung der wichtigen, charakteristischen und prägenden Positionen der einzelnen Epochen und ihrer Entwicklung zu erarbeiten.
Als Epochen werden behandelt: 1. die Anfänge in der frühen Kirche, 2. die römische Spätantike, 3. das Hoch- und Spätmittelalter, 4. die Moralsysteme nach dem Konzil von Trient, 5. die Zeit der Aufklärung, Romantik und Neuscholastik und 6. die Zeit nach dem Zweiten Vatikanum. In jedem dieser Kapitel wird zunächst der zeit- und geistesgeschichtliche Hintergrund geschildert, vor dem sich die christliche Ethik entfaltet, von dem sie beeinflusst ist und mit dem sie sich auseinandersetzt. Hier werden die großen Linien der Entwicklung der theologischen und philosophischen Ethik skizziert. Vor diesen überblicksartigen Einführungen werden je zwei Repräsentanten ihrer Zeit und deren Entwürfe einer christlicher Ethik ausführlicher vorgestellt. Ausgewählt werden Autoren, deren Denken für die jeweilige Epoche typisch und einflussreich ist, die aber auch durch die Unterschiedlichkeit ihrer Ansätze die mögliche Bandbreite theologisch-ethischen Denkens in ihrer Zeit verdeutlichen: für die frühe Kirche Paulus und Origenes, für die Spätantike Lactanz und Augustinus, für das Mittelalter Thomas von Aquin OP und Wilhelm von Ockham OFM, für die Zeit der Gegenreformation Paul Laymann SJ und Alfons von Liguori, für die Neuzeit von der Aufklärung bis zur Neuscholastik Jean-Pierre Gury SJ und Fritz Tillmann und für die Gegenwart Alfons Auer und Klaus Demmer. Von jedem dieser Autoren wird nicht nur der moraltheologische Entwurf dargestellt, sondern auch – als durchgängiger roter Faden – sein jeweiliges Gewissensverständnis, was interessante Vergleiche ermöglicht.
Durch diesen rasterartigen Zugriff machen die Autorinnen deutlich, wie sich im Austausch mit den entsprechenden historischen, gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten sowie dem zeitgenössischen Denken eine Vielfalt von Ansätzen herausgebildet hat. Christliche Ethik ist nicht ein von Anfang an unerschütterlich feststehendes und durch die Zeit konserviertes System, sondern entwickelt und entfaltet sich in vielfältigen Ansätzen und Modellen, wie der Glaube und die mit ihm verbundene Moral zur säkularen Welt, zur menschlichen Vernunft und zur philosophischen Ethik ins Verhältnis gesetzt wird. In der Darstellung des jeweiligen Autors und seines Ansatzes werden immer auch Beispiele aus aktuellen moralischen Diskursen angeführt, um einzelne Gedanken zu erläutern und zu aktualisieren. Immer wieder werden Vergleiche zu Autoren aus anderen Epochen gezogen, um Verbindungen und Einflüsse, aber auch Unterschiede zu markieren. Auch werden zentrale und für die weitere Entwicklung einflussreiche Texte zitiert und vorgestellt. Die einzelnen Darstellungen der Autoren sind dabei nicht nur knappe Skizzen, sondern fast kleine Monografien, die sich durch eine Darstellung möglichst aller wesentlichen Aspekte des Ansatzes und durch präzise Begriffsarbeit auszeichnen und die immer wieder auch die Forschungslage und unterschiedliche Interpretationsansätze skizzieren. Das ausführliche Literaturverzeichnis bietet dabei Unterstützung für das weitere, vertiefende Studium. Im Ganzen ein beachtliches Buch, das höchst informativ ist und sich gut lesen lässt.
Stephan Ernst