Am Fuße des Montserrat, in der Nähe von Barcelona, liegt der kleine Ort Manresa. Im Jahre 1522 lebte der heilige Ignatius von Loyola, der spätere Gründer des Jesuiten-Ordens, hier als Eremit in einer Felskaverne. Hier machte er die inneren Erfahrungen, die für seine später verfassten „Geistlichen Übungen“ ausschlaggebend wurden. Im Juli 2021 feierte der Generalobere des Jesuitenordens, Arturo Sosa, gemeinsam mit dem Mosaikkünstler und Jesuiten Marko Ivan Rupnik eine Messe zur Einweihung der neu gestalteten Kapelle. Rupnik hatte die cova mit Mosaiken ausgestaltet. Beinahe ein Jahr vorher war er allerdings wegen einer absolutio complicis exkommuniziert worden – kanonischer Straftatbestand für die Lossprechung einer Frau in einer Beichte durch einen Priester, der vorher mit ihr Geschlechtsverkehr hatte. Die Glaubenskongregation hatte das Urteil zwar zeitnah wieder aufgehoben, da Rupnik angeblich Reue bezeugt hatte. Doch der Vorfall war die Spitze eines Eisbergs. Im Juni 2021 trafen neue Vorwürfe gegen Rupnik wegen schweren Missbrauchs ein. Das führte schließlich dazu, dass die Glaubenskongregation das ganze Verfahren im Januar 2022 an sich zog. Seitdem heißt es immer wieder auf die eine oder andere Weise: Der Fall Rupnik und kein Ende. Nun hat ein sechsteiliger Deutschlandfunk-Podcast (Dlf Doku-Serie Heilsverbrechen, 4.-9.5.2026) den Fall gründlich aufgearbeitet und für eine deutschsprachige Hörerschaft den Abgrund von Manipulation, Gewalt und Vertuschung sichtbar gemacht – durch Interviews mit Betroffenen, Aussagen von Zeitzeugen und begleitender Expertise.
Rupnik war ein in höchsten vatikanischen Kreisen gefeierter Künstler und spiritueller Großkommunikator. Im Auftrag Johannes Pauls II. gestaltete er die päpstliche Privatkapelle. Er entwarf das Logo zum Jahr der Barmherzigkeit, das Franziskus 2015 ausrief. Weltweit erhielt er Aufträge zur Ausgestaltung von Außen- und Innenräumen in Wallfahrtskirchen wie Lourdes, Fatima und Aparecida (Brasilien). Zusammen mit Ordensfrauen, die ihm – nach einem Zerwürfnis mit der Oberin der von ihm gegründeten Loyola-Gemeinschaft in Mengeš/Slowenien – gefolgt waren, arbeitete er im Centro Aletti in Rom, seinem Zentrum für die Verbindung von Kunst und Spiritualität, wie er sie verstand. Bis heute führt das Centro auf seiner Webseite die Tradition mit der Kunst Rupniks ungebrochen fort.
Spätestens seit Anfang der 90er-Jahre lagen Vorwürfe gegen Rupnik wegen geistlichen und sexuellen Missbrauchs sowie wegen brutaler Gewalt gegen Ordensfrauen vor. Doch sie prallten bei Bischöfen, Päpsten und Autoritäten im Jesuitenorden ab. Verblendet von der Begeisterung über Rupniks Werke und von seinem Erfolg, betört von seiner spirituell aufgeladenen Sprache verschlossen sie die Ohren oder drehten den Spieß nach dem bewährten Täter-Opfer-Umkehr-Schema um, wenn betroffene Nonnen sich an sie wandten. Jedenfalls: Das ganze elende Programm der Vertuschung wurde jahrelang abgespult, und das nach 2002 (Boston Globe) und nach 2010 (Canisius-Kolleg), als allerorten Schwüre laut geworden waren, man wolle nun auf Betroffene hören und Symptomatiken rechtzeitig ernst nehmen.
Rupnik wurde 2023 aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen. Er hatte das an ihn ergangene Zelebrations- und Seelsorgeverbot missachtet. Der Bischof von Koper/Slowenien nahm ihn in seiner Heimatdiözese auf und begründete die – von der slowenischen Bischofskonferenz missbilligte – Entscheidung damit, dass noch kein Urteil des Glaubensdikasteriums gegen den Ex-Jesuiten vorliegt. Die Frage nach der Rolle von Papst Franziskus bei der Aufarbeitung oder Nicht-Aufarbeitung des Falles steht auf der Tagesordnung (vgl. besonders das Interview mit dem slowenischen Priester Janez Cerar im Dlf-Blog). Soweit, so schlimm. Was die Ordensleitung in Rom betrifft: Sie mag sich durch den Ausschluss Rupniks ein wenig aus der Schusslinie genommen haben, aber die eingangs erwähnte Einweihungsfeier in Manresa zeigt, dass eine ernsthafte Aufarbeitung des eigenen Versagens noch aussteht. Welche Informationsflüsse zwischen Ordenskurie und Vatikankurie gab es zur Person Rupnik? Wie kam es auch unter Jesuiten zu dem irrsinnigen Rupnik-Hype? Was soll jetzt mit den Mosaiken in Manresa werden, deren Anblick sofort die Gewalt gegen die betroffenen Frauen und das Bild der beschämenden Konzelebration in Manresa aufruft? Wie wird die nächste Generalskongregation des Ordens auf alle diese Fragen eingehen?
Einige Jesuiten aus dem Centro Aletti haben aus Protest gegen den Ausschluss Rupniks den Austritt aus dem Orden beantragt. Das ist kein Grund, um weitere Aufarbeitung zu unterlassen. „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern Spaltung“ heißt eines der unbekannteren Worte Jesu. Gemeint ist: Es gibt eine Spaltung, ohne die Frieden nicht möglich ist, und zwar diejenige Spaltung, die sich aus der Aufdeckung der Gewalt ergibt. Die eigentlichen Spalter sind nämlich die Täter und die hartnäckigen Vertuscher und Verharmloser – sie zerstören das Vertrauen in die Kirche, ohne das Seelsorge gar nicht möglich ist.