Maria, Marta und Lazarus: Ein Zusammenleben der besonderen Art

Maria, Marta und Lazarus leben zusammen in ihrem Elternhaus in Betanien. Die Eltern sind längst verstorben, aber die drei sind einander eng verbunden. Sie haben eine Art von Gemeinschaft gefunden, in der es ihnen miteinander gut geht. Manche im Ort munkeln über sie, das ist ihnen klar: Wie merkwürdig, keiner verheiratet, keine Kinder, was ist das denn?

Eigentlich machen die drei Geschwister das, wovon wir auch heute oft sprechen: Sie finden eine neue Lebensform miteinander jenseits von traditioneller Ehe mit Kindern. So haben sie alle ihr Auskommen und sorgen füreinander. Aber auch heute würde wohl so mancher kritische Blick auf diese Konstellation fallen...

Eines Tages lernen die drei Jesus von Nazareth kennen. Er kommt mit einigen Männern und Frauen nach Betanien und erzählt von Gott, von der Gerechtigkeit im Reich der Himmel, vom Frieden, in dem Menschen miteinander leben könnten. Die drei Geschwister sind begeistert. Was für ein faszinierender Mensch ist das! Gastfreundlich, wie sie sind, laden sie Jesus und seine Begleitung ein, in ihrem Haus zu essen und zu übernachten. Und sie sagen: Komm gern wieder, wir mögen deine Gesellschaft. So wird Jesus im Laufe der Jahre ihr gemeinsamer Freund. Sie sind gern Gastgeberinnen und Gastgeber für ihn und die Männer und Frauen, die ihn begleiten. Ihr Haus wird eine Art Diskussionssalon in Sachen Gott (Lk 10, 38 – 42).

Bei einer Fortbildung vor vielen Jahren sollte ich im Bibliodrama die Marta aus der Szene spielen, als Jesus in das Haus von ihr und ihrer Schwester Maria kommt. Marta sorgt für alle mit Essen und Getränken, Maria aber hört Jesus zu. Als sie sich beschwert, dass die Schwester ihr nicht hilft, sagt Jesus: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. ... Maria hat das gute Teil erwählt.“ Mich hat das im Spiel richtig geärgert nach dem Motto: Hallo Jesus, du kommst hier mit allen deinen Leuten, lässt dich bekochen und bewirten und dann bin ich der Depp? Wie wäre es mit ein bisschen mehr Wertschätzung für die Arbeit im Hintergrund? Ich konnte geradezu spüren, wie ich mich aufgeregt habe. Am Schluss habe ich gesagt: „Weißt du was, Jesus? Dann höre ich jetzt auch zu und du machst am Ende den Abwasch!“

Maria tut leid, dass es zu dieser Situation gekommen ist, sie versteht Martas Verärgerung. Aber sie war einfach so gebannt, als Jesus anfing zu reden, da hat sie alles um sich herum vergessen und gar nicht mehr weitergedacht. Auch Lazarus bedauert, dass eine Spannung zwischen ihnen entstanden ist. Am Ende sagen sich die drei: Wir hätten doch die ganze Truppe auch einspannen können! Wenn sie das nächste Mal kommen, sagen wir einfach: Schön, dass ihr da seid! Und kommt, jetzt bereiten wir gemeinsam das Essen vor, ihr da bezieht die Betten, die anderen holen Wasser, um die Füße zu waschen, wir kochen gemeinsam, und dann reden wir, hören wir, feiern miteinander. Gastgeberschaft ist gut, aber nicht als demütige Bedienung der Gäste, sondern in Gemeinschaft und auf Augenhöhe. Das würde Jesus wahrscheinlich auch so sehen. Er ist ja eigentlich gar nicht einer dieser Männer, die sich immer bedienen lassen.

Eine entsetzliche Erfahrung machen die Geschwister, als Lazarus schwer erkrankt (Joh 11,1ff.). Maria und Marta schicken Boten zu Jesus, sie hoffen, er kann kommen und ihrem Bruder, den sie so sehr lieben, helfen. Aber Lazarus stirbt. Die Schwestern stehen unter Schock! Sie sind in Aufruhr, sie können es nicht fassen. Wäre Jesus hier gewesen, wäre das sicher nicht passiert, denken sie. Er hätte ihn retten können. Als Jesus endlich, endlich in die Stadt kommt, ist Lazarus schon vier Tage tot. Marta rennt ihm entgegen und sagt: Wärst du nur hier gewesen! Jesus sagt ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta glaubt ihm, sie spürt: Jesus ist der Sohn Gottes, er hat Macht über Leben und Tod, durch ihn kann alles möglich werden. So rennt sie los und holt ihre Schwester Maria. Gemeinsam gehen sie mit Jesus zum Grab von Lazarus. Jesus weint, er kann nicht fassen, dass der Freund tot ist. Laut ruft er: Lazarus. Und tatsächlich, Lazarus kommt aus dem Grab, er lebt! Ist das zu glauben? Die Schwestern sind fassungslos und glücklich zugleich. Was immer da geschehen ist, was immer wir verstehen können: Die Liebe der drei Geschwister zueinander und ihr Vertrauen in Jesus sind offenbar größer als Leben und Tod.

Eines Tages kommt Jesus erneut zu Besuch (Joh 12, 1ff.). Wieder bedient Marta die Runde, da sind die Rollen offenbar doch sehr eingeübt. Maria aber nimmt an diesem Abend ein Pfund kostbares Öl, salbt Jesus die Füße und trocknet sie mit ihren Haaren ab. Was für eine liebevolle, ja geradezu zärtliche Geste! Marta und Lazarus sehen sich an: Ist Maria vielleicht verliebt in Jesus? Ist das mehr als Freundschaft? Das ganze Haus ist erfüllt von dem Duft des wunderbaren Öls. Einen Moment scheint die Zeit still zu stehen.

Aber einer von den Schülern Jesu, Judas Iskariot, regt sich furchtbar auf: Was für eine Geldverschwendung ist das denn! Was hat dieses Öl wohl gekostet? Das hätten wir den Armen geben können! Bist du denn von Sinnen, Maria?

Und dann diskutieren sie den ganzen Abend. Ist es rechtens, einen Menschen zu verwöhnen, den wir lieben? Einen Menschen, von dem wir wissen, er hat einen schweren Weg vor sich? Maria hat doch alles Recht und alle Freiheit, das zu tun. Oder muss immer und ununterbrochen die gesellschaftliche Debatte im Raum stehen? Wie viel Privates darf Raum haben, wenn es um die großen Fragen von Politik und Wirtschaft geht? Heiß und hitzig wird diskutiert im Haus der Geschwister in Betanien. Maria, Marta und Lazarus bleiben zurück, als Jesus am nächsten Tag mit seiner Begleitung Richtung Jerusalem weitergeht. Sie machen sich Sorgen um ihn, weil so viele Erwartungen auf ihm ruhen. Ihre ganze Liebe begleitet ihn. Wie schön, dass Marta für ihn gekocht hat, dass Maria ihn verwöhnen konnte, dass Lazarus noch einmal so nahe bei ihm war. Was dann geschieht, verfolgen sie von Ferne. Sie werden weinen um Jesus. Aber sie geben einander Kraft. Und nach dem, was sie erlebt haben, als Lazarus starb, wundert es sie nicht, als sie die Botschaft erreicht: Der Tod hatte nicht das letzte Wort im Leben des Jesus von Nazareth.

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