Liebe Leserinnen und Leser der Pastoralblätter,
der siebte Monat im Jahr lässt in den Pastoralblättern begleitend zum Jahresthema „Die (Ohn)Macht der Alten“ nun auf das siebte Gebot blicken: Du sollst nicht stehlen.
Haben Sie schon einmal (bewusst) etwas geklaut? – Ich schon. Mit etwa sieben, acht Jahren.
Ich saß mit einem Bengel aus meiner Klasse auf dem Spielplatz, oben am Turm einer Riesenrutsche. Von da konnten wir das halbe Dorf unter uns beobachten, unter anderem den kleinen Supermarkt und den Parkplatz davor. Wir hatten an diesem Nachmittag riesige Lust auf eine Tüte Paprikachips, aber wir fanden keine einzige Münze in unseren Hosentaschen. Nun sahen wir, wie eine Frau einen vollen Einkaufswagen (damals gab es das noch) aus dem Supermarkt schob, und obendrauf saß auch noch ein kleines Kind mit einem großen Eis in der Hand. Dieser Anblick war zu viel für uns.
Wir rannten auf kleinen Beinen den großen Berg hinab und in den Supermarkt hinein. Ich griff nach einer Tüte Chips und versteckte sie unter meiner dünnen Turnjacke. Wir dachten keine Sekunde daran, dass die Ausbeulung der Jacke und das Knistern darunter auch nur die geringste Aufmerksamkeit erregen könnten. Mein Begleiter stand mit gerötetem Gesicht „unauffällig“ Schmiere. Dann schlichen wir gesenkten Auges an der Kasse vorbei zum Ausgang (elektronische Scanner gab es damals noch nicht) und rannten so schnell zum Spielplatz zurück, als sei der Teufel persönlich hinter uns her. – Keine Frage: Es waren die besten Chips aller Zeiten. Nachbars Kirschen schmecken auf jeden Fall besser.
Ich kam schließlich mit paprikaverschmiertem Mund nach Hause, wo meine Mutter mich mit tiefer Stirnfalte bereits an der Tür empfing. Keine halbe Stunde später stand ich mit gewaschenem Kopf, blass wie die Wand und mit meinem kleinen Portemonnaie samt den kargen Ersparnissen der letzten Monate wieder im Supermarkt. Mein Klassenkamerad fand sich ähnlich begossen und ausstaffiert neben mir ein. Und niemand geringeres als der Supermarktleiter persönlich empfing uns. In einer solchen Notsituation ist das Wort „Entschuldigung“ für zwei Pimpfe unaussprechbar. Wir würgten an dem Wort herum und zählten dem großen Mann schließlich in kleinen roten Münzen und Zehnern den fälligen Betrag (der eigentlich für ein gemeinsames Comicheft angespart war) in die offene Hand. Auch nickten wir mehrmals heftig, als er uns großväterlich noch einige Ratschläge fürs Leben mitgab. Unter anderem diesen:
„Glaubt mir, es lebt sich einfach besser ohne Diebstahl.“ Seine Version des 7.Gebotes. Von einer Anzeige sah er mit einem Blick auf unsere Gesichter ab, die nur noch aus Augen bestanden. Ich schlich nach Hause, eine Urerfahrung im Leben reicher, und fühlte mich in diesem Moment arm wie eine Kirchenmaus.
Hand aufs Herz: Sollte Gott sich solche Mühe gegeben haben, dem Mose wegen einer Tüte Chips das siebte Gebot auf eine Steinplatte zu meißeln?
Für meine Großtante, die die Schrift und die alten Gebote stets persönlich und wörtlich nahm und die ich mit ihrem viel zu fest geschnürten Dutt und den schmalen, aufeinandergepressten Lippen schon als Kind extrem unentspannt fand, bestand da kein Zweifel. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft sie mit erhobenem Zeigefinger vor mir stand und sagte: „Der liebe Gott sieht alles.“ Die Wucht der Gebote beugten sich da unbarmherzig und bedrohlich über einen kleinen Kinderkopf. Und die Gebote trugen dann auch eine ganze Kindheit lang das Antlitz der Großtante.
Damals kannte ich den Witz noch nicht von dem Pfarrer, der zur Mitte des letzten Jahrhunderts jeden Morgen durch den Pfarrgarten ging, um die Äpfel auf seinen Bäumen zu zählen und zu begutachten. Das sahen irgendwann auch seine Konfirmanden, die mit aufgekratzten Knien die Nacht darauf über das Mäuerchen in den Pfarrgarten kletterten und einige der Äpfel klauten, weil des Pfarrers Äpfel auf jeden Fall die besten im Ort sein mussten, wie sie dachten. Sie schmeckten ihnen auch gut.
Bald darauf kamen sie wieder und entdeckten dabei ein Schild an einem der Bäume. Es trug in Kreide die Handschrift des Pfarrers: „Der liebe Gott sieht alles!“
Als der Pfarrer am nächsten Morgen wieder durch den Garten ging und seine Äpfel zählte, stellte er nicht nur einen weiteren herben Verlust an Obst fest. Auf das Schild hatte zusätzlich jemand mit ungelenker Kinderschrift unter seine Worte geschrieben: „Aber er verrät uns nicht!“
Viel später, die Großtante lag längst auf dem Friedhof, habe ich ihr am Grab diesen Witz erzählt. Eine Amsel in der Nähe legte den Kopf schief und flog weg.
Wie halten Sie’s mit dem siebten Gebot? Wie ist das überhaupt mit Ihrer Detailtreue zu den Geboten?
Hat die Großtante recht? Kommt alles ins Wanken, wenn die Details nicht mehr stimmen? Oder gibt es bei Gott vielleicht doch eine entspannte Spannweite in der Auslegung der Gebote?
Bislang rettete ich mich durchs Leben mit folgender Definition: Gebote zielen darauf ab, Leben zu erhalten, nicht nur meines, sondern auch das Leben der anderen in unseren Gemeinschaften. Gebote gelten also auch im Kleinen, wenn ein anderes Leben oder eine Gemeinschaft durch eine noch so kleine Handlung nachhaltig Schaden zu nehmen droht.
Bei einer Handvoll Nachbars Kirschen bin ich mir über den entstandenen Schaden nicht sicher. Bei einer Tüte Chips nur bedingt. Und was sollten wir dann jenen Menschen sagen, die in den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg unter Lebensgefahr mitten in der Nacht und in Großstädten auf Güterwaggons kletterten, um eine Handvoll Kartoffeln zu stehlen, damit ihre Familie den nächsten Tag überleben konnte?
Nicht nur das Wort ist eben wichtig, immer auch die Situation, in der dieses Wort hineingesprochen und -gedacht wird. Es gibt Zeiten, da steht die Not über dem Gebot.
Man muss dazu nicht an die ährenraufenden Jünger am Sabbat denken. Man darf aber daran denken, wem die Gebote letztlich dienen und es recht machen wollen: Gott gewiss nicht (dem genügt voll und ganz unser Vertrauen und unsere Liebe), aber gewiss wollen Gebote dem Leben dienen, auf allen Seiten, in allen Himmelsrichtungen.
Das siebte Gebot bekommt in größeren Zusammenhängen dann auch ein umso größeres Gewicht. So fordert es uns Menschen und Christen heute heraus, unser Verhältnis zu Besitz, Gerechtigkeit und Verantwortung in dieser eng vernetzten Welt grundlegend neu zu überdenken.
Ist Eigentum und Privatbesitz auf einer Welt, auf der wir ja nur zu Gast sind, tatsächlich der höchste Wert im Leben? Das siebte Gebot erinnert uns: Besitz steht niemals für sich, aber immer in Beziehung zu anderen Menschen. Wie stellt es sich denn dann zur Schere zwischen reich und arm, die sich immer weiter öffnet? Wie viel strukturelles Ungleichgewicht und weltweite Ungerechtigkeit, wieviel Hintenrum-Klauen erträgt dieses Gebot? Und dürfen Menschen ihren Kindern und Kindeskindern einfach die Ressourcen zum künftigen Leben rauben und stehlen, wie sie es derzeit tun?
Wenn das Gebot über einem Kind hohe Wellen schlagen kann bei einem kleinen Griff in Nachbars Kirschbaum, wie auffallend flach ist die Empörung doch, wenn es um Strukturen von „Erwachsenen“ geht, die andere nachhaltig benachteiligen und ihnen schaden. Wer fairen Lohn verweigert, wer bewusst falsche Angaben macht, wer Ressourcen verschwendet, die anderen fehlen, wer Menschen ihrer Würde beraubt, bewegt sich längst im Spannungsfeld dieses Gebotes. Unseren Kindern bringen wir es bei, das Gebot, um sie zu erziehen und um es dann selbst zu vergessen, wenn die Kinder wieder aus dem Haus sind. Dabei ist das Gebot so einfach, wie es klingt: Wenn einer zu viel nimmt, fehlt es einem anderen. Wo beginnt er, der Diebstahl in dieser vernetzten, in sich verwickelten Welt mit seinen sensiblen Gemeinschaften und Lebensentwürfen? Und wie kann dieser Raub, diese Ausbeutung von Mensch und Schöpfung enden? Was können wir „geben“, wenn wir in dieser Einsicht nicht länger „stehlen“ wollen?
Der biblische Kontext ruft Menschen aller Zeiten zu: bleibt aufmerksam für die Bedürfnisse anderer. Bleibt bei den Menschen, handelt solidarisch und zieht euch nicht in Gleichgültigkeit mit stirnrunzelndem Blick auf andere zurück. Als Gemeinde, die sich die Gebote zu Herzen nimmt, dürft ihr ein Ort sein, an dem das Teilen noch selbstverständlich ist.
Nachbars Kirschen schmecken besser, aber wir haben Wichtigeres zu tun.
Sie finden in dieser Ausgabe einige Texte und Gedanken zu diesem siebten Gebot, aber auch viele gute Inspirationen und Predigten zu den Sonntagen im Juli und einiges mehr.
Für einige steht der Urlaub, für andere eine sommerliche Auszeit an.
Wo immer Sie sind, bleiben Sie behütet und inspiriert!
Mit herzlichen Grüßen,
Ihre Redaktion der Pastoralblätter
und Ihr Jochen Lenz (Schriftleitung)