Editorial

Liebe Leserinnen und Leser der Pastoralblätter,

im letzten Jahrhundert lebte in der Schweiz ein begnadeter Liedermacher mit Namen Mani Matter (1936 – 1972). Der studierte Jurist brauchte nicht sehr viel, um seine Zuhörerinnen und Zuhörer zu faszinieren: eine akustische Gitarre, simple Melodien und kurze, griffige Texte, die er vollkommen unaufgeregt vortrug. Das kam spielerisch leicht daher und setzte sich dann aber schnell fest, erst im Ohr, bald in den Gedanken, schließlich im Herz.
Man darf von einem Matter-Flächenbrand reden. Keines seiner Lieder dauerte länger als 2 Minuten, aber die Glut, die sie hinterließen, glimmte beständig weiter. Zum Beispiel im Lied vom Zündhölzli. Sollte Ihnen die folgende schwiizerdütsche Lektüre des Textes zu anstrengend sein, halten Sie einfach für sich fest: Mani Matter stellt sich hier vor, wie der Funken eines fallenden Streichholzes nicht nur ein Loch in den Teppich brennt, sondern die Flammen bald übergreifen auf Haus, Stadt und Land – bis die ganze Welt brennt. Und das klingt im Original so:

I han es zündhölzli azündt und das het e flamme gäh,
und i ha für d`zigarette welle füür vom hölzli näh;
aber ds hölzli isch dervo gschpickt und uf e teppich cho,
und es hätt no fasch es loch i teppich gäh dervo.

Ja me weis was cha passiere, weme nid ufpasst mit füür,
und für d’gluet ar zigarette isch e teppich doch de z’tüür.
Und vom teppich hät o grus chönne ds füür i’ds ganze hus,
und wer weis was da nid alles no wär worde drus.

S’hätt e brand gäh im quartier und s’hätti d’füürwehr müesse cho,
hätti ghornet i de strasse und dr schluuch vom wage gno,
und si hätte wasser gsprützt, und das hätt de glych nüt gnützt,
und die ganzi stadt hätt brönnt, es hätt se nüüt meh geschützt.

Und d’lüt wären umegsprunge i dr angscht um hab und guet,
hätte gmeint, s’heig einer füür gleit, hätte ds sturmgwehr gno ir wuet.
Alls hätt brüelet: wär isch tschuld? Ds ganze Land i eim tumult,
dass me gschosse hätt uf d’bundesrät am rednerpult.

D’uno hätt interveniert und d’uno-gägner sofort o;
für ir schwyz dr fride z’rette, wäre beid mit panzer cho;
s’hätt sech usdehnt natina uf europa, afrika,
s’hätt e wältchrieg gäh und d’mönschheit wär jitz nümme da.

I han es zündhölzli azündt und das het e flamme gäh,
und i ha für d`zigarette welle füür vom hölzli näh;
aber ds hölzli isch dervo – gschpickt und uf e teppich cho.
Gottseidank, dass i’s vom teppich wider furt ha gno.
(Mani Matter, Us emene lääre Gygechaschte; Zürich 1970)

„Wenn der Funke des Begehrens erst einmal Feuer fängt … bedenke, was das alles nach sich ziehen kann, nicht nur für dich, vergiss auch die anderen nicht.“ Kurt, der langhaarige liebe Schweizer, der mir die Lieder Mani Matters auf einer Alm im Kanton St. Gallen einst nahebrachte, ergänzte: „Das größte Elend hat seinen Ursprung in einem saudummen Begehren.“ Wir saßen vor einer einfachen Almhütte auf rund 2000 Metern Höhe und blickten ins steile Tal hinab und in die Abgründe des Lebens hinein. Der Student, der sein Theologiestudium für eine Saison Schafehüten auf dieser Alm unterbrochen hatte und Kurt, der Rinder- und Kuhhirte von der Weide zwei Stunden Abstieg unter mir. Er hatte sein Biologie-Studium nicht nur unterbrochen, sondern irgendwann sogar geschmissen, hütete seither im Sommer Kühe auf einer Hochalm und züchtete im Winter Pferde in Portugal. Kurt lief immer barfuß durchs Leben, sommers wie winters und auch durch unwegsames Gelände mit stechenden Disteln wie hier oben.
Einmal die Woche kam er zu mir herauf, unter dem Arm zwei Humpen voller Apfelwein und einen Schwung kopierter Lieder von Mani Matter. Ich zeigte ihm ein paar Griffe auf der Gitarre, er intonierte dazu mit kratzender Stimme, rauchte ohne jedes Bedauern meinen Tabakvorrat weg und erzählte mir aus seinem Leben. Und immer wieder auch von jenem „saudummen“ Begehren und dem Seitensprung, durch den er über ein paar Nächte hinweg die Liebe seines Lebens verloren hatte. „Sie lebt jetzt mit einem Zahnarzt in Berlin. Und ich sitz hier oben, starre in die Welt und denke an sie.“ Wir blickten schweigend in den Abgrund zu unseren Füßen und spürten der Wirkung des Apfelweines und seinen Worten nach.
Wann immer mir seither das Wörtlein Begehren in schwieriger Weise begegnet, denke ich an „saudumm“, an Kurt und an Mani Matter.

Die Gebote, auf die wir in diesem Jahr in den Pastoralblättern sehen, enden nun mit einem Blick genau darauf: aufs menschliche Begehren. Was so drangehängt aussieht an die Steintafeln, die Mose einst auf dem hohen Berg erhielt, was so flüchtig wirkt wie mit Bleistift auf einen Einkaufszettel noch schräg dazu gekritzelt, ist doch nichts weniger als die Zusammenfassung alles bisher Gebotenen. Und diese Zusammenfassung steuert wie in einem Fluchtpunkt auf das Wörtlein Begehren zu.
So werfen die zehn Gebote von hinten gelesen einen Blick auf recht unterschiedliche Spielarten des Begehrens. Nicht allerdings des begehrenswerten Begehrens, sondern seiner schattigen Spielart, die leicht zum Flächenbrand werden kann.
Vom Begehren, wie Gott sein zu wollen bis zum Begehren, größer als andere Menschen zu sein, ist es ja auch nur ein kleiner Schritt.
Vom Begehren, alles im Griff zu haben bis zum Begehren, immer mehr Macht und Bedeutung zu gewinnen, ist es ja nur ein Augenblick.
Vom Begehren nach Freiheit und Ablösung von der eigenen Herkunft bis zum Begehren nach einer neuen Nähe, die wie ein Besitz immer verfügbar ist, ist es ja nur ein winziger Gedanke.
Bleib achtsam im begehrten Leben, Lieben und Leiden, beständiges Scheitern inklusive, das ist seit Kurt und Mani Matter meine Überschrift über die Gebote. Die sich wohl kaum mit jedem einzelnen Zündholz befassen, aber doch immer auf das zeigen, was aus einem kleinen Funken alles werden kann, nicht allein für mich, nein, vergiss auch die anderen nicht.
Die Gebote, sie ziehen mir weitere Kreise. Sie sind ein Blick von einer Hochalm nicht nur in die Abgründe vor den eigenen Füßen, sondern in die Welt, wie sie sich hinter dem Abgrund weitet. Gebote sagen mir nicht: Du darfst auf gar keinen Fall. Sie kennen es zu gut, das menschliche Begehren, dieses manchmal wunderbare und manchmal „saudumme“ Begehren Leben. Darum sprechen sie kein Verbot aus. Sie sagen stattdessen: Es ist gut für dich und viele andere, wenn du …
Das weitet den Horizont. Das weitet die Sicht vom Moment auf die längerfristigen Konsequenzen meines Tuns und Lassens für mich – und andere. Und das weitet den Begriff weg vom reinen Begehren hin zur Liebe, die mehr sieht als den schnellen Moment. Aus der Erfahrung mit dem schnellen Begehren darf nach und nach eine umsichtige Liebe wachsen. Aus dem Du sollst nicht … wird ein Du darfst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Du darfst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Bis es soweit ist mit uns Menschen und mit der Verwandlung zur umsichtigen Liebe, verkoste ich gerne noch ein wenig Kurts Apfelwein, lausche seinen bass- und rauchgefärbten Lebenserfahrungen und lasse dazu die Lieder Mani Matters in mir weiterglimmen. Lieder wie dieses:

Dene wos guet geit, giengs besser,
giengs dene besser, wos weniger guet geit.
Was aber nid geit, ohni dass’s dene
weniger guet geit, wos guet geit.

Drum geit weni für, dass es dene besser geit, 
wos weniger guet geit.
Und drum geits o dene nid besser,
wos weniger guet geit.
(Mani Matter, Us emene lääre Gygechaschte; Zürich 1970)

In dieser Ausgabe finden Sie (allerdings in vertrauter Sprache) gute Gedanken für Ihre Predigtvorbereitungen zu allen Sonntagen im September, dazu eine Bildpredigt zum Thema Liebe und Begehren, Impulsandachten zur Frage nach Schuld und Vergebung, eine Predigt aus der Predigtreihe „die biblischen Alten“, eine Predigt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann und weitere Anregungen für Ihre Arbeit in den Gemeinden.

Blieben Sie behütet in all Ihrem Tun und Lassen,
das wünscht Ihnen von Herzen

Ihre Redaktion der Pastoralblätter
Und Ihr Jochen Lenz (Schriftleitung)

Anzeige: Jakobsweg. Wandern auf dem Himmelspfad. Von Carmen Rohrbach
Pastoralblätter-Hefte

Die Pastoralblätter im Abo

Gottesdienste komplett und fundiert vorbereiten.

Zum Kennenlernen: 2 Ausgaben gratis

Jetzt gratis testen