Katholische Soziallehre: An ihr Ende gekommen

Mit seinem zweibändigen Werk „Die Sozialverkündigung der Päpste. Geschichte und Gegenwart“ hat Hermann-Josef Große Kracht ein Handbuch vorgelegt, das schon bald zu den Klassikern der Christlichen Sozialethik zählen wird. Ausgewählte Dokumente umfassen den Zeitraum von der ersten Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ von Leo XIII. (1891) bis zu Franziskus und „Fratelli Tutti“ (2020). Der Autor belässt es nicht dabei, die Texte zu kommentieren, sondern er zeigt auch ihre Entstehungsgeschichte auf, ordnet sie in den zeitgeschichtlichen Kontext ein und beschreibt ihre Rezeption in Kirche, Wissenschaft, Presse und Politik.

Im Durchgang durch mehr als 100 Jahre päpstliche Sozialverkündigung wird sichtbar, dass kein einziges Thema zu seiner Zeit unumstritten war. Der Autor zeigt, wie jeder Papst der sogenannten Katholischen Soziallehre seinen persönlichen Stempel aufdrückte. Sie ist in der Auseinandersetzung mit den Problemen ihrer Zeit historisch gewachsen. Bis zu Johannes Paul II. und „Centesimus Annus“ (1991) haben sich die Päpste ganz bewusst in diese Tradition gestellt (vgl. HK, Mai 2021, 26–28). Mit seinen Nachfolgern bricht diese Kontinuitätslinie jedoch ab. Die klassischen sozialen Themen spielen von nun an so gut wie keine Rolle mehr. Die historisch bewährte Balance zwischen Gesinnungs- und Zustände-Reform wird aufgegeben, zugunsten einer individualistischen Tugendethik bei Benedikt XVI. und einer primär biblisch fundierten Liebesethik bei Franziskus. Beides bedeutet eine Entpolitisierung der sozialen Botschaft der Kirche oder anders gesagt ihre Auflösung in Caritas und Pastoral. Damit ist für den Autor die Soziallehre im Sinne einer eigenständigen ethischen Theoriebildung an ihr Ende gekommen.

Der Blick in die Geschichte zeigt immerhin, dass das „Machtwort der Päpste“ die längste Zeit lehramtliche Aussagen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und lebensweltlichem Wissen des Volkes Gottes zu verbinden wusste. An die Stelle der „päpstlichen Soziallehre“ könnte daher in Zukunft eine „synodale Sozialverkündigung“ treten. Welchen Beitrag die Theologie dazu beisteuern kann, zeigt das Werk auf beeindruckende Weise. Ursula Wollasch

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Hermann-Josef Große Kracht

Zwei Bände, Verlag Herder, Freiburg 2026, 1152 S., 158,00 € (D)