Die mit dem Eindringen der Aufklärung in die Theologie geschaffene Situation ist für die katholische Kirche etwas durchaus Neues. Die Anflüge katholischer Aufklärung im 18. Jahrhundert zerstreuten sich rasch, während die protestantische und zunehmend auch die anglikanische Kirche davon wie von einer schweren Krankheit heimgesucht wurden.
Ich entsinne mich an Gespräche mit Karl Barth schon in den vierziger Jahren, in denen er mit einem Stoßseufzer äußerte: "Ihr Katholiken habt es gut, ihr wisst wenigstens, woran ihr euch in Glaubenssachen zu halten habt. Wir andern müssen uns mit Leuten vertragen, deren angeblicher Glaube von dem, was wir für evangelische Wahrheit halten, meilenweit entfernt ist." Barth sah natürlich genau, dass diese tragische Situation durch das Fehlen eines verbindlichen Lehramts bedingt ist. Umso enger suchte er sich an das Wort der Schrift zu halten und pflegte zu betonen, dass jeder, der sich hinter das Wort verirrt, notwendig ins Dunkel, und zwar je weiter er geht, in immer tieferes Dunkel gerät. Von dieser Voraussetzung aus konnte er innerhalb seiner vielfältig aufgesplitterten Kirche ein lebendiges Zeugnis ablegen, aber ohne die Mittel, der Aufspaltung wirksam entgegenzutreten.
Auch dieses Versteckspiel mit scheinbar "orthodoxen" Formeln, in denen sich ein liberaler, das heißt aufklärerisch rationalistischer Sinn verbirgt, ist ein neues und für den Laien höchst verwirrendes Phänomen.
Er übersah oder wollte nicht wahrhaben, dass die ursprüngliche Synthese, in der der Glaubende die Fülle der Wahrheit erkennt und bekennt, ein kirchliches Lehramt mit einer Vollmacht in sich einschließt und es aus sich in die Zeiten hinein entlässt, das Amt, das schlicht die unteilbare, organisch zusammenhängende Wahrheit zu verkündigen und um der Verkündigung willen auch zu wahren hat. Jeder theologische Ausdeuter der Offenbarung hat sich deshalb immer wieder an dieser Norm auszurichten, auf die das lebendige Amt mit der Schrift zusammen und auf sie blickend verweist.
Der Liberalismus versteckt sich hinter orthodoxen Formeln
Seit jenen Gesprächen mit Barth ist der theologische Liberalismus auch tief in die katholische Kirche eingedrungen. Man erkennt es am besten an der offenen, immer heftigeren Kontestation der Befugnisse des Amtes, die Lehre betreffend, während die Kontestation der Offenbarungswahrheiten selber sich zumeist diplomatisch zu tarnen versteht. Auch dieses Versteckspiel mit scheinbar "orthodoxen" Formeln, in denen sich ein liberaler, das heißt aufklärerisch rationalistischer Sinn verbirgt, ist ein neues und für den Laien höchst verwirrendes Phänomen. Angesichts der einzelnen Äußerungen eines Theologen kann die Entscheidung, ob man es mit einer echt gläubigen oder liberalen Aussage zu tun hat, beinah unmöglich werden; anders wird es erst, wenn man die Gesamtheit seiner Aussagen und seine ganze Einstellung zur Kirche in Betracht zieht. Aber selbst hier kann, insbesondere im außerkatholischen Raum, der Entscheid über seine "Christlichkeit" schwierig sein: man denke nur an den ohne Zweifel tief frommen und seiner christlichen Herkunft eng verbundenen Rudolf Bultmann. Bei Katholiken ist die Diagnose leichter aufgrund des innern Bandes zwischen Christus und der Kirche, seinem Wort und Sakrament und dessen Sachwalter, dem kirchlichen Amt.
Aber auch hier kann die innerhalb der theologischen Wissenschaften herrschende Inflation von "neutralen" Fächern, die man ebenso gut als gläubiger Christ wie als Ungläubiger betreiben kann – etwa vergleichende Religionswissenschaft, Kunde der orientalischen Sprachen und Kulturen mit ihren gegenseitigen Abhängigkeiten usf. – die Verlegenheit vermehren. Hinter der Anthropozentrik dieser Fächer findet liberale Theologie ein bestes Versteck.
Über ein weiteres, sehr wirksames Versteck liberal-rationalistischen Theologisierens: die Forderung der Neuinterpretation angeblich oder wirklich nicht mehr (leicht) verständlicher alter Formulierungen des Glaubens – etwa durch Konzilien oder auch durch die Schrift selbst – wird gleich noch zu handeln sein.