Kaum ein Schlagwort hat, aus den Kreisen der Theologen sich in die Kirche ausbreitend, mehr Erfolg gehabt als das des Pluralismus. Obschon die Tatsache, dass das göttliche Mysterium nie auf eine einzige begriffliche Formel gebracht werden kann, für die Kirche stets eine Selbstverständlichkeit war, sie deshalb immer um eine Pluralität von theologischen Ausdrucksformen wusste und sie billigte, ist die Rede vom Pluralismus in der kirchlichen Geistesgeschichte ein ebenso neues Phänomen wie die Etablierung einer liberalen Theologie im Innern der Catholica.
Das eine, blendende Licht bricht sich im Prisma vieler Farben, die es im Kreis umgeben und sich deshalb auch gegensätzlich gegenüberstehen können.
Schon die Bibel ist in ihrem äußern und innern Aufbau plural: alle literarischen Gattungen stehen nebeneinander: Berichte, Gesetze, Gesichte, Gedichte, Briefe umkreisen das Geheimnis des sich der Welt kundgebenden Gottes. Die vier verschiedenen Evangelien, jedes mit seinem eigenen Blickpunkt und seiner eigenen Theologie, zeigen deutlich, dass das fleischgewordene Wort Gottes sich in keinen tötenden Buchstaben einkerkern lässt. Durch die ganze Kirchengeschichte hindurch standen sich verschiedene Schulen mit ihren eigentümlichen Perspektiven an das Mysterium heran gegenüber: wie sollte und dürfte es anders sein? Das eine, blendende Licht bricht sich im Prisma vieler Farben, die es im Kreis umgeben und sich deshalb auch gegensätzlich gegenüberstehen können.
Plural, aber nicht pluralistisch
Gegensätzlich, aber nicht widersprüchlich. Plural, aber nicht pluralistisch. Denn das Wort Pluralismus ist eigens erfunden, um auch den Widerspruch zwischen den theologischen Meinungen zu legitimieren. Für den einen ist Christus der Sohn Gottes, wesensgleich mit dem Vater, für den andern ist er es nicht. Mit welchen Worten und Begriffen immer die Evangelien sich an das Geheimnis Christi herantasten mögen: jedermann sieht ein, dass die Meinung des Neuen Testaments über Christus keine in sich widersprüchliche sein kann.
Wir können weitergehen und sagen: Wie immer die ersten Gemeinden strukturell organisiert sein mochten — die einen so, die andern anders — keinesfalls konnte es im Willen der maßgebenden Apostel liegen, in sich widersprüchliche Strukturen anzustreben oder auch nur zu dulden, etwa neben einer "hierarchischen", wo gewählte und von den Aposteln approbierte Vorsteher die Gemeinde leiteten, eine rein "demokratische", wo die Gemeinde aus eigener Vollmacht ihre Vorsteher weihte und zu den sakramentalen Akten befähigte. Vielmehr kann man mit Bestimmtheit sagen: Auch wenn wir nicht jeden Denkschritt rekonstruieren können, womit die Jünger von der Ahnung der überweltlichen Herkunft Jesu zur Einsicht in seine wahre Gottheit kamen, und ebensowenig jede Phase der Gemeindeorganisation unter der Aufsicht der Apostel bis zu ihrer selbständigen Gliederung mit einem Bischof und seinem Presbyterium: wir erkennen durchaus genug, um uns diesen Weg vom Impliziten zum Expliziten ohne Widerspruch vorstellen zu können.
Wenn die theologischen Hilfswissenschaften sich ebenfalls ausbreiten, können sie doch keine den Kern der alt- und neutestamentlichen Offenbarung wesentlich verändernden Fakten zutage fördern.
Es gibt deshalb keine Möglichkeit, heute etwa auf ein "ebionitisches" Stadium der christologischen Entwicklung des Neuen Testaments (wo Christus praktisch nur ein Über-Prophet war, ähnlich wie im Koran) zurückzugreifen und von da aus eine in der heutigen Catholica mögliche, legitime Christologie zu entwerfen. Und ebensowenig an eine hypothetische Gemeindestruktur ohne "Vorsteher" (etwa in Korinth1) anzuknüpfen, um heute neben der hierarchischen eine "demokratische" Kirchenstruktur zu legitimieren.
Der gemeinsame Bezugspunkt aller Theologie
Dass die weltlichen Wissenschaften so anwachsen, dass kein Einzelner sie mehr gesamthaft überblicken kann, ist kein gültiger Anlass, von einem "neuen" theologischen Pluralismus zu reden. Wenn die theologischen Hilfswissenschaften sich ebenfalls ausbreiten, können sie doch keine den Kern der alt- und neutestamentlichen Offenbarung wesentlich verändernden Fakten zutage fördern. Dieser Kern bleibt nach wie vor derselbe: einerseits historisch festgelegt in den geschichtlichen Ereignissen und Dokumenten, anderseits innerlich so überreich an Gehalt und zugleich ein solch aufreizendes Ärgernis für die "reine Vernunft", dass alle Geschlechter bis zum Ende der Welt damit hinreichend beschäftigt sind.
Dieser Kern ist vor einer Relativierung bis zu einander widersprechenden Theologien dadurch geschützt, dass erstens nicht irgendein Wort, sondern Gottes Wort sich in menschlicher Gestalt und verständlicher Rede ausgedrückt hat, zweitens dieses menschgewordene Wort nicht durch beliebige Schriftsteller, sondern durch vom göttlichen Geist inspirierte ins schriftliche Wort eingeborgen wurde, und dass drittens ein von Christus gestiftetes und von seinem Geist gelenktes Amt über die Reinhaltung der wesentlichen Lehre wacht. Das so dreifach Versiegelte bildet damit eine "übertheologische" Instanz, an der jede kirchliche Theologie sich ausrichten und durch die sie in ihrem Wahrheitsgehalt gemessen werden kann. Berechtigte und benötigte Pluralität hat stets einen Bezugspunkt über sich, nach dem sie sich ausrichten muss. Das garantiert die Einheit der theologischen Reflexionen unter sich und verhindert ihren Zerfall in Pluralismus.
Aus: Hans Urs von Balthasar, Kleine Fibel für verunsicherte Laien, Johannes Verlag 1989, S. 35-38.
Mit freundlicher Genehmigung des Johannes Verlags
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