Das Kreuz – für uns: Jesus Christus nimmt am Kreuz die Gottferne des Menschen auf sich

Das Leiden und Sterben Jesu ist mehr als der Tod eines Gerechten. In den Worten "für euch" liegt für Hans Urs von Balthasar der Schlüssel zum Verständnis der Passion. Hier erhalten Leiden und Tod einen neuen Sinn – und unser Sein vor Gott wird verwandelt.

Hans Urs von Balthasar
© Archiv Hans Urs von Balthasar, Basel (optimiert mit KI)

In der Mitte des Neuen Testaments steht ohne Zweifel das Kreuz, das seine Deutung von der Auferstehung her erhält. Die Passionsberichte sind die ersten zusammenhängend verfassten Stücke der Evangelien. Paulus will bei seiner Predigt in Korinth zunächst nichts anderes kennen als das Kreuz, das "die Weisheit der Weisen vernichtet und den Verstand der Verständigen zuschanden macht", das "den Juden ein Ärgernis und den Heiden ein Unsinn ist". Aber "das Unsinnige auf seiten Gottes ist weiser als die Menschen und das Schwache auf seiten Gottes ist stärker als die Menschen" (1 Kor 1, 19. 23.25).

Wer das Kreuz und seine neutestamentliche Deutung aus der Mitte rückt, um es zum Beispiel durch das soziale Engagement Jesu für die Unterdrückten als neue Mitte zu ersetzen, steht nicht mehr in Kontinuität mit dem apostolischen Glauben. Er sieht nicht, dass gerade hier – über eine Kluft hinweg – das Engagement Gottes für die Welt am absolutesten ist.

Das Kreuz erschließt die Verheißungen Gottes

Kein Wunder freilich, dass die Jünger auch nach der Auferstehung den Sinn des Kreuzes erst langsam begreifen konnten. Den Emmausjüngern gibt der Herr selbst eine erste katechetische Unterweisung, indem er zeigt, dass dieses Unfassliche die Erfüllung des Geweissagten ist, dass die offenen Fragezeichen des Alten Testaments ihre Lösung nur hier finden (Lk 24,27). Welche Rätsel? Die des Bundes zwischen Gott und den Menschen, worin die letztern doch notwendig immer wieder versagen müssen: wer kann Gott als Partner gewachsen sein?Die der vielen kultischen Opfer, die doch schließlich alle dem Menschen äußerlich bleiben, während er sich selber nicht opfern kann. Die des unenträtselbaren Sinns des Leidens, das gerade auch die Unschuldigen treffen kann, so dass jeder Beweis, dass Gott das Gute belohnt, hinfällig wird. 

Nur ganz am Rande, als das einstweilen gänzlich Versiegelte, dämmerten die Umrisse einer Figur auf, in der die Rätsel sich lösen könnten: sie wäre zugleich der vollkommen gehaltene und erfüllte Bund, sogar weit über Israel hinaus (Jes 49,5-6), und das personifizierte Opfer, in dem sich zugleich das Rätsel des Leidens, des Verachtet- und Verstoßenwerdens lichtet: weil es als Leiden des "Gerechten" stellvertretend für "die Vielen" geschieht (Jes 52, 13-53,12). Niemand hatte damals diese Weissagung verstanden, aber angesichts des Kreuzes und der Auferstehung Jesu wurde sie zum wichtigsten Schlüssel für den Sinn des scheinbar Sinnlosen.

Was ist geschehen? Licht ist zum erstenmal eingedrungen in die verschlossenen Kerker menschlichen, ja kosmischen Leidens und Sterbens.

Hatte Jesus nicht selbst schon beim Abendmahl im voraus diesen Schlüssel verwendet? "Für euch", "für die Vielen" wird sein Leib preisgegeben, sein Blut vergossen. Er selber hat es ohne Zweifel vorausgewusst, dass sein Wille, diesen gottfernen Menschen zu Gott hin zu helfen, einmal fürchterlich ernstgenommen werden würde, dass er an ihrer Statt diese Gottferne, ja diese äußerste Gottfinsternis würde durchleiden müssen, um sie von ihnen zu nehmen und ihnen seine Nähe zu Gott von innen her zu vermitteln.

"Eine Taufe habe ich zu bestehen, und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist" (Lk 12,50). Als eine dunkle Wolke steht sie am Horizont seines tätigen Lebens: alles, was er jetzt tut: Kranke heilen, Gottes Reich verkünden, böse Geister durch seinen guten Geist vertreiben, Sünden vergeben: alle diese partiellen Einsätze werden im Zuschreiten auf den einen, unbedingten Einsatz getan.

"Für uns": Wie Christus Leiden und Tod verwandelt

Sobald die Formel "für die Vielen", "für euch", "für uns" gefunden ist, durchhallt sie alle Schriften des Neuen Testaments, ja sie ist da, ehe überhaupt etwas Schriftliches niedergelegt wird (vgl. 1 Kor 15,3). Paulus, Petrus, Johannes: überall strömt das gleiche Licht von den zwei Wörtchen aus.

Was ist geschehen? Licht ist zum erstenmal eingedrungen in die verschlossenen Kerker menschlichen, ja kosmischen Leidens und Sterbens: Schmerz und Tod erhalten einen Sinn, nicht nur das: sie können mehr Sinn enthalten, mehr Frucht tragen als die größte, erfolgreichste Aktivität. Sinn nicht nur für den Leidenden, sondern gerade auch für die andern, für die Welt im ganzen. Keine Religion war auch nur in die Nähe dieses Gedankens gekommen. Meist waren die hohen Religionen ausgeklügelte Methoden gewesen, dem Leiden zu entfliehen, es wirkungslos zu machen. Das Höchste, was erreicht worden war, war freiwilliger Tod um der Gerechtigkeit willen: Sokrates und sein vergeistigter Heroismus.

Jede Theologie, die hier zu blinzeln und zu stottern anfängt, mit der Sprache des Apostels Thomas nicht herausrücken will oder daran herumdeutelt, wird am "für uns" nicht festhalten.

Die abgeklärten Abschiedsreden des Weisen im Kerker könnten von ferne mit den wundersamen Christi verglichen werden. Aber Sokrates stirbt edel und verklärt, Christus muss in die höllische Finsternis der Gottverlassenheit hinaus, wo er, "mit Bitten und Flehen, unter lautem Schreien und Tränen" (Hebr 5,7) nach dem verlorenen Vater ruft. Warum wurde solches überhaupt überliefert? Warum zerstört man damit das Bild des Helden, des Martyrers? Es war eben "für uns", "an unserer Statt". Man kann endlos fragen, wie solche Stellvertretung möglich war. Das einzige, was uns Ratlosen weiterhilft, ist die Gewissheit der Urkirche, dass dieser Mensch zu Gott gehört, "wahrhaftig Gottes Sohn" war, wie der Hauptmann unter dem Kreuz bekennt, so dass man ihm zuletzt anbetend als "mein Herr und mein Gott" huldigen muss (Joh 20,28).

Jede Theologie, die hier zu blinzeln und zu stottern anfängt, mit der Sprache des Apostels Thomas nicht herausrücken will oder daran herumdeutelt, wird am "für uns" nicht festhalten. Zwischen einem Menschen, der Gott ist, und einem gewöhnlichen Sterblichen gibt es kein Mittleres, und niemand wird im Ernst der Meinung sein, ein Mensch wie wir, er sei noch so mutig und hingebungsvoll, wäre fähig, die Sünde eines andern, geschweige denn aller, auf sich zu nehmen. Er kann statt eines zum Tode Verurteilten dessen Tod erleiden, das wäre großmütig und würde dem andern wenigstens für einige Zeit das Sterben ersparen.

Aber was Christus am Kreuz tut, sollte uns keineswegs den Tod ersparen, ihn vielmehr völlig umwerten. Anstelle des alttestamentlichen "In-die-Grube-Fahrens" wurde er zu einem "Morgen-im-Paradiese-Sein". Statt sich wie der weinende König Hiskia vor dem Tod als dem letzten Übel zu fürchten und Gott ein paar Lebensjahre abzubetteln, möchte jetzt Paulus am liebsten gleich sterben, um "beim Herrn zu sein" (Phil 1,23). Mit dem Tod ist auch das Leben umgewertet:

"Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn" (Röm 14,8).

Aber es geht nicht nur um Leben und Tod, es geht um unser Sein vor Gott und Beurteiltwerden durch ihn. Wir waren allesamt Sünder vor ihm und verurteilungswürdig. Aber Gott hat den, der um keinerlei Sünde wusste, "für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn vor Gott gerechtfertigt würden" (2 Kor 5,2I). Nur Gott kann in seiner absoluten Freiheit einen solchen innern Griff in unsere endliche Freiheit hinein tun, dass er der in sich selbst verschlossenen eine Richtung auf ihn, einen Ausgang zu ihm hin schenkte. Und dies aufgrund dieses "wundersamen Tausches" zwischen Christus und uns: er erfährt an unserer Statt, was Gottferne ist, damit wir aus "Feinden" (Röm 5,1o) zu geliebten und liebenden Kindern Gottes werden können.

Der wunderbare Tausch zwischen Gott und Mensch

Und gewiss geht die Initiative zu dieser Versöhnung von Gott aus: er ist es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt. Das darf aber nicht (wie es bei berühmten Theologen der Fall ist) dahin verharmlost werden, dass Gott ohnedies immer schon der Versöhnte ist und dies durch den Tod Jesu bloß endgültig kundtut. Man sieht ja nicht, wie dies die geeignete, für uns verständliche Form einer solchen Kundgabe sein könnte.

Ein bloßes Verzeihen Gottes würde uns in unserer Gottfremde gar nicht anfechten. Der Mensch muss in der Herstellung des neuen Friedensvertrags, des "neuen und ewigen Bundes" vertreten sein. 

Nein, der "wunderbare Tausch" am Kreuz ist der Weg, auf dem Gott die Versöhnung herbeiführt. Sie kann ja, da Gott mit uns längst im Bund steht, nur eine zweiseitige sein. Ein bloßes Verzeihen Gottes würde uns in unserer Gottfremde gar nicht anfechten. Der Mensch muss in der Herstellung des neuen Friedensvertrags, des "neuen und ewigen Bundes" vertreten sein. Er ist es, weil wir vom Menschen Jesus Christus übernommen worden sind. Wenn er diesen "Vertrag" in unser aller Namen vorweg zeichnet, so genügt es, dass wir jetzt oder spätestens bei unserem Sterben unsern Namen unter den seinen setzen.

Natürlich wäre es sinnlos, vom Kreuz zu reden, ohne seine andere Seite, die Auferweckung des Gekreuzigten zu beachten. "Ist Christus nicht auferstanden, dann ist unsere Predigt nichtig und auch euer Glaube ist nichtig, ihr seid noch in euren Sünden und auch die... Entschlafenen sind verloren. Sind wir bloß Leute, die in diesem Leben ihre ganze Hoffnung auf Christus gesetzt haben, dann sind wir die bedauernswertesten unter allen Menschen" (1 Kor 15, 14. 16ff.). Jede Verflüchtigung des Faktums der Auferstehung verflüchtigt auch das Ereignis des Kreuzes – denn beides steht und fällt miteinander – und dann müssten wir die ganze Botschaft des Evangeliums umzentrieren. Ins Zentrum käme dann höchstens noch ein milder Vatergott zu stehen, den das furchtbare Unrecht in der Welt nicht anficht, oder dann eben der moralische oder der hoffende Mensch, der für seine eigene Erlösung sorgen muss: "Atheismus im Christentum".

Aus: Hans Urs von Balthasar, Kleine Fibel für verunsicherte Laien, Johannes Verlag 1989, S. 64-69.

Mit freundlicher Genehmigung des Johannes Verlags 


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