Evangelium wider den Zeitgeist: Der Römerbrief als Kompendium christlicher Identität

Der Römerbrief des Paulus gehört zweifellos zu den herausforderndsten und meistkommentierten Briefen des Neuen Testaments. Welche konkreten Erfahrungen und Geschichten stehen hinter diesem Text, in dem Paulus seine Rechtfertigungslehre und seine Israeltheologie systematisch entfaltet? Und was hat der Brief aus der Mitte des ersten Jahrhunderts Christen heute noch zu sagen?

Aufgeklappte Bibel / Psalmen
© Foto von Aaron Burden auf Unsplash

Am Anfang der Lektüre eines Briefes stellt sich die Frage: Wer schreibt hier wem und warum? In der Seminarreihe Bible Monday, in der wir in diesem Semester an der Universität Passau den Römerbrief lesen, gab eine Studentin darauf die ebenso irritierende wie korrekte Antwort: "Tertius". In der Tat: Geschrieben hat den Römerbrief der Sklave Tertius (Röm 16,22), Paulus hat ihn diktiert. Die Antwort der Studentin lädt zu einem Abstecher nach Korinth ein, um die üblichen Einleitungsfragen von einer anderen Seite aus anzugehen: Den Aufenthalt des Paulus in Korinth im Haus des Gaius, bevor er mit einer Sammlung der Gemeinden aus Mazedonien und Achaia für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem dorthin aufbricht.

Der Beginn des Römerbriefs liegt also in Korinth, und die wenigen Informationen, die sich aus dem Briefschluss gewinnen lassen, zeichnen ein lebendiges Bild von der Bewegung der Jesusnachfolger Mitte der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts. Es lohnt, hier einen Moment zu verweilen, bevor man mit der Lektüre des längsten Paulusbriefs beginnt. Vieles, was sonst gerade am Beginn der Lektüre unverständlich bleibt, wird dadurch klarer.

Fenster in die Welt der antiken Literaturproduktion

Gastlich aufgenommen von Gaius, den Paulus gemäß 1 Kor 1,14 selbst getauft hat, trifft Paulus korinthische Glaubensgeschwister und hat die Zeit und Muße, dem Mitchristen Tertius den Brief an die Heiligen in Rom zu diktieren. Dass Paulus seine Briefe nicht selbst schreibt, sondern einem Schreiber diktiert, ist aus anderen Briefen bekannt: In 1 Kor 16,21 findet sich ebenso wie in Phlm 19 ein solcher Vermerk. Auch Gal 6,11 gibt Zeugnis davon, dass Paulus zwar so weit gebildet war, dass er in Großbuchstaben schreiben konnte, sich für die Abfassung eines längeren Textes jedoch eines Schreibers bediente.

Paulus ist ein besonderer Gast: Er hat die Gemeinden in Korinth gegründet, und mit den dortigen Jesusnachfolgern verbindet ihn eine intensive und wechselvolle Geschichte.

Der Name Tertius lässt darauf schließen, dass es sich dabei um einen Sklaven oder einen Freigelassenen handelt, der für seine Arbeit nicht bezahlt worden sein dürfte. Die Notiz des Tertius auf der Grußliste öffnet ein kleines Fenster in die Welt der antiken Literaturproduktion: In der Regel sind es nicht die uns heute bekannten Autoren, die die Texte geschrieben haben, sondern andere, die das Handwerk des Schreibens besser beherrschten – in aller Regel Sklaven. Paulus sitzt bei der Abfassung des Römerbriefs demnach nicht allein an seinem Schreibtisch, sondern entwickelt die Gedanken im Diktat, womöglich mit weiteren Anwesenden im Raum, und der Schreiber muss sich der mühevollen Arbeit des Mitschreibens widmen. Ob das zuerst auf Wachstafeln geschah und dann auf Papyrus übertragen wurde, oder direkt ins Reine ging, ist unbekannt.

In jedem Fall hatte der unbezahlte Schreiber ordentlich zu tun, ebenso wie alle anderen Sklaven im Haus des Gaius, die sich um Paulus und die Gemeinde kümmerten, die der Hausherr aufgenommen hat. Paulus ist ein besonderer Gast: Er hat die Gemeinden in Korinth gegründet, und mit den dortigen Jesusnachfolgern verbindet ihn eine intensive und wechselvolle Geschichte. Dass Paulus nun vom Haus des Gaius aus schreibt, lässt vermuten, dass sich die Konflikte, zumindest so weit lösen ließen, dass er in Korinth freundlich aufgenommen wurde und eine lange Liste von Grüßen nach Rom bestellen kann. Neben Tertius und Quartus auf der korinthischen Seite dürfte sich auch in Rom eine Reihe von Sklaven auf der Grußliste finden. Ihr Anteil machte 15-25 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus, und in den paulinischen Gemeinden sind sie vollwertige Glaubensgeschwister.

Paulus sieht seine Missionstätigkeit im Osten des Römischen Reiches an ein Ende gekommen und sucht nun ein neues Betätigungsfeld im Westen. Rom ist dabei nicht sein Ziel, sondern eine Zwischenetappe.

Zur Hidden Agenda des Römerbriefs

Rom. Dort möchte Paulus nun hinreisen. Das lässt er die römischen Jesusnachfolger schon im Eingangsteil des Briefes (1,13-15) wissen. Warum erklärt er erst am Ende des Briefes. Das hat taktische Gründen, doch um die Anlage des Briefes auch als Zweit- und Drittleser zu verstehen, ist es hilfreich, die Auflösung vorzuziehen – der Brief ist auch so komplex genug.

Die Hidden Agenda des Römerbriefs ist folgende: Paulus sieht seine Missionstätigkeit im Osten des Römischen Reiches an ein Ende gekommen und sucht nun ein neues Betätigungsfeld im Westen. Rom ist dabei nicht sein Ziel, sondern eine Zwischenetappe. Eigentlich möchte Paulus nach Spanien, um dort das Evangelium zu verkünden. Für dieses Unternehmen wünscht er sich von den römischen Jesusnachfolgern das Geleit, nachdem er sich eine Weile an ihnen erfreut hat (15,24).

Für das Spanienprojekt braucht Paulus also ideelle und materielle Unterstützung: weg- und sprachkundige Glaubensgeschwister ebenso wie Ausstattung, Segen und Gebet. Dieser Plan hat am meisten Aussicht auf Erfolg, wenn die Römer sich das Anliegen des Paulus und sein Evangelium zu eigen machen. Aus diesem Grund entfaltet er es ihnen in aller Deutlichkeit und voller Konsequenz. Er selbst nennt das einen teilweise ziemlich kühnen Brief und hofft, dass die Rechnung aufgeht. Dafür zieht er inhaltlich alle Register, aber er zieht sie auch auf der Beziehungsebene.

Angesichts der Grußliste des Römerbriefs könnte man auf den Gedanken kommen, dass Paulus in Rom eigentlich schon allen bekannt ist, bloß selbst noch nicht da war. Und auch das ist nicht ganz falsch. Paulus schreibt, dass er gerne schon früher nach Rom gereist wäre, doch aufgrund politischer Umstände war das nicht möglich. Unstimmigkeiten zwischen den traditionellen Synagogen und jüdischen Jesusnachfolgern dürften den Hintergrund des sogenannten Claudius-Edikts bilden, demzufolge die jüdischen Jesusnachfolger Rom um 49 n.Chr. verlasen mussten. Unter ihnen waren der Apostelgeschichte zufolge auch Priska und Aquila, Zeltmacher wie Paulus, die er in Korinth trifft (Apg 18,2).

Spagat zwischen Augenhöhe und Belehrung

Als wenige Jahre später der erste Brief von Paulus in Korinth ankommt, ist das umtriebige Ehepaar bereits in Ephesus, und auf der Grußliste des Römerbriefs taucht es erneut auf – jetzt wieder in Rom. Priska und Aquila geben damit unbeabsichtigt Zeugnis von der Mobilität im römischen Reich der Kaiserzeit. Nicht nur Reiche sind unterwegs, sondern eben auch Handwerker wie Priska und Aquila, und dank des gut ausgebauten Straßennetzes können sie sich recht frei und sicher bewegen. In der Mobilität der römischen Gesellschaft liegt ein Schlüssel für die rasche Verbreitung des Christusglaubens. Die Wege sind sozusagen vorgebahnt, die Infrastruktur erlaubt mit den Verkehrswegen und der einheitlichen Symbolkommunikation im Rahmen des Kaiserkults eine rasche Verbreitung, die sich auch Paulus zunutze macht, wenn er die Botschaft vom Kreuz und der Auferstehung Christi als Evangelium in die römische Welt inkulturiert.

Im Römerbrief fängt Paulus noch einmal fast bei null an und richtet seine Botschaft an eine kleine Gruppe von Jesusnachfolgern in einer Großstadt: die Botschaft vom Kreuz Christi als Evangelium wider den Zeitgeist. Das klingt auch heute interessant.

Nach dem Tod des Kaisers Claudius 54 n. Chr. ist der Reiseweg nach Rom wieder frei. Nach Abschluss seiner Tätigkeit im Osten will Paulus nun also dorthin reisen und mit römischem Rückenwind weiter nach Spanien. Bevor er selbst kommt, schickt er einen Brief, damit sich die Römer ein Bild von ihm und seiner Botschaft machen können. Was ist dabei zu erwarten? Anders als in den anderen Briefen kennt Paulus die Adressaten nicht nur nicht, sondern er hat insgesamt eine andere Rolle. In den Gemeinden, die er gegründet hat, kann er als Lehrer und Mahner auftreten, auch mal scharf zurechtweisen. Das geht in Rom nicht – hier hat er weder eine Leitungs- noch eine Lehrfunktion. Wie schwer es Paulus fällt, diese Rolle abzulegen, merkt man im Brief, doch er gibt sich Mühe, den Spagat zwischen Augenhöhe und Belehrung zu schaffen.

Sein Lebensthema ist das gesetzesfreie Evangelium, und was das im Klartext heißt, wird er in diesem Brief noch einmal entfalten. Für spätere Generationen ist das ein Glücksfall, denn im Römerbrief fängt Paulus noch einmal fast bei null an und richtet seine Botschaft an eine kleine Gruppe von Jesusnachfolgern in einer Großstadt: die Botschaft vom Kreuz Christi als Evangelium wider den Zeitgeist. Das klingt auch heute interessant.

Rhetorisch und theologisch entpackt, dürfte der Brief, den Paulus Tertius diktiert hat, als Einstiegstext für Neuevangelisierung geradezu perfekt sein. Seine Adressaten sind Christusgläubige und sie hören noch einmal neu die Botschaft, die ihre Identität begründet.

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