Psalm 92 - "Ein Gott der Treue und ohne Unrecht"Der Psalter als Buch des Messias

Wie oft muss man im Rückblick das Urteil über etwas, das einem passiert ist, revidieren! Jedem ist mal ein Unglück widerfahren, von dem er Jahre oder Jahrzehnte später einräumen muss: Das war das Beste, was mir passieren konnte. Und manches Glück stellt sich im Nachhinein als Fluch heraus. Nur Gott weiß, was auf Dauer gut ist für uns. Wir sehen das oft erst nach Jahrzehnten – wenn überhaupt.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Ps 92 ist ein instrumental zu begleitendes Lied, bei dem es aber auf den Text des "Gesangs" wesentlich ankommt, denn es ist zunächst eher Verkündigung, nur indirekt Lobpreis. Die Überschrift weist Ps 92 dem Sabbat zu.

1 Instrumentallied, Gesang für den Tag des Sabbats.

Der heutige hebräische Text der Psalmen (Masoretentext MT) weist nur Ps 92 einem bestimmten Wochentag zu. Die altgriechische Übersetzung Septuaginta ordnet außerdem Ps 24 dem Sonntag, Ps 48 dem Montag, Ps 93 dem Freitag und Ps 94 dem Mittwoch für den Tempelgottesdienst zu. Der Talmud bestätigt diese Angaben in mTamid VII. Sie sind unterdessen im MT entfallen. Ps 92 hat bis heute in der Sabbatliturgie des Judentums eine zentrale Rolle. Auch im kirchlichen Stundengebet ist er den Laudes des Samstags zugewiesen (2. und 4. Woche).

Die V. 2-4 bilden den Aufgesang, die erste Strophe. Normalerweise fordert der Dichter hier sich selbst oder andere direkt zum Gotteslob auf. Hier macht er es indirekt, indem er sagt: Gott zu danken ist gut. "Gut" ist das erste Wort dieses Psalms. Die letzten Worte werden sein "kein Unrecht an ihm". Der Dichter beginnt mit einer Rede über JHWH, "gut ist es, ihm zu danken", geht dann aber ins Du über: deinem Namen zu spielen.

2 Gut ist es, zu danken JHWH und zu spielen deinem Namen, Höchster,
3 zu künden am Morgen deine Loyalität und deine Treue in den Nächten,
4 auf der Zehnsaitigen und auf der Standleier und bei der Murmelmeditation auf der Tragleier!

"Ein vernunftloser Mann wird das nicht erkennen, und ein Dummkopf wird das nicht einsehen"

Drei Dinge erklärt er für gut: Dem Herrn zu danken, zu spielen, zu künden seine Loyalität. "Zu künden" rahmt das Gedicht in V. 3 und 16. Darum geht es also vor allem: Eine Botschaft über Gott zu übermitteln. Das Stichwort "Höchster" in 92,1 verbindet den Psalm mit 91,1. V. 3 macht Zeitangaben: Morgens, wenn die Dunkelheit schwindet, ist Gottes Loyalität zu künden, nachts, in der Krisenzeit aber seine durchhalten lassende Treue. Zwei oder drei Instrumente sollen den meditativen Gesang (vgl. Ps 1,2; 19,15) begleiten: Die "Zehnsaitige" ist auch eine Standleier. Mit dem typischen "denn" folgt in den V. 5-12 die Begründung für die Lobeinladung im Corpus des Gedichts:

5 Denn du hast mich erfreut, JHWH, mit deinem Tun, und über die Werke deiner Hände kann ich jubeln:
6 "Wie groß sind deine Werke, JHWH! Sehr tief sind deine Gedanken!"
7 Ein vernunftloser Mann wird das nicht erkennen, und ein Dummkopf wird das nicht einsehen.
8 Wenn aufsprossten Frevler wie Kraut, und aufblühten alle Übeltäter – um vernichtet zu werden für immer!
9 Du aber bist in Hoheit auf ewig, JHWH,
10 Denn da, deine Feinde, JHWH, denn da, deine Feinde werden zugrunde gehen, auseinandergetrieben werden alle Übeltäter.
11 Und du hast erhöht wie des Wildstiers mein Horn, hast mich benetzt mit frischem Öl.
12 Und geblickt hat mein Auge auf meine (lauernden) Feinde, und über die Bösen, die gehen mich aufstehen, werden hören meine Ohren.

Der Aufbau der Zentralstrophe ist von den Themen her konzentrisch: Außen herum in den V. 5-7 und 11-12 besingt der Dichter, was Gott an ihm getan hat, er "kündet" es (V. 3, 16). Einen inneren Rahmen bilden die V. 8 und 10: Hier sagt der Sänger, was Gott an den Feinden getan hat. Im Zentrum steht eine auffällig kurze, bündige Aussage über Gott.

V. 5 rahmt im Chiasmus außen mit "erfreuen" und "jubeln" innen "Tun" und "Werke" Gottes. V. 6 zitiert den Jubel: Gottes Tun ist so groß, seine Gedanken so tief, dass es für viele unfassbar bleibt. Wie oft ist ein zunächst unverständliches Tun Gottes später, oft Jahre später, in seiner in seiner profunden Absicht offenbar geworden! So etwa die Pläne Gottes hinter dem Verkauf Josefs nach Ägypten (Gen 50,20). "Vernunftloser Mann" heißt eigentlich "ein Rindvieh von Mensch" (wie Ps 73,22; Spr 30,2). Der "Dummkopf" ist ein "Tölpel oder geistig Schwerfälliger, dessen Fleischigkeit seine Geistigkeit überwiegt" (Delitzsch, Psalmen 599). Wer einem Tier gleich ohne Verstand und Reflexion ist, sondern eher auf Reize reagiert, wird Gottes großartige Gedanken und Werke, die manchmal Zeit brauchen, nicht verstehen können und ganz schnell immer nur Sinnlosigkeiten sehen.

V. 8 gibt ein konkretes Beispiel: Ja, Schurken kommen immer wieder hoch, kommen durch mit ihren Plänen und Machenschaften, so dass Gottes Verhalten unverständlich erscheint, der nichts dagegen tut. Aber über kurz oder lang zeigt sich, dass dieses Florieren der Schurken keinen Bestand hat, nichts von Dauer ist. Von Dauer ist nur ihr Untergang. Aber bis dahin bleibt Gottes Tun unverständlich. Aufs Ganze gesehen aber zeigt sich immer wieder, was die bündige Zentralaussage von V. 9 "kündet": Gottes Hoheit bleibt hoch und unerreichbar für die Aufgeblasenheiten der Stolzen und lässt sich von deren Plänen und Absichten auch nicht berühren. Und das bleibt "auf ewig" so, denn Gottes Pläne sind auf Dauer angelegt, nicht auf kurzfristigen "Erfolg". V. 10 nimmt das Thema von V. 8 wieder auf: Der Vers spielt eventuell auf das Deboralied in Ri 5 an: zugrunde gehen müssen all deine Feinde. (Ri 5,31)

"Der Gerechte wird wie eine Palme sprossen, wie eine Zeder auf dem Libanon wird er hoch"

"Frevler" und "Übeltäter" (V. 8) sind nämlich in Wahrheit Gottes "Feinde". Wer aber gegen Gott ankämpft, kann nicht gewinnen. Die Feinde werden "auseinandergetrieben" wie eine Streitmacht, die geschlossen heranmarschierte, dann aber zurückgeschlagen in alle Richtungen auseinanderläuft (Dtn 28,25). V. 11 und 12 entfalten Gottes wunderbares Handeln am Beter aus den V. 5-7 weiter: Wenn der Stier seine Hörner hebt, ist er eine fast unbezwingbare Macht. Das Bild vom Erheben des Horns wird so in der Bibel ein Gleichnis für die Stärkung, die Gott verleihen kann: 1 Sam 2,10; Ps 148,14; Lk 1,68 (griech: er errichtete ein Horn der Rettung). Das Übergießen mit Duftöl ist ein Bild für Festfreude: "Freudenöl statt Trauer" (Jes 61,3; vgl. Koh 9,8). V. 12 blickt auf die erfreuliche Kehrseite des Untergangs der Schurken: Für die, die sie bedroht hatten, ist das die Rettung. V. 12 beginnt mit "Auge" und endet auf "Ohren". Der früher Bedrohte nimmt den Untergang der Feinde nur erleichtert wahr, seine "Hand" hat er nicht gehoben. Die "Feinde" (so LXX, hebr. hier schur für schorer, das wie "Lauerer" klingt), die ihm auflauerten, um sich gegen ihn zu erheben und ihn zu Fall zu bringen, stürzen selbst.

Die Schluss-Strophe V. 13-16 zieht die "Moral aus der Geschichte" (Zenger) und macht ein paar Grundsatzaussagen:

13 Der Gerechte wird wie eine Palme sprossen, wie eine Zeder auf dem Libanon wird er hoch.
14 verpflanzt ins Haus JHWHs, in die Höfe unseres Gottes werden sie sprossen.
15 Sie werden noch gedeihen im Alter, voll Saft und Frische werden sie sein,
16 zu künden, dass gerade ist JHWH, Fels, und nicht ist Unrecht an ihm.

Ein "Gerechter" (der Gegentyp zu den "Frevlern" in V. 8) wird "sprossen" wie die in V. 8, aber "wie eine Palme". Sie sprossen wie leicht verdorrendes "Kraut" (V. 8), der Gerechte wie ein widerstandsfähiges Gehölz! Eine Palme – in der Wüste stolz aufragend und weithin sichtbar – kann bis zu 20 Meter hoch und 200 Jahre alt werden, ganz anders als die nach kurzer Frist zusammenstürzenden Schurken. Eine Libanonzeder kann 40 Meter hoch und 3000 Jahre alt werden (Zenger, Psalmen II, HThKAT, 637). So gedeiht, wer bei Gott zu Hause ist, wie ein dorthin verpflanzter Baum (vgl. Ps 1,3). Alt wie Palme und Zeder, die selbst in der Wüste "markig und frisch" sind, so ist "der Gerechte". Seine gelingende Existenz "kündet" davon, dass JHWH gerade ist und aufrecht wie ein Felsen. Der Psalm spielt hier, wie es Pss 90-91 auch mehrfach getan hatten, auf das Moselied an:

Der Fels – integer ist sein Tun … ein Gott der Treue und ohne Unrecht, gerecht und gerade ist er (Dtn 32,4)

"Groß und wunderbar sind deine Werke!"

Im Kontext der "Mose"-Psalmen 90 und 91 ist das Bekenntnis des 120-jährigen Mose am Ende seines Lebens in Dtn 32, aufgenommen in Ps 92,13.16 eine sprechende "Kunde". Ps 90 hatte die allgemeine Sterblichkeit beklagt, Ps 91 dagegen eine Schutzzusage gegeben, Ps 92 differenziert: Übeltäter gehen unter, Gerechte können lang gedeihen. Das 1. Makkabäerbuch zitiert Ps 91,8 fast wörtlich und wendet ihn auf die hellenisierenden Feinde an:

Aufsprossten alle Übeltäter (1 Makk 9,23).

Dagegen spielt das "Lied des Mose" in der Johannesoffenbarung auf Ps 91,6 an:

Groß und wunderbar sind deine Werke! (Offb 15,3).

Die siebenmalige Nennung des Gottesnamens JHWH hatte vollkommene Gottesgegenwart symbolisiert: Nirgends ist er nicht! Zusätzliches "Höchster" (V. 1) sprach seine Überlegenheit aus und "unser Gott" (V. 14) seine Parteinahme für die Seinen.

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