Inhaltlich gehört Ps 98 zu den JHWH-König-Psalmen (Pss 93-100), formal fielen die Pss 92–97 unter die Überschrift von Ps 92. Ps 98 hat eine eigene Überschrift, die aber denkbar knapp ausfällt:
Instrumentallied.
Selbst diese knüpft an den Titel von Ps 92 an. Das Wort "Instrumentallied" findet sich in der Bibel nur in Psalmüberschriften. 57 der 150 Psalmen tragen es im Titel. Die griechische Bibel übersetzt das Wort grundsätzlich mit psalmos von psallein, "ein Saiteninstrument spielen". Im Christentum wurde dieser Titel das Wort für alle 150 Psalmen. Das Judentum nennt den Psalter "Buch der Loblieder".
Mit "ganze Erde", "Erdkreis", "Recht" und "Gerechtigkeit" und "gedenken" knüpft Ps 98 direkt an Ps 97 an. Insgesamt aber ist er vor allem mit Ps 96 verwandt, dessen ersten und letzten Vers er weitgehend kopiert. Außer Ps 96 ist vor allem wieder, wie schon dort, Deutero-Jesaja eine Quelle der Inspiration, v.a. Jes 42,10 und 52,10.
Der Psalm teilt sich in zwei ungleich lange Strophen: Beide beginnen mit einem Lobaufruf (V. 1a und 4-8) sowie einer mit "denn" anschließenden Begründung für das Lob (V. 1b-3 und 9). Die zweite Strophe zeigt zwei Hälften, V. 4-6 und 7-9, deren erste von Imperativen, deren zweite von Jussiven bestimmt ist (Hossfeld-Zenger, Psalmen II, HThKAT II 688), da aber der ersten die Begründung fehlen würde, kann sie kaum als eigene Strophe betrachtet werden. Wir teilen den Psalm daher in zwei Teile (Alonso Schökel, Salmi II 350).
Die erste Strophe wendet sich an Israel und preist Gottes rettende Treue zu seinem Volk. Die zweite Strophe wendet sich an alle Nationen der Erde und fordert sie auf, Gott als den universalen König und gerechten Regenten und Richter zu feiern.
"Gesehen haben alle Enden der Erde die Rettung unseres Gottes"
Die erste Strophe singt von einer wunderbaren Rettung vor den Augen der Nationen, von Gottes Treue zum Hause Israel, und sie nennt "Gott" "unseren Gott" – all dies zeigt, dass sie sich an das Volk Israel wendet
1 Singt JHWH einen neuen Gesang, denn Wunder hat er getan! Rettung (schuf) ihm seine Rechte und sein heiliger Arm.
2 Bekannt machte JHWH seine Rettung; vor den Augen der Nationen enthüllte er seine Gerechtigkeit.
3 Er gedachte seiner Loyalität und seiner Treue zum Hause Israel. Gesehen haben alle Enden der Erde die Rettung unseres Gottes.
Der Psalm beginnt mit einem Zitat aus Ps 96,1 (und Jes 42,10) und fordert Israel zum Gotteslob auf für die Rettungstaten, die er an seinem Volk vollbrachte. "Wunder" nennt zuerst Josua den Jordandurchzug in Jos 3,5. Gott rettete Israel aus Ägypten und seither immer wieder, indem er "seine Rechte" das Erfolgreiche und Richtige tun ließ, "seinen Arm" das Machtvolle. "Vor den Augen der Nationen", die bis dahin vielleicht vom Hörensagen (Delitzsch, Psalmen 619) über Gottes Großtaten erfahren hatten, macht er seine Rettungstaten für Israel bekannt – er macht die Nationen zu Augenzeugen. Diese Rettungstaten waren Ausweis von Gottes Gerechtigkeit, der seine Zusagen einhält (V. 2): "Er gedachte seiner Loyalität und Treue zum Hause Israel" (V. 3) – ein typischer Psalterausdruck (vgl. Ps 36,6; 88,12; 89,2.3.25.29.34.50; 92,3). V. 3b zitiert Jes 52,10 und leitet inhaltlich über zum Thema aller Nationen, zum Thema der universalen Königsherrschaft JHWHs.
Vielfältig knüpft die zweite Strophe an die erste an. Die erste hatte Gott dreimal genannt, zweimal "JHWH" (V. 1-2), das dritte Mal israelspezifisch "unser Gott" in V. 3. Die zweite Strophe vervollständigt die drei Nennungen mit vier weiteren zur Siebenzahl, die Vollständigkeit und Universalität symbolisiert. Die vier "JHWH" der zweiten Strophe (V. 4-6 und 9) könnten bereits ein erster Hinweis auf die vier "Enden der Erde" (V. 3), die vier Himmelsrichtungen sein, die in der Bibel auch sonst eine zentrale Bedeutung haben (Gen 13,14; Dtn 3,27; 1 Kön 7,25; Ps 48; Lk 13,29). Dasselbe dürfte diese Vierheit der zweiten Strophe ausdrücken wollen, die an "Erde" in V. 3 anknüpft:
Erde (V. 4) – Erdkreis (V. 7) – Erde – Erdkreis (V. 6).
Viermal erscheinen schließlich im ganzen Psalm:
Gerechtigkeit (V. 2) – richten – richten – Gerechtigkeit (V. 9).
"Er wird richten den Erdkreis in Gerechtigkeit und Völker in Geradheit"
Die zweite Strophe setzt in V. 4-6 ein mit sechs Imperativen, die sich an die Nationen richten. Diese sechs Aufforderungen vervollständigen den an Israel gerichteten Imperativ aus V. 1 zur Siebenheit, die aus dem Lob Israels der ersten Strophe ein universales Lob der gesamten Menschheit in der zweiten Strophe macht. Sie schließen sich dem Gottesvolk an.
4 Schmettert für JHWH, alle Erde! Brecht aus und jubelt und spielt!
5 Spielt JHWH auf der Leier, auf der Leier und dem Laut des Saitenspiels!
6 Mit Trompeten und dem Laut des Schofarhorns schmettert vor dem König JHWH!
7 Es brause das Meer und was es erfüllt, der Erdkreis und die Bewohner auf ihm!
8 Ströme sollen klatschen in die Hände, zugleich sollen Berge jubeln,
9 vor JHWH, denn er kommt, zu richten die Erde! Er wird richten den Erdkreis in Gerechtigkeit und Völker in Geradheit.
Ps 96 hatte in V. 7-9 den Anschluss der Nationen an die Gottesverehrung Israels in der Tempelliturgie offen ausgesprochen (vgl., Jes 56,1-8). Ps 98 deutet sie nur an, denn das Singen und Spielen in V. 4 steht allem Volke offen, das Laierspiel von V. 5 wird tendenziell den Leviten zugeordnet (1 Chr 25; 2 Chr 5,12; 34,1), das Blasen von Trompetenfanfaren aber und des Schofarhorns gehört den Priestern (Num 10,8; 1 Chr 15,24; 16,6; Jos 6,6). Nun sind hier keine Kleriker angesprochen, nicht einmal Israeliten, sondern Heiden. Es wird aber angedeutet, dass diese in die Tempelliturgie Israels einbezogen werden sollen. Gefeiert wird JHWH von den Nationen als "König".
Den nunmehr sieben Imperativen werden in V. 7-8 noch frei Jussive angeschlossen, die die Siebenzahl der Aufforderungen zur Zehnzahl machen:
brausen – klatschen – jubeln
Die untermenschliche Natur – Landschaften samt tierischen Bewohnerschaften – werden aufgefordert, sich dem universalen Lob anzuschließen. Dabei beschreiben "Meer" und "Erdkreis" in V. 7 eher den horizontalen Raum, dagegen die "Ströme" in den Tälern und die "Berge" in V. 8 eher den vertikalen Raum.
Was sollen sie zusammen mit der Menschheit feiern? Dass JHWH das Regenten- und Richteramt für "Erde", "Erdkreis" und "Völker" angetreten hat. Hat er früher nur seinem Volk "Gerechtigkeit" geschaffen (V. 2), indem er es rettete, will er ab sofort für Recht und Gerechtigkeit bei allen Völkern sorgen. Dabei wird sein "Richten" und "Recht-Setzen" nach V. 9 "in Gerechtigkeit" und "Geradheit" erfolgen. "Singt" war das erste Wort des Psalms, "Geradheit" ist das letzte.
Fordert Ps 98,1 (wie schon 96,1 und 33,3) Israel zum Singen des neuen Gesangs auf, weitet die Offb in 14,3 diesen Gesang aus über Israel hinaus auf die Völker, die sich als Christen der Gotteserkenntnis und Gottesverehrung Israels angeschlossen haben (vgl. Offb 5,9).