Psalm 90 - "Zurückkehren lässt du das Menschlein zum Staub"Der Psalter als Buch des Messias

Die Begrenztheit des Lebens sorgt dafür, dass die Erlebnisse eines Menschen einmalig bleiben. Und diese Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit macht zugleich die Kostbarkeit des Lebens aus. Dennoch hofft der Beter von Psalm 90 darauf, dass Gott dem Menschen Anteil geben möge an der göttlichen Unvergänglichkeit.

Bibel
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Das III. Psalmenbuch (Pss 73-89) hatte die Zerstörung Jerusalems und des Tempels sowie das Ende der davidischen Dynastie beklagt. Das IV. Buch (Pss 90-106) antwortet darauf mit dem Hinweis auf die bleibenden vorstaatlichen Grundlagen des Volkes Israel: Lange bevor die Könige Saul und David Israel die Form eines Staates gegeben hatten, hatte Mose am Sinai das eben befreite Volk als Gottesvolk gegründet. Diese vorstaatliche mosaische Grundlage bleibt auch nach dem Untergang des Staates.

Ps 90 ist der einzige, der in der Überschrift dem Mose zugeschrieben wird. Im bisherigen Psalter war Mose nur in Ps 77,21 erwähnt worden. Im "mosaischen" Buch IV aber wird er insgesamt siebenmal genannt: Pss 90,1; 99,6; 103,7; 105,26; 106,16.23.32.

1 Flehgebet von Mose, dem Mann Gottes.

Die Formulierung "Mose, der Mann Gottes" steht so auch in Dtn 33,1; Jos 14,6. Der Titel wird in 1 Sam 9,7-10 aber auch von Samuel gebraucht, in 1 Kön 13 von einem anderen Propheten und in 2 Kön 1-13 sehr oft von Elischa. Er meint im Prinzip einen Propheten. Ps 90 ist so gedichtet worden, dass er wieder und wieder auf das Moselied und den Mosesegen in Dtn 32-33 anspielt (die poetische Pluralform für "Jahre" und "Tage" in Ps 90,10.15 und Dtn 32,7; das Wort für "Wirken" in Ps 90,16 nur in Dtn 32,4 und 33,11).

"Mein Herr, Heimat warst du für uns Generation um Generation"

"Flehgebet" heißen nur die Pss 17; 86; 102 und 142. Ps 90 ist im Wesentlichen ein Klagegebet, das zur Weisheitsbitte wird. Es eröffnet mit einem Bekenntnis in V. 1-2, geht dann in V. 3-10 in die Vergänglichkeitsklage über, bittet in V. 11-12 in einem Wendepunkt um Einsicht und geht in V. 13-17 schließlich in Bitten über. Das Bekenntnis beginnt in V. 1 mit der ehrerbietigen Anrede "mein Herr". In der Klage fehlt der Gottesname. Gott ist wie abwesend. In der Bitte ab V. 13 aber wird er mit dem vertrauten Namen JHWH angeredet. Fünfmal finden sich Gottesbezeichnungen:

V. 1-2: mein Herr Gottheit
V. 13 JHWH
V. 17: mein Herr unser Gott

Am Anfang und Ende stehen "mein Herr" und "Gott", in der Mitte aber "JHWH. Der Psalm wird gesprochen vom Wir Israels und richtet sich an das Du Gottes. Nach dem Verlust der Heimat durch die Exilierung nach Babylon beginnt Israel Ps 90 volltönend:

Mein Herr, Heimat warst du für uns Generation um Generation.
2 Ehe Berge geboren wurden und gekreißt Erd' und Weltenrund, und von Ewigkeit bis in Ewigkeit bist du Gottheit.

Das Wort für "Heimat" heißt eigentlich "Wohnung" und bezeichnet den Ort, wo man sich geborgen und sicher fühlen darf. Die Beter zitieren gleich eingangs den Mosesegen:

Eine Heimat ist der Gott der Urzeit (Dtn 33,27).

Während in Israel die Generationen kamen und gingen, war Gott für sie eine stabile Heimat. Existiert der sterbliche Mensch nur "Generation um Generation", die sich abwechseln, so Gott "von Ewigkeit zu Ewigkeit". Noch dem Stabilsten, den Bergen, ja der ganzen Welt ist Gott an immer gleichem Dasein voraus. "Gottheit" (El) heißt Gott als beständiges Gotteswesen im Unterschied zu den Geschöpfen (Num 23,19; Hos 11,9).

"Kehrt wieder, Menschenkinder!"

In V. 3-10 folgt die Vergänglichkeitsklage. Der in V. 2 eben erwähnten Ewigkeit Gottes stellt sie in V. 3 das Ab- und Auftreten der Menschengenerationen entgegen.

3 Zurückkehren lässt du (permanent) das Menschlein zum Staub und sagst: Kehrt wieder, Menschenkinder!
4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie ein Tag, der gestrige, da er am Vorübergehen war, und eine Wache in der Nacht.
5 Du hast sie abgebrochen, (wie) Schlaf mussten sie werden, am Morgen wie Gras, das einwechselt.
6 Am Morgen wird es sprossen und einwechseln, zum Abend wird es verwelken und vertrocknen.
7 Denn wir wurden fertig in deinem Zorn, und in deinem Grimm wurden wir erschreckt.
8 Du legtest unsere Verschuldungen vor dich hin, unsere verborgenen Sachen ins Licht deines Angesichts.
9 Denn all unsere Tage wandten sich in deinem Überschäumen, fertig gemacht haben wir unsere Jahre wie einen Seufzer.
10 Die Tage unserer Jahre sind dabei siebzig Jahr, und wenn bei Kräften achtzig Jahr – und das Stolzeste davon ist Mühsal und Übel, denn schnell gings vorbei und wir flogen dahin.

Zeitlichkeitsbegriffe bestimmen den Abschnitt. Außen herum stehen in V. 4 und 9-10 "Tage" und "Jahre", innen in den V. 5-6 "Morgen" und "Abend". Dazu kommen "gestern" und "Nacht", "vorübergehen" und "einwechseln" (V. 4-6). Die dahinschwindende Zeit bestimmt das Menschenleben.

Das "Menschlein" wird der "Gottheit" entgegengesetzt (änosch bedeutet "der Schwache", dagegen el, "Gottheit" "der Starke"). Das Menschlein muss zum Staub zurückkehren. Hier steht nicht das neutrale Wort "Staub" aus Gen 3,19, sondern "pulverisieren", d. h. das gewaltsame Zerschlagen. Während die einen abtreten, kommt eine neue Generation (vgl. Koh 1,4). "Gott macht Menschen sterben, ohne sie aussterben zu lassen" (Delitzsch, Psalmen 587). Die den Menschen in seinem Dasein bestimmende Zeit berührt Gottes Wesen dagegen gar nicht. Für ihn haben 1.000 Jahre keinerlei Ausdehnung, da er sie immer schon gesamthaft überblickt wie einen vergangenen Tag. Er nimmt ihren Verlauf so wenig wahr wie eine verschlafene Nachwache (V. 4). Die Menschen dagegen werden ständig ein- und ausgewechselt: Ihr Leben bricht ab, "entschläft" in den Tod (das Wort "Jahr" schanah klingt im Hebräischen nach "Schlaf" schenah). Wie das Gras, das im Morgentau aufblüht, aber im sengenden Ostwind Palästinas selbigen Tags wieder verdorrt, so sind die Menschen (Jes 40,6-8).

"Wer weiß um die Macht deines Zorns?"

In der Mitte des Abschnitts steht der Grund für dieses Todesverhängnis: Gottes Zorn und Grimm, den die Menschen ja tatsächlich verdient haben angesichts ihrer Bosheit. Das Leben ist aber nicht nur kurz wie ein Seufzer (V. 9), selbst noch seine Erfolge sind mühsam und voller Seufzer (V. 10). Kaum hat das Leben begonnen, sind wir am Ende und stellen fest: "wir flogen dahin!"

Mit der Frage V. 11 beginnt in V. 11-12 ein Umschwung. Die Klage wendet sich in den Versuch, sich mit dem Todesschicksal anzufreunden.

11 Wer weiß um die Macht deines Zorns und gemäß der Furcht vor dir um dein Überschäumen?
12 Zu zählen unsere Tage, ja mach bewusst, dass wir davontragen mögen ein weises Herz!

V. 11 bekennt, dass letztlich niemand Gottes "Zorn" ergründen kann, niemand weiß, wie es um ihn steht, ob wirklich er allein unseren Tod bewirkt. Wer erkennt schon rechter Gottesfurcht gemäß und ohne Gott Schlimmes zu unterstellen, was sein "Zorn" bedeutet? Auf diese theoretische Erkenntnis kommt es auch nicht an: Ein anderes Wissen steht diesem Wissen gegenüber. Viel wichtiger ist, sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu werden. Denn das verhilft zur praktischen Weisheit mit dem begrenzten Leben richtig und erfüllend umzugehen.

Und so wendet sich Israel an Gott mit der Bitte, ihm in dem begrenzten Leben Lebensfreude zu schenken. V. 13 nimmt das zweimalige "Kehren" aus V. 3 wieder auf:

13 Kehr dich ab, JHWH, bis wann? Und lass es dir leid sein um deine Knechte!
14 Sättige uns am Morgen mit deiner Loyalität, dass wir jubeln können und uns freuen all unsere Tage!
15 Erfreu uns wie die Tage, die du uns bedrückt hast, die Jahre, da wir sahen Schlimmes!
16 Sichtbar werde für deine Knechte dein Wirken und deinen Glanz vor ihren Kindern!
17 Und es sei deine Freundlichkeit, mein Herr, unser Gott, über uns, und das Tun unserer Hände mach fest über uns, und das Tun unserer Hände, mach's fest!

Die V. 12-17 werden durch eine Serie von sieben Imperativen zusammengehalten. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit:

mach bewusst – kehr dich ab – lass dir leid sein – sättige – erfreu – mach fest – mach fest!

Dennoch ist V. 13 ein Neueinsatz wegen der neuerlichen Gottesanrede: JHWH! Die Nennung Gottes in V. 13 und 17 rahmt diesen letzten Abschnitt. Die Beter wollen in V. 13 nicht länger ihr Todesschicksal als Zorn fühlen müssen, sondern bitten Gott, er möge sie ab sofort Lebensfreude erfahren lassen. Der Morgen ist die Zeit der Rettung (Ex 14,24; Ps 5,4; 30,6), am Morgen wurde Gericht gehalten und dem Bedrängten Recht verschafft (Ex 18,13; 2 Sam 15,2; Ps 101,9). Wenn Gott am Morgen seine Zugewandtheit schenkt, kann man sich den restlichen Tag freuen.

Die Beter wünschen, dass die Freude wenigstens die Leiderfahrung aufwiege (V. 15). Nicht Gottes Grimm, sondern sein positives Wirken, seinen Glanz wollen die Israeliten in ihrem Leben durchscheinen sehen, sie und ihre Kinder. "Mein Herr" meint das Majestätische an Gott, "unser Gott" besagt aber, dass er für sie zuständig ist. Dieser hoheitsvolle und doch für Israel zuständige Gott möge bei aller Vergänglichkeit des Menschenlebens doch durch "Befestigung" des menschlichen Lebenswerks Anteil geben an seiner göttlichen Unvergänglichkeit.

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