Psalm 97 - "JHWH ist König geworden!"Der Psalter als Buch des Messias

Am Sinai hatte Gott Israel als sein Volk konstituiert, Aber die Königsherrschaft Gottes soll einst alle Nationen erfassen, auch sie sollen ihre Sinaioffenbarung erhalten. Anknüpfend an den Psalter verkündet Jesus: Jetzt ist diese Königsherrschaft Gottes nahegekommen, die dann auch über Israel hinausgehen wird.

Bibel
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Die Überschrift von Ps 92 gilt für alle folgenden Psalmen 93-97. Mit "‚JHWH ist König geworden‘, soll frohlocken die Erde und sich freuen die vielen Inseln" knüpft Ps 97 unübersehbar an Ps 96,10-11 an: "JHWH ist König geworden … es sollen sich freuen die Himmel und frohlocken die Erde!" Auch die "Nichtse" von Ps 97,7 nehmen die aus 96,5 auf. Ps 97 gehört in die Serie der JHWH-König-Psalmen (Pss 93–100), die von dieser Königsproklamation geprägt sind (Ps 93,1; 96,10; 97,1; 99,1).

Hatte die Proklamation "JHWH ist König geworden" in Ps 93,1 die Königsherrschaft seit Urzeiten verkündet, die sich bei der Errichtung der Schöpfung und ihrer Ordnung manifestiert hatte, so proklamiert dieselbe Formel in Ps 97,1 das endzeitliche Königtum Gottes:

1 "JHWH ist König geworden!" soll frohlocken die Erde, sollen sich freuen die vielen Inseln.
2 Gewölk und Dunkel sind rings um ihn, Gerechtigkeit und Recht das Podest seines Throns.
3 Feuer wird vor ihm her gehen und verbrennen rings um seine Bedränger.
4 Erleuchteten seine Blitze den Erdkreis, sah’s und bebte/tanzte die Erde,
5 schmolzen Berge wie Wachs vor JHWH, vor dem Herrn der ganzen Erde,
6 kündeten die Himmel seine Gerechtigkeit – dann werden sehen alle Völker seine Herrlichkeit.

Die ganze Erde und vor allem die heidnische Inselwelt im Westen, im Mittelmeer, soll JHWHs Königsherrschaft proklamieren als die des "Herrn der ganzen Erde" (V. 5). Die Jussive "soll frohlocken", "sollen sich freuen" drücken Wünsche für die Zukunft aus. Die Proklamation ist eschatologisch. Wann wird das geschehen? Wenn "sehen werden alle Völker seine Herrlichkeit" (V. 6b). Das steht aber noch aus. Die Völker werden das erst sehen, wenn er erschienen ist. Die Theophanie, die zu dieser Erkenntnis führen wird, besingt eben die erste Strophe. V. 2 beschreibt in Nominalsätzen, wie Gott immer erscheint. "Gewölk und Dunkel" umgaben ihn bei der Sinai-Erscheinung (Dtn 4,11). Sie umgaben ihn, als er über Israel Gericht hielt und es ins Exil zerstreute (Ez 34,12).

"Es erleuchteten Blitze den Erdkreis, es erzitterte und erbebte die Erde"

Insbesondere aber am bevorstehenden "Tag des Herrn", einem Gerichtstag, wird er in "Gewölk und Dunkel" erscheinen: Joel 2,2; Zeph 1,15. "Gerechtigkeit und Recht das Podest seines Throns" hatte schon Ps 89,15 bekannt. Das gilt seit der Schöpfung. Auf Gerechtigkeit und Recht gründend hat er die Schöpfungsordnung errichtet und hält sie seither aufrecht. Er ist nach Ps 104,4 stets von "brennendem Feuer" umgeben, das ihn unzugänglich macht (1 Tim 1,16: "Er wohnt in unzugänglichem Licht"; vgl. Ps 50,3). "Feuer" und "Dunkel" sind zwei gegensätzliche und gerade dadurch komplementäre Versuche, die Unsichtbarkeit Gottes im Bild auszusagen. Dieselben Bilder hatten schon Dtn 4,11 und 5,22 von der Sinaitheophanie gebraucht:

Diese Worte [die zehn Gebote] redete JHWH zu eurer ganzen Versammlung auf dem Berg, mitten aus dem Feuer, dem Gewölk und Dunkel (Dtn 5,22).

Die Unnahbarkeit gilt stets und bei jeder künftigen Erscheinung. Die Offenbarung vor "allen Völkern", von der V. 6 spricht, muss sich aber erst noch ereignen. Wenn sich vor den Völkern eine sinaiähnliche Offenbarung ereignet haben wird, dann werden die Völker zur Erkenntnis des wahren Gottes kommen.

In den V. 4-6a gibt es ein grammatikalisches Problem: Anders als V. 3 und V. 6b-7 stehen hier Perfektformen, die einmalige Geschehnisse der Vergangenheit beschreiben. Zenger beschreibt das Problem so: "Das Verständnis der Suffixkonjugation in V 4-6a ist kontrovers: geht es um ein bestimmtes Ereignis der Vergangenheit oder liegt das sog. prophetische Perfekt vor …?" (Zenger-Hossfeld, Psalmen II 673). Um nun die Zeitstufen des Hebräischen nicht einebnen zu müssen, übersetze ich die V. 4-6a als gegenüber den futurischen V. 6b-7 als vorzeitig nach GK §112ff: "Sehr häufig wird endlich das Perf. consec. mit einer gewissen Emphase zur Einführung des Nachsatzes nach Sätzen oder Satzäquivalenten verwendet, die eine Bedingung, einen Grund oder eine Zeitbestimmung enthalten". In diesem Sinne verstehe ich 4-6a als eine Serie vorzeitiger, kausal-temporaler Vordersätze zu V. 6b.

Die V. 4-6a beschreiben nun diese zukünftige "Sinai-Erscheinung" Gottes für die Völker. Wenn sie geschehen sein wird, kommen die Völker zur Erkenntnis. Von "Blitzen" am Sinai spricht Ex 19,15. V. 4 zitiert Ps 77,19:

Es erleuchteten Blitze den Erdkreis, es erzitterte und erbebte die Erde.

Bei dieser künftigen Offenbarung wird die Erde "tanzen" wie in Ps 114,7 oder "beben" wie in Ps 96,9 (chul, "tanzen" und chil, "beben" sind möglicherweise als Nebenformen zueinander austauschbar). Denn Gott ist ein mysterium fascinosum et tremendum zugleich. Von "Bergen, die schmelzen wie Wachs vor dem Feuer" hatte schon Mi 1,4 bei der Gotteserscheinung gesprochen: steinharte Berge werden wachsweich (vgl. Ps 22,15; 68,3). All diese irdischen Phänomene werden die Ankunft, die Gegenwart des "Herrn der ganzen Erde" (V. 5) anzeigen, der nicht selbst sichtbar ist (V. 2-3!), sondern dessen Anwesenheit sich durch die Auswirkungen auf die Natur zeigt. "Der Herr der ganzen Erde" zeigte sich schon beim Rückzug des Jordan zu Josuas Zeiten (Jos 3,11.13) und in Ereignissen, von denen Mi 4,13 und Sach 4,14; 6,5 sprechen. Wenn auf diese sinaiähnliche Weise "die Himmel Gottes Gerechtigkeit verkündet" haben werden, dann wird auch unten auf Erden den Völkern Gottes Herrlichkeit offenbar (V. 6, vgl. Jes 35,2; 66,18).

"Denn du, JHWH, bist der Höchste über die ganze Erde"

So wie die erste Strophe gleich eingangs von "JHWH", "frohlocken", "sich freuen", von "Gerechtigkeit und Recht" (V 1-2) gesprochen hat, so werden es die zweite (V. 8) und auch die dritte tun (V. 11-12: "Gerechter", "Freude").

Die zweite Strophe besingt nun die nach der Theophanie erfolgende Abdankung der Götter und die darauf sich einstellende Erkenntnis der heidnischen Götzendiener, dass sie "Nichtse" waren:

7 (Dann) müssen zuschanden werden alle Götzendiener und die sich rühmen der Nichtse! Niedergeworfen haben sich ja vor ihm alle Götter:
8 "Es hörte und freute sich Zion, und frohlockten die Töchter Judas wegen deiner Rechtssprüche, JHWH.
9 Denn du, JHWH, bist der Höchste über die ganze Erde, sehr hoch bist du gestiegen über alle Götter!"

V. 7 beschreibt nach V. 6a eine weitere zukünftige Folge der kommenden Theophanie: Die götzendienerischen Völker erkennen die Leere und Sinnlosigkeit ihres bisherigen Tuns. Gottes Erscheinung ist auch ein Gericht über die Götzen (wie einst in Ägypten: Ex 12,12: "Über alle Götter Ägyptens halte ich Gericht, ich, JHWH"). Die kapitulierenden Götter bekennen in V. 8, dass JHWHs Gericht gerecht war – sie tun es in Anrede des wahren Gottes im Du – und dass JHWH damit über die ganze bisherige Götterwelt aufgestiegen ist. Nach Zenger (Zenger-Hossfeld, Psalmen II 682f.) werden in "V 9 wahrscheinlich die Worte zitiert, die die Götter vor JHWH bekennen". Zu dem Bekenntnis dürfte auch V. 8 gehören, von dem der Denn-Satz V. 9 abhängig ist. Ganz Juda, die Hauptstadt Jerusalem ("Zion") und die Landstädte (Tochterstädte Zions), jubeln über ihres Gottes Triumph und die falschen Götter anerkennen das als berechtigt.

Aber all das ist noch endzeitliche Zukunftsmusik. Daher wendet sich die dritte Strophe vorerst der jetzigen Generation zu. Bevor dereinst die Gesamtmenschheit "frohlockt und sich freut" (V. 1) über Gottes kommende Offenbarung, bevor Juda "sich freut und frohlockt" (V. 8) über Gottes Triumph, sollen die "sich freuen" (V. 11-2), die keine Verehrer leerer Götzenbilder sind. Sie werden in der dritten Strophe direkt im Ihr angesprochen:

10 Die lieben JHWH, hasst das Böse! Er ist ein Bewahrer des Lebens (der Kehlen) seiner Loyalen, aus der Hand der Frevler wird er sie entreißen.
11 Ein Licht ist aufgestrahlt (gesät?) dem Gerechten und den Herzensgeraden Freude.
12 Freut euch, ihr Gerechten, an JHWH! Und dankt für sein heiliges Gedenken!

Die nicht Götzen lieben, sondern JHWH, die Israeliten also, sollen sich bis zur endzeitlichen Offenbarung vom Bösen fernhalten ("lieben" – "hassen"), dann wird auch Gott die ihm Loyalen bewahren. Das "Licht", das der Menschheit nach V. 4 erst noch aufgehen soll, ist den Israeliten bereits aufgestrahlt (V. 11). Der hebräische (Masoreten-) Text spricht vom Licht, das "gesät" ist. Das Bild ist ungewöhnlich, könnte aber gedeutet werden als keimhaft, anfanghaft gegebenes Licht, das sich jedoch erst noch zu seiner Fülle entwickeln muss. Die altgriechische Übersetzung Septuaginta liest nicht "gesät" (zr'), sondern "aufgestrahlt" (zrch) wie in Ps 112,4 – das ist der gängige Ausdruck, der aber hier letztlich nichts anderes bedeutet: Das Licht ist dem Gerechten anfangsweise schon aufgegangen, den Herzensgeraden die damit verbundene Freude. Die Gerechten, die Israeliten, die schon unter Gottes Gerechtigkeits-Thron (V. 2) stehen, sollen sich an ihm freuen und dankbar sein dafür, dass JHWHs heiliger Name bei ihnen schon bekannt ist, seiner liturgisch gedacht und er gefeiert wird.

Der Hebräerbrief sieht diese eschatologische Offenbarung Gottes in Christus gekommen und wendet in Heb 1,6 V. 7b des Psalms auf die Engelmächte an, die sich vor ihm niederwerfen.

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