Psalm 91 - "Unter seinen Flügeln wirst du Zuflucht finden"Der Psalter als Buch des Messias

Pandemie, Krieg und nicht endende Krisen: Dagegen betet Psalm 91 an. Und er erinnert Gott zugleich an seine "Ich bin da"-Zusage, auf die er baut.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Psalm 91 ist titellos. Der Titel von Ps 90 gilt fort. Dieser beklagte die Sterblichkeit. Ps 91 singt vom göttlichen Schutz. Der Psalm beginnt mit einem Bekenntnis des Beters Gott gegenüber ("du") in V. 1-2. Von V. 3 bis 13 erhält der Beter eine Zusage ("du"), und von V. 14 bis 16 redet Gott im "Ich" über "ihn". Die Zusage V. 3-13 wird in V. 9 durch eine kurze Aussage des Beters, die auch eine Gottesanrede enthält, unterbrochen. Sie teilt V. 3-13 in zwei Hälften.

Der Beter beginnt mit einem Bekenntnis über sein Verhältnis zu Gott:

1 Wohnend in der Deckung des Höchsten, der im Schatten des Allmächtigen übernachten darf,
2 kann ich sagen: Bei JHWH ist meine Zuflucht und meine Burg, (bei) meinem Gott, auf den ich vertrauen kann!

"Mit seiner Schwinge wird er dich schützen"

Der Beter bezeichnet sich selbst als einen, der bei Gott wie ein Gast "wohnt" und "übernachtet", sich also bei Tag und in der gefahrenreichen Nacht in Lebensgemeinschaft mit ihm befindet. "Deckung" und "Schatten" sind Bilder für "Schutz", z. B. vor Feinden und der Tageshitze (Gen 19,8). Ein Israelit der damaligen Zeit denkt hier zuerst an das Haus Gottes, den Jerusalemer Tempel. Gott benennt er mit Namen, die den Mächtigsten bezeichnen: "Höchster" (eljon) meinte bei den umliegenden Völkern den höchsten der Götter (Ps 82,6), in Israel den einen Gott als höchste Macht. Schaddai ("Allmächtiger") ist ein Gottesname, der in der Bibel in den Vätergeschichten erstmals auftaucht als "Gott Schaddai" (Gen 17,1; 28,3; 43,14; 48,2).

In Ex 6,3 sagt Gott zu Mose ausdrücklich, als "El Schaddai" habe er sich Abraham, Isaak und Jakob offenbart, erst Mose gegenüber als "JHWH". Im Buch Ijob ist "Schaddai" eine häufige Gottesbezeichnung, im Psalter selten (Ps 22,10; 68,15). Die Etymologie ist unklar. Die Rabbinen deuten den Namen volksetymologisch als "der genügt". Sich im Schutz dieses mächtigen Gottes wissend bekennt der Beter über JHWH, er sei seine Festung, in der er sich bergen könne. Der Beter bleibt in der Betrachtung über Gott in der 3. Person. Da setzt in der zweiten Strophe eine andere Stimme ein und bestätigt dem Beter den Inhalt seines Bekenntnisses:

3 Ja er wird dich entreißen aus dem Klappnetz des Vogelfängers, vor der Pest des Verderbens.
4 Mit seiner Schwinge wird er dich schützen und unter seinen Flügeln wirst du Zuflucht finden, Standschild und Rundschild ist seine Wahrheit.
5 Du musst dich nicht fürchten vor dem Schrecken der Nacht, vor dem Pfeil, der daherfliegen mag am Tage,
6 Vor der Pest, die im Finstern umgeht, vor der Seuche, die verheert am Mittag,
7 Sollten fallen an deiner Seite tausend und zehntausend an deiner Rechten, dich wird es nicht erreichen!
8 Nur mit deinen Augen wirst du es erblicken, und die Vergeltung an den Frevlern wirst du sehen.

Die zweite Strophe beschreibt zunächst Gott als Schutz (V. 3-4), dann die Gefahren, gegen die er schützt (V. 5-6) und schließlich den Beter als Davongekommenen (V. 7-8). Der Zuspruch bestätigt dem Beter, dass sein mächtiger Gott ihn schützen werde vor Nachstellungen von Feinden, die einen in eine Falle locken wollen, die plötzlich zuschnappt, auch vor unsichtbaren Gefahren wie Krankheiten (V. 3). Hatte schon der Mosepsalm 90 mehrfach auf das Moselied Dtn 32 angespielt, setzt Ps 91 – unter derselben Überschrift stehend – die Bezugnahme fort. V. 4 nimmt Dtn 32,11 auf:

Wie ein Adler sein Nest aufweckt, über seinen Jungen flattert, seine Flügel (Pl.) ausbreitet, eins nimmt und es trägt auf seiner Schwinge (Sg.).

So, sagt die Stimme zum Beter, ist Gott Schutz und "Zuflucht", wie der Beter in V. 2 bekannt hatte, wie ein Standschild, der mannshoch einen Menschen in seiner ganzen Länge schützt und ein tragbarer Rundschild, der beweglich ringsum decken kann, so ist Gott in seiner "Wahrheit", d. h. Zuverlässigkeit, umfassender Schutz. Nach V. 1 sah sich der Beter Tag und Nacht im Schatten des Höchsten, die Stimme bestätigt ihm in V. 5, dass Schrecken der Nacht und Gefahren des Tages ihm nichts anhaben können. Wie die Vogelfalle in V. 3 ist der Pfeil in V. 5 ein Bild aus der Jagd. V. 6 dagegen nennt unsichtbar sich anschleichende Gefahren wie Pest und Seuche.

"Nicht treffen wird dich etwas Schlimmes, und ein Schlag wird nicht nahekommen an dein Zelt"

Die Pest geht um wie der Würgengel in Jes 37,36. Die hebräische Verbform ja-ha-loch (statt des üblicheren jelech) malt ihr Daherschreiten. Das nur dreimal im AT vorkommende Wort "Seuche" (Dtn 32,24; Jes 28,2) dürfte eine weitere Mose-Anspielung sein. "Finsternis" und "Mittag" nehmen die Zeitbestimmungen für "Nacht" und "Tag" aus V. 5 auf. Das hebräische Verbum "verheeren" (sch-d-d) wird vom altgriechischen Übersetzer der Septuaginta mit sched "Dämon" oder "Geist" (wie Dtn 32,17) in Verbindung gebracht und daher statt "verheert am Mittag" mit "Mittagsdämon" übersetzt – ein Motiv, das in der geistlichen Literatur (Evagrius Pontikus) eine Rolle spielen wird. V. 7 besingt nun, wie der von tödlichen Gefahren umgebene Beter als einziger entkommen wird. V. 8 sagt positiv, was er, allem entronnen, tun wird: Er wird es einfach nur "mit den Augen – anblicken – ansehen" dürfen, wie die genannten Gefahren, die treffen und niederstrecken, die sie verdienen.

Die zweite Strophe wiederholt in gewissem Sinn die Abläufe der vorangegangenen: In V. 9a spricht der Beter selbst kurz noch einmal wie in V. 1-2. Dabei werden auch die Gottesbezeichnungen "JHWH" und "Höchster" aus V. 1-2 noch einmal aufgenommen. Ab V. 9b nimmt die zum Beter sprechende Stimme ihre Rede wieder auf. V. 9-10 thematisieren Gott wieder als sicheren Wohnort, V. 11-12 benennen Verletzungsgefahren auf Reisen und V. 13 beschreibt den Beter als Triumphator über die furchtbarsten Bedrohungen.

9 "Ja, du, JHWH, bist meine Zuflucht!", hast du den Höchsten gemacht zu deinem Heim.
10 Nicht treffen wird dich etwas Schlimmes, und ein Schlag wird nicht nahekommen an dein Zelt.
11 Denn seine Boten wird er entbieten für dich, dich zu bewahren auf all deinen Wegen.
12 Auf Händen werden sie dich tragen, dass du nicht anstoßen magst an einen Stein mit deinem Fuß.
13 Auf Löwen und Natter kannst du treten, trampeln auf Jungleu und Drachen.

V. 9a ist wohl als Zitat des Beterbekenntnisses aus V. 2 zu lesen, das die zu ihm redende Stimme aufnimmt. Wiederum bestätigt sie das Bekenntnis dann in V. 10: Da du Gott zu deinem "Heim" gemacht hast (wie schon Ps 90,1), wird deine Wohnung, dein Zelt, für Gefahren unerreichbar bleiben. Die Stimme nennt die Wohnung ein "Zelt", weil sie den Lebensweg des Beters ab jetzt als Reise beschreibt, auf der er mit einer mobilen Unterkunft unterwegs ist. Was schützt den Beter auf seiner Lebensreise? Wegbegleiter! Gott wird seine Boten, seine Engel aufbieten "für dich", um die Wege sicher zu machen.

Die himmlische Eskorte wird nach V. 11 "auf Händen tragen", um sogar noch die alltäglichsten Risiken des Lebens abzufedern – weit über die bisher genannten ungewöhnlichen Bedrohungen hinaus. Man könnte auch übersetzen "damit nicht der Stein stößt deinen Fuß", aber wahrscheinlich ist das Du Subjekt: "Du stößt den Fuß", denn das Verbum ist sonst immer transitiv und auch die Septuaginta hat es so verstanden (vgl. Spr 3,23). Du wirst beim alltäglichen Gehen von Gottes Engeln auf Händen getragen, damit noch nicht einmal der Weg selbst dich verletzen kann. In V. 13 schließt die Stimme ihren Zuspruch ab, indem sie die banalen alltäglichen Gefahren ("Steinchen auf dem Weg") noch einmal grotesk steigert zu aggressiv-gefährlichen Löwen und Junglöwen sowie tückisch giftigen Nattern und Drachen (oder Wasserschlangen). Selbst auf diese massiven Gefahren könnte der Beter treten wie auf Steinchen und sie würden ihm nichts anhaben können, da er auf Engelshänden getragen wird, wenn es darauf ankommt.

"Mit Länge an Tagen werde ich ihn sättigen und ihn sehen lassen mein Heil"

Der Psalm hatte mit einem Bekenntnis des betenden Ichs in V. 1-2 begonnen. Eine hinzutretende Stimme bestätigt dem Beter im Corpus des Psalms (V. 3-13) seine Zuversicht. Dies steigert die letzte Strophe (V. 14-16), in der Gott selbst das Wort ergreift:

14 Weil an mir er sich festhielt, will ich ihn entkommen lassen, ihn unangreifbar machen, weil er kennt meinen Namen!
15 Ruft er mich an, werde ich ihm antworten, mit ihm bin ich in der Bedrängnis und werde ihn herausreißen und ihn zu Ehren bringen.
16 Mit Länge an Tagen werde ich ihn sättigen und ihn sehen lassen mein Heil."

Gott redet nicht zum Beter, sondern gibt eine Erklärung über ihn ab. Gott lässt den Beter allen Gefahren entkommen, macht ihn wie auf einer Anhöhe unerreichbar, unangreifbar, weil der Beter in seinem Eingangsbekenntnis sich an Gott festgehalten hatte und den Namen "JHWHs" kennt und bekennt, weil er weiß, was er seit der Namensoffenbarung vor Mose in Ex 3,14 bedeutet: Ich bin da. Die Begründung "festhalten – kennen" steht in V. 14 als schützende Klammer im Chiasmus um den Schutzinhalt herum. Konkret bedeutet die Schutzgarantie, dass der Beter, der Gottes Namen kennt und nur an ihm als Sicherheit festhält, Antwort erhält, sobald er ruft, aus Bedrängnissen herausgerissen wird, aus Scheitern zu neuen Ehren gebracht wird. Im Zentrum dieser Gottesstrophe V. 14-16 steht die Zusage: "mit ihm bin ich", wie sie Erzvater Jakob in Gen 28,15 (und 46,3) erhalten hat – auch er als Reiseschutz-Zusage. Hier spricht Schaddai, der sich den Erzeltern offenbart hat. So vor Lebensgefahr beschützt kann der Beter ein langes Leben erreichen, bis er "lebenssatt" ist. Er, der den eigenen Untergang nicht fürchten musste, sondern nur den der Übeltäter "sehen" durfte (V. 8), wird schließlich sogar Gottes Rettung, sein Heil für ihn "sehen" (V. 16).

Im Evangelium zitiert der Teufel, der Dämon selbst gegenüber Jesus Ps 91,11-2 und versucht, das Schriftwort als Angriffspfeil zu missbrauchen (Mt 4,6; Lk 4,10). Aber Jesus wehrt ihn mit einem Wort der überlegenen Tora (sie ist Propheten und Schriften übergeordnet) als "Schild" (vgl. V. 4) ab. Im Stundengebet war Ps 91 von Anfang an der Psalm der Komplet, des Nachtgebets der Kirche, mit dem die Gläubigen sich bergen im göttlichen Schutz.

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