Psalm 84 - "Selig der Mensch, der Stärke hat in dir"Der Psalter als Buch des Messias

Beklagten die Pss 79–80 noch die Schändung des Tempels, wendet Ps 84 den Blick in die Zukunft und drückt die Sehnsucht aus, wieder zum Tempel wallfahren zu dürfen (Dtn 16,16).

Bibel
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Die Überschrift ordnet den heute zu betrachtenden Psalm 84 zu den Korachiter-Psalmen:

1 Für den Musikmeister: auf der Gittit, von den Korachiten, Instrumentallied.

Die zwölf Korachiter-Psalmen 42–49 (acht mit dem überschriftenlosen Ps 43) sowie Pss 84– 85 und 87–88 ummanteln mit den zwölf Asaph-Psalmen (Pss 50 und 73-83) als innerem Rahmen die zweite Davidsammlung (Pss 51–72). Zu Korach s. zu Ps 42, zur Gittit s.o. Ps 81.

Der Psalm gliedert sich in drei Strophen:

I V. 2-5 Sehnsucht nach Gottesnähe,
II V. 6-8 gedachte Wegwanderung,
III V. 9-13 Audienzbitte.

Drei Seligpreisungen bestimmen die Strophengliederung: Die erste in V. 5 beendet Strophe I, die zweite in V. 6 beginnt Strophe II und die dritte in V. 13 beendet Strophe III. Dabei steht in V. 6 und 13 "selig der Mensch". Die Häufung von Gottesnennungen zeigt die intensive Sehnsucht des Beters nach der Gegenwart Gottes. Der heilige Name JHWH erscheint siebenmal, ebenso siebenmal "Gott".

"Selig die Bewohner deines Hauses!"

Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit. Hinzu kommt einmal "Gottheit" (El) in V. 3. Die erste Strophe zeigt fünf Nennungen, die zweite nur eine: am Ende (V. 8) als Ziel des gedachten Weges. Die dritte Strophe nennt Gott neunmal. Die viermalige Formulierung "JHWH Zebaot" rahmt dabei die erste Strophe in V. 2 und 4b sowie die dritte in V. 9 und 13 (hier: JHWH, Gott Zebaot. Im Du gehalten sind sie alle, aber nur die erste und die dritte beginnen auch mit einer vokativischen Anrede. Das sehnende "Herz" eröffnet die ersten beiden Strophen (V. 3 und 6), das zielführende "Gehen" beschließt die zweite und dritte (V. 8 und 12b).

2 Wie liebenswert sind deine Wohnungen, JHWH, Zebaot!
3 Es sehnt sich und sogar verschmachtet meine Kehle (Seele) nach den Vorhöfen JHWHs, mein Herz und mein Fleisch wollen zujubeln der lebendigen Gottheit.
4 Hat sogar ein Vogel gefunden ein Haus und eine Schwalbe ein Nest für sich, wo sie hinsetzte ihre Jungen – (so fand ich) deine Altäre, JHWH, Zebaot, mein König und mein Gott!
5 Selig die Bewohner deines Hauses! Noch werden sie dich loben.

Der Beter beginnt mit einer Liebeserklärung an den ihm immer noch unzugänglichen und nach Ps 74 und 79-80 geschändeten Tempel von Jerusalem. "Wohnungen" ist ein pluralis extensionis, ein "Plural der räumlichen Ausdehung" (GK124b), meint also die ausgedehnte Tempelanlage auf dem Zionsberg. "JHWH Zebaot" ist keine Genitivverbindung, sondern "Heerscharen/Allgewalt" ist eine Apposition zum Namen: JHWH, Allherrscher (s. zu Ps 80). Die verschmachtende Kehle (vgl. Ps 42,2) bezeichnet im Hebräischen das bedürftige, verlangende "Selbst" ("Seele"). Die Vorhöfe des Tempels sind der Bereich, den auch Laien betreten durften. Der Beter möchte mit all seinem geistigen Vermögen ("Herz", das Denkorgan) und in seiner ganzen hinfälligen Existenz ("Fleisch") dem lebendigen Gott, von dem alles Leben des Beters kommt, zujubeln und ihm dafür so nahe wie möglich kommen.

V. 4 formuliert einen Vergleich. Die hebräische Akzentsetzung setzt hinter "Jungen" ein starkes Trennungszeichen. V. 4b verlässt den Vergleich und betritt wieder die Sachebene. "Der Satz bedeutet nicht, dass der Vogel sein Nest auf dem Altar herrichtet (Vogelnester wären auf Altären gar nicht erlaubt). Die Verse 3-4 sind elliptisch: … wie selbst ein unbehauster Vogel ein Heim findet, um seine Jungen abzulegen, so werde ich mein wahres Heim an deinem Altar finden" (R.J. Clifford, Psalmen II 72; schon Hengstenberg, Psalmen III 449). Vögel auf dem Altar wären für einen Israeliten allenfalls Grund zum Spott (vgl. Bar 6,21).

"Selig der Mensch, der Stärke hat in dir, Pilgerwege in ihren Herzen!"

Mit der Nennung der Jungvögel bahnt der Dichter den Gedanken an, auf den er hinauswill: So wie ein Vogel seine ganze Familie im Nest versorgt, so würde der Beter gerne einem Leviten gleich im Tempel wohnen und vom Altar leben (Dtn 18,1ff.; vgl. Delitzsch, Psalmen 556): Selig die Bewohner deines Hauses! (V. 5) Mit "mein König und mein Gott" spricht der Beter Gott als den an, der für ihn zuständig ist, der für ihn sorgt und dem er ganz und gar dienen möchte. Die Wörter "JHWH Zebaot – Höfe – Haus – Haus" durchzogen die erste Strophe. Sie werden es in der dritten (V. 9-11) wieder tun.

Endete die erste Strophe auf eine Seligpreisung, so knüpft die zweite daran einleitend an.

6 Selig der Mensch, der Stärke hat in dir, Pilgerwege in ihren Herzen!
7 Hinüberziehend durch das Tal der Balsamstaude werden sie es zum Quell(-Grund) setzen, sogar in Segnungen hüllt es ein der Frühregen.
8 Werden sie gehen von Kraft zu Kraft, wird er sich sehen lassen bei Gott auf dem Zion.

Strophe II setzt die Sehnsucht der ersten Strophe nach der Gottesnähe im Tempel um in eine gedankliche Wallfahrt nach Jerusalem. Die Seligpreisung beglückwünscht die Menschen, die ihre Kraft aus ihrer Gottesbeziehung ziehen. Ihr ganzes Denken und Sinnen ("Herz") ist der Weg zu Gott hin: Näher, mein Gott, zu dir! Sie verstehen ihr Leben als Pilgerschaft zu Gott. Die Balsamstaude ist ein Gewächs, das in extrem trockenen Gegenden gedeiht. "Balsamstauden-Tal" ist also ein poetischer Ausdruck für ein vollkommen dürres, wasserloses Land. Menschen, die "Pilgerwege im Herzen haben" und an nichts anderes denken als, wie sie Gott näherkommen könnten, wird selbst noch die trockenste Durststrecke zum quellenreichen Park (vgl. Jes 35), wo belebende Erfrischung nicht nur auf Schritt und Tritt zu finden ist, sondern sogar von oben entgegenkommt. Die Wanderung wird damit der Wüstenwanderung nach dem Exodus gleich, als Gott aus dem Felsen Wasser für sein Volk strömen ließ (Ex 17; Num 20; zuletzt Ps 78,15-16.20).

Diese sehnsuchtserfüllten Menschen gleichen Pilgern: Wo sonst die Kraft beim Wandern abzunehmen pflegt, nimmt sie beim Pilger mit jedem Schritt noch zu, beflügelt ihn doch das näherkommende Ziel (vgl. Jer 9,2; Joh 1,16; Röm 1,17). "Die Sehnsucht setzt ungeahnte Kräfte frei" (Zenger, Psalmen II, HThKAT 519) – bis sie (und zwar jeder einzelne) "sich sehen lassen bei Gott auf dem Zion". Die Formulierung "sich sehen lassen bei Gott" ist entstanden aus der älteren Formel "das Angesicht Gottes sehen". Diese ist aus Babylon bekannt, wo beim Tempelbesuch ja tatsächlich das Angesicht des Gottes in der Statue zu sehen war. Vermutlich ist die Redensart in Israel aus einer solchen Kultur übernommen worden (Böhler, Psalmen I, HThKAT, 297).

"JHWH, Gott, Zebaot, höre mein Flehen, nimm zu Ohren, Gott Jakobs!"

In späterer Zeit wurde sie von den Masoreten, die den heutigen hebräischen Bibeltext abschließend bearbeiteten, aus theologischen Gründen umformuliert zu "sich sehen lassen bei Gott". Die Stichwörter "Selig der Mensch – gehen" rahmen die zweite Strophe, sie werden, chiastisch, in V. 12-13 wiederholt: "gehen – selig der Mensch". Das hier stehende Wort "gehen" ist bei den 95 Akzenteinheiten des Psalms als 48. exakt in der Mitte. In diesem Psalm ist das Leben pilgerndes "Gehen".

Nach der gedanklichen Wallfahrt nach Jerusalem in Strophe II wendet sich der Beter in Strophe III direkt an Gott mit der Bitte um baldige Audienz. Er hebt an mit einem doppelten Höraufruf:

9 JHWH, Gott, Zebaot, höre mein Flehen, nimm zu Ohren, Gott Jakobs! Sela
10 Unser Schild, sieh an, Gott! Und blick auf das Angesicht deines Gesalbten!
11 Denn besser ist ein Tag in deinen Vorhöfen als tausend (andere). Ich würde wählen, auf der Schwelle zu sein im Hause meines Gottes mehr als zu weilen in Frevlerzelten!
12 Ja, Sonne und Schild ist JHWH, Gott. Anmut und Ehre wird geben JHWH, nicht wird er verweigern ein Gut denen, die gehen in Integrität.
13 JHWH, Zebaot, selig der Mensch, der vertraut auf dich!

Die Anrede "Gott Jakobs" war zuletzt in Ps 81,2.5 gefallen. In V. 10 gibt es zwei Möglichkeiten. "Schild" könnte das Akkusativobjekt sein ("unseren Schild sieh an!") und parallel zum Gesalbten den König von Israel bezeichnen, wie auch in Ps 89,19. Oder "unser Schild" ist Vokativ und meint Gott, wie so oft im Psalter (Ps 3,4; 7,11; 18,3). In V. 12 bezeichnet der "Schild" jedenfalls Gott als Schutzwehr seines Volkes. V. 10 fordert Gott auf, auf den Gesalbten, den König von Israel zu blicken. Hier ist kaum noch ein realer judäischer König gemeint (vor 587 v. Chr.), sondern der erwartete ideale Davidsohn der Zukunft, der "Gesalbte" (vgl. Zenger 519). Dieser wird möglicherweise erhofft, damit er, dem idealen König Joschija gleich, den würdigen Tempelgottesdienst wiederherstelle (2 Kön 23; 2 Chr 34-35; Joh 2,13-22). Dann würde jedenfalls für unseren Beter die Wallfahrt dorthin wieder eine echte Möglichkeit werden. Zeitlich wäre ihm ein Tag in den Tempelhöfen mehr wert als tausend andere und räumlich zieht er das Lagern auf der Tempelschwelle (vgl. Lk 16,20) dem Wohnen im Innern von Frevlerzelten vor (V. 11).

Wenn der Beter als ein "Sohn Korachs" (V. 1) und damit als ein Torwächter am Tempel vorzustellen ist (1 Chr 9,17, Neh 11,19), bedeutet ihm die Sehnsucht nach der Tempelschwelle noch viel mehr. Was die Nähe zu Gott für ihn ist, besagt abschließend V. 12: ein Platz an der Sonne und unter dem Schutz Gottes. Nur hier in der ganzen Bibel wird Gott selbst als "Sonne" bezeichnet. Den alten Babyloniern und Ägyptern galt die Sonne als Gottheit, zuständig für die Gerechtigkeit (s. o. zu Ps 82,2). Damit will Israel seinen Gott nicht verwechseln (Dtn 17,3). Aber Gott als Quelle von Gerechtigkeit (Mal 3,20), Leben und Schutz, der seinem geschändeten Volk "Anmut und Ehre" (oder: "Gnade und Herrlichkeit") wiederherstellen kann, bei ihm will er leben. Wer integer "geht", sein Leben also als "Wanderung" zu Gott versteht, dem wird er nichts Lebensnotwendiges vorenthalten. Mit "selig der Mensch" (im Psalter nur noch Ps 32,2 und 84,6) beglückwünscht der abschließende Makarismus jedweden Menschen, der sein Leben ganz auf Gott baut und es als Weg zu ihm versteht, denn Gott ist "Zebaot", Allmacht, wie der Rahmen des Psalms gesagt hatte (V. 2, 4, 9, 13).

Die Vulgata übersetzt das "Balsamstauden-Tal" als vallis lacrimarum, "Tränental", das von hier ins Salve Regina kommt und zum Bild für die irdische Pilgerexistenz wird.  

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