Die Überschrift ordnet den heute zu betrachtenden Psalm 81 zu den Asaf-Psalmen (Pss 50, 73-83) und notiert wie Ps 84,1 "auf der Gittit". Das kann heißen "auf der Gititischen" = "auf der von Gat" (einer Philisterstadt). Das kann sich dann auf eine Leier beziehen, die David aus Gat mitgebracht hätte (vgl. 1 Sam 21; 27). Die Septuaginta und Hieronymus leiten es her von hebr. "Gat" = "Kelter".
Für den Musikmeister: Auf der Gititischen von Asaf.
Der Psalm beginnt als Hymnus mit einer fünffachen Lobaufforderung samt Begründung ("denn"):
2 Jubelt Gott, unserer Schutzmacht, schmettert dem Gott Jakobs!
3 Nehmt Saitenspiel auf, schlagt die Handtrommel, die liebliche Tragleier mit der Standleier!
4 Stoßt am Neumond ins Schofarhorn, am Vollmond, zum Tag unseres Festes!
5 Denn Satzung ist das für Israel, Rechtsregel vom Gott Jakobs.
"In der Bedrängnis riefst du, und ich habe dich herausgerissen"
Diese erste Strophe ist gerahmt von dem Ausdruck "Gott Jakobs". Fünf Imperative mit fünf Musikinstrumenten deuten vielleicht schon auf das kommende Torathema hin (fünf Bücher!). Sprecher ist eine Gruppe oder ein einzelner, der sich zu einer Gruppe zählt ("wir"), angesprochen ist ein "Ihr", gemeint ist Israel. Viele Ausleger denken an ein bestimmtes Fest, umstritten ist nur, welches. Allerdings fällt kein Fest zugleich auf den Neumond und den Vollmond (Neumond: monatlich Num 28,14; Neujahr Lev 23,24; Vollmond: Pascha, Laubhütten; Lev 23,5-6). Jedwedes Fest ist gemeint. In V. 5 ist der Parallelismus aufgebrochen, um die Rahmung zu erreichen ("Gott Jakobs"), V. 5a bezeichnet Israel als Adressaten der Regel, V. 5b Gott als Urheber derselben.
V. 6 ist ein Übergangsvers. Einerseits führt er die Reihe "Satzung, Rechtsregel" mit "Mahnung" (oder "Zeugnis") fort – wie öfter (Dtn 4,45; 6,20; 1 Kön 2,3), andererseits ist die "Mahnung" hier das, was in V. 7 aus Gottes eigenem Mund erfolgt. Feste sind in Israel (wie im Christentum) gesetzt als memoriale, als "Gedenken", als "Mahnmal" für das Wirken Gottes in Israels Geschichte, damit das Volk das nie vergisst.
6 Als Mahnung in/an Josef hat er es gesetzt, als er auszog über/gegen das Land Ägypten. Eine Sprache (Lippe), die ich nicht kannte, konnte ich hören:
Der poetische Name "Josef" für Israel war schon in Ps 80,2 gebraucht worden. Hier ist er im Hebräischen ungewöhnlich gedehnt geschrieben "Jehosef", damit der enthaltene Gottesname JHW[H] deutlicher betont sei. Israels Hauptfeste Pascha, Wochenfest (Pfingsten) und Laubhütten gedenken alle der Befreiung aus Ägypten (Ex 23,14-17; Lev 23). Gott "zog aus über und gegen das Land Ägypten", als er Ägyptens Erstgeburt schlug (Ex 12,12-14.29). Dessen gedenkt speziell das Paschafest. Am Sinai gab Gott Israel die Tora (Ex 20). Das feiert das Pfingstfest. Damals "hörte" Israel (hier: "ich") die Stimme Gottes, die so nie zuvor gehört worden war (Ex 20,19; Dtn 4,32-33). Mit "hören" fällt erstmals das Stichwort, das im Folgenden das Leitwort sein wird (V. 9, 12, 14). Fünfmal wird es noch fallen – nach der Zahl der Bücher der Tora. V. 6 hat das Folgende angekündigt, ab V. 7 redet Gott selbst und erinnert an die Exoduserfahrung.
7 "Ich entledigte von der Last seine Schulter, seine Hände – vom Tragkorb konnten sie ablassen.
8 In der Bedrängnis riefst du, und ich habe dich herausgerissen, ich wollte dir antworten in Donnerverhüllung, ich musste dich prüfen an den Wassern von Meriba:
"Höre, mein Volk, dass ich mahne dich!"
Das Stichwort "Bedrängnis"/"Bedränger" in V. 8 und 15 bildet eine Art Rahmen um die gesamte Gottesrede. Der ganze Ps 81 antwortet auf die Bitten und Klagen der Psalmen 79–80: Wann endlich hilfst du uns aus der Bedrängnis? Gottes Antwort in Ps 81: Ich habe euch von Anfang an aus der Drangsal herausgeführt, sobald ihr zu mir gerufen habt. Aber ihr habt dann nie auf mich gehört. Daher kommt euer heutiges Problem! Die "Last" in V. 7 verweist auf Ex 1,11; 2,11; 5,4.5; 6,6.7. Als Israel in Not war in der Sklaverei Ägyptens, hat Gott seinen Hilfeschrei gehört und es herausgerissen aus der Knechtschaft (Ex 3,7-9):
13 Ich bin der Herr, euer Gott, der euch aus dem Land der Ägypter herausgeführt hat, aus dem Sklavendasein für sie. Ich habe eure Jochstangen zerbrochen und euch aufrecht gehen lassen. (Lev 26,13)
Aus Ägypten führte Gott sein Volk geradewegs zum Gottesberg Sinai, wo sie gut 50 Tage später ankamen (Ex 19,1). Dort sprach er den Dekalog direkt zu Israel. Gott sprach aus einer "Donnerverhüllung" (Dtn 5,12):
16 Am dritten Tag, im Morgengrauen, begann es zu donnern und zu blitzen. Schwere Wolken lagen über dem Berg, und gewaltiger Hörnerschall erklang. Das ganze Volk im Lager begann zu zittern. … 18 Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig, 19 … Mose redete, und Gott antwortete im Donner. (Ex 19,16-19)
Trotz dieser eindringlichen Gotteserfahrung hielt Israels Gottesfurcht nicht an (Ex 20,20; Dtn 5,29). Vielmehr murrten sie auf der Wüstenwanderung ständig, glaubten nicht an Gottes Wirksamkeit unter ihnen, so musste er sie mahnen "an den Wassern von Meriba" (Ex 17,7; Num 20,13). Die V. 9-11 sind ein Gotteszitat im Gotteszitat. Es resümiert die damalige Mahnung von Meriba:
9 'Höre, mein Volk, dass ich mahne dich! Israel, wenn du doch hören wolltest auf mich!
10 Nicht darf sein bei dir eine fremde Gottheit, und nicht darfst du dich niederwerfen einer ausländischen Gottheit!
11 Ich, JHWH, bin dein Gott, der dich heraufgeführt hat aus dem Lande Ägypten. Mach weit deinen Mund, dass ich ihn fülle!'
"Aus dem Felsen mit Honig wollte ich dich sättigen"
"Höre, mein Volk!" gemahnt an das Hauptgebot Dtn 6,4ff. V. 11a nimmt den Prolog zu den Zehn Geboten auf (Ex 20,2; Dtn 5,6). V. 10 dagegen paraphrasiert das erste Gebot (Ex 20,3-5; Dtn 5,7-9). Das für die Fremdgötter hier in V. 10 gebrauchte Wort El bezeichnet, v.a. wenn es dem Menschen gegenübergestellt wird, die Gottesnatur, das Gottwesen (Num 23,19; Jes 31,3; Ez 28,9; Hos 11,9). "Mahnen" nimmt die "Mahnung" aus V. 6 auf. "Mein Volk" steht parallel zu "Israel", wie erneut in V. 12 und 13.
Der Doppelausdruck durchzieht die ganze Gottesrede. Gott hätte gerne, dass "Israel" "mein Volk" wäre, so wie sie von ihm gern einfordern, er solle doch "mein/unser Gott" sein, d.h. für sie zuständig, sich um sie kümmernd (Ps 71,2.4.12.22; vgl. 79,7). Im Gesamtpsalm steht "Israel" viermal, "mein Volk" dreimal, "Jakob" zweimal und "Josef" einmal – insgesamt zehnmal, ein Ausdruck von Vollständigkeit. Nach dem Selbstzitat innerhalb der Gottesrede (V. 9-11) spricht Gott in V. 12-13 weiter aber nun Stellung nehmend zu der im Zitat enthaltenen damaligen Mahnung von Meriba:
12 Aber nicht hörte mein Volk auf meine Stimme, und Israel war mir nicht willig.
13 Da schickte ich es in die Verhärtung ihres Herzens, sie sollten gehen in ihren eigenen Ratschlüssen.
Da das Gottesvolk die Mahnungen der Wüstenwanderung nicht hören wollte, hat Gott es seinem eigenen Willen und damit dem selbstgewirkten Schicksal überlassen ("es" ist das Kollektiv Israel, "sie" sind jeder einzelne Israelit). Ihr jetziges übles Schicksal (Ps 78– 80) haben sie sich ganz und gar selber zuzuschreiben. Würden sie ihre Wege ändern und auf Gott "hören", würde sich ihr Ergehen sogleich ändern.
14 Wenn doch mein Volk hören würde auf mich, Israel auf meinen Wegen gehen würde!
15 Binnen kurzem ihre Feinde wollte ich beugen, und gegen ihre Bedränger würde ich kehren meine Hand!
16 Die JHWH hassen, müssten ihm schmeicheln, und ihre Zeit wäre auf ewig.
17 Und hat man ihn essen lassen vom Weizenfett, so aus dem Felsen mit Honig wollte ich dich sättigen.
"Der Herr allein hat Jakob geleitet, kein fremder Gott stand ihm zur Seite"
"Ihm schmeicheln" scheint sich zunächst auf JHWH zu beziehen, schlägt aber dann um auf Israel, wie V. 16b zeigt (wie "ihn" in V. 17). Umstritten ist, ob "ihre Zeit" in V. 16 die der Feinde ist oder die Israels. Die EÜ scheint sie auf die Feinde zu beziehen ("Aber ihre Zeit soll zur Ewigkeit werden"), die Zürcher auf jeden Fall ("das wäre ihr Los auf ewig"). Die Bible de Jérusalem vereindeutigt zu Israel hin: "et Israël aurait du bon temps pour toujours". Tatsächlich legt sich der Bezug auf Israel inhaltlich näher (Delitzsch, Psalmen 546), wie auch die altgriechische Septuaginta sagt: "und ihr kairos wird sein in Ewigkeit." Statt Israel zu bedrücken (Ps 79–80) müssten Gottes Feinde ihm schmeicheln, es in Ehren halten.
Und nicht nur das: Schon die Meriba-Mahnung von V. 11 hatte den erhofften Gehorsam Israels verbunden mit einem Ernährungsversprechen seitens Gottes: "Mach weit deinen Mund, dass ich ihn fülle!" V. 17 nimmt das auf. V. 17a ist schwierig und wird gerne verändert zu "ich würde ihn/dich essen lassen" (EÜ, Zürcher, NRSV). Wenn man den hebräischen Text stehen lässt, wie er ist, scheint er in V. 17a zurückzugreifen auf die Ernährung der Wüstenzeit, um in 17b ein gesteigertes Versprechen für die Zukunft abzulegen. Das Manna war "Weizenfett", d.h. "bester Weizen" oder "Brot der Starken", "Engelsbrot" wie Ps 78,25 eben noch gesagt hatte, schmeckte es doch wie Honig- (Ex 16,31) und Ölkuchen (Num 11,8). Das würde Gott im Land, das von Milch und Honig fließt (Ex 3,8.17; Dtn 6,3), noch steigern zu "Honig" aus dem Felsen, der er selber ist (Ps 18,3; 31,4; 42,10; 71,3), um auch das Wasserwunder in Ex 17 und Num 20 noch zu übertrumpfen. Der Psalmist spielt hier das Moselied ein (vgl. auch Ps 147,14):
12 Der Herr allein hat Jakob geleitet, kein fremder Gott stand ihm zur Seite. 13 Er … nährte ihn mit den Früchten des Feldes, er stillte ihn mit Wein aus den Felsen, mit Öl aus Felsspalten. 14 … dazu Feinmehl aus Weizen. Das Blut der Trauben trankst du gegoren" (Dtn 32,12-14).
Hatte das betende Israel in V. 2-5 dreimal von "Gott" geredet, sagt Gott selber in seiner Rede zweimal "Gottheit" für Fremdgötter (V. 10), nennt aber sich selbst in V. 11 und 16 "JHWH – dein Gott – JHWH". Das wäre er gerne, wenn sein Volk auf ihn hören wollte.