Der heute zu betrachtende Psalm 80 setzt Ps 79 fort und bittet weiterhin um die Wiederherstellung Israels. Das erste Wort "Hirte Israels" knüpft direkt an den letzten Vers von Ps 79 an (79,13: "die Schafe deiner Weide"). Die Stichwörter "Spott der Nachbarn" in 80,7 und "dein Name" in 80,19 binden den Psalm ebenfalls direkt an 79,4 und 79,6.9 zurück. Die Überschrift weist den Psalm den Asaf-Psalmen zu (Ps 50, 73–83) und betitelt ihn mit "Lotusblüten" und "Zeugnis" (so nur noch Ps 60).
1 Für den Musikmeister: Zu Lotusblüten, Zeugnis, von Asaf ein Instrumentallied.
Das Stichwort "Zeugnis" verkettet Ps 80 mit Ps 78,5.56 und 81,6. "Lotusblüten" sind ein Symbol für "Regeneration" (Böhler, Psalmen 1–50, HThKAT, 32), und genau darum geht es: Israels Wiederaufleben. Die drei Elemente eines klassischen Klagelieds sind sofort erkennbar: Anrufung (V. 2-4), Notschilderung (V. 5-14) und Rettungsbitte mit Lobversprechen (V. 15-20).
2 Hirte Israels, nimm zu Ohren: Der du führst wie Schafe Josef, als Kerubenthroner erscheine!
3 Vor Efraim, Benjamin und Manasse her erweck deine Heldenkraft – und auf: zur Rettung für uns!
4 Gott, stell uns wieder her, und lass leuchten dein Angesicht, dass wir gerettet werden!
"Leuchten lasse der Herr sein Angesicht zu dir hin und sei dir gnädig"
Im Alten Orient war die Bezeichnung von Göttern und Königen als "Hirten" gängig. In der Bibel ist diese Bezeichnung für Gott ebendeswegen sehr selten (Gen 48,15; 49,24; Ps 23,1; 80,2). Der Psalm redet Gott durchweg im Du an – die Sprecher sind ein "Wir" (V. 3, 4, 7, 8 etc.) – und fordert vom "Hirten", dass er seine Hirtensorge endlich wieder aufnehme. V. 2 fordert ihn zum Hören auf. Was soll er hören? Die Bitte, er solle als "Kerubenthroner" erscheinen (vgl. Ps 50,2). Den Titel bringt die Bibel mit dem vorjerusalemischen Heiligtum in Schilo (Ps 78,60!) in Verbindung (1 Sam 4,4; 6,2; 2 Kön 19,15 = Jes 37,16, 1 Chr 13,6; Ps 80,2; 99,1). Keruben sind Sphingen, geflügelte Mensch-Tier-Mischwesen (Ez 1; 10). Auf den Kerubim als Thronwagen wird Gott in mythologischer und poetischer Sprache als pfeilschneller, d.h. allgegenwärtiger und allmächtiger Schutzgott vorgestellt.
Nachdem er anscheinend lange "geschlafen" hat, bittet die Beterschaft Gott, er möge endlich seine Macht wieder aufwecken und einsetzen zur Rettung Israels (V. 3). "Josef" ist der Vater von Efraim und Manasse (Gen 41,51f.). Diese und Benjamin (König Sauls Stamm) sind oft ein poetischer Name für die zehn Stämme Nordisraels (1 Kön 12,20). Hier beten also die Angehörigen des Südreichs Juda (vgl. die davidischen Idealgrenzen von V. 10-12!) um die Wiederherstellung Nordisraels, das 722 v. Chr. unter dem Ansturm der Assyrer untergegangen war (2 Kön 17). V. 4 bittet um Wiederherstellung und Rettung ganz Israels. Die Formulierung vom "Leuchten des Angesichts" ist dem aaronitischen Segen entnommen:
Leuchten lasse der Herr sein Angesicht zu dir hin und sei dir gnädig! (Num 6,25)
Nachdem Gott sein Gesicht lange anscheinend verborgen oder verfinstert hat, bitten die Beter, er solle es wieder freundlich strahlen lassen und seinem Volk wieder gnädig sein. V. 4 ist, wie sich im Weiteren zeigen wird, ein Refrain. Er wird in V. 8 und 20 wiederholt und gliedert so das Gedicht auch formal: Die V. 2-4 waren die erste Strophe, V. 5-8 sind die zweite, V. 15-20 die vierte, dazwischen V. 9-14 die dritte (ohne Refrain). Der Refrain variiert leicht und steigert die Anreden:
V. 4: "Gott!" → V. 8: "Gott, Zebaot" → V. 20: "Herr, Gott, Zebaot"
Alle Refrain-Elemente (außer "leuchten") erscheinen auch sonst im Psalm ("wieder" in V. 15; "dein Angesicht" in V. 17; "Rettung" in V. 3), vor allem aber die Gottesanreden:
V. 4: "Gott"
V. 5: "Herr, Gott, Zebaot"
V. 8: "Gott, Zebaot"
V. 15: "Gott Zebaot"
V. 20: "Herr, Gott, Zebaot"
"JHWH, Gott, Zebaot, wie lang willst du geschnaubt haben beim Flehgebet deines Volkes?"
Fünfmal "Gott" (Elohim), dazu El in V. 11, zweimal JHWH ("Herr") und viermal Zebaot sind 12 Gottesnamen, denn um das Zwölfstämmevolk Israel geht es.
Zebaot ("Heere") – auch ein auf Schilo zurückgeführtes Gottesepitheton (1 Sam 1,3.11; 4,4) – wird oft als Genitiv zu JHWH oder Gott gedeutet ("Herr der Heerscharen"). Die "offizielle" hebräische Grammatik erlaubt das nicht (wie immer das Volk geredet haben mag). In diesem Psalm jedenfalls ist "Heere" in Elohim Zebaot eine Apposition: "Gott, welcher eine Heeresmacht ist". Tatsächlich übersetzt von den altgriechischen Bibelübersetzern (um die Zeitenwende) nur der Psalterübersetzer immer "Herr/Gott der Heere", der Jesaja-Übersetzer weicht aus und transkribiert "Herr, Sabaoth", der Übersetzer des Zwölfprophetenbuchs aber ganz korrekt: "kyrios, pantokrator", "Herr, Allherrscher".
Die zweite Strophe beginnt und endet mit Gottesanreden:
5 JHWH, Gott, Zebaot, wie lang willst du geschnaubt haben beim Flehgebet deines Volkes?
6 Du hast sie essen lassen Tränenbrot, du hast sie getränkt mit Tränen maßweise.
7 Du setztest uns (permanent) zum Streitgegenstand für unsere Nachbarn, und unsere Feinde können spotten nach Belieben.
8 Gott, Zebaot, stell uns wieder her, und lass leuchten dein Angesicht, dass wir gerettet werden!
Noch während sein Volk fleht, schnaubt Gott, wörtlich: "raucht" voll Zorn (zum Perfekt, vgl. Ex 10,3). Sein Zornrauch hüllt ihn ein und lässt das Gebet nicht durchdringen zu ihm. Die Beter fragen, wie lange er das andauern lassen will. Ihre einzige Nahrung sind Tränen, "maßweise", wörtlich: "Drittelmaß". Ein Drittel Efa sind etwa 10 Liter. Statt in Frieden mit den Nachbarn zu leben, ist Juda ständig Anlass zum Streit. Es liegt derart am Boden, dass die Feinde nach Belieben (wörtlich: "für sich", wie sie wollen) spotten können (vgl. Ps 79,4).
Die dritte Strophe bleibt ohne Gottesanrede und Refrain und stellt Gottes ehemalige Großtaten seinem jetzigen Versagen gegenüber:
9 Einen Weinstock aus Ägypten konntest du ausheben, Nationen vertreiben und ihn einpflanzen.
10 Du hast geräumt vor ihm her und er hat eingewurzelt seine Wurzeln und erfüllte das Land.
11 Bedeckt wurden Berge mit seinem Schatten und mit seinen Zweigen Gotteszedern.
12 Er konnte aussenden seine Äste bis zum Meer und zum Strom seine Schösslinge.
13 Warum hast du eingerissen seine Mauern, dass alle ihn abpflücken können, die am Weg vorbeiwandern,
14 ihn abfressen kann das Schwein aus dem Wald, und das Feldgetümmel ihn abweiden?
Mit dem Wortspiel ns' – nt' ("ausheben", wörtlich: einen Zeltpflock herausziehen, d. h. zum Wegzug aufbrechen wie Ps 78,52, und "einpflanzen") beschreibt der Dichter den Auszug aus Ägypten als Verpflanzung eines Weinstocks. Der Hirt wird poetisch zum Winzer, der es versteht, einen Weinstock kundig umzupflanzen, und zwar aus dem engen Niltal, wo er sich nicht entfalten konnte, ins weite Kanaan. Dort entfernte Gott andere Gewächse und sorgte dafür, dass der Weinstock sich ausbreiten konnte:
nach Süden – die "Berge" meinen das Sinaigebirge (über 2.000 m) und das Gebirge Seir/Edom,
nach Norden – zum Libanon mit seinen mächtigen Zedern ("Gotteszedern"),
nach Westen – das "Meer" meint das Mittelmeer,
nach Osten – der "Strom" ist der Eufrat, der im idealen Königreich Salomos die Ostgrenze Israels bilden soll (Jos 1,5; 1 Kön 5,1),
Nach der ausführlichen Beschreibung der Ausbreitung kommt urplötzlich die vorwurfsvolle Frage: Warum hast du, fähiger Winzer, die Schutzmauern des Weingartens eingerissen, so dass jede Wildsau ihn jetzt abgrasen kann? Der sich ausbreitende Weinstock wurde zum gerupften. "Feldgetümmel" meint alle möglichen Wildtiere. Das Wort kommt sonst nur noch im Asaf-Psalm 50,11 vor. Auch "Schwein" und "Getümmel" bilden im Hebräischen ein Wortspiel (chasis – sis). Der eingangs angesprochene "Hirte" (hebr.: "einer, der weidet") überlässt das "Weiden", Abweiden, jetzt den wilden Tieren. Die Warum-Frage sucht die Schuld allein bei Gott. Die Beter haben keinen Anlass für das Desaster gegeben. Die dritte Strophe endet ohne Wiederherstellungsbitte. Der fragende Vorwurf in V. 5 und 13 ist Aufforderung genug: Wie lange noch soll das dauern?
"Blick vom Himmel und sieh, und kümmere dich um diesen Weinstock"
Die letzte Strophe spricht den Gott, der Allmacht ist, wieder an:
15 Gott, Zebaot, kehr doch wieder, blick vom Himmel und sieh, und kümmere dich um diesen Weinstock,
16 und festige, den deine Rechte gepflanzt hat, und auf den Sohn, den du fest gemacht hast für dich!
17 Verbrannt vom Feuer, abgeschnitten ist er, vom Drohen deines Angesichts mögen sie zugrunde gehen.
18 Es sei deine Hand über dem Mann zu deiner Rechten, über dem Menschensohn, den du fest gemacht hast für dich,
19 dass wir nicht abweichen von dir! Lass uns aufleben, dann wollen deinen Namen wir anrufen!
20 JHWH, Gott, Zebaot, stell uns wieder her, und lass leuchten dein Angesicht, dass wir gerettet werden!
Die Beter fordern Gott auf, seine Winzerpflicht wieder wahrzunehmen, wieder hinzuschauen auf die Not, sich wieder zu kümmern, wie damals beim Exodus (Ex 3,16; 4,31), als er auch "Israel" seinen "erstgeborenen Sohn" nannte (Ex 4,22). V. 17 ist schwierig. So wie der hebräische Text steht, sagt er "verbrannt vom Feuer, abgeschnitten" sind die Rebzweige (hysteron-proteron). Mit leichter Textänderung lesen manche "sie verbrannten im Feuer wie Kehricht" (Hieke, Psalm 80, 32: ke + sucha wie Jes 5,25). Jedenfalls ist V. 17a, obwohl der Weinstock (hebr.: "sie") noch Thema ist, nicht mehr der "gerupfte" von V. 9-14, sondern nun auf der Sachebene, das schwer angesengte Juda selbst. Dieses ist nicht etwa exiliert gedacht, der Weinstock nicht wegverpflanzt, sondern im Lande unter Fremdherrschaft (Delitzsch, Psalmen 536). In V. 17b beginnt die Bitte gegen die Feinde – sie mögen endlich Gottes Drohen erfahren zum Schutze Judas. Gottes Schutz erbitten die Beter nun konkret für den König, der nach Ps 110,1 zur Rechten Gottes sitzt. Israel als "Sohn" (V. 16) wird verkörpert vom König als "Sohn" (V. 18). Das aramäische Targum deutet direkt auf den "König Messias". V. 19 verspricht dann wieder Lob statt Klage, nennt "deinen Namen", der in 79,6.9 so zentral war, bevor V. 20 wieder mit dem Refrain schließt.
Das Bild von Israel als Weinstock (Ps 80) oder Weingarten (Jes 5) überträgt Jesus in Joh 15 auf sich selbst: "Ich bin der wahre Weinstock" = ich verkörpere als König das wahre Israel.