Meine Mutter versuchte, mich mit dreizehn Jahren in das Dorfleben am bayerischen Untermain zu integrieren. Bereits in Massachusetts hatte ich Saxophon-Unterricht erhalten, aber auf das Repertoire des Musikvereins Frohsinn e.V. in Großwallstadt war ich nicht ganz gefasst. Dort hagelte es Stücke wie die Fuchsgraben Polka, Rauschende Birken, den Radetzkymarsch und – unvermeidlich – ein Prosit auf die Gemütlichkeit.
So stand ich eines Morgens unverhofft in einer Lederhose am Rathausplatz. Die Blaskapelle befand sich fest in der Hand von drei Familien am Ort: den Köhlers, den Markerts, den Schandels.
Fronleichnam hatte ich bis dahin nie wirklich wahrgenommen. Doch als Mitglied der Dorfkapelle musste ich um 8:30 Uhr antreten. Am Tag zuvor hatte ich mit weiteren Jungmusikern auf einem Parkplatz am Mainufer das Marschieren mit Instrument geübt.
Zu meiner Überraschung verfügte mein Saxophon über eine Öse mit Schraubvorrichtung, in die ich die Marschgabel steckte. Darauf klemmte ich das grüne Notenheft mit der 2. Stimme in Es-Dur. Bevor wir mit der Prozession im Ort umherziehen würden, stellten wir – etwa dreißig Musiker:innen – uns vor dem Rathaus in Formation, um zur Kirche zu marschieren. Wir spielten dabei abwechselnd den Bayerischen Defiliermarsch und, glaube ich, den Astronautenmarsch. Manchmal weiß ich nicht, ob mich die Erinnerung rührt oder gruselt.
Meine Großmutter beteuerte später, ich sei "der Einzige, der im richtigen Takt gegangen ist."
Kaum hatte ich das erste Stück aufgeschlagen, setzten hinter mir schon die Perkussionisten mit dem Marschlocken an. Johannes, ein fülliger Maurerlehrling mit präzisem Taktgefühl, rief: "Im Schritt – Marsch." Meine Finger zappelten an den Klappen des Saxophons. Ständig kam ich beim Marschieren aus dem Tritt und musste mich mit einem Ausgleichsschritt korrigieren. Das Notenheft schlingerte bei jeder Bewegung vor meinen Augen. Ich wusste teilweise nicht mehr, in welchem Takt wir gerade spielten, und geriet außer Atem. Allerdings beteuerte meine Großmutter später, ich sei "der Einzige, der im richtigen Takt gegangen ist."
Fünf Meter unter der Orgel
Vor der Kirchenpforte kamen wir zum Stehen. Ich spürte in mir eine leise Verzweiflung aufkommen und strich mir die Schweißperlen mit dem Ärmel von der Stirn. Kühl umschloss mich die Luft im Kirchenraum, als wir weit hinten auf den Bänken unter der Orgelempore Platz nahmen.
Von den Musikern verfolgte nicht wirklich jemand die Messe. Auch wenn wir alle die Instrumente umständlich auf den Bänken ablegten, um bei der Kommunion den langen Weg an den Altar zu gehen. In der großen Hallenkirche fiel das Tuscheln kaum auf. Fünf Meter über uns spielte der Organist, ein pensionierter Orthopäde. Seine Finger schienen beim Spielen offenbar an den Tasten zu kleben. Die Pedale stellten für den etwas kurz geratenen Mediziner eine Herausforderung dar.
Schwankend von Station zu Station
Schließlich bereitete der Priester die Aussetzung der Eucharistie in der Monstranz vor. Dabei lag die Lunula für kurze Zeit wie eine Gabel, die jemand nach dem Fest vergessen hatte, auf dem weißen Altartuch. Er fummelte die Hostie in die Haltevorrichtung und schob diese in die Schaukapsel der birnenförmigen Monstranz.
Dann ging es rasch. Die Helfer hatten sich schon an den vier Tragstangen des Himmels positioniert. Der weiße Baldachin bauschte sich kurz auf, als sie ihn anhoben und der Priester das Allerheiligste darunter trug. Wir setzten uns ohne Kommando in Bewegung.
Mein Notenheft hatte ich gewendet: vorne Bierzelthits, hinten Kirchenlieder wie Deinem Heiland, deinem Lehrer, mit gefühlt einer Million Strophen oder das wiegenliedartige Lied Erde singe, das es klinge, das auf Quarten und Quinten eine aufsteigende Wellenbewegung macht. So prozessierten wir – alla breve – in einer langsam schwankenden Schreitbewegung hinter dem Himmel her, vorbei an Blumenteppichen, die der Frühwind schon etwas verweht hatte, von Station zu Station.
Unmusikalische Kirche
Das Zusammenspiel von Musikkapelle und eucharistischer Prozession hinterließ in mir am Ende ein starkes Gefühl der Verbundenheit. Es stifte in mir ein Bewusstsein, dass Religion zutiefst mit Öffentlichkeit und öffentlichem Raum zu tun hat. Sie zeigt sich prachtvoll und würdig. Man kann dazukommen – oder es lassen. Dieses öffentliche Ritual schenkt einen erhebenden Moment, verwurzelte tief drinnen ein intensives Erlebnis.
Als Schriftsteller schmerzt es mich etwas, zuzugeben, dass keine Kunst so tief in uns wühlt wie die Musik.
Es ist ein Allgemeinplatz, aber sollte daher wiederholt werden: Der Musik wohnt eine Kraft inne, starke Gemeinschaftsmomente zu prägen. Als Schriftsteller schmerzt es mich etwas, zuzugeben, dass keine Kunst so tief in uns wühlt wie die Musik. Keine hat mehr Anziehungskraft. Sie ist ihre eigene Evidenz.
Es wunderte mich deshalb besonders, dass Kirchen aus diesem Zusammenspiel von Musik, Glauben und besonders Liturgie nicht mehr machen. Menschen musikalisch zu organisieren, in einem Chor, Kapelle oder Orchester, ist ein Motor für Solidarität.
Doch die Deutsche Bischofskonferenz wählt einen dissonanten Weg: Sie will zum Beispiel ab 2027 die jährliche Förderung vom Allgemeinen Cäcilienverband (50.000 Euro) einstellen. Die Erzdiözese Wien spart sich ihren etablierten Klassik-Radiosender und schrumpft das Diözesankonservatorium. Kantorenstellen werden nicht mehr besetzt oder so sehr spezialisiert, dass sie kaum noch die Gestaltungskraft aufbringen, um schöpferisch in ihren Gemeinden zu wirken. Es fehlt auch an Konzepten zwischen pastoraler Arbeit und Musik; und es fehlt meist selbst bei pastoralen Mitarbeitern – und Klerikern – an der schlichtesten Musikalität.
Wo man hinschaut, wird die katholische Kirche unmusikalisch. Während nutzlose Doppelstrukturen in den Diözesen, wie zum Beispiel die katholische Erwachsenenbildung neben den katholischen Akademien, mit einer üppigen Personaldecke ausgestattet sind, wird die Kirche unmusikalisch.
Während die Diözesen Millionen für Beachflags und Werbeagenturen aus dem Fenster werfen, verstummen die lokalen Chöre, verkümmert die Kirchenmusik. Während eine immer größere Zahl an theologischen Referenten aberwitzige "Angebote" erfinden, die niemand braucht und auch kaum jemand in Anspruch nimmt, fehlt es an einer systematischen Befähigung der Laien zur Musik.
Nicht die Welt wird religiös unmusikalisch, sondern die Kirche wird unmusikalisch. Kein Wunder, dass sie sich nur noch in ihren Misstönen zu ergehen versteht! Während renommierte Orchester in ganz Europa das Repertoire an sakraler Musik in frischen Interpretationen in ausverkauften Konzertsälen zu Gehör zu bringen wissen, verstummt die Musik in den Räumen, wofür viele dieser Stücke komponiert worden sind.
Was ist nur in die Bischöfe und Kirchenkämmerer gefahren, dass sie musizierende Engel nur noch als bröckelnde Portalfiguren oder überrestaurierte Statisten auf Altarblättern sehen wollen?