Worin besteht die Kernkompetenz eines Theologen? Antworten auf diese Frage sind stets etwas unangenehm. Überall, wohin der Theologe kommt, scheint er fremd. Betritt der Theologe als Krankenhausseelsorger ein Spital, so belächeln ihn sogar die Arzthelfer; und strengt sich der Theologe noch so an, damit er einen Sitz im Ethik-Komitee ergattert, fehlt ihm meist die medizinische Expertise, um auch nur ansatzweise die Reichweite und Konsequenzen klinischen Handelns zu durchschauen.
Stellt sich der Theologe vor eine Schulklasse, beäugen ihn schon die Fachlehrer und fordern zu Recht eine solide pädagogische Ausbildung. Ist er im Militär oder im Strafvollzug tätig, trägt er die Uniform in einem anderen Geist. Arbeitet er mit Armen und Obdachlosen, wird er schnell seine Grenzen gegenüber den Sozialarbeitern feststellen. Alles ist ein bisserl anders, wenn die Theologie im Spiel ist: Die Kunst wird zur Sakralkunst, die Jurisprudenz zum Kirchenrecht, das im Staat keine Geltung besitzt. Selbst die Historiker unterscheiden von der Geschichte die Kirchengeschichte, als gingen dort die Uhren anders. Trotzdem möchte der Theologe überall mitreden.
Diplomierte Amateure
Die Institution Kirche antwortet auf diese amateurhafte Profession auf unterschiedliche Weisen: Sie gründet neben dem Konservatorium ein Diözesankonservatorium. Oder sie spezialisiert ihre pastorale Seelsorge in weitverzweigte Unterdisziplinen, die sie "kategoriale Seelsorge" nennt.
Der City-Seelsorger braucht eine andere Professionalität als der Seelsorger am Land; der Zirkusseelsorger muss durch andere Reifen hüpfen als der Klinikseelsorger. Trotzdem bleibt auch der Seelsorger mit Zusatzausbildung, mit Spezialerfahrung, im Expertendiskurs meist – vielleicht unvermeidlich – gegenüber anderen Professionen außen vor.
Selbst an der Universität, könnte man fragen, ist die Theologie heutzutage ein seltsames Gebilde. Warum Universität, anyway? Jaja: wegen der historisch-kritischen Methode, den analytischen Verfahren der modernen Wissenschaft, der Notwendigkeit von Argument, Experiment und Beweisführung, den Fach- und Bezugswissenschaften, der staatlichen Finanzierung usf. Aber ist deshalb jeder Theologe bestens an einer klassischen Universität aufgehoben?
Wenn jemand Künstler – sagen wir Maler – werden möchte, wird er über die an der Universität ausgebildeten Kunsthistoriker, Kulturmanagement-MBAs, die glotzaugenbebrillten Kunstgeschichtler, die Museologen lächeln; der Künstler wird sich an der Kunsthochschule, der Hochschule für Angewandte Kunst oder der Kunstakademie bewerben. Er wird lieber nach Residenzprogrammen Ausschau halten als nach Summer Schools; lieber in der Künstlerkolonie Inspiration suchen als im klimatisierten Workshop.
Auch ein Musiker wird, will er ernst genommen sein, am Konservatorium eine bereits seit Kindheit konsequent trainierte Musikalität zum professionellen Konzertfach oder der Solistenklasse führen. Sich nicht musikwissenschaftliches Wissen "anlesen" und textuell heruminterpretieren, wenn doch der Applaus nur vom dankbaren Publikum für Virtuosität zu gewinnen ist.
Der Theologe ist hingegen ein diplomierter Amateur, wohin er auch kommt. Selbst die Gräzisten lächeln über das schaumweinleichte Griechisch des Neuen Testaments und der Septuaginta.
Christ kann auch der sonst allem Geist fernen Wirtschaftsinformatiker sein; der nüchterne Finanzbeamte, der so gerne das Wort "Dezimalstelle" sagt, kann genauso easy ein Katholik sein, wie der Analphabet aus dem Armenviertel; der eingeölte Stripper von den Chippendales kann ebenso fromm sein wie die Frau aus der Escort-Branche, die nebenbei ein Modelabel führt. Dass Fußballer, Skispringer und Tennisstars, die beim Papst um den Segen bitten, nicht immer die größten Exegeten der Patristik sind, wissen wir.
Außerdem: Hört man auf so manche Wissenschaftsextremisten, ist es sogar hinderlich Christ zu sein, wenn man sich akademisch mit der Theologie auseinandersetzt. Da fehle die Neutralität.
Der Theologe ist kein Experte neben anderen Experten. Er ist Spezialist für die Fugen zwischen den Disziplinen.
Also, was ist nun des Pudels Kern? Der Theologe ist kein Experte neben anderen Experten. Das heißt nicht, dass er fern von Expertise wäre. Seine Kompetenz besteht darin, jene Fragen offenzuhalten, die keine Profession für sich allein beantworten kann. Er ist Spezialist für die Fugen zwischen den Disziplinen. Zugleich geht er mit Wertungen um, die andere unterlassen oder relativieren. Das macht ihn allerdings zur zwielichtigen Gestalt. Theologen, die sich ihrer Profession sicher sind, so viel sei mir als ein Wort der Warnung zugestanden, sind besonders zwielichtig.