# 57 HörgerätGerontokratie Kirche?

Alte entscheiden, wie eine "junge Kirche" aussehen soll – und planen an den Bedürfnissen junger Menschen vorbei.

Hörgerät
© Unsplash

Die Tage der Pandemie scheinen mir inzwischen so fern wie eine Mammutjagd. Damals kam jäh alles zum Stillstand – vom Jumbojet über das Containerterminal bis zum Tanzclub und Kirchgang – vor allem, um die alten und hochaltrigen Menschen zu schützen. Nicht angstvolle Tatenarmut, noch hoffnungsklaubendes Leugnen ließ die Politik auf der Stelle treten. Diesen Moment überwanden wir gemeinsam – und mit uns alte und verletzliche Menschen, die sonst das Virus weggerafft hätte.

Doch bevor wir unsere Wunden lecken konnten, stürzte uns ein von seiner Legacy getriebener, damals fast siebzigjähriger Wladimir Putin in den Krieg, als er die Ukraine brutal überfallen ließ. Von Joe Biden, der nicht aufgeben wollte und so Donald J. Trump zum erneuten Sieg verhalf, bis zu Ayatollah Ali Khamenei, der zehntausende Demonstranten in einem Blutbad hinrichten ließ: an hochaltrigen Fehlentscheidern mangelt es nirgends.

Dabei ist der Topos der Gerontokratie selbst uralt. Der Generationenvertrag war schon im Eimer, bevor die 68er gegen ihre Väter rebellierten: In Homers Ilias tritt der alte Nestor als Ratgeber und graubärtiger Stratege auf und treibt die jungen Griechen nach Troja; auch später in der Odyssee sind Nestors Ratschläge gegenüber dem jungen Telemachos nicht unbedingt von der Tröstung alter Weisheit gesegnet.

Kurzum, die in letzter Zeit häufig zitierten Worte Herbert Hoovers vom republikanischen Parteitag im Juni 1944 sind eine bittere Einsicht:

"Ältere Männer erklären den Krieg. Doch es ist die Jugend, die kämpfen und sterben muss. Und es ist die Jugend, die die Mühsale, die Trauer und die Triumphe erben muss, die die Folgen des Krieges sind."

Das Bild vom Generationenvertrag, wie er der sozialpädagogischen Imagination Rousseaus und der sozialen Marktwirtschaft der nach Stabilität sehnsüchtigen Nachkriegszeit Konrad Adenauers entsprungen war, entpuppt sich als eine wünschenswerte, aber höchst fragile Metapher.

Grey Power

Die Belange von älteren Kohorten bestimmen die Grundlinien in modernen Gesellschaften, wie vor einigen Wochen Kira Renée Kurz in einer Ausgabe der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) zur Demografie darstellte. Nicht nur sind junge Menschen in unserer Gesellschaft zahlenmäßig eine kleinere Gruppe als ältere Menschen: in den Altersgruppen zwischen 50 und 70 Jahren ist auch die Wahlbeteiligung signifikant höher.

Die Wissenschaftlerin macht in ihrem Essay eine interessante Beobachtung: Die Dominanz von alten Menschen im demokratischen Prozess führt nicht zwangsläufig dazu, dass die politische Agenda von "ihren" Themen besetzt wird. Vielmehr beeinflusst die Dominanz von alten Menschen die Sicht auf junge Themen: Was ein politisches Anliegen von jungen Leuten ist, bestimmen nicht die real existierenden jungen Menschen, sondern die alten Menschen.

Anders gesagt: Alte Menschen üben eine gewisse Macht aus, was die Gesellschaft für jung hält und was nicht. So können "junge Themen" an den tatsächlichen Interessen, Wünschen und Haltungen von jungen Menschen vorbeigehen.

Ein Katholik am Land ist im Schnitt Mitte 50

Mich interessieren Machtverhältnisse, die durch Altersverhältnisse in kirchlichen Institutionen geschaffen werden.

Für das Jahr 2024 liegt das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei 44,9 Jahren in Deutschland und bei 43,8 Jahren in Österreich. Auf Basis der Kirchensteuerdaten können die Diözesen sehr genau feststellen: Das Alter der Katholiken in ländlichen Räumen liegt zehn Jahre über dem der Gesamtbevölkerung. Sie sind also im Schnitt Mitte 50. Betrachtet man nicht alle Katholiken, sondern nur jene, die am kirchlichen Leben teilnehmen, z.B. zum Gottesdienst kommen oder einen Vortrag hören, dann lassen sich wohl leicht nochmal fünf Jahre draufrechnen. "Aktive Katholiken" dürften durchschnittlich um die 60 Jahre alt sein.

Hinzu kommt die komplette Überalterung der Führungsriege in kirchlichen Einrichtungen. Und es sind exakt diese Menschen, die die Angebote und Konzepte "für junge Menschen" in Auftrag geben oder genehmigen.

Für wen wird Kirche gedacht?

Das heißt: Die Verjüngung der Kirche ist nicht nur ein Kampf gegen den demografischen Trend. Vielmehr muss man sich auch über die gerontonormativen Kräfte klar werden, über jene Machtverhältnisse, die Sichtweisen und Entscheidungsprozesse strukturieren.

Projekte wie das Coffeebike, die Tiny Church, die EMAS-Zertifizierung der Jugendkirche, die aberwitzigen fresh expressions sind keineswegs das, was junge Menschen suchen, wenn sie an Religion denken. Vielmehr sind es Angebote, die von alten Menschen mit dem Anspruch auf Jugendlichkeit genehmigt werden. Das Problem ist nicht, dass diese Projekte schlecht sind. Das Problem ist, dass sie oft von älteren Menschen für imaginierte junge Menschen entworfen werden.

Nicht wenige Verantwortliche in der Kirche wehren in ihrem professionellen Altersstarrsinn aktiv die Wünsche junger Menschen ab. Auch viele junge Kirchenmitarbeiter sind gerade deshalb Kirchenmitarbeiter, weil sie die vergreisten Jugendlichkeitsvorstellungen ihrer alten Vorgesetzten bedienen.

Überall, wo junge Menschen freiwillig, ohne dass sie jemals eine verkrampfte missionarische Kirchenabteilung erreichen würde, einem Instagram-Account folgen oder eine Worship-Veranstaltung besuchen, da wittern die überalterten Amtstheologen entweder eine charismatische Verirrung, eine fundamentalistische Vereinnahmung, ein vorkonziliares Rollback, eine oberflächliche Lifestyle-Verirrung oder ein hysterisches Engagement, das besser bei einer NGO aufgehoben wäre.

Jugend überrascht

Der gerontonormative Blick, der alles aus der Perspektive des Gealterten betrachtet, trifft das volle ideologische Spektrum – von sehr grauen Protagonist:innen von #OutInChurch bis zu den sehr grauen Katholiken, die sich in der Laien-Oblation mit einem Kloster verbinden.

Ich gebe zu, dass auch ich in ein Alter gekommen bin, an dem der Enthusiasmus von jungen Menschen für Formen des Katholizismus aus dem späten 19. Jahrhundert gelegentlich unheimlich wird. Auch das tranceartige Schunkeln in Worship-Events, die neue Purity-Culture bleibt mir nicht ganz nachvollziehbar.

Trotzdem glaube ich, dass es nötig ist, den Elder Catholics einzuschärfen, sich mehr zurückzunehmen, den Konservatismus von jüngeren Menschen nicht als eine Degeneration oder als "Rückfall" zu brandmarken, sondern als eine andere Antwort auf andere Bedürfnisse wertzuschätzen. Junge Menschen überraschen ja gerade deshalb, weil sie jeweils radikale Neuanfänge in einer alten Welt sind.

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