Ich gestehe: Ob es das Antlitz eines Engels war, das ich schaute, oder ob ich ins Auge Saurons starrte, vermochte ich nicht sofort zu entscheiden, als meine Frau mich nach ihrem Beauty Day anlächelte. Wimpernlifting stellt eine avancierte Kulturtechnik dar, die für mich, einen Caliban, der kaum zwischen Shampoo und Conditioner zu unterscheiden weiß, von einem entfernten Planeten zu stammen scheint.
Der italienische Nobelpreisträger Salvatore Quasimodo schreibt in seinem Gedicht Ed è subito sera:
Jeder steht allein auf dem Herzgrund der Welt,
durchfahren von einem Sonnenstrahl:
und schon ist’s Abend.
Aber, bitte, wer braucht schon ein blinzelndes oculus cordis, die Schau des Herzens, wenn eine Theosis, also die von den christlichen Ostkirchen erstrebte Vergöttlichung, durch eine lichtreiche Verwandlung des Menschen in reine Wahrnehmung zu erreichen ist?
Aug und Augenweide fielen in meiner Vorstellung ineinander, die visio beatifica getriggert vom entzückenden Blick selbst. War dies die letzte Metapher, die ich brauchte, um über die temporäre Körpermodifikation eine neue Kulturgeschichte des Blickes zu unternehmen? Der schöne Blick, der eine herrliche Wirklichkeit schaut? Nach welchem inneren oder äußeren Augenmaß sollte ich mein Bedürfnis nach verklärter Schöpfungsschau richten?
Wimpernlifting nach koreanischer Art, bildete ich mir ein, sei der Versuch, das Augenlicht von allen trübenden Hindernissen zu befreien. Das ist above and beyond jeglicher Dienstleistung eines Nagelstudios, jenseits von Waxing und Sugaring.
Pinzettenfeine Hinwendung zum Menschen
Wimper für Wimper wird hier befreit von Schmutz, Fett und Make-up-Rückständen. Pinzettenfeine Hinwendung zum Menschen: Sobald die Härchen auf ein schmales Pad fächerförmig gelegt sind und die Wimpernbiegung perfekt auf den Gesichtstyp abgestimmt wurde, appliziert die Mitarbeiterin eine Lotion, die vorübergehend die Struktur des Kreatins im Haar ändert. Die Wimper wird zunächst destabilisiert, um sodann mit einer zweiten Lotion einen Schwung im Haar zu fixieren, der über mehrere Wochen anhält.
Das koranische Wimpernlifting verklärte sich in mir zu einer weihevollen Exerzitienübung, die mir – einem Geschöpf des Dschungels – vorenthalten geblieben war.
Vor meinen Pupillen hingegen streckten sich die Wimpern wie drahtige Borsten, verschreckten jeden gütigen Blick, der sich auf mein Antlitz zu richten getraute.
Aber das paar Augen, in das ich nun starrte, wusste es besser: Sie verstand, die Wimpern zu nähren, sie vor Trockenheit und Brüchigkeit zu schützen, ihre Bewegungen gleichsam die Anmut der Flabelli zu schenken, jenen an langen Stangen geführten Fächern aus Straußenfedern, die den päpstlichen Thron mit frischer Luft umspielten.
Horace Vernet (1789–1863): Pie VIII porté dans la basilique de Saint-Pierre à Rome
© gemeinfrei/Wikimedia Commons
Doch dann sagte meine Frau: "Ich mache das nur, um Zeit zu sparen. Ich will mich nicht jeden Morgen mit dem Curler herumreißen." Schlagartig zerfiel meine Begeisterung zu Staub. Wie bitte? Wimpernlifting nur um Zeit zu sparen, eine Art Dauerwelle, eine geschwungene Betonfrisur für die Lider? Mehr ist nicht dran. Ach, wie alle Metaphern der Gottesschau letztlich wabernde Brücken für den Sinn darstellen!
Vielleicht besteht die größte Demütigung der Theologie darin, dass ihre raffiniertesten Bilder manchmal nur die poetische Kostümierung eines ganz praktischen Bedürfnisses sind.