Die Frage Gottes in mir: ‹Warum bist du nicht da?›
Peter Handke1
I
Der Mensch ist – nach einer bekannten Wendung Nietzsches – das «nicht festgestellte Tier»2. Er ist nicht determiniert, nicht instinktgesteuert, nicht in fixe Reiz-Reaktions-Schemata eingebunden. Er kann sich bei aller Eingebundenheit in biologische Vorgaben zu allem verhalten. Das gilt auch für die Zeit. Jeder Mensch verhält sich zu der Geschichte, aus der er stammt, verhält sich zu dem, was ihm begegnet, und verhält sich zu dem, was auf ihn zukommt. Schon Augustinus hat im elften Buch der Confessiones nach dem Wesen der Zeit gefragt und festgehalten, dass die Vergangenheit als das, was nicht mehr ist, genauso wenig existiert wie die Zukunft als das, was noch nicht ist. Dennoch gibt es im Bewusstsein des Menschen eine Gegenwart des Vergangenen in Gestalt der Erinnerung (memoria) und eine Gegenwart des Kommenden in Gestalt der Erwartung (expectatio). Im Zeitbewusstsein des Menschen verschränken sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wechselseitig. Die Gegenwart des Gegenwärtigen, die vom gerade Vergangenen ebenso mitbestimmt ist wie vom gerade Andrängenden, ist die Aufmerksamkeit (contuitus)3, die Malebranche einmal «das liebende Gebet der Seele» genannt hat.
Das menschliche Zeitbewusstsein, das gegenüber der kosmischen Zeit ein Eigenleben führt, kennt Dehnungen und Beschleunigungen, Phasen der Langeweile und der Erlebnisverdichtung; vor allem ist es nicht permanent aufmerksam, «das liebende Gebet der Seele» wird unterbrochen, immer wieder fällt der Mensch aus der Gegenwart heraus und lässt sich ablenken von Erinnerungsbildern oder Zukunftssorgen. Auch wenn Paulus im ersten Brief an die Thessalonicher mahnt: «Betet ohne Unterlass» (1 Thess 5, 17), und alle Gläubigen dazu anhält, in der Gegenwart Christi zu leben, so ist doch kaum jemand dazu wirklich in der Lage. Einmal verliert sich das menschliche Zeitbewusstsein in Erinnerungen, ja es kann so stark von dem Versuch okkupiert sein, das Frühere in die Gegenwart zurückzuholen, dass es die Chancen, die in der Gegenwart selbst bereit liegen, kaum mehr wahrnimmt und ergreift. Ein anderes Mal wird das Zeitbewusstsein von einer diffusen Zukunftsangst beherrscht, es läuft voraus und überspringt die Gegenwart, ist schon bei dem, was morgen kommt, und verpasst die Möglichkeiten, die jetzt bereit liegen. Schließlich gibt es eine obsessive Aktualitätssucht, die den Augenblick um jeden Preis beim Schopf ergreifen will, um mehr, immer noch mehr zu erleben. Sie zeigt eine pathologische Störung des Zeitbewusstseins an, die in der Jagd nach der letzten Gelegenheit ebenso traditionsvergessene wie hoffnungslose Züge annimmt. «Gegenwärtige Menschen sind selten.»4 Dabei ginge es darum, die drei Zeitdimensionen, die sich im Bewusstsein wechselseitig durchdringen, immer neu auszubalancieren und die Gegenwart des Vergangenen in der Erinnerung sowie die Gegenwart des Kommenden in der Erwartung im Gegenwartsbewusstsein in ein ausgewogenes Gleichgewicht zu bringen. Kaum zufällig mahnt Peter Handke: «Übe die Gegenwart.»5
Wie aber lässt sich die Zerstreutheit überwinden und besser in die Gegenwart hineinfinden? Kann hier der Hinweis auf die Zeit Christi weiterführen? Immerhin heißt es von Jesus, er sei der Mensch gewesen, der ganz in der Gegenwart Gottes gelebt hat und sich rückhaltlos vom Willen des Vaters bestimmen ließ. «Ich bin vom Himmel herabgestiegen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat» ( Joh 6, 38). Um aber den Willen des Vaters ohne Abstriche tun zu können, darf der Wille nicht von eigenen Vorstellungen besetzt sein, er muss frei sein. Die Negativität dieses Nichttuns, Nichtvollziehens, Nichtwollens aus Eigenem ist die Voraussetzung für eine neue Positivität: das Tun, Vollziehen und Wollen des Willens des Anderen, im Falle Jesu: die Erfüllung der Sendung des himmlischen Vaters. Darin aber ist nach Hans Urs von Balthasar der eigentliche Schlüssel zur Existenzweise Jesu zu sehen.
II
Nicht mein Wille, nicht meine Ehre, nicht ich – diese Abkehr von der Selbstzentrierung ist die Voraussetzung für die Zentrierung auf den Willen des Vaters. Jesus, so könnte man pointiert sagen, vollzieht seine Identität im Empfang. Die Gebets- und Willensgemeinschaft mit dem Vater macht das eigentliche Geheimnis seiner Person und Sendung aus. Er ist der Mensch, der in jedem Augenblick seines Daseins dem Willen des Vaters Raum gibt – und gerade dadurch der Zeit einen ewigen Sinn einschreibt. Das aber heißt, er verzichtet darauf, sich selbst gegen die Unwägbarkeiten des Kommenden abzusichern; er verzichtet darauf, der Vergangenheit nachzuhängen und das Unwiederbringliche zu betrauern, er lebt ganz im Jetzt. So wird sein Leben und Sterben zur Einbruchstelle des Ewigen in die Zeit.
Man kann die Versuchungserzählungen als Anstiftungsversuche von außen deuten, Jesus von der Zentrierung auf den Willen des Vaters abzubringen und ihm stattdessen die Eigensicherung durch Macht und Ansehen als verlockende Alternative einzuflüstern.6 Aber er lässt sich nicht verwirren und bleibt rückhaltlos auf den Willen des Vaters hin ausgerichtet. Sein Gegenwartsbewusstsein ist und bleibt bestimmt durch das Gespräch mit dem Vater.7 Würde Jesu Willen aus der Ausrichtung auf den Willen des Vaters auch nur punktuell herausfallen, hätte dies, wie Balthasar anmerkt, Konsequenzen, die christologisch verhängnisvoll wären: «Wäre sein Haben einen Augenblick lang nicht mehr ein Empfangen, sondern ein aus der Wurzel selbständiges Verfügen, so hätte er sogleich aufgehört, der Sohn des Vaters zu sein.»8 In diesem Existenzmodus, sich selbst aus dem Willen des Vaters zu empfangen, sieht Balthasar einen Hinweis auf die ewige Existenzform des Sohnes: «Wie der Sohn im Himmel nicht zuerst eine Person für sich ist, die es nachträglich übernimmt, sich in den Dienst des Vaters zu stellen, so ist der Sohn auf Erden nicht zuerst ein Mensch für sich, der sich nachträglich zum Vater hin öffnet, um seinen Willen zu erhorchen und zu tun.»9 Mit anderen Worten: Die missio des Sohnes in die Welt ist die ökonomische Form seiner vorweltlichen processio oder generatio durch den Vater.10
Dass Jesus Zeit hat, sagt vor allem dies: dass er den Willen des Vaters nicht vorwegnimmt. Er tut das einzige nicht, was wir Menschen in der Sünde immer tun wollen: Die Zeit und die in ihr liegenden Verfügungen überspringen, um in einer Art angemaßter Ewigkeit uns Überblicke und Vergewisserungen zu schaffen.11
Die Überspringung der Zeit, der eigenmächtige Vorgriff der Zukunft, die Versuchung, sich selbst absichern zu wollen, ist eine Misstrauenserklärung gegen Gott. Das Risiko des Vertrauens besteht demgegenüber darin, seine Zeit ganz aus den Händen des Vaters zu empfangen. Die Strategie der Selbstsicherung, die meint, selbst tun zu können, was Gott allein tun kann, beeinträchtigt die Sendungsbereitschaft, die ganz auf den Willen des Vaters setzt. Jesu Passivität, sich bis in die Gottesnacht der Passion hinein senden zu lassen, ist von einer tieferen Aktivität unterfasst: der freiwilligen Selbstübergabe an den Willen des Vaters.
Seine Vollkommenheit ist sein Gehorsam, der nicht vorgreift. Diesem Maßstab hat sich der Gebrauch seiner Fähigkeiten zu fügen. Würde man sich das Wissen Christi so vorstellen, dass er aus einer Art ewiger Schau und Übersicht heraus seine einzelnen Akte in der Zeit disponiert, so wie ein genialer Schachspieler, der vom dritten Schachzug an das ganze Spiel übersieht, die Figuren eines für ihn im Grunde schon abgelaufenen Spieles setzt, so hätte man die ganze Zeitlichkeit Jesu aufgehoben, aber auch seinen Gehorsam, seine Geduld, das Verdienst seines erlösenden Daseins, er wäre nicht mehr das Urbild christlicher Existenz und somit christlichen Glaubens. Er wäre nicht mehr befugt, die Parabeln des Harrens und Wartens zu erzählen, in denen er das Leben in seiner Nachfolge beschreibt.12
Das Wissen Christi verfügt nicht über einen Überblick über die Zeit, es ist vorweg nicht eingeweiht in einen ewigen Masterplan, nach dem alles ablaufen müsste. Christus ist in die Geschichte und ihre Dramatik hineingehalten, sein Wissen beschränkt sich darauf, gesandt zu sein, und die jeweilige Gegenwart ist die Stelle, an der diese Sendung bewährt werden muss. Das Ja zu seiner Sendung bedeutet ein Nein zu jedem eigenmächtigen Vorgriff und schließt die vorbehaltlose Offenheit für das Wirken des Geistes ein. Die pneumatologische Vermittlung der Sendung Jesu Christi besteht darin, dass es der Geist ist, der dem Sohn jeden Augenblick neu den Gehalt seiner Sendung übermittelt. Balthasar spricht in der Theodramatik von einer «trinitarischen Inversion»13: Während in der immanenten Trinität der Heilige Geist aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht und damit als Person selbst «passiv» ist, ist es in der Heilsökonomie umgekehrt so, dass der Heilige Geist dem Sohn den Willen des Vaters in jedem Augenblick «aktiv» übermittelt. Jesus aber ist in jedem Augenblick seiner Existenz bereit, auf den Geist des Vaters zu hören, ihm Raum zu geben und dessen Absichten nicht durch eigene Pläne zu durchkreuzen. In seinem Leben und Sterben wird so der ewige Wille des Vaters, seine Liebe zu uns, in die Zeit übersetzt und geschichtlich offenbar. Dabei würde dem Drama der Erlösung die Spitze abgebrochen, wenn man Christus als bloße Marionette des ewigen Heilsplans Gottes betrachten wollte:
Er ist viel eher einem Schauspieler zu vergleichen, der die Rolle, die er zum erstenmal spielt, Szene für Szene, Wort für Wort erst «inspiriert» bekommt. Das Stück existiert nicht im voraus, es wird gleichzeitig erdacht, in Szene gesetzt und aufgeführt. Die Menschwerdung ist nicht die xte Aufführung einer im Archiv der Ewigkeit längst bereitliegenden Tragödie. Sie ist ursprünglichster Vorgang, so einmalig und so unabgegriffen wie die ewige je-jetzt sich vollziehende Geburt des Sohnes aus dem Vater.14
Jesus ist demnach der Mensch, der in der Welt Zeit für Gott hat, und daher ist er der Ort, wo Gott für die Welt Zeit hat. «Andere Zeit als im Sohn hat Gott für die Welt nicht, aber in ihm hat er alle Zeit.» Kann aber der Mensch in die Zeit, die Gott für ihn hat, eintreten? Und welche heilsamen Konsequenzen könnte dies für das menschliche Zeitbewusstsein haben, das immer in Gefahr steht, aus der Balance zu geraten?
III
Die Kommunion empfangen heißt, in die Zeit Christi einzutreten und die eigene Wirklichkeit durch die Wirklichkeit Christi bestimmen zu lassen. Das kann auch helfen, aus der Zerstreuung herauszufinden und das eigene Zeitbewusstsein in der Gegenwart Christi neu auf die Gegenwart auszurichten. In den Sakramenten werden die drei Dimensionen der Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – bekanntlich auf eigentümliche Weise verschränkt.15 Nach Thomas von Aquin ist die Feier der Eucharistie zunächst ein signum rememorativum. Der eucharistische Ritus, der dem Vermächtnis Jesu: «Tut dies zu meinem Gedächtnis» entspricht, erinnert an ein bestimmtes Ereignis der Vergangenheit: die bis in den Tod hinein gehende Selbstgabe Jesu Christi als Ursache unserer Erlösung (sacrificium). Die sakramentale Vergegenwärtigung des Christus passus in den Gaben von Brot und Wein kann für den Umgang mit den belastenden Dimensionen der Vergangenheit wie Leid, Schuld und Trauer heilsam sein. Wer glaubt, dass die Eucharistie in die Gleichzeitigkeit mit Christus führt, der muss Schuld und Versagen, die den Gang seines Lebens belasten mögen, nicht verdrängen oder auf andere abschieben. Durch die sakramentale Begegnung mit Christus kann er die schmerzliche Wahrheit über sich selbst zulassen. Denn in Gegenwart des auferweckten Gekreuzigten, der sich mit allen Sündern rettend identifiziert hat, tritt ihm die Barmherzigkeit Gottes entgegen, die zur Umkehr einlädt. «In Jesus Christus vermag der Sünder [...] mit Gott gegen sich selbst zu stehen, weil Gott sich schon zu ihm gestellt hat.»16 Was im Falle schwerer Sünde für das Sakrament der Buße und Versöhnung gilt, das gilt im Allgemeinen ebenso von der eucharistischen Begegnung mit Christus: Seine Gegenwart kann helfen, mit den belastenden Seiten der eigenen Vergangenheit in die Wahrheit zu kommen. Das schließt ein, sich auch im intersubjektiven Verhalten entsprechend von seiner Haltung bestimmen zu lassen: «In Jesus Christus vermag der Mensch aber auch, und dies ist die andere Seite des Verhältnisses, sich zu seinem sündigen Bruder zu stellen – weil er in Jesus Christus und mit ihm die Sünde des Bruders zu tragen vermag.»17
Die heilsame Kraft der verborgenen Gegenwart Christi erstreckt sich auch auf den Umgang mit den nicht verheilten Wunden der Vergangenheit. Im memoriale passionis der Eucharistie wird der Christus passus gegenwärtig, der in seinem Leiden freiwillig das Äußerste auf sich genommen hat und den Schmerz, die Ohnmacht und die Verlorenheit von innen her kennt. Wer durch andere Menschen Verletzungen erfahren hat, diese nicht vergessen kann und sich unfähig fühlt zu verzeihen, der begegnet in der eucharistischen communio dem auferweckten Gekreuzigten, der selbst Spott, Hohn, Unrecht und Gewalt erfahren und sich in seiner Passion mit allen Leidenden identifiziert hat. Die Opfer von Ausgrenzung, Benachteiligung und Gewalt brauchen vor Christus um ihre Anerkennung nicht zu kämpfen, er kennt ihr Leid und kann von innen her ihre verletzte Würde aufrichten, so dass sie in ihrem Subjektsein gestärkt werden. Wer glaubt und sich durch Christus gerade auch in seinen verborgenen Leiden wahrgenommen und anerkannt erfährt, der kann einen Blickwechsel vollziehen und in den Personen, die an ihm schuldig geworden sind, vergebungsbedürftige Brüder und Schwestern sehen. Denn in die Gegenwart Christi einzutreten, das heißt, jenem paradigmatischen Opfer der Gewalt zu begegnen, das noch sterbend für seine Peiniger gebetet hat (vgl. Lk 23, 34). Wer in den gewandelten Gaben von Brot und Wein die verborgene Gegenwart Christi erfährt, für den kann diese Begegnung zu einer Gabe der Wandlung werden, die ihn vom unversöhnten Blick auf die eigenen Bedränger und Peiniger absehen lässt. Das kann ein langer, schmerzlicher Prozess sein, der am Ende zu einer ‹Transsubstantiation› des Blicks auf die eigene Vergangenheit führt.
Die Heilung der Erinnerung durch einen verwandelten, versöhnten Blick auf die Vergangenheit kann neu und tiefer in die Gegenwart hineinführen. Die Eucharistie ist nach Thomas zugleich signum demonstrativum, Hinweiszeichen auf eine Gemeinschaft (communio), die sich nicht selbst konstituiert hat, sondern sich dankbar auf Christus rückbezieht. Wie das eine Brot aus vielen Körnern gemahlen wird und der Becher Wein aus vielen Trauben gewonnen wird, so ist auch der Einzelne, der kommuniziert, nicht allein, sondern ein Glied am vielgliedrigen Leib Christi, der die Kirche ist. Es ist aber der erhöhte Christus selbst, der die Gläubigen um sein Wort versammelt und in den Zeichen von Brot und Wein seine Gegenwart schenkt. Die Verkündigung seines Wortes unterbricht die vielen Worte, es ruft die Hörerinnen und Hörer aus den vielfältigen Zerstreuungen ihres Alltags heraus und sammelt sie neu um die Mitte des Evangeliums. Auch die eucharistischen Gaben, in denen sich der Christus passus selbst schenkt, will nicht nur durch jeden Einzelnen, sondern auch durch die Gemeinschaft mit Sammlung und Aufmerksamkeit aufgenommen sein. Wer mit anderen zusammen andächtig und dankbar die Gabe der Eucharistie empfängt und sich Zeit für Christus, den verborgenen Anderen, nimmt, dessen Zeit kann selbst anders werden. Gerade wenn der Alltag Schwierigkeiten bereithält und Sorgen die Gegenwart überlagern, kann die Gemeinschaft mit Christus Kraft, Zuspruch und Trost schenken, aus der eine gesteigerte Gegenwartsbefähigung erwächst. «Was ist das Christliche? Die freundliche Aufmerksamkeit?», schreibt Handke.18 Anders als Formen ekstatischer Religiosität, die einen punktuellen Ausbruch aus der als belastet empfundenen Gegenwart versprechen, anders auch als Frömmigkeitspraktiken, die eine «Mystik der geschlossen Augen» einüben, lädt der Empfang der eucharistischen Gaben dazu ein, die inkarnatorische Bewegung Christi, des Gebers, mitzuvollziehen, die tiefer in die Gegenwart der anderen hineinführt. Daher ist es angemessen, wenn sich der Empfang des Leibes Christi mit einer «Mystik der offenen Augen»19 verbindet, die den Einsatz für die anderen nicht scheut. Danken heißt hier nicht nur, die Präsenz des Gebers in der Gabe anzuerkennen, sondern auch, das Vermächtnis seiner Liebe weiterzugeben und durch das eigene Leben zu bezeugen.
Schließlich ist die Eucharistie signum prognosticum und Angeld der kommenden Herrlichkeit (viaticum). «Where is the Life / we have lost in living?», fragt T. S. Eliot in einem seiner Gedichte.20 Statt angesichts des lauter werdenden Hintergrundgeräuschs des Todes zu versuchen, sein Leben abzusichern, es durch künstliche Maßnahmen krampfhaft zu verlängern, vermag das eucharistische Proviant ein gelassenes Verhältnis zur eigenen Sterblichkeit zu ermöglichen. Der Homo Viator hat zwar den Tod noch vor sich, aber durch die «Arznei der Unsterblichkeit» (Ignatius von Antiochien) ist er schon jetzt mit dem Leben verbunden, das keinen Tod mehr kennt. Als Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit verheißt die Eucharistie nichts weniger, als dass die scheinbar verlorene Lebenszeit eines jeden Menschen künftig einmal im Gedächtnis Gottes wiedergefunden wird: «Alle vergessenen Gedanken tauchen empor, am anderen Ende der Welt.»21