Der Vorfall ist schon gut 15 Jahre her, erregte damals aber einiges Aufsehen. Der Publizist, Autor, zweifache Familienvater, studierte Theologe und Katholik Georg Schwikart wollte nach vierjähriger Ausbildung seinen Dienst als Diakon antreten, als das Unerhörte geschah: Joachim Kardinal Meisner sagte die bereits terminierte Weihe im Kölner Dom ab. Schwikarts katholische Heimatgemeinde reagierte entsetzt, schließlich war der beliebte Schriftsteller und Rundfunkjournalist dort seit vielen Jahren ehrenamtlich engagiert.
Meisner hatte wohl auf einen anonymen Hinweis hin Anstoß an Schwikarts gemeinsam mit dem evangelischen Theologen und Journalisten Uwe Birnstein geschriebenen Buch Evangelisch? Never! – Katholisch? Never! (München 2010) genommen. Das Buch befasst sich unter anderem mit der Frage, ob es nicht auch Diakoninnen geben sollte und ob nicht die Interkommunion eine gute Idee sei. Im persönlichen Gespräch mit Schwikart nahm Meisner kein Blatt vor den Mund und eröffnete dem Zurückgewiesenen, in 35 Amtsjahren als Bischof sei ihm noch nie ein Weihekandidat vorgekommen, dem es derart an katholischem Denken mangele. Er würde lieber überhaupt keinen Diakon weihen als einen wie Schwikart – und gab ihm noch mit auf den Weg: „Sie sind kein Katholik!“
Es war nicht das erste Mal, dass Schwikart als nicht katholisch genug galt. Schon als junger Mann hatte er für Frauen im Priesteramt plädiert, für die Aufhebung des Zölibats und für das gemeinsame Abendmahl mit Protestanten. So holte er sich schon als 21-Jähriger, an der theologischen Fachakademie in Neuburg an der Donau, die erste schwere Abfuhr, seine Ausbildung zum Gemeindereferenten wurde wegen Aufmüpfigkeit abgebrochen. Der katholischen Kirche kehrte er daraufhin erst mal den Rücken und trat in die evangelische Gemeinde seines Heimatortes ein. Nach elf Monaten allerdings kam er reumütig zurück.
Nicht so nach der derben Abkanzelung durch den Kardinal: An Pfingsten 2011 trat Schwikart endgültig aus der katholischen Kirche aus und erneut in die evangelische ein, diesmal um zu bleiben. Katholisch im Bauch, protestantisch im Kopf, so hat er sich einmal bezeichnet – und nach seiner Konversion erklärt: „Ich ziehe im Haus des Glaubens nur in ein anderes Zimmer.“
Schon bald wurde er als Theologe in der Probezeit angestellt. Seit 2016 ist er nun hauptamtlich Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hardtberg in Bonn. Bücher schrieb und schreibt er in großer Zahl, etwa über die Vorbereitung von Kommunion, Taufe und Hochzeit, über Weltreligionen und Reisen, Tod und Trauer, Humoristisches, dazu viele Kinderbücher.
Nun also Vom Vater im Himmel und Vätern auf Erden (Sankt Augustin 2025). Hier geht Schwikart dem Selbstverständnis des Vaterseins nach, ergründet Vaterrollen, hinterfragt gängige Vaterbilder, zitiert aus Büchern und bittet Freunde, Bekannte, seine Männergruppe und seine Konfirmanden um ihre Erlebnisse und Gedanken mit und über Väter im Allgemeinen und ihre eigenen Väter im Besonderen. Über liebevolle und gewalttätige, abweisende und überforderte, echte Vorbilder und tolle Töchterväter.
Vielleicht schreibt Schwikart dieses Buch auch deshalb, weil er erst zwei Jahre alt war, als sein eigener Vater starb. Immer wieder bemüht er Familienerinnerungen. Dass der ferne, unbekannte Vater seinen älteren Geschwistern zwar ein liebevoller Versorger und Vorleser war, sie aber auch regelmäßig „vertrimmt“ hat, erfährt er erst, als er längst erwachsen ist – und ist schockiert. Welches Vaterbild bleibt übrig?
Auch das biblische Vaterbild im Alten und Neuen Testament untersucht und hinterfragt der Theologe – und kommt dabei auch auf die Vaterlosigkeit Jesu und seine Rolle als „ewiger Sohn“ zu sprechen, was sich aber auflöse in Joh 10,30: „Ich und der Vater sind eins.“
Eins mit Gott wirkt manchmal auch Schwikart selbst in diesem Buch, denn alle paar Seiten hat er eine neue Verabredung mit Gottvater persönlich, empfängt ihn mit schottischem Whisky und kubanischen Zigarren, reicht ihm getrocknete Orangenscheiben, man parliert über dieses und jenes. Mal grinst Gott, mal zieht er die linke Augenbraue hoch, mal verlangt er mehr Whisky. Dann wird nachgeschenkt, man prostet sich zu und pafft weiter.
Gott vermenscheln zu wollen, nun ja, davon war die Theologiegeschichte nie ganz frei. Sich plump mit ihm zu verkumpeln – oder wohlwollend: ihn als väterlichen Freund darzustellen –, kann vielleicht auch noch als eine Art Stilmittel durchgehen. Es kann aber auch sehr irritieren in einem ansonsten durchaus lesenswerten Buch.