Am Ende seines vor zwei Jahren erschienenen Buchs Vom Zauber des Untergangs. Was Pompeji über uns erzählt (Berlin, 2023) schrieb Gabriel Zuchtriegel: „Je länger ich mich mit der Antike und mit Pompeji beschäftige, desto unverständlicher erscheint mir die Tatsache, dass ein zum Foltertod am Kreuz Verurteilter eine solche Bewegung auslösen konnte.“ Dieses Paradox scheint ihn nicht losgelassen zu haben. Zwei Jahre später veröffentlicht der Autor, der seit 2021 die Ausgrabungen der untergegangenen Stadt leitet, nun sein nächstes Buch, in dem die 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuvs verschüttete Stadt erneut im Zentrum steht, diesmal quasi als Brennspiegel der römischen Gesellschaft und der geistigen Situation der Zeit.
Dieser Fokus ist natürlich ein großes Wort für ein Imperium, das geographisch und sozial erhebliche Differenzen kannte. Aber was Zuchtriegel mit dem häufig von ihm benutzten Begriff der „antiken Mentalität“ meint, ist eben nicht die schon so oft und immer wieder genannte libertäre Freizügigkeit der Antike, die sich in einschlägigen Graffiti und Wandgemälden zeigt und die so gerne dem so finsteren christlichen Mittelalter mit seinem strengen Moralkodex entgegengehalten wird. Vielmehr bezieht sich der Autor ganz explizit auf die Rolle von Religion und Spiritualität im Römischen Reich während des ersten Jahrhunderts nach Augustus. Seine Beobachtungen überzeugen. Denn die alte Religiosität – der Autor beschreibt sie unter der Kapitelüberschrift Die heile Welt der alten Götter – gab es offenbar nicht mehr und die altrömische Tugend der pietas war zum hohlen Ritual verkommen. „Wer glaubte schon noch an so was“, fragt der Autor und sieht darin ein Zeichen der damaligen Zeit: Eine ursprünglich lebendige und respektierte Religion war im Ritual erstarrt.
Selbstverständlich „glaubten“ die antiken Römerinnen und Römer nicht an ihre Göttinnen und Götter, wie Menschen heute an den christlichen Gott glauben. Vielmehr hielten sie die Götter für eine Wirklichkeit, der man, sofern man den Gottesdienst des Opfers verrichtet hatte und nicht zum Ziel einer ihrer Launen wurde, Vertrauen schenken konnte. War die Folge des Vertrauensverlusts in die „gute alte Zeit“ der heilen Götterwelt womöglich das Anything Goes einer desorientierten Gesellschaft, die – wie die bekannten und von Zuchtriegel erwähnten Graffiti zeigen – nicht nur in sexuellen Fragen jegliche Orientierung verloren zu haben schien? Das, was Archäologen in Pompeji finden, scheint dies zu belegen.
Gleichzeitig analysiert er die Ruinen der Stadt unter religionswissenschaftlichen und religionsgeschichtlichen Gesichtspunkten und entdeckt Symbole eines Paradigmenwechsels, der sich in der frühen Kaiserzeit ereignete. Zuchtriegel fragt: „Macht man es den Göttern so schön gemütlich in den neuen Tempeln, um darüber hinwegzutäuschen, dass man sie im Grunde interniert … sie abschiebt in Reservoirs, um das wirtschaftliche Wachstum nicht zu gefährden?“ Er eröffnet damit einen unkonventionellen Zugang zu den Ruinen Pompejis – und damit zu den Ruinen unserer Vorgeschichte. Dies erlaubt ganz neue Blicke auf das Phänomen Religion: Für die Etablierten – also die wirtschaftlich Erfolgreichen, politisch Mächtigen und sozial Maßgeblichen – war die altrömische Religion überflüssig geworden. Sie war allenfalls noch gut für folkloristische Bräuche und diente als ästhetische Projektionsfläche, wie die zahlreichen Götterstatuen zeigen, die ihren Status als kultische Darstellung längst verloren hatten und jetzt als Kunstwerke die Atrien der Villen schmückten. Für die Habenichtse indes wichen die alten Riten den sich ausbreitenden Mysterienkulten.
Mit archäologischer Akribie untersucht Zuchtriegel die Orte mediterranen Lebensgenusses, die ihre Bewohner gar nicht erst auf den Gedanken an eine bessere Welt kommen ließen. Aber vor allem nimmt er seine Leserinnen und Leser mit in die oftmals nur ein paar Meter entfernte Welt der Diener und Knechte, die meist Sklaven waren. Ohne sie hätte diese Welt der Sorglosigkeiten und Ausschweifungen keinen Bestand gehabt. Die Ausschweifungen machten die Welt der Schönen und Reichen noch interessanter, und daher schien man sich in diesem Kreisen durchaus auf die aus dem östlichen Teil des Imperiums „eingewanderten“ Mysterienkulte um Isis und Dionysos einzulassen. Aber wie ernst war dies von denen gemeint, die alles hatten?
Bei denen hingegen, die nichts zu verlieren hatten, kam die Botschaft der Muttergöttin Isis und von Tod und Auferstehung des Dionysos offenbar ganz anders an. Ihnen boten die Erzählungen einen rettenden Strohhalm in ihrem jämmerlichen, weil aussichtslosen Sklavendasein.
Aber eben nicht nur der Isis-Kult fand in dieser uns nur scheinbar fremden Welt einer römischen Provinzstadt eine Generation nach der Kreuzigung Jesu Gehör. Hier traf auch das bis heute in jeder Eucharistiefeier erinnerte „Geheimnis des Glaubens“ auf offene Ohren. Ja, es schweißte gerade die Ärmsten zu einer spirituellen Familie zusammen, die sich durch Jesu Worte im dritten Kapitel des Markusevangeliums (Vers 35) direkt angesprochen fühlen konnte: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“
Es ist nur eines der vielen Verdienste dieses Buchs über die Archäologie Pompejis, dass es die Schnittstellen zwischen einer von den alten Göttern verlassenen Welt und den neuen Kulten zeigt. Diese fanden Gehör und verlangten ihren Zuhörern viel ab: Je radikaler die Forderung – Vater und Mutter verlassen, um nachzufolgen; oder das Leben verlieren, um es zu gewinnen –, desto größer der Zuspruch seitens derer, die nur gewinnen konnten. Und wenn diesen Menschen dann einer der „neuen Götter“ verkündet, er sei „gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen“ (Lk 12,49), dann erscheint die von Zuchtriegel in seinem Buch über den Zauber des Untergangs erwähnte „Tatsache, dass ein zum Foltertod am Kreuz Verurteilter eine solche Bewegung auslösen konnte“, gar nicht mehr so paradox.
Pompejis letzter Sommer ist eine spannend erzählte und mit vielen persönlichen Gedanken des Autors durchwebte Geschichte der untergegangenen Stadt, ihrer Wiederentdeckung und ihrer Bedeutung im heutigen kollektiven Gedächtnis. Fernab von Idealisierung und Dramatisierung zeigt dieses Buch, dass eine messianische Sekte, die sich selbst noch gar nicht als „Christentum“ erkannt hatte, in das Vakuum eindringen konnte, das die religiöse Beliebigkeit der römischen Eliten und die Verzweiflung ihrer Sklaven gebildet hatten. Einer der beunruhigendsten Sätze des Buchs steht auf Seite 138: „Nichts anderes ist Archäologie: ein Blick auf uns selbst aus der Distanz der Zeit.“