Shincheonji – gesprochen „Schinn-Tschun-Dschi“ – ist koreanisch und bedeutet „Neuer Himmel und neue Erde“. Die gleichnamige neureligiöse Bewegung wurde 1984 in Südkorea gegründet und ist mit mehreren Zentren auch in Deutschland aktiv. Nach Einschätzung kirchlicher wie staatlicher Beratungsstellen erfüllt sie alle klassischen Kriterien einer Sekte. Warum dies so ist, arbeiten Oliver Koch und Johannes Lorenz – beide Theologen und Berater für Weltanschauungsfragen und religiöse Bewegungen – in ihrem lesenswerten Buch deutlich heraus.
Der Begriff „Sekte“ bezeichnet im Allgemeinen eine religiöse Gemeinschaft, die behauptet, im alleinigen Besitz von Glaubenswahrheiten zu sein. Sekten sind streng hierarchisch organisiert. Sie versuchen, ihre Mitglieder von Außenkontakten abzuschneiden und durch sozialen und oft auch finanziellen Druck an sich zu binden. Ihre Lehre ist nicht zu hinterfragen. Aussteiger sehen sich häufig Drohungen ausgesetzt, denn eine Abkehr von der Gemeinschaft bedeute auch eine Abkehr von Gott (in monotheistischen Sekten). Nur wer allen Versuchungen standhält, darf nach dem nahenden Weltende mit Erlösung rechnen.
Der 94-jährige Shincheonji-Gründer Man-Hee Lee ließ sich noch vor wenigen Jahren von seinem Gefolge wie ein Popstar feiern. Obwohl er sich selbst als „körperlich unsterblich“ bezeichnet, zeigen ihn aktuelle Bilder als gebrechlichen Mann im Rollstuhl. Er sagt von sich, er sei der einzige Mensch, der die Bibel wirklich verstanden habe. Jesus Christus habe ihn auserwählt, dieses Wissen zu vermitteln.
Wie wirbt Shincheonji in Deutschland um Neumitglieder? Ein Teil der Strategie ist es, zu lügen und zu vertuschen. Junge Menschen werden geschickt in Gespräche verwickelt und schließlich eingeladen, an einer Bibelstunde teilzunehmen. In angemieteten Räumen findet der „Unterricht“ statt, angeblich nur für Neulinge. Doch viele der Teilnehmenden sind erfahrene Sektenmitglieder, die die Neuen durch ihre demonstrative Begeisterung mitreißen sollen. Hier wird die Bibel spannend und neu präsentiert – so mag es manchen Interessenten vorkommen. Entsprechend engagieren sie sich schnell. Doch bald tritt die Sekte fordernd auf. Für die Einsteiger entsteht ein enormer Zeit- und Energieaufwand. Gruppendruck und ständige Aufforderungen via WhatsApp tun ein Übriges.
Wer sich hinter den Bibelstunden verbirgt, wird in den ersten Wochen bewusst verheimlicht. Erst wenn die Neuen als genug vereinnahmt gelten, wird ihnen eröffnet, dass der entscheidende Vermittler des wahren Bibelverständnisses von Jesus geschickt worden sei und unter uns weile – eben jener Koreaner Man-Hee Lee.
Manch ehemaliger Stasi-Agent dürfte neidisch werden, wenn er die sogenannten „Fruchtinformationen“ liest. Dabei handelt es sich um Informationsbögen über „Früchte“, wie Neuangeworbene bezeichnet werden. Darin werden alle möglichen Daten erfasst, von Charaktereigenschaften über Familienverhältnisse und Freundschaften bis hin zu Fragen zu Gesundheit, der finanziellen Lage und Weltanschauung. Shincheonji will alles wissen. Die Sekte will den ganzen Menschen.
Anschaulich beschreiben die Autoren ein fiktives Fallbeispiel der Studentin Anna, das sich freilich mit vielen Aussagen von Aussteigern deckt. Es wird mittlerweile in schulischen Unterrichtsformen als szenische Lesung genutzt. Anna wird in der Frankfurter Innenstadt von einer vermeintlichen Lehramtsstudentin für Deutsch und Religion angesprochen. Ihre Dozentin habe sie gebeten, in der Stadt Menschen zu fragen, ob sie ihnen bei einem Kaffee probeweise ein Referat über Jesus vortragen dürfe. Schnell entsteht Sympathie zwischen den jungen Frauen. Das Referat muss dann allerdings warten, stattdessen verabredet man sich für den nächsten Tag erneut. Diesmal ist ein junger Mann dabei, angeblich ein Kommilitone, der den Frauen vorschlägt, einmal zu dritt in der Bibel zu lesen.
Am Ende landet Anna in einem Bibelkurs, bei dem ihr allerlei scheinbar einleuchtende Erklärungen zu unzähligen Bibelstellen präsentiert werden. Der sympathische Kursleiter animiert zum eifrigen Mitschreiben und zum Nacharbeiten zu Hause. Von nun an wird Anna täglich von ihrer neuen Freundin und anderen aus der Gemeinschaft animiert, immer wiederzukommen. Sie soll eine Selbstverpflichtung unterschreiben, unter anderem für die tägliche Online-„Frühbelehrung“ zwischen 6 und 8 Uhr sowie zum fast allabendlichen Dienst im „Center“ der Gemeinschaft. Nach kurzer Zeit ist Anna vollständig absorbiert. Immer häufiger belügt sie ihre Eltern und ihren Freund über die Gestaltung ihres Tagesablaufs, das Studium liegt brach, ständig ist sie erschöpft. Als sie im Center um Hilfe bittet, erhält sie nur den Rat, noch mehr zu lernen und noch mehr zu beten. Nach einem psychischen Zusammenbruch gelingt ihr mit Hilfe ihrer Eltern schließlich der Ausstieg aus der Sekte. So weit das Fallbeispiel. Im echten Leben schaffen viele den Ausstieg nicht so schnell. In Deutschland liegt die Anzahl der Shincheonji-Mitglieder bei etwa 3000, weltweit sollen es etwa 270000 sein.
Das Buch ist hilfreich, ganz unmittelbar, auch weil es ein Glossar enthält, auf Beratungsadressen verweist sowie typische Kennzeichen von Sekten auflistet. Deshalb sei die Lektüre ausdrücklich empfohlen – Angehörigen oder Freunden Betroffener ohnehin.