Kirchenlied zur „Correctiv“-MissbrauchsRechercheSchlaglicht der Versöhnung

Erstmals widmet sich ein Kirchenlied dem Thema Missbrauch und zeigt, dass Aufarbeitung auch eine eigene theologische Dimension hat.

Das Motiv hat sich tief in den Gang der Religionsgeschichte eingeprägt: Zur Sterbestunde Jesu zerreißt der Vorhang im Jerusalemer Tempel. Die Leere des Allerheiligsten wird sichtbar und wirft den Blick zurück auf den geschundenen Menschen. Gott will nicht in einem abgesonderten Winkel verehrt werden, sondern sich in der Zuwendung zum Leidenden und Schwachen finden lassen – Versöhnung unter neuen Vorzeichen.

Dieses Bild steht auch im Zentrum des beim Würzburger Katholikentag uraufgeführten Kirchenlieds Der Vorhang zerreißt, nach Auskunft seiner Schöpfer das erste Kirchenlied, das sexuellen Missbrauch selbst zum Gegenstand hat. Es entstand in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Medienhaus Correctiv als Reaktion auf dessen im März veröffentlichte Recherche über Strukturen der Missbrauchsvertuschung. Das investigative Journalistenteam hat über Jahre Briefwechsel zwischen dem Vatikan und Bistümern weltweit zusammengetragen und kann zeigen, dass die Kirchenzentrale sehr viel früher Kenntnis über Sexualstraftaten an Kindern hatte als bisher angenommen. Die Meldungen wurden offenbar unter strenger Geheimhaltung akribisch archiviert. Schreiben belegen, dass es bereits in den 1920er-Jahren offizielle Anweisungen zum Umgang mit Missbrauchsfällen gab, die zuständigen Kirchenbehörden also seit über 100 Jahren im Bilde waren. Sie legen zudem nahe, dass der Vatikan teils zur Vernichtung von Akten aufgefordert hat – und dass auch Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., die Verfahrensregeln umgangen und in mindestens einem Fall zum Wiedereinsatz eines verurteilten Priesters beigetragen hat. Die umfangreiche Recherche (nachzulesen unter akten-des-missbrauchs.de und inzwischen auch als Buch und Kinofilm erschienen) öffnet einmal mehr den Blick in einen Abgrund, dessen Tiefe sich noch immer nur erahnen lässt: Die betreffenden Akten werden vom Vatikan weiterhin unter Verschluss gehalten.

„Das Leben war voll tiefer Trauer, / noch tiefer die Furcht und die Scham, / Vertrauen andauernd gebrochen, / Gerechtigkeit kam niemals an.“ Die Liedstrophen geben den Gefühlen der Betroffenen Raum, reflektieren individuelle und institutionelle Verdrängung. Den Text hat Thomas Laubach geschrieben, Professor für Theologische Ethik an der Universität Bamberg und Vorsitzender der Unabhängigen Aufarbeitungskommission des Erzbistums. Die Musik stammt von Thomas Quast, der als Vorsitzender Richter am Landgericht Köln selbst Missbrauchsfälle verhandelt. Die Vertrautheit mit dem Thema schlägt sich spürbar in der einfühlsamen Wortwahl und der zugleich bewegten und beruhigenden Melodie nieder. Unter correctiv.org/kirchenlied können die Noten kostenlos heruntergeladen werden, dazu gibt es ein Musikvideo mit der Band Ruhama.

Im Refrain wendet sich der düstere Charakter des Lieds: „Doch der Vorhang im Tempel zerreißt, / ein Schlaglicht erhellt Dunkelheit, / und in tiefster Nacht ist Ostern / auf dem Weg.“ Mit dem Bild vom „Schlaglicht“ spielt der Text auf das Investigativ-Team spotlight an, das 2002 mit seinem Enthüllungsbericht über Missbrauchsvertuschung im US-amerikanischen Bistum Boston die weltweite Auseinandersetzung mit dem Thema erst in Gang brachte. Auch mehr als zwanzig Jahre später wird Journalisten von kirchlicher Seite mitunter noch immer vorgeworfen, sie würden der Kirche schaden wollen, und ihre Aufklärungsarbeit in Misskredit gebracht.

Demgegenüber deutet das Lied sie konsequent als Möglichkeit eines Neuanfangs und spricht ihr eine eigene theologische Dimension zu: Der Vorhang, der ursprünglich das Allerheiligste schützen sollte, wurde zum Deckmantel für schlimmste Verbrechen und muss zerrissen werden – nur so ist Versöhnung möglich. „Ein neuer Beginn braucht Bekennen, / das Kleinste braucht Schutz statt Gewalt. / Barmherzigkeit braucht mehr als Worte, / braucht Kirche in neuer Gestalt.“

Zur Verwirklichung dieser neuen Kirchengestalt leistet Der Vorhang zerreißt einen wichtigen Beitrag. Das Lied schenkt nicht nur Betroffenen eine Stimme, sondern gibt auch allen übrigen Kirchenmitgliedern die Möglichkeit, sich dem allgegenwärtigen Thema in einem geistlichen Rahmen zu stellen. Dass es als Begleitung zu einer Missbrauchsrecherche entstanden ist, zeigt eindrücklich den Willen, das kirchliche Leben nicht zu zerstören, sondern ihm durch Aufklärung einen ehrliche Neubeginn zu ermöglichen. Man kann dem Lied nur einen großen Widerhall in den Gemeinden wünschen – und insbesondere den Kirchenverantwortlichen zurufen: Stellt euch in dieses Schlaglicht, werdet Teil der Versöhnung!

Anzeige: Einfach Tiki. Mein Leben in Worten und Strichen. Von Werner Tiki Küstenmacher
CIG Ausgaben

Christ in der Gegenwart im Abo

Unsere Wochenzeitschrift bietet Ihnen Nachrichten und Berichte über aktuelle Ereignisse aus christlicher Perspektive, Analysen geistiger, politischer und religiöser Entwicklungen sowie Anregungen für ein modernes christliches Leben.

Zum Kennenlernen: 4 Wochen gratis

Jetzt gratis testen