Noch wenige Tage vor seiner Hinrichtung schrieb der katholische Priester Max Josef Metzger (1887–1944) mit gefesselten Händen zwei Osterlieder. Sein Todestag war der 17. April 1944 – der Montag nach Ostermontag. Kurz bevor er unter dem Fallbeil der Nazis starb, bemerkte ausgerechnet Scharfrichter Wilhelm Röttger „so froh leuchtende Augen“, wie er sie noch nie bei einem Todgeweihten gesehen hatte. In solcher Zuversicht im Moment des Todes spiegelt sich tiefe Glaubensgewissheit. Sie klingt auch in den letzten vier Zeilen seines Gedichts „Ich muss gestehn…“ an, ebenfalls verfasst in der Todeszelle: Geht euren Weg – ich seh’ euch ohne Neid – / ihr klugen Selbstversorger all, ihr Weisen! / Ich geh’ den meinen – mögt ihr Narr mich heißen: / Mich tröstet meiner Seele Seligkeit.
Das ganze Gedicht steht auf Seite 134 des Buches Max Josef Metzger – ein Leben für Frieden und Ökumene von Christian Heß, der selbst katholischer Priester ist und über Max Josef Metzger promoviert hat. Es könnte also kaum einen besser geeigneten Biografen geben, und es fällt beim Lesen keineswegs unangenehm auf, dass er aus seiner Bewunderung für den im November 2024 Seliggesprochenen keinen Hehl macht. Denn: Die Ecken und Kanten des offenbar oft unbequemen und streitbaren Mahners kehrt der Autor keineswegs unter den Teppich. „Man kann nicht leugnen, dass Metzger in jüngeren Jahren zu einem übersteigerten Idealismus neigte … Er nahm die Menschen auf seinem Weg oft nicht mit und überforderte sie vielfach.“
Max Josef Metzger war – das wird bei der Lektüre klar – von seinen Idealen und Visionen so überzeugt, dass er damit quasi anecken musste. Und er war – auch das wird in dem Buch deutlich – seiner Zeit so weit voraus, dass viele Zeitgenossen einfach nicht hinterherkamen. Schon in den 1920er-Jahren wurde er zu einem ersten ökumenischen Brückenbauer, als Papst Pius XI. noch „als einzigen Weg zur Ökumene die Rückkehr der getrennten Christen zur römisch-katholischen Kirche“ sah. Ganz anders Metzger: „Katholiken, werdet evangelisch! Evangelische, werdet katholisch! Dann wird die una sancta, die eine heilige Kirche, um die wir gemeinsam ringen und beten“. Konsequent gründete er die ökumenische „Una-Sancta-Bruderschaft“ – der auch viele Schwestern angehörten.
Metzger nahm vieles vorweg, was in der Katholischen Kirche erst durch das Zweite Vatikanische Konzil 1962 bis 1965 Billigung fand, wie eben die Öffnung oder auch eine stärkere Rolle von Laien in der Kirche. Auch andere seiner Ideale wurden erst lange nach seiner Zeit stärker anerkannt, etwa sein Totalverzicht auf Alkohol und Fleisch. In der vegetarischen Ernährung sah Metzger eine „Rückkehr zur ursprünglichen Ordnung der Schöpfung…, in der auf die Tötung von Tieren verzichtet worden sei.“ Zur Abkehr vom Alkohol führten ihn seine Zeit in Fribourg, wo er Theologie studierte und in den Armenvierteln half. Dort erlebte er „die sozialen Auswirkungen des Alkoholismus“. Ein konsequentes Leben ohne Alkohol wurde zu einem Kernelement seines sozialen Engagements vor dem Hintergrund seines Glaubens: „Für ihn bedeutete Abstinenz nicht nur Verzicht, sondern war Ausdruck eines ernsthaften geistlichen Wegs“, schreibt Christian Heß.
Für eine weitere Vision ging er in den Tod. Im Kriegsjahr 1943 schrieb er ein Friedensmemorandum über die Zukunft eines demokratisch regierten Deutschlands in einem sich einenden Europa unter der Prämisse „Christus muss König sein“. Bestimmt war es für den lutherischen Erzbischof Erling Eidem in Schweden, einem ökumenischem Mitstreiter. Doch der Verfasser wurde von der Botin verraten – sie händigte das Dokument der Gestapo aus.
Natürlich erfahren wir in Christian Heß’ Buch noch viel mehr über den gebürtigen Südbadener. Gleich das zweite Kapitel bietet einen biografischen Überblick, der sich auch zum Rückblättern empfiehlt (eine biografische Zeittafel wäre noch das i-Tüpfelchen gewesen). Wir erfahren, wie konsequent Max Josef Metzger sich Friedensinitiativen und -bünden anschloss oder solche gleich selbst ins Leben rief, und wie er sich damit auch für eine „Abrüstung des Hasses“ einsetzte, immer unter der Prämisse: „Recht verstanden ist Christentum Friedensbewegung und Friedensbewegung Christentum.“ Wir erfahren von seiner unablässigen Produktion und Umsetzung immer neuer missionarisch-karitativer Ideen, von seinem jahrelangen Einsatz für die Christköniggesellschaft, seinem Wirken als Komponist und Texter von Kirchenmusik, seiner Hilfe für verfolgte Juden und seinem Einsatz für einen Dialog zwischen Judentum und Christentum.
Kirche muss ins Tun, muss handeln, sich bekennen, den Schwachen sich zuwenden, Frieden stiften und der Politik die Stirn bieten, und dies alles am besten als die eine, geeinte christliche Kirche: Diese Vision, diese Energie Metzgers wird in dem Buch immer wieder deutlich. Ein Buch, das mit einem Vorwort des Freiburger Erzbischofs Stephan Burger beginnt und mit einem Nachwort der Badischen Landesbischöfin Heike Springhart endet – bei der Seligsprechung Metzgers im Freiburger Münster waren beide dabei. „Eine evangelische Bischöfin bei einer katholischen Seligsprechung – das war nicht weniger als eine ökumenische Sensation“, schreibt Christian Heß. Max Josef Metzger hätte sich wohl darüber gefreut.