Die Vision einer synodal verfassten Kirche prägte das Pontifikat von Papst Franziskus – und sie ist nicht mit ihm „gestorben“, geschweige denn abgeschlossen. Ganz im Gegenteil: Franziskus hat den synodalen Prozess noch wenige Wochen vor seinem Tod in die Verlängerung bis 2028 geschickt und seinem Nachfolger als Auftrag hinterlassen. Und so machte Papst Leo XIV. bereits am Abend seiner Wahl, am 8. Mai 2025, klar: „Wir wollen eine synodale Kirche sein, eine Kirche, die unterwegs ist.“ Ein Signal, mit dem er sich klar zum Herzensprojekt seines Vorgängers bekannte. Grund genug, den 2021 begonnenen Prozess noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, wie es der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding in seinem Buch Wohin will die katholische Kirche? Die Weltsynode und Papst Leo XIV. (Grünewald Verlag 2025) tut. Chronik und Dokumentation, Stimmungsbilder, Analyse und Interpretation: Vieles ist zu finden in seinem umfangreichen, mit einem Personen- und Sachregister sehr gut erschlossenen Buch von beinahe 600 Seiten – ein kostbares Nachschlagewerk zu den Stationen des weltweiten synodalen Wegs und der zugehörigen Bischofssynode, bei deren Versammlungen auch „Nicht-Bischöfe“ teilnahmen und stimmberechtigt waren, darunter erstmals 56 Frauen.
Söding ist Deutscher – und Deutschen begegnet man im Vatikan oft mit einer gewissen Reserve, daran konnte selbst Benedikt XVI. nichts ändern. Als Vizepräsident des ZdK eng verbunden mit dem deutschen Synodalen Weg und mit dessen Verstetigung beschäftigt, kreist Söding in seinem Buch aber nicht um „deutsche Themen“. Bei den Synodenversammlungen im Oktober 2023 und Oktober 2024 in Rom war er als berufener Experte dabei, saß allerdings nicht an den berühmten Runden Tischen in der Audienzhalle, sondern abrufbereit am Rand. Dem konnte er sogar etwas abgewinnen: Gingen die Synodalen beim Einzug über den Petersplatz noch säuberlich „nach Ständen getrennt“, war es in der Synodenaula „anders: schön gemischt, geordnet nach Sprachgruppen. Und die ,Theologie‘ am Katzentisch – sehr privilegiert, nämlich mit Überblick von der Peripherie aus.“ Seine Expertise wurde jedoch spärlich abgerufen.
Nervös machten einige Kuriale eher seine „SMS“. Das Kürzel stand für „Synode mit Söding“ – eine Art Synoden-Tagebuch aus täglichen Kurznachrichten auf der Webseite des ZdK, in einer „Mischung aus Diskretion und Information“, weil Söding die restriktive Kommunikationspolitik des Vatikans respektierte und keine Indiskretionen ausbreitete, die nicht an die Öffentlichkeit gehören. Die Nachrichtenserien aus den beiden Sitzungsphasen machen den Löwenanteil dieses Buches aus. Um den Charakter als Tagebuch zu bewahren, blieben diese Hauptteile weitgehend unverändert – für Abonnenten des damaligen Newsletters bekannt, für andere Leserinnen und Leser ganz neu – spannend allemal, auch beim zweiten Lesen.
An wenigen Stellen hat Söding Anmerkungen angefügt: „Vor allem habe ich eine Kontextualisierung vorgenommen, die den gesamten Prozess der Synode beschreibt und mit dem Synodalen Weg in Deutschland abgleicht.“ Weil dieser nach wie vor mit verschiedenen Narrativen behaftet und von „Rom“, aber nicht nur dort, kritisch beäugt wurde und wird. Am Ende der SMS-Kapitel folgen jeweils die Schlussdokumente, die nach den beiden Sitzungsphasen veröffentlicht wurden, sowie Södings Kommentar dazu. Ebenso dokumentiert wird die „Begleitende Note“ von Papst Franziskus, mit der er sich einen Monat nach Veröffentlichung des Schlussberichts hinter diesen gestellt hat, ohne ein eigenes Nachsynodales Schreiben zu veröffentlichen: „Das Abschlussdokument gehört zum ordentlichen Lehramt des Nachfolgers Petri …, und ich bitte, es als solches anzunehmen“ – eine Entscheidung, die durchaus zu Irritationen führte und von Söding ebenfalls interpretiert wird.
Die Lektüre der Schlussdokumente und der Begleitnote mögen eine Wiederholungsübung sein, sind aber auch eine postsynodale Gewissenserforschung. Spannend und neu angeschärft wird die Lektüre durch die beiden Kommentare Södings, wobei hier auch deutlich wird, wie mit fein säuberlich unterschiedenen Konvergenzen, Fragen und Vorschlägen umgegangen wurde, die einen neuartigen Stil gegenüber früheren Bischofssynoden markierten. Was etwa Ende Oktober 2023 als Wunsch noch ausstand, ist mittlerweile Realität: Das vatikanische Ordensdikasterium hat mit Simona Brambilla inzwischen eine Präfektin und mit Tiziana Merletti auch eine Untersekretärin erhalten.
Die Klammer für die beiden Hauptteile des Buches bilden die Einführung Die katholische Kirche im Aufbruch und der Ausblick Die katholische Kirche im Umbruch. Söding ruft zunächst in Erinnerung, dass die Erwartungen an kirchliche Führung weltweit gestiegen seien, „verbunden mit Erwartungen an Transparenz und Kontrolle, Rechenschaft und Beteiligung“. Drei synodale Herausforderungen beschreibt er in diesem Zusammenhang: das Verhältnis von Einheit und Vielfalt, von Gottesvolk und Hierarchie, von Identität und Öffnung. Die Krise der Kirche ist für Söding „nicht nur eine Vertrauens-, sondern eine Verfassungskrise“. Der erste Schritt zur Lösung dieser zentralen Systemfragen bestehe darin, „die Monarchie als politisches Leitbild der Kirchenverfassung zu verabschieden“. Mit Blick auf die vier Schritte des Synodalprozesses – die weltweite Befragung, die Kontinentalsynoden, die Generalversammlungen von 2023 und 2024 sowie die Umsetzung vor Ort – hält Söding fest: „Ein Verfassungsproblem der katholischen Kirche besteht darin, dass sie bislang auf Weltebene keine synodale Struktur hat, die über die Bischofsversammlungen hinausgeht, und auf der Ebene von Kontinenten auch kaum über unregelmäßige Synoden von Bischöfen hinauskommt. Das muss sich ändern, wenn Synodalität praktisch werden soll.“
Interessant dürften hierzulande insbesondere die Ausführungen über den Synodalen Weg in Deutschland und seine Unterschiede zu anderen katholischen Synodalprozessen sein: Australien etwa nutze die Möglichkeit des vom Kirchenrecht her gedeckten „Plenarkonzils“ (2021/22). Lateinamerika nehme mit dem CELAM (Consejo Episcopal Latinoamericano y Caribeño) schon seit der zweiten und der dritten Generalversammlung in Medellín (1968) und Puebla (1979) eine Vorreiterrolle ein, wobei die Amazonien-Synode (2019) „einen Qualitätssprung angestoßen“ habe. „Kein anderer Teil der Erde“, so Söding, „ist synodal so fortschrittlich wie Amazonien.“ Diese Feststellung ist auch deswegen wichtig, weil sie vor deutscher Überheblichkeit bewahrt: Die Erfahrungen des 2019 eingerichteten Synodalen Weges, der seinen Ausgangspunkt in der Missbrauchskrise beziehungsweise in der verheerenden MHG-Studie (2018) hatte, können eingespeist werden in den weltweiten synodalen Prozess. Aber auch die Erfahrungen anderer Teilkirchen sind wichtig. Es gilt: Sich nicht gegeneinander profilieren, sondern voneinander lernen!
„Lernbereite Zeitgenossenschaft“ ist für Söding das Gebot der Stunde. Dabei seien ideologische Verengungen zu überwinden, unterschiedliche Positionen neu und anders miteinander ins Gespräch zu bringen – auch wenn Zugänge, Befindlichkeiten, Wahrnehmungen und Wertungen oft sehr unterschiedlich seien. Die Weltsynode habe durch das dort praktizierte „Gespräch im Geist“ gelernt, mit Ungleichzeitigkeiten umzugehen, auch um Vorurteile auszuräumen und Feindbilder zu überwinden. Bei den Sitzungen seien der „Zusammenklang von Unterschieden“ und eine „organisierte Vielfalt“ erfahrbar gewesen statt (wie früher oft) römische „,Basta‘-Attitüden“. Dazu hätten auch die spirituelle Atmosphäre und die geistlichen Impulse des Dominikanerkardinals Timothy Radcliffe beigetragen. Im Rückblick werde erkennbar, wie sehr sich professionelle Organisation auf den verschiedensten Ebenen ausgezahlt habe.
Zum Kontext der Synode gehört auch die Erinnerung daran, dass den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei aller Abgeschiedenheit bewusst gewesen sei, dass die Welt durch den Hamas-Überfall auf Israel Anfang Oktober 2023 „in Flammen stand“. Oder die Erinnerung, was abseits der Synodenaula in Botschaften, bei verschiedenen Treffen vor- und nachbesprochen, analysiert und debattiert wurde. Oder die simple Feststellung, dass es „eine offene Diskussion, aber keine Denk-, Sprech- und Lehrverbote“ brauche. Der Papst habe Fragen gestellt und den Rahmen vorgegeben, aber keine Antworten. Das übliche Taktieren unterblieb, Statements durften nicht länger als drei Minuten dauern. Als besondere Herausforderung benennt Söding die Simultanübersetzung: „Heute ist es für Deutschsprachige wichtig, die genaue Bedeutung von Schlüsselbegriffen in anderen Sprachen zu lernen.“ Spannend auch die Ausführungen über den „Abstimmungsmarathon“, Absatz für Absatz. Dort, wo es viele Nein-Stimmen gab, bestehe offensichtlich weiterhin Klärungsbedarf, weil „Spannungsmomente“ eher andiskutiert und nicht ausdiskutiert werden konnten. Dass „heiße Eisen“ 2023 in Studiengruppen ausgelagert wurden, sei mit den Synodalen nicht abgesprochen gewesen und habe zu Unklarheiten geführt.
Auch an „Bremsmanöver“ oder apodiktische Entscheidungen in Sachen Frauendiakonat erinnert Söding: Die Synodalen leisteten Widerstand und ließen sich nicht mit Emissären abspeisen, sondern zitierten den Präfekten des Glaubensdikasteriums, Kardinal Víctor Manuel Fernández, persönlich herbei. Konsultationen dürfen „keine Alibi-Veranstaltungen“ sein, diese Grundüberzeugung lasse sich nach den gemeinsamen Erfahrungen nicht mehr zurücknehmen. „Synode ist Teamwork“ – das habe sich auch bei der Textarbeit gezeigt. Themen wurden umrissen und Zuständigkeiten verteilt, Entwürfe oft verspätet in eine Cloud hochgeladen, was für die Expertinnen und Experten Nacht- und Frühschicht bedeutete.
Die Gläubigen verdienten begründeten Anlass zur Hoffnung, „dass die Beteiligung von Frauen keine Eintagsfliege bleibt, sondern fest zu einer katholischen Synode gehört“. Oder dass es künftig „nicht mehr nur Bischofssynoden“, sondern „Synoden mit Bischöfen“ geben wird, auch wenn sich dazu bereits Widerstand regte (etwa beim Vorkonklave im April/Mai 2025). Dass „Laien“ nicht auf die Rolle von Beratern reduziert werden sollen, dass die „Klerikerlastigkeit“ aufhören muss, dass Plenarkonzilien auf Kontinentalebene an Bedeutung gewinnen sollten: Alles wünschenswert! Wobei auch Söding immer wieder klarmacht, dass Synoden „ohne Vertrauen auf den Heiligen Geist“ keinen Sinn ergeben. Aber auch der „Glaubenssinn des Gottesvolkes“, den ein Papst Franziskus im Anschluss an das Zweite Vatikanum so sehr betonte, kann und soll dabei „nicht nur ein rezeptives, sondern proaktives Moment“ sein.
Papst Leo XIV. hat inzwischen die „Skizzen für die Umsetzungsphase der Synode 2025–2028“ gebilligt: einen konkreten Fahrplan für das, was in den kommenden Jahren zu geschehen hat, bis der synodale Prozess in eine abschließende Versammlung im Vatikan münden wird. „Kirchenversammlungen“, so Södings Prognose, „können neben Bischofskonferenzen zu einem synodalen Markenzeichen der katholischen Kirche werden.“ Die Kurie sollte dabei als „Relaisstation“ fungieren, Franziskus sprach von einer „Dienstleistungs-“ und „Servicestelle“ für die Weltkirche. Sich selbst nahm der Papst dabei nicht aus: „Lehre nicht im Gestus des Besserwissers und Zensors, sondern des hörenden und lernenden Petrus – das wäre etwas für Rom.“ Ebenso benennt Söding klar: „Der Papst wird gebraucht, um der Synode, die schon ihrer Form nach auf Inklusion setzt, Gewicht zu geben. Er wird auch gebraucht, um den Innovationen, die an der Zeit sind, Geltung zu verschaffen.“ Und er weiß, welche Verdienste dabei dem verstorbenen Papst zukommen. „Künftige Pontifikate werden sich daran messen lassen müssen, ob sie die Synode in ihren Veränderungsprozessen eher einhegen oder aufnehmen wollen. Ein synodaler Papst in einer synodalen Kirche: Franziskus hat einen Anfang gemacht.“
Papst Leo komme eine Schlüsselrolle zu in der Frage, „ob die Weltsynode eine Fußnote oder ein Kapitel der kirchlichen Zeitgeschichte wird“. Als ehemaliger Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe kenne er „aus erster Hand die Krise des Amtes, die sich in der Schwierigkeit zeigt, geeignete Kandidaten zu finden, in der hohen Quote von Auserkorenen, die das Amt nicht annehmen wollen, und gleichzeitig in der Notwendigkeit, einen synodalen Führungsstil zu etablieren, der die Akzeptanz bei den Gläubigen erhöht und die Kompetenz der Amtsausführung steigert“. Bereits auf der Synode sorgte er als Kardinalpräfekt mehrmals „in freier Intervention für semantische Klarheit“ (schnell aufzufinden über das Personenregister). Seine reichhaltige pastorale Erfahrung vor dem Ruf nach Rom als Bischof von Chiclayo (Peru) komme Robert Prevost/Leo XIV. dabei ebenso zugute wie seine „kirchenrechtliche Expertise“, die ihm, so hofft Söding, helfen wird, „die synodalen Reformen in ein ruhiges Fahrwasser zu leiten, in dem sie auf Dauer Wirksamkeit entfalten können“. Als gelernter Kirchenrechtler wisse dieser Papst: „Die Anpassung des Kirchenrechtes steht aus.“ Ob er sie auch angeht?
Im Pontifikatswechsel von Franziskus zu Leo sieht Söding Risiko und Chance zugleich: „Risiko, dass die eingespielte Achse Franziskus-Mario Grech nicht mehr besteht; Chance, deutlich zu machen, dass Synodalität nicht eine private Idee von Papst Franziskus war, von der man sich Gott sei Dank jetzt lösen könne, wie im Vorkonklave einige (wenige) Stimmen sich vernehmen ließen, sondern heute angesagt ist, um die Krise des Bischofsamtes zu bewältigen und die Rechte der Gläubigen, ihrer Berufung zu folgen, zu stärken. Die Spannungen zwischen Einheit und Vielfalt, Gottesvolk und Hierarchie, Identität und Öffnung bleiben, können aber Energie entwickeln. Sie formulieren eine katholische Antwort auf die großen Herausforderungen der katholischen Kirche: wie sie Kirche und Welt ins Verhältnis setzt, Tradition und Innovation, letztlich Wahrheit und Freiheit. Entscheidend ist die Rolle des Papstes – der nicht einsam herrscht, sondern seine eigene Hierarchie synodal einbinden lässt, wenn er gut beraten ist.“ Papst Leo geht der Ruf eines Teamworkers und guten Zuhörers voraus. Das lässt hoffen.
„Die Traditionalisten sind abgetaucht. Sind aber nicht weg, sicher warten sie auf ,bessere Zeiten‘“, analysiert Söding. Ihnen wird der neue Papst schwerlich in die Hände spielen. Ohne Franziskus hätte es keine Weltsynode gegeben – und keinen Robert Francis Prevost als Kurienkardinal und nachmaligen Papst. „Vielleicht“, so Söding, „wäre der Problemdruck unter einem anderen Papst auch so groß geworden, dass es eine Verfassungsdebatte, eine globale Problemanalyse und eine universalkirchliche Erneuerungsbewegung gegeben hätte. Aber nach Johannes Paul II. und Benedikt XVI. war dieser Aufbruch so schnell nicht zu erwarten. Stärkung der ,Laien‘, Einbau dezentraler Strukturen, Öffnung der Lehre, Ermutigung zu Experimenten – all diese Kernelemente des synodalen Prozesses widersprechen den Versuchen, Identität durch Zentralisierung und Disziplinierung zu sichern. Papst Franziskus hat seine lateinamerikanische Kirchenerfahrung mit signifikanter Synodalität eingebracht, seine Kritik am Klerikalismus und seine jesuitische Spiritualität, die Realitätssinn mit geistlicher Unterscheidung verbindet und offene Debatte mit entschiedenem Handeln. Leo XIV., ähnlich geprägt, aber, von Franziskus als Chef des Bischofsdikasteriums berufen, Angehöriger einer jüngeren Generation, hat die konsequente Fortsetzung in Aussicht gestellt.“
Södings Buch ist mehr als Chronologie. Es ist teils spannend zu lesen wie ein Krimi, mit Details, die das synodale Kurzzeitgedächtnis längst vergessen hat. Und es zeigt eindrücklich, was erreicht wurde, was nicht möglich war – und was noch sein kann.