BuchbesprechungNicht gleich, aber gleich wertvoll

Theologie-Studentin Julia Schönbeck liefert praktische Denkanstöße für eine barriere- und diskriminierungsfreie Kirche.

Kirche braucht uns. Wir sind Teil dieser Kirche“, erklärt Julia Schönbeck im Gespräch. „Wir müssen nicht von außen hereingeholt werden.“ Auf einem eigenen Blog und auf Instagram schreibt die Studentin der evangelischen Theologie über Erfahrungen mit Behinderung, Diskriminierung, Inklusion und Kirche. Bereits in der zehnten Klasse reifte in ihr der Wunsch, Pfarrerin zu werden. Im zweiten Semester ihres Theologiestudiums erhielt sie die Diagnose einer chronischen Krankheit. Diese brachte eine Behinderung mit sich und krempelte ihr Leben um: „Meine Behinderung ist Teil meiner Identität. Sie ist die Form meiner Bewegung und meiner Wahrnehmung der Welt. Sie ist Perspektive und Erfahrung. Sie ist Zumutung und Ermutigung. Sie fordert mich heraus, frei zu sein, weil sie Normen sprengt. Sie fordert mich heraus, anderen nah zu sein, weil sie mir eine Community schenkt. Sie ist beständig und unvorhersehbar“, schreibt sie in ihrem Buch Nicht ohne uns. Warum eine inklusive Kirche mehr braucht als Rollstuhlrampen. Dabei geht es ihr nicht darum, anzuprangern, sondern wachzurütteln.

Was bedeutet es, Inklusion tatsächlich zu leben? Für Schönbeck, die sich in der Evangelischen Kirche engagiert, beginnt sie bei der Begegnung von Menschen. Es brauche Miteinander statt Nebeneinander. „Alle müssen von Beginn an mitgedacht werden“, sagt sie. Seit 2022 gehört sie dem EKD-Expert*innen-Beirat Inklusive Kirche an. In ihrem Buch thematisiert sie offen, wie Menschen auch im christlichen Bereich mit Vorurteilen und Ausgrenzung zu kämpfen haben. Aus ihrer Sicht gibt es in Theologie und Kirchen (die katholische Kirche schließt sie dabei mit ein) eine Kluft zwischen Theorie und Praxis: „In der Theorie versteht sich Kirche als inklusiv, die alle willkommen heißt, doch in der Praxis gibt es immer noch Hürden und Vorurteile.“ Noch immer ist das Thema Behinderung in der innerkirchlichen Debatte zu Diversität ein Randthema. Hier möchte Schönbeck zum Umdenken anregen. Etwa wenn es darum geht, kirchliche Leitungsgremien zu besetzen. Denn die beiden großen Kirchen sollten ein sicherer Ort für Menschen sein, die Diskriminierung erleben – ein Safe Space. „Für mich ist das der Inbegriff von Theologie und Christentum.“

Mit ihrem Buch möchte sie aufklären: „Ich schreibe aus meiner Diskriminierungserfahrung heraus, teile meine Perspektive mit denen, die diese nicht machen, denn nur so können wir ja voneinander lernen: im gegenseitigen Zuhören und Teilen.“ Geschrieben hat Julia Schönbeck ihr Buch auch für alle, die wie sie ähnliche Erfahrungen machen. Ihnen möchte sie das Gefühl geben, nicht allein zu sein: „Ich schreibe ganz besonders auch für behinderte Menschen in unseren Kirchen, die wie ich nach ihrem Platz suchen. Weil ich weiß, wie wenig Repräsentation es bisher gibt und wie bedeutend das Gefühl ist, wahrgenommen zu werden, ernst genommen mit den eigenen Erfahrungen, Forderungen, Stärken.“ Durch ihr Erleben ist sie sensibel geworden, für verschiedene Formen von Diskriminierung – neben Ableismus, der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, auch für Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Transfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit und Homophobie. „Ich bin auch nicht frei von diskriminierenden Denkmustern – jene, die mich nicht selbst betreffen, und jene über andere.“ Ein Anliegen ist es ihr, dass verschiedene Diskriminierungsformen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern zusammengedacht werden. „Ich habe mindestens genauso viel gelernt von Menschen, die andere Diskriminierungserfahrungen machen als ich. Ich spüre diese Verbundenheit in unserer Unterschiedlichkeit. Wir können Erfahrungen nebeneinanderlegen. Wir können voneinander lernen und füreinander Allys sein.“ Allys, darunter werden Unterstützende diskriminierter Gruppen verstanden.

„Wenn wir über Verletzungen, über Diskriminierung sprechen wollen, ist es wichtig und notwendig, Betroffenen zuzuhören und ihnen zu glauben“, erläutert Schönbeck in ihrem Buch. Die Entscheidung, über Diskriminierung zu schreiben, hat sich die 27-Jährige nicht leicht gemacht. Denn es macht verletzlich, offenzulegen, wo man verletzt wurde. Doch alles das müsse benannt werden dürfen. Mutig, eindringlich, offensiv sind ihre Worte – obwohl sie sich selbst eigentlich als leise und schüchtern bezeichnet. Sie findet, sie müsse nicht laut sein, um gehört zu werden. Und das gelingt ihr. Etwa wenn es darum geht, darzulegen, dass und wie Menschen durch die Kirche verletzt werden und daher mit der Institution ringen. Wie also kann eine Kirche entstehen, die einladend für alle Menschen ist? Fingerspitzengefühl ist dafür unerlässlich. Ebenso wie Empathie. Doch diese ist laut Schönbeck ebenfalls an Bedingungen geknüpft: „Empathie funktioniert nur, wenn wir verstehen, dass Erfahrungen individuell sind, wenn wir unsere Privilegien reflektieren, statt vorschnell davon zu sprechen, wir seien alle gleich. Wir sind nicht gleich, aber gleich wertvoll.“

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Schönbeck, Julia

Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2025