Zum Tod von Christof May.Schwarze Blüten

Lebensförderlich und evangeliumsgemäß – so muss Kirche endlich gestaltet werden. Gedanken von Johanna Beck.

Christof May (Foto: KNA-Bild)
Christof May (Foto: KNA-Bild)

Was soll man schreiben, wenn einem die Worte fehlen? Was soll man schreiben, wenn sich vor einem wieder einmal die menschlichen und kirchlichen Abgründe auftun?

Erst jetzt, mit ein paar Tagen Abstand, merke ich, wie sehr mich die Nachrichten über die Geschehnisse im Bistum Limburg und den Suizid von Christof May auf vielen verschiedenen Ebenen tief getroffen haben. Erst jetzt gelingt es mir in Ansätzen, die verschiedenen Gedanken und Gefühle zu entwirren und zu benennen. Ich will es hier versuchen. Bruchstückhaft.

Mein erster Gedanke: Wie muss es den Betroffenen jetzt gehen? Den Menschen, die sicher all ihren Mut zusammengenommen, viel riskiert und unter großen seelischen Belastungen die Übergriffe gemeldet haben – und die kurze Zeit später die Nachricht über den Suizid des Beschuldigten erhalten haben. Auch ich kenne sie, die Angst vor einem Selbstmord des Täters als Reaktion auf die eigene Zeugenaussage. Aber gerade deshalb würde ich den Betroffenen gerne laut zurufen: Ihr tragt keinerlei Schuld! Nicht an dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, und nicht an dem, was jetzt geschehen ist! Und ich hoffe sehr, dass sie in dieser Situation nicht alleingelassen werden.

Mein zweiter Gedanke: Wie muss es dem Bischof gehen, der (im Gegensatz zu vielen Amtsvorgängern) offenbar vorschriftsgemäß und im Dienste der Gerechtigkeit für die Betroffenen und zur Verhinderung weiterer Taten handelte? Der den Regens anhörte, freistellte, aus dem Gespräch entließ – und dann diese schreckliche Nachricht erhielt? Und ich hoffe sehr, dass auch er in dieser Situation nicht alleingelassen wird.

Mein dritter Gedanke: Wie einsam und vielleicht auch schuldbeladen muss der Regens selbst gewesen sein, dass er diesen Schritt gegangen ist? Auch ich kenne diese Einsamkeit leider nur zu gut. Die Verlorenheit und der „Tunnelblick“ eines Menschen, der keinen anderen Ausweg mehr sieht, als seinem Leben ein Ende zu setzen. Aber in meinem Fall war es nicht ich selbst, sondern jemand anderes, der einen dunklen Fleck auf meiner Seele hinterlassen hatte, mit dem ich nicht mehr leben zu können glaubte.

Mein vierter Gedanke: Wie zahlreich sind die Betroffenen von Missbrauch in der katholischen Kirche, die die seelischen, körperlichen und spirituellen Folgen des Missbrauchs nicht mehr ertrugen? Die zu „Nicht-Überlebenden“ geworden sind? Es sind viele. Zu viele. Viel zu viele. Aber wo sind die großen Schlagzeilen, die erinnernden Schwarz-Weiß-Bilder auf den Titelseiten, die medialen Nachrufe und das offizielle Gedenken an sie? Wo? Und auch diese Diskrepanz, dieses Missverhältnis, diese Leerstelle schmerzt akut.

Mein fünfter Gedanke: Was ist das nur für eine Kirche, die eigentlich zu einem gelingenden Leben beitragen soll und die stattdessen missbrauchsbegünstigende Strukturen und toxische Denkmuster aufweist, die Täter wie Opfer hervorbringen und vor allem Letztere schlimmstenfalls in den Tod treiben? Nur wenige Tage nach den Schlagzeilen um den Limburger Regens wurde die Missbrauchsstudie im Bistum Münster veröffentlicht, die noch einmal ganz klar, laut und deutlich eben jene Strukturen herausarbeitet und anprangert. Ein Münsteraner Betroffener bringt es auf erschütternde Weise auf den Punkt: „Ich wurde missbraucht, weil ich katholisch war.“ Das muss aufhören! Diese grob fahrlässigen – und schlimmstenfalls sogar tödlichen – Strukturen müssen dringend reformiert werden! Die Kirche muss endlich so gestaltet werden, dass sie nicht mehr lebensfeindlich und evangeliumsverdunkelnd ist, sondern lebensförderlich und evangeliumsgemäß auf die Welt einwirken kann.

Mein sechster Gedanke: Ausgerechnet jetzt, zwei Tage nachdem ich diese Zeilen schreibe, steht das Fronleichnamsfest an. Ausgerechnet jetzt will man den Leib des Herrn triumphalisch an bunt verzierten Blütenteppichen vorbei durch die Städte und Dörfer tragen. Wie wäre es, wenn man angesichts der menschlichen und kirchlichen Abgründe in jeder Gemeinde mindestens einen komplett schwarzen Blütenteppich gestalten würde? An ihm müssten dann alle Beteiligten stehenbleiben, innehalten und für die Menschen beten, die durch die missbrauchsbegünstigenden Strukturen verletzt wurden, und besonders für diejenigen, die das nicht überlebt haben. Als Erinnerung an die Vergangenheit und als Mahnung und Veränderungs-Imperativ an die Zukunft. Dort, an diesem schwarzen Leidens-Erinnerungs-Teppich für die Marginalisierten, Verwundeten und (Nicht-)Überlebenden – und nicht primär in einer mit Gold und Edelsteinen verzierten Monstranz – wäre sie dann wohl am ehesten zu finden: die Gegenwart des Herrn. 

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