22. Sonntag nach Trinitatis (01.11.2026): Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. (Psalm 130,4; LU17)
Die Aussicht auf Vergebung ist das eine, die Vergebung erhalten das andere. Das eine ist Sehnsucht, das andere Gefahr.
Wo Vergebung geschehen soll, da müsste sein: Die wirkliche Einsicht in das, was ich gedacht und getan habe. Da müsste sein: Scham. Da müsste sein: Der Wunsch, alles anders zu machen. Da müsste sein: Reue. Und wenn das alles nicht da ist? Wenn ich zwar höre: „Dir ist vergeben“, aber gar nicht weiß, ob ich es wirklich bereue? Oder wenn ich weiß, dass ich nicht bereue? Oder wenn ich mich frage, ob ich vielleicht viel zu schnell davongekommen bin? Oder wenn ich genau das weiß?
Vergebung ist gefährlich. Denn bei dir ist die Vergebung nicht, damit wir sorglos werden und uns freuen. Sondern: Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Furcht entsteht normalerweise im Zusammenhang mit Schuld dort, wo Strafe droht. Hier entsteht sie aus der Vergebung. Weil diese wirkliche Vergebung etwas mit uns macht. Wer wirklich erlebt, dass ihm nicht heimgezahlt wird, obwohl es möglich wäre, der begegnet einer Macht, die größer ist als jede Strafe. Das, was wir kennen, wird durchbrochen. Eine Strafe, damit kann ich umgehen, wenn ich den Grund – und wenn auch nur irgendwo in mir drin – einsehe. Eine Strafe, sie reinigt: Ich werde bestraft, und dann ist vergolten, was ich zu den Akten legen kann. Dieser Mechanismus fehlt auf einmal, mir wird das Gefühl einer Katharsis genommen, weil ich Katharsis erst einmal neu und richtig verstehen muss.
Jedoch: Nicht Angst wächst daraus, sondern Ehrfurcht. Das Staunen darüber, dass Gott mich besser kennt als ich mich selbst – und trotzdem nicht von mir ablässt. Die Schuld bleibt bestehen, sie wird nicht gelöscht – und bis ich lerne, dass sie stehen bleiben kann, ohne mich umzubringen, macht mir das Angst. Denn ich kann mich nicht mehr verstecken hinter der Schuld und allen Ausreden, nicht mehr hinter den Vorwürfen, mit denen ich die Ohnmacht der Schuld betäube. Ich kann mich nicht mehr verstecken dahinter, dass die Strafe die Schuld getilgt hat.
Wenn Gott vergibt, bleibt mir nur noch, sein Trotzdem auszuhalten. Das ist schwerer als man denkt. Wenn mir das gelingt, manchmal, selten, dann wird aus Angst Ehrfurcht. Es gelingt nicht oft. Ich darf ein ganzes Leben lang daran scheitern.
Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres (08.11.2026): Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Matthäus 5,9; LU17)
Frieden stiften, da wüsste ich gerne einmal nur, wie das geht. Wenn die großen Nachrichten unserer Zeit über mein Smartphone flackern, wenn ich sie eilig wegwische oder hängen bleibe –
was oft dasselbe ganz anders bedeutet, wenn ich die Nachrichten lese und nicht an mich heran lasse – dann weiß ich oft genau, wie das geht: Die müssten doch nur! Die sollten einfach mal! Wenn Trump …, wenn Putin …, wenn Netanjahu …, wenn überhaupt alle einmal etwas mehr … Aber insgeheim weiß ich ja, dass Trump nicht … und Putin nicht … und Netanjahu nicht … und alle nicht … und dass meine Ideen deswegen naiv oder utopisch sind oder beides. Und deswegen merke ich dann, dass ich eigentlich nicht weiß, wie das geht, Frieden stiften.
Frieden stiften, da wüsste ich gerne einmal nur, wie das geht. Ich scheitere ja schon oft genug im Kleinen daran. Nicht, dass ich immer streiten würde. Aber manchmal bin ich nicht in der Lage, Frieden zu bewahren oder zu stiften in meinem Leben. Ich bin dann gereizt statt gelassen, und da reicht schon ein Wort oder eine Handlung, um in mir und dann um mich herum Unfrieden zu stiften. Ich habe manchmal eine nicht erklärliche Lust an Auseinandersetzungen. Manchmal sind die Themen auch zu wichtig, wichtiger jedenfalls als ein letztlich fauler Frieden. Manchmal reden wir aneinander vorbei und merken es oder auch nicht, aber jedenfalls nehmen wir uns etwas übel oder auch nicht; aber jedenfalls scheitert das Gespräch, und woran das liegt, das ist manchmal so tief, dass keiner es versteht. Und deswegen merke ich dann, dass ich eigentlich nicht weiß, wie das geht, Frieden stiften.
Frieden stiften, da wüsste ich gerne einmal nur, wie das geht. Nicht jede gewünschte Versöhnung gelingt. Manchmal scheitert sie daran, dass ich nicht um Entschuldigung bitten kann oder mag. Manchmal scheitert sie daran, dass die andere Person mir nicht vergeben kann oder mag. Manchmal scheitert sie daran, dass ich nicht vergeben kann oder mag. Und deswegen merke ich dann, dass ich eigentlich nicht weiß, wie das geht, Frieden stiften.
Frieden stiften, da wüsste ich gerne mal, wie das eigentlich geht. Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Vielleicht wäre es ja auch andersherum mal eine Überlegung wert: Gott, wenn wir deine Kinder sind oder sein sollen, dann zeig uns, wie man Frieden stiftet. Denn ich wüsste wirklich gerne einmal, wie das geht.
Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (15.11.2026): Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. (2Korinther 5,10a; LU17)
Ich möchte nicht offenbar werden. Nicht wirklich. Jedenfalls nicht ganz. Es reicht ja schon, wenn das Handy in der falschen Sekunde auf dem Tisch liegt und eine Nachricht aufploppt, dann werde ich nervös. Oder wenn jemand alte Fotos rausholt, die ich lange vergessen wollte. Oder anfängt mit: „Weißt du noch damals …?“ – gerne auf Familienfeiern, denn ich weiß noch, damals, aber ich will es nicht mehr wissen. Es gibt Dinge, die dürfen ruhig vergessen werden. Ich möchte nicht offenbar werden, vor den anderen nicht und manchmal auch vor mir nicht. Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, den richtigen Eindruck zu machen. Wir zeigen die Urlaubsbilder, nicht den Streit davor und dabei. Erzählen von Erfolgen und verschweigen, was auf dem Weg dahin schiefgelaufen ist und wo einfach Glück im Spiel war. Nicht unbedingt, weil wir lügen. Sondern weil jeder von uns Seiten hat, die lieber nicht offenbar werden sollen. Wir möchten nicht offenbar werden, vor den anderen nicht und manchmal auch vor uns selbst nicht.
Und dann kommt Paulus mit dieser Ansage an uns: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Das klingt erst einmal wie die schlimmste aller Vorstellungen: Alles kommt ans Licht. Nichts lässt sich erklären, beschönigen oder wegdiskutieren. Alles ist dann da. Die Nachrichten, die Gedanken, die Fotos, und auch das, was niemand dokumentiert hat und was trotzdem auf unserer Seele liegt. Wir wollen nicht offenbar werden, aber wir werden offenbar werden, nur: ist das Verheißung oder Drohung?
Es kommt darauf an. Paulus sagt zu uns ja nicht: Ihr werdet vor euren Nachbarn offenbar. Nicht vor euren Kindern, nicht vor den Eltern. Nicht vor den Leuten, deren Urteil ihr fürchtet. Nicht vor euch selbst. Sondern vor Christus.
Wir wollen nicht offenbar werden, aber wir werden offenbar werden vor dem, der Menschen nie auf ihre schlechtesten Momente, auf ihre Leidenschaften und Untiefen reduziert hat. Jesus hat Menschen einfach ehrlich angesehen. Und trotzdem sind sie nicht daran zerbrochen. Weil sein Gericht, in dem wir offenbar werden, das große Trotzdem ist. Er kennt alles. Wir sind ihm schon offenbar. Und trotzdem liebt er uns schon lange, während wir uns noch schämen in den wenigen Momenten, in denen wir uns und anderen offenbar werden.
Totensonntag (22.11.2026): Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. (Psalm 90,2; LU17)
Ich bin nicht klug: Schon lange bin ich mir sicher, dass ich nicht sterben möchte. Wenn es nach mir ginge, könnte ich ewig leben. Ja, ich würde Menschen vermissen, die sterben. Aber das passiert mir auch in einem endlichen Leben. Ja, ich würde mich auch mal langweilen, vielleicht auch mal verzweifeln, weil ich das ganze Elend der Welt und meines Lebens ertragen müsste. Aber das passiert mir auch in einem endlichen Leben. Nur: Es würde immer ein neuer Anfang kommen und ich hätte unendlich viele Möglichkeiten, mein Leben zu gestalten. Ich hätte nicht mehr die Entscheidung, welche Bücher ich lese und welche nicht, welche Lieder ich höre und welche nicht, welche Serien ich schaue und welche nicht, welchen Hobbys ich nachgehe und welchen Beruf ich ausübe. Ich könnte alles aufschieben und irgendwann tun oder nicht, es wäre gleichgültig. Was für eine Freiheit, was für eine Befreiung wäre es! Bin ich unklug im Sinne des Psalms?
Vor einigen Jahren habe ich mit einem Freund genau darüber gesprochen: Wollen wir ewig leben? Wir standen in einem Bus irgendwo in der Schweiz, wir diskutierten mit noch beinahe jugendlichem Eifer, und ich entfaltete ihm, wie schön es wäre, immer zu leben – langweilig würde mir nie werden, denn es gibt doch immer etwas Neues. Und dann kam er, noch härter als der Psalmbeter sagte er mir ins Gesicht: Du weißt aber schon, dass das Sünde ist? Das hat gesessen. Weil die Schlichtheit dieser Aussage Widerstand ausgelöst hat, meine Sehnsucht nach dem Leben als Sünde zu sehen.
Ich bin nicht klug. Und ich bin Sünder. Aber ich bin in guter Gesellschaft. Letztens habe ich mit Schülern darüber gesprochen, ob sie ewig leben wollen würden. Für den Psalmbeter und für meinen alten Freund aus der Schweiz wäre diese Stunde hart zu ertragen gewesen: Fast alle der Schülerinnen und Schüler würden gerne ewig leben. Nicht klug. Sünder. Doch zugleich: Wie schön, dass sie das Leben als so lebenswert empfinden. Einer sagte nach etwas Nachdenken etwas Überraschendes: „Wenn ich ewig leben würde, wäre es am besten, wenn alle, die ich liebe, gleich am Anfang sterben. Dann müsste ich nur einmal trauern. Und dann könnte ich den Rest des ewigen Lebens ja wieder genießen!“
Kurze Pause. Und dann zeigt er uns ein Foto auf seinem Smartphone, wie er mit einer Bierflasche in der Hand und umgeben von offensichtlich auch angetrunkenen Freunden an einem Fluss steht: „Da war ich in Hamburg mit meinen Freunden unterwegs. Und da dachte ich auf einmal, dass ich irgendwann sterbe und dass ich mein Leben und diese Nacht genießen muss. Denn irgendwann ist es ja vorbei.“
Sünder bleiben wir. Und vielleicht wollen wir das Sterben nie lernen. Aber wir können das Leben lernen. Vielleicht ist das die Klugheit, von der der Psalm spricht: In durchzechten Nächten in Hamburg oder in Bussen in der Schweiz die Sehnsucht nach dem Leben zu begreifen.
1. Sonntag im Advent (29.11.2026): Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sacharja 9,9a; LU17)
Es gibt Menschen, die kommen immer zu spät. Sie kommen, wenn die Entscheidung längst gefallen ist. Wenn die Krankheit nicht mehr heilbar ist. Wenn die Beziehung kaputt ist. Wenn der Zug wortwörtlich abgefahren ist. Dann kommen sie mit ihren guten Ratschlägen. „Du hättest …“; „man müsste …“; „eigentlich …“. Oder sie kommen auch nicht mehr, bleiben einfach weg, weil sie sich so wenig ertragen, dass sie das Leid anderer nicht ertragen und mittragen können. Helfen kann dann von ihnen keiner mehr. In der Not siehst du, wer deine wirklichen Freunde sind. Und manchmal sind das wenige, wenn es drauf ankommt.
Vielleicht hoffen wir deshalb so oft auf den richtigen Menschen. Auf den einen, der endlich kommt und alles in Ordnung bringt. Einen Politiker. Einen Arzt. Einen Therapeuten. Einen Partner. Irgendjemand, der weiß, was zu tun ist. Denn wir wissen es ja auch oft nicht, wir kommen auch oft zu spät im Leben anderer und in unserem eigenen Leben, und dann haben wir gute Ratschläge für andere und uns selbst, die uns allen nichts mehr bringen. Alles, was bleibt, ist dann die Sehnsucht nach jemandem, der anders ist.
Die Bibel kennt diese Hoffnung. Aber sie erzählt merkwürdig von ihr. „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Er bleibt nicht weg, sondern er kommt. Nicht zu spät, sondern zur rechten Zeit ist er da. Die meisten Dinge in unserem Leben müssen und dürfen wir selbst in die Hand nehmen. Wir müssen lernen, arbeiten, entscheiden, Verantwortung tragen. Segen und Fluch, denn irgendwann glauben wir, dass das immer so ist: Wer Hilfe braucht, muss sich eben auf den Weg machen.
Die Bibel behauptet das Gegenteil. Jedenfalls an dieser Stelle. Der, der wirklich helfen kann, macht sich selbst auf den Weg. Zu Menschen, die gar nicht mehr losgehen. Die nicht wissen, wohin. Die keine Kraft mehr haben. Oder die längst aufgehört haben, überhaupt noch etwas zu erwarten.
Der König kommt. Das ist ein Versprechen, in die Erfahrung und in die Sehnsucht hinein gesprochen, deswegen trifft es uns so: Weil wir es kennen, dass Menschen zu spät kommen und wir selbst auch. Weil wir es kennen, dass wir einander fernbleiben, obwohl wir uns brauchen. Der König, er kommt. Einfach so und auf jeden Fall und zur rechten Zeit. Wir müssen nichts dafür tun. Und können es auch nicht.
Das klingt fast zu einfach. Aber an diesem Fast kann unser ganzes Leben hängen