Monatsspruch November

Der Herr wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg (Jes 2,4; EÜ).

In diesem Monat wird die Friedensdekade begangen; seit den 1980ern geht das so. Weil die Sehnsucht nach Frieden und Heilung nicht kleiner wird, weil Frieden und Heilung nicht da sind. Die Hoffnung auf die Abwesenheit des Krieges, ohne dass nach einem gerechten Frieden überhaupt gefragt werden würde, liegt entweder in ihren letzten Atemzügen oder strampelt sich ab. Man fragt schon gar nicht mehr, wann es denn endlich so weit ist, das Umschmieden und das Seinlassen; man wird des Betens um Frieden langsam müde. Wie viel Weile will das gute Ding denn noch haben? Wie viele stete Tropfen braucht es denn noch, um den Stein zu höhlen?
Demonstrationen und Kundgebungen; Aufrufe und Mahnungen: Tropfen. Fotos von nackten Kindern, die das Napalm verbrennt und Interviews mit Gebrochenen: Tropfen. Berichte über Säuglinge, die die Kriegswaffe Vergewaltigung geboren hat: Tropfen.
Ostentative Betroffenheit auf Instagram und in TikTok-Schnipseln: Tropfen. Offene Briefe von Intellektuellen und Personen des öffentlichen Lebens (den Überlebenden des Krieges hört man meistens sowieso lieber nicht zu): Tropfen.
Bürgerkriege, vor denen Hunderttausende flüchten und dabei der Hungersnot in die Arme laufen, die der Krieg gleich mitgebracht hat: Tropfen. Man könnte das für die steten Tropfen halten, die den Stein höhlen. Dann hätte man im Laufe der Jahrtausende wirklich viele Tropfen gesammelt. Dann müsste man sich ehrlicherweise auch fragen, wie groß der Stein denn ist, der ausgehöhlt sein soll, wann der Frieden endlich freigelegt ist? Man könnte das für die Tropfen auf dem heißen Stein halten, die für die Dauer eines Wimpernschlags zu hören sind und dann verschwunden bleiben, bis die nächsten kommen.

Man kommt nicht umhin zu bemerken: Irgendwie scheitert der Mensch an sich selbst. So viel Schönheit und Zartes, so viel Hässlichkeit und Gewalttätiges, so viel Güte und Licht, so viel Unbarmherzigkeit und Finsternis.
Der Krieg, ach der Krieg ist so schlimm, alles furchtbar, warum sind die Menschen nur so,– schau sie dir doch an, diese Trecks da, wo die leben: Guck doch mal, diese ausgemergelten Ochsen, diese vielen Kinder mit krausen Haaren da, die hinterhertorkeln – die Fotos in der Bild erst neulich auf Seite 1 (unten, da wo früher das Seite 1-Mädchen war, ne). Der Krieg, ach der Krieg ist so schlimm, man könnte daran zerbrechen, säße man nicht in einer Wohnung mit wärmegedämmten Fenstern, in der sauberes Wasser einfach so aus einem der mindestens zwei Wasserhähne fließt; um die Ecke das Krankenhaus, dessen Notaufnahme verstopft ist wegen der Schnitte, die japanische Küchenmesser für 180 Euro in Zeigefinger gesägt haben. Der Krieg, ach der Krieg, der ist so schlimm.

Irgendwie scheitert der Mensch an sich selbst. Deswegen wird unser Frieden niemals reichen. Denn er ist die Narbe auf Wunden, deren bloße Existenz beweist, dass es so ist, wie es niemals hätte sein sollen; und dass es eben noch so war, wie es niemals hätte werden dürfen.

Der von Gott verhängte Frieden ist nicht von dieser Welt. Deswegen ist er der einzig wahre Frieden und der einzige, der Heil bringt. Dieser Frieden hat das letzte Wort – aber wie viele Worte werden noch vor diesem letzten gesprochen sein? Und wie viele Tropfen braucht es noch? Gottes Frieden hat das letzte Wort. Aber eben wirklich erst das letzte.

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