Editorial

Liebe Leserinnen und Leser der Pastoralblätter,

der Übergang in die Adventszeit ist Jahr für Jahr eine kleine Licht- und Zeitenwende.
Nicht aber eine, wie sie sich in Stunden und Tagen zählen lässt, wie sie in einen Taschenkalender passt und schließlich mit einem Feuerwerk gekrönt wird.
Diese adventliche Licht- und Zeitenwende ist eher wie ein unabsehbar langer Spaziergang durch die Nacht. Und wenn dann diese Wende beginnt, berührt zunächst nur eine ferne Ahnung von Licht die Augen, nicht mehr. Das Hellwerden lässt sich noch stundenlang Zeit. Als müssten wir November-Menschen erst wieder lernen, was es heißt, zunächst nur mit einer Ahnung zu leben, dann verwirrende Konturen zu deuten, später in Schatten zu denken und zuletzt erst im Licht zu wandeln und zu sehen. Auf diesem unberechenbar langen Weg wird auch nur die Augen offenhalten können, wer sich an das langsame Hellwerden gewöhnt hat. Wer bis dahin nachts durch die Wohnung geistert und aus Versehen einen Lichtschalter betätigt, wird statt mehr erst einmal gar nichts mehr sehen. Die Augen werden sich wieder schließen. Einen direkten Weg zum Licht gibt es wohl nicht, nur die langsame Gewöhnung.
Und wer aus dem hell erleuchteten Klassenzimmer einer Grundschule gerade noch müde ins Dunkel hinausblickte, wird mit den anderen Kindern nun bald staunend und schnell zu den großen Fenstern flitzen, wenn das erste Sonnenlicht wie einst am Schöpfungsmorgen über die Berge ins Tal und in die Schule fällt.
Der Advent ist eine Licht- und Zeitenwende, für die wir November-Menschen Jahr für Jahr eine besondere Schule besuchen. Und die beginnt für viele viel zu früh am Morgen, nämlich mitten in der Nacht. Und im November.
November ist die Zeit, wenn es so dunkel ist, dass die Augen immer mehr nach innen gehen. Wenn es gut geht, schenkt Gott dazu einen guten Schlaf, im widrigsten Fall steht eine unruhige Reise durch eine lange Nacht bevor. Die Unruhe wird geweckt durch Nachterfahrungen: Wie kommt es, dass die kleinsten Mücken im Dunkeln zu riesigen Elefanten werden? Wie kann ich mir erklären, dass eher unbedeutende Sorgen des Tages sich nachts in der Stille und im Dunkel des Raumes zu schier unlösbaren und beunruhigenden Riesenproblemen auswachsen?
Dazu auch tagsüber im Halbdunkel noch die langen Stunden zuhause. In den Gärten ist schon lange nichts mehr zu tun. Die vertrauten Wege liegen verlassen, die fallende Szenerie lädt ein zum Grübeln und zum Lernen, zeigt eingeschlagene Pfade und Entwicklungen auf: zwischen mir und Gott und der Welt; über die Menschen, die kommen und gehen, auch über die eigene Endlichkeit und welcher Weg mich wohl früher oder später dorthin führen mag. Und welchen Weg ich doch noch gerne selber gehen möchte bis dahin. All das ist November, ein unruhiger Weg durch manch schlaflose Nacht.
Und doch ist kein Weg ohne Entwicklung. Eher wie die Schule einer Licht- und Zeitenwende. Im Boden unter dem Blattwerk eines Jahres schlummert längst der Keim für Neues. In der Nacht werden die wichtigen Fragen gestellt, auf die sich das Leben am Tag einstellen und schließlich Antworten finden wird. Dass Nikodemus Jesus mit seinen tiefen Fragen bei Tageslicht besucht hätte, ist eher nicht zu vermuten.
Durch das Dunkel hindurch geistern lose Gedanken, Gesichter, Erinnerungen, die sich am Morgen im Licht eines neuen Tages zusammenfinden in Texten, Bildern, Ideen und vielleicht in einen Anruf, einen Brief, ein Bild und Ziel münden.
Es braucht den November, weil es den Weg braucht hin zum Advent, hin zu dieser Licht- und Zeitenwende. Um aus dem Dunkel heraus zunächst Ahnungen zu spüren, dann Konturen zu deuten, auch ein Leben mit Schatten zu denken und schließlich mit den eigenen, offenen Augen bereit zu sein für das Licht und für eine Zeitenwende, im eigenen Leben oder in den Fragen von Gesellschaft und Welt. Nicht zuletzt, um wieder etwas lernfähiger zu werden im Schauen des Glaubenslichtes.

Viele Beiträge dieser Novemberausgabe wollen Ihnen gute Begleiter sein auf dem Weg zur Licht- und Zeitenwende. Wir wünschen Ihnen guten Gebrauch.

In eigener Sache darf auch ich noch einen kleinen Zeitenwechsel vermelden. Mit der Erkenntnis, dass auch die eigenen Eltern einmal älter werden und die Unterstützung ihrer Kinder benötigen, kehrte ich vor einigen Jahren mit meiner Familie aus Thüringen nach Baden zurück und so in größere Nähe zu den beiden. Seither sind bereits viele kostbare und auch anstrengende Stunden und Tage vergangen. Es braucht neben dem täglichen Pfarrdienst absehbar noch mehr Zeit für die beiden, darum bin ich froh, die Aufgabe des Schriftleiters der Pastoralblätter mit Beginn des neuen Jahres in sehr gute Hände weitergeben zu dürfen: Dr. Jochen Kunath und sein Team wird diese Aufgabe künftig gerne übernehmen und Sie mit dem Heft 1/2027 dann auch schon herzlich begrüßen. Alle Fragen rund um die Pastoralblätter und die Ausgaben ab 2027 richten Sie künftig bitte an folgende E-Mail-Adresse: Pastoralblaetter@verlagkreuz.de

Ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich für alle wunderbaren Kontakte und Gespräche in den vergangenen beiden Jahren, vor allem für die tolle Zusammenarbeit mit dem Redaktionsteam, mit Anna, Heike, Nele, Henrike und Jan, die mir von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern längst zu einem wichtigen Kreis von Freundinnen und Freunden geworden sind, die ich nicht mehr missen mag und ohne die die Pastoralblätter niemals die Gestalt gefunden hätten, die sie jetzt haben.
Tiefenentspannt, humorvoll und dennoch jederzeit souverän durfte ich auch die Zusammenarbeit mit dem Herder-Verlag, mit unserem Korrektor, Herrn Wolf, und mit dem Satzstudio Roeser in Karlsruhe erleben. Herzlichen Dank für diese starke Zusammenarbeit!

Zuletzt und zuerst gilt mein Dank Ihnen als Leserinnen und Leser und als Autorinnen und Autoren dieser Zeitschrift für Ihre starken Lebens- und Schreiberfahrungen. Sie sind der Pulsschlag der Pastoralblätter.

Bleiben Sie behütet und berührt vom Segenslicht
auf Ihrem Weg in die Licht- und Zeitenwenden des Lebens!
Im Namen des Redaktionsteams grüßt Sie herzlich

Ihr Jochen Lenz (Schriftleitung bis zum 31.12.2026)

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