Erntedank (4.10.2026)
Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. (Psalm 145,15)
Alle Jahre wieder an Erntedank begegne ich dem Wochenspruch zwiespältig. Ich freue mich an Erntedank. An den vollen Altären. Dem Strahlen der Kinderaugen, die ihre Körbchen während des Gottesdienstes nach vorn zum Altar bringen. Sie singen ein Lied, sprechen ein Gebet und lernen, dass sie dankbar sind für die Gaben, für das Essen und dass sich Teilen lohnt. Einerseits.
Andererseits: Wie hören Menschen den Spruch, deren Teller leer ist? Die geplagt sind von der Sorge, was sie ihren Kindern und sich zum Essen geben können. Wo das Geld knapp ist von Monatsbeginn an – hier mitten unter uns. Wo die Ernte ausgefallen ist. Wo Krieg herrscht. Das Überleben grundsätzlich infrage steht und die Augen vom Hunger weit aufgerissen sind. Die auf Speise warten, weil der Hunger sie quält. Jedes Jahr feiern wir Erntedank in der Spannung.
Vermutlich hat der Vers schon immer beide Wirklichkeiten im Blick gehabt. Denn auch in Israel hat es Ernteausfälle, Notzeiten, Hungersnöte gegeben. Da wird der Psalmvers ab und zu wie eine Vertröstung, im schlimmsten Fall wie Hohn und Spott geklungen haben.
Trotz der Spannung fasziniert mich die Hoffnung und Gewissheit, die der Vers transportiert.
Gott wird dich satt machen. Zur rechten Zeit. Auf Gott zu warten, ist die Grundhaltung christlicher Existenz. In Erwartung leben und glauben wir. Nicht ohne Grund, sondern aus Erfahrung: Gott hat mich satt gemacht. Hat den Apfelbaum mit seinen Früchten vor Sturm und Hagel bewahrt und wird es wieder tun. Er wird mich auch nach Notzeiten wieder sättigen. Darauf hoffe und vertraue ich alle Jahre wieder an Erntedank.
19. Sonntag nach Trinitatis (11.10.2026)
Heile du mich Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen. (Jeremia 17,14)
Eine Frau im Rollstuhl verlässt während der Predigt den Gottesdienst. Es geht um die Geschichte, als Jesus den Gelähmten heilt. Der steht auf, nimmt sein Bett und geht zurück in sein Leben. Die Frau bleibt im Rollstuhl sitzen. Sie hält es nicht aus, dass Jesus den Gelähmten heilt, den Blinden sehend macht, den Toten ins Leben zurückruft, und sie selbst bleibt krank zurück. Obwohl sie und viele Freunde und Angehörige für sie beten. Bestimmt auch mit ähnlichen Worten wie die des Wochenspruchs aus dem Buch Jeremia.
Ihre Enttäuschung kann ich verstehen. Es ist schwer auszuhalten, krank zu sein und Heilungsgeschichten zu hören. Es ist schwer auszuhalten, einen kranken Menschen zu begleiten, für ihn zu beten und doch alles aus der eigenen in Gottes Hand zu geben.
Der Wochenspruch hilft, sich zu konzentrieren. Mich auszurichten auf Gott. Dabei richtet sich die Bitte Jeremias aufs Ganzwerden, nicht aufs Gesundwerden. Im Grunde ist der Mensch von Gott so geschaffen, dass er beziehungsreich lebt: im Einklang mit Gott, mit der restlichen Schöpfung und mit sich selbst. Meistens ist eine Beziehung oder sind mehrere der Beziehungen wenigstens gestört. Das führt dazu, dass der Mensch in seinem Leben zerrissen ist. Die Bitte „Heile du mich, Herr“, weiß von der eigenen Zerrissenheit und hat die Erkenntnis als Grundlage, dass nur wer ganz ist, heil ist und im Frieden lebt.
In die Bitte können alle einstimmen, weil das alle nötig haben.
20. Sonntag nach Trinitatis (18.10.2026)
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
„Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es anders gemacht …“ oder: „Mir hat das ja keiner gesagt, sonst hätte ich mich anders verhalten …“ So oder so ähnlich hören sich Entschuldigungen an von Menschen, die aus Unwissenheit heraus etwas gemacht haben, das sie so nicht mehr machen würden.
Ihr Nichtwissen nehmen sie als Entschuldigung für ihr Verhalten. Für ihr Tun und ihr Lassen.
Es kann im Blick auf Gottes Willen nach dem Wochenspruch keiner sagen, er oder sie hätte es nicht gewusst. Gott sagt klar, was er will: Gottes Wort halten. Liebe üben. Demütig sein vor deinem Gott. Klarer geht’s nicht. Aber die Klarheit macht das Leben bzw. das Tun und Lassen nicht einfacher. Denn – wenn sich vielleicht als Minimalkonsens Einigung darüber erzielen ließe, dass Gottes Wort halten beispielsweise meint, die 10 Gebote als Gottes Willen zu einem guten gemeinsamen Zusammenleben zu sehen –, es fällt doch schwer oder ist vermutlich sogar unmöglich, sie zu 100% zu halten. Irgendein Gebot nicht zu halten, das gelingt immer. Nicht immer Liebe zu üben, fällt leicht. Und Demut hat nur im Sport Renaissance, könnte man meinen.
Dabei bringt der Wochenspruch den alten Gedanken von Zuspruch und Anspruch zum Ausdruck. Gott spricht uns an, ruft uns ins Leben. Schenkt uns Lebensraum und Lebenszeit. Das ist sein Zuspruch an uns: „Du bist mein geliebtes Geschöpf.“
Gleichzeitig aber hat er auch einen Anspruch an uns, den der Wochenspruch auf den Punkt bringt. Einen Anspruch, dem wir nicht gerecht werden können. An dem wir scheitern und erneut auf Gottes Zuspruch angewiesen sind. Gleichzeitig Sünder sind wir und Gerechtfertigte – so bringt das Martin Luther auf den Weg. Gleichzeitig – in einem Menschen. In der Spannung in uns leben wir. Der Wochenspruch erinnert uns, Gottes Anspruch an uns im Blick zu behalten. Ein Dreiklang, der uns die ganze Woche über begleiten kann. Gottes Wort halten. Liebe üben. Demütig sein vor Gott. Damit die Welt eine bessere wird.
21. Sonntag nach Trinitatis (25.10.2026)
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,21)
„Wir lieben unsere Feinde, deshalb halten wir an unseren Feindbildern fest“, so schreibt der Theologe Arnd Henze. Was er damit sagen will: So groß ist die Bereitschaft, sich zu versöhnen oder in Frieden leben zu wollen, gar nicht. Es macht auch Freude, an den Feindbildern festzuhalten, mit anderen sich über den einen oder die andere aufzuregen: „Der schon wieder …“, „Die da oben …“, „Unmöglich, was die gemacht hat …“.
Gar nicht so einfach. Der Wochenspruch gibt die Richtung vor. Er benennt zuerst mal, dass es Böses in der Welt gibt. Vermutlich geht es gar nicht um ein böses Wesen, das da sein Unwesen treibt. Vermutlich geht es um das Böse, was Menschen einander antun. Da ist das Verharren bei den Feindbildern noch etwas Harmloses. Der Blick in die Welt und die gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen zeigt, wozu der Mensch fähig ist. Dass der Mensch dem Menschen doch ein Wolf ist und ihm die Butter auf dem Brot nicht gönnt.
Da sagt der Wochenspruch: Steig aus aus dem Mechanismus. Fang an, Gutes zu tun.
Aber – was ist das Gute?
Für mich sagt Gott, wie er sich unser Zusammenleben vorstellt: Alles, was dem Leben dient, ist gut. Klar geregelt in den 10 Geboten. Auf Gott ausgerichtet, sich so dem Nächsten zuwenden, damit der gut leben kann. Gar nicht schwer, eigentlich. Es lohnt sich, damit in der letzten Woche des Oktobers zu beginnen.