Liebe Leserinnen und Leser der Pastoralblätter,
Interviews, die Günter Gaus führte, hatten es in sich.
Der gelernte Journalist und spätere Politiker und Publizist befragte seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seine Gäste in der Fernsehsendung „Zur Person“ regelmäßig auf Herz und Nieren. Er prüfte sie nicht, er befragte sie.
Für den 30.Oktober 1963 hatte er den damaligen Kirchenpräsidenten, Theologen und Pfarrer Martin Niemöller zum Gespräch eingeladen. Das Studio: ein kleiner dunkler Raum. Nur der Befragte wurde darin in helles Licht getaucht. Und seine Zigarre, die dicke Wolken durch den kleinen Raum schickte. Nicht nur die Köpfe rauchten. Günter Gaus sah man zweimal beiläufig von hinten. Es ging ja nicht um ihn. Er war die Stimme aus dem Off. Und oft genug die Stimme des Gewissens. Eines Gewissens, das nicht urteilte, das aber die richtigen Fragen stellte, um zu verstehen.
Der Fokus der Kamera lag also eine Stunde lang ruhig und beharrlich auf Martin Niemöller. Im und mit Profil nahm der Kirchenmann die Fragen entgegen. Und wenn er dann antwortete, zoomte die Kamera noch weiter auf sein Gesicht, gerade so als würde man sich noch näher zu ihm beugen, um ja kein Wort zu verpassen. Vielleicht war das der Wunsch von Günter Gaus: sein Gegenüber durfte und sollte Gesicht zeigen. In absoluter, bildfüllender Nahaufnahme. Näher geht es nicht. Dabei wurde jedes Augenzucken, jeder überraschte Blick – damals noch in Schwarzweiß, also markant – eingefangen; jedes Durchatmen, Erinnern, Nachdenken, jedes verschämte oder gewinnende Lächeln, jeder Schweißtropfen, alles trat dabei ins Licht. Eine Stunde lang hielt die Kamera ihn so im Bild, lange Minuten daraus immer wieder ungeschnitten.
So ein Interview würde heute keine/r mehr ertragen. Die einstündige Großaufnahme nicht. Die Zigarre nicht. Und auch die Fragen nicht. Diese unverwechselbaren Gaus-Fragen. Sie waren gut und stunden-, wenn nicht tagelang vorbereitet und klar formuliert. Sie trafen freundlich, aber bestimmt den Punkt, boten für Floskeln und einstudierte Formeln keinen Raum, dafür öffneten sie Türen ins Erzählen ganz besonderer persönlicher Momente.
In seinen rund 250 Interviews ging es Günter Gaus natürlich auch um das, was die Menschen, die da mit ihm im Studio saßen, geleistet, gesagt oder gedacht haben, aber mehr noch suchte er mit ihnen gemeinsam nach den wegweisenden Lebensmomenten, die ein solches Denken oder Handeln überhaupt erst ermöglichten. Nach dem Interview glaubte man, den Menschen, der da befragt wurde, besser zu kennen, vor allem: ihn und sein (neues) Denken besser zu verstehen.
Drei Beispielfragen aus dem Niemöller-Interview (1963):
„Herr Kirchenpräsident Niemöller, wissen möchte ich: Als Sie 1910 nach dem Abitur sich entschlossen, Seekadett zu werden bei der Kaiserlichen Marine, da hat es nicht etwa den Wunsch Ihres Vaters gegeben, Sie möchten (wie er) Pfarrer werden?“
„Herr Kirchenpräsident, Sie waren schließlich von Mitte des (Ersten) Krieges an Offizier auf U-Booten und zum Schluss Kommandant eines Unterseeboots im Mittelmeer. Ich würde gerne wissen: Nachdem sich Ihre Einstellung zum Krieg und zum Soldatenberuf radikal geändert hat, haben Sie heute am Abend Ihres Lebens die Vorstellung, … dass der junge Niemöller auch seinerzeit schon bei etwas weniger Gedankenlosigkeit und Forschheit wenigstens die Ansätze dieser neuen Ansichten hätte hegen können? ... Tragen Sie sich nach, dass sie Jahrzehnte (dazu) gebraucht haben?“
„Herr Niemöller, Sie haben … Anfang 1938 unerschrocken Ihren evangelischen Standpunkt gegen den Arierparagraphen verteidigt, Sie haben aber auch gesagt, dass man es Ihnen als ehemaligem Offizier und Spross einer westfälischen Bauernfamilie schon glauben dürfe, dass Ihnen die Juden menschlich gewiss nicht sympathisch seien. Bedrückt Sie dieses Wort heute?“
Drei Beispielfragen, die den Punkt treffen und doch weiten Raum geben, persönlichen Veränderungen und Erinnerungen nachzugehen. Drei von vielen weiteren Fragen, die hinter dem Theologen und späteren Pazifisten Martin Niemöller die Tür in eine atemberaubende Lebensgeschichte öffneten, schonungslos Umbrüche ins Licht tauchten und benannten, Risse, Veränderungen aufzeigten und gerade so den Menschen sichtbar und das neue Denken verständlich machten.
(Sie finden hier das Interview in voller Länge: https://www.zdf.de/play/ interviews/zur-person-196/martin-niemoeller-zeitgeschichte-archiv-zurperson-gaus-100. Machen Sie am besten dazu das Fenster auf, sonst nimmt Ihnen allein schon die Zigarre die Luft.)
Die Pastoralblätter 2026 haben sich in vielen unterschiedlichen Beiträgen nun ein Jahr lang auf den Weg gemacht, der (Ohn)Macht der Alten nachzugehen und sie zu befragen.
Eine Predigtreihe beschäftigt sich sehr persönlich mit den biblischen Alten.
Auch der Puls der alten Gebote für unsere Tagen und Zeiten wurde Monat für Monat neu gemessen und die Bedeutung oder wenigstens die Kraft alter Bekenntnisschriften für unsere Zeit gesucht am Beispiel der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode in Barmen aus dem Jahr 1934.
Martin Niemöller hat jene Bekenntnissynode mitorganisiert.
Die Predigt zu Barmen IV in dieser Ausgabe nimmt darum auch das Gaus-Interview mit Martin Niemöller auf, befragt sein Leben mit den Gedanken von Barmen IV.
Sicher kann man die Worte der Bekenntnisschrift für sich stehen und wirken lassen.
Man kann aber auch den Gaus-Weg mit ihnen gehen: Die Menschen suchen, die für diese Schrift stehen und/oder sich immerhin verantwortlich für sie wissen und sie aus ihrem (Er)Leben dazu zu befragen – um sie und die alten Worte und deren Kraft besser zu verstehen. So treten Gesichter der Autoren neben die Worte ins Bild: Karl Barth, Hans Asmussen, der ein Freund Niemöllers war. Und mit ihnen auch Niemöller selbst im weiteren Umfeld.
Ein Weg, der sich nach wie vor lohnt.
Günter Gaus lebt schon lange nicht mehr. Ich stelle mir vor, wie er nun Gott interviewt. Gesucht sind hier auf Erden Menschen wie er, die sich Zeit nehmen, das Leben und die Lebenserfahrenen sorgfältig zu befragen – damit wir verstehen.
Wir wünschen Ihnen gute Gesprächspartner
in diesem Oktober
und hoffen, dass Ihnen einige der Beiträge dieser Ausgabe
hilfreich sein dürfen in Ihrem Tun und Wirken,
herzlich grüßen Sie Ihre Redaktion
der Pastoralblätter
und Ihr Jochen Lenz (Schriftleitung)