Eine bedeutende Rolle bei der Überwindung einer falsch verstandenen Gnosis spielte ein Kreis christlicher Intellektueller in Alexandrien, der zweitgrößten Stadt im römischen Reich und der geistigen Metropole des Hellenismus im 2. Jh. n. Chr. In der Kirchengeschichtsschreibung wird dieser Kreis gewöhnlich als "Alexandrinische Katechetenschule" bezeichnet. Die Bezeichnung ist allerdings missverständlich, erweckt sie doch den Eindruck, als würde es sich um eine aus einer christlichen Gemeinde hervorgegangene Schule handeln, die sich um die Weitergabe des Glaubens bemühte.
Gewöhnlich stellt man sich die Verbreitung des Christentums in der griechisch-römischen Antike als eine Bewegung "von unten nach oben" vor: Aus kleinen Gruppen, die weitgehend aus Angehörigen der unteren Schichten der Gesellschaft bestanden, setzten sich die ersten christlichen Gemeinden zusammen; einige Zeit später sahen sich einige führende Mitglieder derselben vor die Herausforderung gestellt, den christlichen Glauben gegenüber heidnischen Philosophen zu "verteidigen". Dazu griffen diese Apologeten auf Methoden und Motive der antiken griechischen Philosophie zurück und leiteten damit eine Entwicklung ein, die im Anschluss an den Kirchenhistoriker Adolf von Harnack als "Hellenisierung des Christentums" verstanden und gewöhnlich als eine Verfälschung des Evangeliums angesehen wurde. Diese in popularisierter Form auch in Theologenkreisen immer noch verbreitete Sicht gilt heute als weitgehend überholt.
Christentum als Intellektuellen-Religion
Von den frühesten Anfängen einer reflektierten Selbstwahrnehmung ebenso wie aus der Sicht Außenstehender galt der christliche Glaube in der griechisch-römischen Kultur von Anfang an als Philosophie, als christliche Philosophie. Die Gesprächspartner der christlichen Intellektuellen waren nicht die Opferpriester der heidnischen Religionen, sondern die Repräsentanten der führenden Philosophenschulen, insbesondere Platoniker und Stoiker. Im Gespräch mit diesen Philosophen suchten philosophisch gebildete Christen zu zeigen, dass die "Philosophie Christi" die wahre Philosophie sei.
Die antike Philosophie verstand sich als Lebensform und zu dieser Lebensform gehörten alltägliche geistige Übungen.
Die Anfänge des Christentums in Alexandrien sind wahrscheinlich in derartigen philosophischen Kreisen zu suchen. Dies zumindest ist die These, die der Patrologe und Kirchenhistoriker Alfons Fürst vertritt. Er spricht vom "Christentum als Intellektuellen-Religion" – so der Titel eines seiner Bücher (Stuttgart, SBS 213, 2007) – und meint damit die Anfänge des Christentums in Alexandrien. "Das Christentum", so Fürst, hat in Alexandrien "als Intellektuellen-Religion angefangen und sich erst allmählich zu einem Christentum mit 'normalem' kirchlichen Zuschnitt entwickelt" (ebd. 104).
Einübung in das wahre Leben
Wenn wir vom Christentum als Philosophie und Intellektuellen-Religion sprechen, müssen wir uns allerdings vor einem weit verbreiteten Missverständnis hüten. Philosophie wird heute gewöhnlich als ein ausgesprochen theoretisches Unterfangen verstanden, als ein praxisfernes Wissen von Universitätsprofessoren, die sich schwer tun, mit den Herausforderungen des alltäglichen Lebens zurechtzukommen, gemäß der Maxime Mephistos in Goethes Faust: "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum."
Für die antike Philosophie ist das Gegenteil der Fall. Sie verstand sich als Lebensform und zu dieser Lebensform gehörten alltägliche geistige Übungen. Der französische Philosophiehistoriker Pierre Hadot hat in seinem Buch: "Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike" (Berlin 1991) gezeigt, dass sich die verschiedenen Richtungen der antiken Philosophie über alle Unterschiede hinweg als Einübung in das wahre Leben verstanden. Die Werke der antiken Philosophen, so Pierre Hadot, "sind weniger dazu bestimmt, Informationen über abstrakte Theorien zu vermitteln, als dazu, die Seelen der Schüler zu formen. Niemals sind sie von dem im Rahmen einer Schule geführten philosophischen Leben ablösbar" (ebd. 9). Das philosophische Leben bestand vor allem darin, "bestimmte Übungen, wie die der Meditation, der Gewissenserforschung, der Kontemplation der Natur, vorzunehmen" (ebd. 10). Vor allem ging es ihr um eine "Therapie der Leidenschaften". Um die Seele von Verwirrungen und Orientierungslosigkeit zu heilen, "sind geistige Übungen erforderlich" (ebd. 21).
Alle antiken Philosophenschulen "sind sich darüber einig, daß sich der Mensch vor seiner philosophischen Bekehrung in einem Zustand unglückseliger Unruhe befindet, ein Opfer der Sorge und durch Leidenschaften innerlich zerrissen ist, daß er nicht wirklich lebt, sich selbst entfremdet ist. Sie vertreten auch übereinstimmend die Meinung, daß der Mensch aus diesem Zustand befreit werden kann, am wahren Leben teilhaben, sich bessern, sich umformen und einen Zustand der Vollkommenheit anstreben kann. Die geistigen Übungen sollen gerade dieser Formung des Ich, dieser paideia, dienen, die uns lehrt, nicht gemäß menschlichen Vorurteilen und gesellschaftlichen Konventionen zu leben […], sondern im Einklang mit der Natur des Menschen, die nichts anderes als die Vernunft ist" (ebd. 38).
Christliche Philosophie
Was dies für das Verständnis des christlichen Glaubens als Philosophie bedeutet, hat vor allem der Philosoph Theo Kobusch herausgearbeitet. In seinem Buch "Christliche Philosophie. Die Entdeckung der Subjektivität" (Darmstadt 2006) vertritt er die These, "daß das Christentum selbst auch eine Form der Philosophie darstellt, weil es sich als die Vollendung der gesamten griechischen Philosophie, besonders auch der platonischen verstanden hat" (ebd. 27).
Auf breiter Quellenbasis gestützt, zeigt Kobusch, dass es in der Patristik "gar keine von der Philosophie unterschiedene Theologie" gab (ebd. 28). Von einem Gegensatz, gar "einer Zweiheit von Theologie und Philosophie in der christlichen Antike" könne keine Rede sein. Folglich greift nach Kobusch sowohl die Hellenisierungs- als auch die Enthellenisierungsthese zu kurz (ebd. 27f). "Christus gilt, insofern er das Modell eines selbstbeherrschten und ehrwürdigen Lebens darstellt […] als 'Erster aller Philosophen', so daß das von ihm Gelehrte die 'Philosophie der Christen' oder 'Philosophie Christi' oder auch die 'evangelische Philosophie' genannt wird" (ebd. 29).
Clemens von Alexandrien
Ein früher Repräsentant dieser christlichen Philosophie ist Clemens von Alexandrien (ca. 140/150–220 n. Chr.). In seinem um 200 nach Christus entstandenen Werk Stromateis (wörtlich übersetzt: "Teppiche") stellt er den christlichen Glauben als eine Lebensform dar, deren Ziel die reinigende Verwandlung des Menschen, die beständige Hinwendung zu Gott und schließlich die Schau Gottes ist. Was dieses Werk für unsere Reihe "Lehrer des christlichen Lebens", in der wir uns vor allem mit der (weitgehend in Vergessenheit geratenen) mystischen Tradition des christlichen Glaubens befassen, interessant macht, ist die Tatsache, dass in diesem frühen Kompendium des christlichen Glaubens Kontemplation und Gottesschau nicht als etwas völlig Außergewöhnliches, als etwas sekundär zum christlichen Glauben Hinzukommendes, sondern als integraler Bestandteil des christlichen Glaubens angesehen werden, als etwas, auf das der christliche Glaube von seiner inneren Dynamik her angelegt ist.
Ein wahrer Philosoph ist nicht derjenige, der nur über die Wahrheit redet, sondern derjenige, der die Wahrheit lebt.
Clemens begegnet der griechischen Philosophie weder mit bloßer Ablehnung noch mit unkritischer Übernahme. Philosophie ist für ihn eine von der göttlichen Vorsehung gewährte Vorbereitung auf Christus. Ihre verschiedenen Schulen enthalten "Samenkörner der Wahrheit" (Strom. I, 1, 18,1), die auf dem Acker des christlichen Glaubens aufgehen und reiche Frucht bringen werden. Die Fülle der Wahrheit wird in Christus, dem göttlichen Logos, sichtbar. In diesem Sinne ist das Christentum die "wahre Philosophie" – nicht nur in der "Fähigkeit richtigen Denkens", sondern auch und vor allem in der "Reinheit des Lebens" (VI, 7, 55,1). Lehre und Leben gehören untrennbar zusammen. Ein wahrer Philosoph ist nicht derjenige, der nur über die Wahrheit redet, sondern derjenige, der die Wahrheit lebt.
Der wahre Gnostiker
Das Leitbild der von Clemens entworfenen christlichen Lebensform ist der wahre Gnostiker. Damit meint Clemens den gereiften Christen, in dem der Glaube zu Erkenntnis und die Erkenntnis zur Liebe gelangt ist. Gnosis ist für Clemens weder geheimes Spezialwissen noch intellektuelle Überlegenheit. Sie ist eine durch göttliche Gnade ermöglichte Übereinstimmung des ganzen Menschen mit dem Logos. Der Weg führt vom Glauben zur Erkenntnis und von der Erkenntnis zur Liebe.
Die Vergöttlichung des Menschen ist daher nicht im Sinne einer autonomen Selbstoptimierung zu verstehen, sondern als aktive Teilhabe an der vom Logos geschenkten Wahrheit und Liebe.
Gotteserkenntnis geht bei Clemens mit sittlicher Umgestaltung einher. Nur das gereinigte Herz kann Gott schauen (Mt 5,8). Wahre Erkenntnis verharrt nicht in der distanzierten Beobachtung von außen, sondern führt zur Angleichung des Erkennenden an das Erkannte. Clemens greift damit das platonische Ideal der Angleichung an Gott auf und deutet es christologisch: Maß und Gestalt dieser Angleichung (ὁμοίωσις) ist der menschgewordene Logos. Der Christ wird Gott ähnlich, indem er Christus nachahmt, seine Leidenschaften ordnet und an Gottes Wohltätigkeit teilnimmt. Die Vergöttlichung des Menschen ist daher nicht im Sinne einer autonomen Selbstoptimierung zu verstehen, sondern als aktive Teilhabe an der vom Logos geschenkten Wahrheit und Liebe.
Heilung der Seele von ungeordneten Leidenschaften
Auf dem Weg der Angleichung an Gott spielen Emotionen eine bedeutende Rolle. Ziel ist die Apatheia, die Freiheit von ungeordneten Leidenschaften. Das Motiv wird oft missverstanden. Der wahre Gnostiker wird nicht liebesunfähig, sondern er wird auf dem Weg der Reinigung seiner Wahrnehmung von der Herrschaft ungeordneter Leidenschaften befreit. Die Reinigung der Affekte schafft den Raum für ungeteilte Gottesliebe und Zuwendung zum Nächsten in Wort und Tat. Der wahre Gnostiker erkennt und beachtet die Ordnung der Liebe (ordo amoris), die rechte Balance zwischen der Sorge für sich und für andere: "Fromm ist also der Gnostiker, der zuerst für sich selbst sorgt, dann aber auch für seine Nächsten" (VII, 3, 16,1).
Mystische Erkenntnis bedeutet so eine neue Weise des Sehens: Der Mensch lernt, alles auf seinen göttlichen Ursprung und sein Ziel hin wahrzunehmen.
Clemens tappt weder in die Falle eines selbstgenügsamen Egoismus noch in die eines selbstzerstörerischen Altruismus, wenn er schreibt: "Man muss also lernen, sowohl sich selbst als auch seinen Nächsten treu und den Geboten Gottes gehorsam zu sein" (VII, 3, 19,2). Diese rechte Sorge für sich und für andere ist keineswegs unpolitisch, wie oft aufgrund mangelnder Kenntnis der Quellen behauptet wird. Clemens hat von Platon und aus der Bibel gelernt, dass nur derjenige ein politisches Amt in rechter Weise ausüben kann, der selbst "in der rechten Verfassung ist". Dazu bedarf es der täglichen Übung, denn nur in die geübte Seele des wahren Gnostikers prägt sich "der allesbeherrschende König und allmächtige Vater selbst nach seinem eigenen Bild wie mit einem Siegel ein" (VII, 3, 16,6): "Und wenn er [der wahre Gnostiker] einmal in ein obrigkeitliches Amt eingesetzt wird, so wird er wie Mose zum Wohle seiner Untergebenen regieren und wird das Wilde und Trotzige veredeln, indem er die Besten mit Ehren auszeichnet, die Schlechten aber bestraft, da ja die Strafe mit Recht zu den Erziehungsmitteln gerechnet wird" (VII, 3, 16,4).
Kontemplation: Schau Gottes durch den Logos
Clemens übernimmt den platonisch geprägten Begriff der Theoria (contemplatio) und gibt ihm eine christliche Prägung. Die höchste Bestimmung des Menschen besteht in der Erkenntnis und der Schau Gottes. Die vollendete Seele wird Gott "von Angesicht zu Angesicht" erkennen. In der kritischen Auseinandersetzung mit dem antiken Polytheismus, den Clemens als Projektion primitiver menschlicher Affekte auf die Welt der Götter entlarvt, betont der alexandrinische Gelehrte die Transzendenz und Bildlosigkeit Gottes. Der Vater ist seinem Wesen nach nicht mit menschlichen Begriffen zu umfassen. Erkenntnis Gottes geschieht durch den Sohn, der als Logos das Antlitz und die offenbarende Kraft des unsichtbaren Gottes ist. Darin liegt ein früher Ansatz christlicher Apophatik: Die Seele muss falsche, körperliche und begrenzende Vorstellungen von Gott zurücklassen.
Clemens hat die platonische Schau des Göttlichen in eine spezifisch christliche Spiritualität überführt. Kontemplation ereignet sich im Raum der Heilsgeschichte, der Schrift, des Gebetes und der Nachfolge. Der Logos, der die Welt und die Schrift durchdringt, erzieht den Menschen dazu, die Wirklichkeit mit gereinigten Augen zu sehen. Mystische Erkenntnis bedeutet so eine neue Weise des Sehens: Der Mensch lernt, alles auf seinen göttlichen Ursprung und sein Ziel hin wahrzunehmen.
Übung im Alltag
Die Kontemplation darf nicht auf die geistige Übung des schweigenden Verweilens in der Gegenwart Gottes begrenzt werden. Vielmehr durchzieht sie als "Übung im Alltag" das ganze Leben eines Christen. Vor diesem Hintergrund sind die konkreten Anweisungen zu verstehen, die Clemens in seinem Paidagogos zu den Themen Essen und Trinken, Kleidung, Sexualität, Besitz, Schlaf, Unterhaltung und gesellschaftliches Verhalten gibt. Es handelt sich um Übungen der Achtsamkeit. In der Perspektive antiker Seelenleitung besitzen sie eine klare Funktion: Der Mensch soll in den alltäglichen Vollzügen lernen, nicht zerstreut und von Impulsen beherrscht zu leben. Askese ("Übung") ist kein Hass auf den Leib, sondern Einübung eines rechten Umgangs mit allem, was dem Menschen im Alltag begegnet. In den Stromateis (IV, 6, 27,1) spricht Clemens im Zusammenhang mit der "inneren Umwandlung" von einer "vom Herrn gelehrten/dem Herrn entsprechenden Übung" (κυριακὴ ἄσκησις).
Immerwährendes Gebet
Das siebte Buch bildet den geistlichen Höhepunkt der Stromateis. "Jetzt ist es an der Zeit", so Clemens, "den Griechen darzutun, dass allein der Gnostiker wahrhaft fromm ist, damit die Philosophen erkennen, welcher Art der wahre Christ ist" (VII, 1, 1,1). Er kündigt an, "das Wesen des Christentums in seinen Grundzügen darzustellen" (VII, 1, 1,3). Clemens möchte den Griechen zeigen, dass der wahre Gnostiker keineswegs gottlos, sondern der eigentlich fromme Mensch ist. Der Christ verehrt nicht sichtbare Bilder, Dämonen oder geschaffene Dinge, sondern durch den Sohn den unsichtbaren Vater.
Der Gnostiker betet nicht nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten. Sein ganzes Leben wird zum Gebet: bei der Arbeit, auf Reisen und in allen alltäglichen Verrichtungen lebt er im Bewusstsein der Gegenwart Gottes
Die wahre Gottesverehrung besteht nicht in kostspieligen Opfern oder äußeren Kultakten. Das Gott wohlgefällige Opfer ist die gereinigte Seele, der gerechte Lebenswandel, das Lob und das Gebet. Der Gnostiker betet nicht nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten. Sein ganzes Leben wird zum Gebet: bei der Arbeit, auf Reisen und in allen alltäglichen Verrichtungen lebt er im Bewusstsein der Gegenwart Gottes:
"Deshalb schaut sich der Gnostiker nicht nach einem bestimmten Platz oder einem auserlesenen Heiligtum und auch nicht nach bestimmten Festen und nach Tagen um, die aus den übrigen abgesondert sind, sondern er verehrt Gott sein ganzes Leben lang an jedem Ort, mag er nun für sich ganz allein sein oder einige bei sich haben, die in gleicher Weise wie er gläubig geworden sind; er ehrt aber Gott dadurch, daß er ihm für die ihm gewährte Erkenntnis und den ihm ermöglichten Lebenswandel Dank sagt" (VII, 7, 35,3).
Der christliche Glaube wird als eine geistige Übung verstanden, die in eine immer tiefere Gemeinschaft mit Gott führt:
"Wir bringen also unser ganzes Leben wie einen Festtag zu; und da wir überzeugt sind, daß Gott überall und allenthalben zugegen ist, preisen wir ihn, während wir unser Feld bebauen, und singen Loblieder, während wir zur See fahren, und führen auch sonst unser ganzes Leben in Gedanken an Gott. Und der Gnostiker kommt in ein immer näheres Verhältnis zu Gott, da er in allem zugleich ernst und heiter ist, ernst, weil sein Denken der Gottheit zugewendet ist, heiter, weil er an die menschlichen Güter denkt, die uns Gott geschenkt hat" (VII, 7, 35,6).
Gebet der Sammlung
Clemens definiert das Gebet als "Gespräch mit Gott" (VII, 7, 39,6). Dazu bedarf es aber nicht notwendig der Stimme; die Seele kann sich schweigend Gott zuwenden. Clemens scheint mit dem Gebet des Schweigens, dem Gebt der Sammlung, vertraut zu sein, wenn er schreibt: "Es ist also möglich, das Gebet auch ohne das gesprochene Wort zu Gott zu senden, wenn man nur in seinem Inneren entsprechend der unverrückbaren Hinwendung zu Gott alle seine Geisteskraft auf die Stimme des Geistes sammelt" (VII, 7, 43,5).
Clemens steht am Anfang jener christlichen Tradition, in der das Lesen der Heiligen Schrift, Gebet, Meditation und Kontemplation ineinandergreifen.
Das Gebet des wahren Gnostikers geht über einzelne Gebetszeiten hinaus: Er betet "sein ganzes Leben hindurch, da er bestrebt ist, durch das Gebet mit Gott vereinigt zu sein" (VII, 7, 40,3). Mehr als alles andere erstrebt er, "so nahe wie möglich bei Gott zu sein" (VII, 7, 40,2).
Zur kontemplativen Praxis im weiteren Sinn gehört auch das Lesen der Heiligen Schrift. Biblische Stellen müssen miteinander verbunden, Bilder entschlüsselt und auf ihren geistigen Sinn hin bedacht werden. Der gebildete Christ darf nicht beim "Leib der Schriften, bei den Wörtern und Ausdrücken" stehen bleiben, sondern er muss sich darum bemühen, "den Sinn und die Bedeutung der Wörter zu durchschauen" (VI, 15, 132,3; vgl. VII, 16, 95,9). Clemens steht am Anfang jener christlichen Tradition, in der das Lesen der Heiligen Schrift, Gebet, Meditation und Kontemplation ineinandergreifen.
Wegbereiter christlicher Mystik
Die christliche Umformung des antiken philosophischen Lebensideals macht Clemens zu einem Wegbereiter christlicher Mystik. Er übernimmt die antike Überzeugung, dass Wahrheit nur dem verwandelten Menschen zugänglich ist. Zugleich bindet er diese Verwandlung an Christus, an das kontemplative Gebet, das Lesen der Heiligen Schrift, an die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Spätere alexandrinische und monastische Autoren werden einzelne Motive stärker systematisieren: die Reinigung der Leidenschaften, den geistigen Sinn der Schrift, das immerwährende Gebet, die Stufen geistlicher Erkenntnis und die apophatische Schau Gottes. Clemens bietet noch kein geschlossenes System dieser Mystik; er stellt jedoch wesentliche Bausteine bereit.