Kann der Mensch Gott bereits in diesem Leben schauen? Origenes antwortet darauf grundsätzlich positiv, allerdings mit wichtigen Einschränkungen. Gott wird nicht mit körperlichen Augen gesehen. Auch die Erkenntnis Gottes ist keine gewöhnliche sinnliche Wahrnehmung. Origenes entwickelt deshalb – in Aufnahme biblischer Redeweisen – eine Lehre von den geistlichen Sinnen.
In seinem Werk Contra Celsum (7,34) sieht er in der Bitte des Psalmisten: "Öffne mir die Augen, dass ich schaue die Wunder deiner Weisung" (vgl. Ps 119,18) sowie im Wort Jesu: "Wer Ohren hat zu hören, der höre" (Mt 11,15) einen Hinweis auf geistliche Sinne, die zu einer "höheren, unkörperlichen (οὐ σωματκή) Wahrnehmung (αἴσθησις)" in der Lage sind. Salomo sagt deshalb im Buch der Sprichwörter (2,5): "Du wirst eine göttliche Wahrnehmung (αἴσθησιν θείαν / sensum divinum) erlangen." Diese und weitere Ausdrücke können für Origenes nicht die leiblichen Sinnesorgane meinen.
"Salomo wusste nämlich, dass es zwei Arten von Sinneswahrnehmungen in uns gibt: die eine Art sterblich, vergänglich und menschlich, die andere unsterblich und geistig; und diese hat er hier ‚göttlich (divinum)‘ genannt. Mit diesem göttlichen Sinn also, der nicht den Augen (sensu divino non oculorum), sondern dem reinen Herzen, das heißt der Vernunft (mens) angehört, kann Gott von denen gesehen werden, die dessen würdig sind" (De principiis, I, 1,9).
Der Mensch besitzt demnach eine geistliche Wahrnehmungsfähigkeit, durch die er für göttliche Wirklichkeit empfänglich wird. Diese geistlichen Sinne sind allerdings nicht einfach von Natur aus voll entwickelt. Sie müssen geweckt, gereinigt und geschärft werden. Deshalb verbindet Origenes Mt 5,8 – "Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen" – mit dem Gebet des Psalmisten: "Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz" (Ps 51,12). Die Reinigung des Herzens ist nach Origenes nicht allein menschliche Leistung. Der Wille ist notwendig, reicht aber nicht aus; Gott selbst muss das Herz reinigen und zum Schauen befähigen. Kontemplation kann nicht von Ethik und Askese getrennt werden. Man sieht Gott nicht dadurch besser, dass man lediglich schärfer nachdenkt, sondern dadurch, dass man selbst dem Geschauten ähnlicher wird. Ohne die Reinheit des Herzens kann Gott nicht geschaut werden. Je stärker die innere Wahrnehmung geheilt wird, desto mehr kann der Mensch Gott und seinen Logos erkennen.
Die Ausrichtung des Eros auf das Göttliche
Eine der originellsten Seiten der Spiritualität des Origenes zeigt sich in seiner Deutung der Liebe. Ihr klassischer Ort ist der Kommentar zum Hohelied. Origenes nimmt die erotische Sprache dieses biblischen Buches ernst, gerade indem er sie geistlich versteht. Die Braut kann dabei sowohl die Kirche als auch die Seele eines jeden einzelnen darstellen; der Bräutigam ist Christus, das Wort Gottes. Kirchliche und mystische Auslegungslinien gehen bei Origenes ineinander über.
Bemerkenswert ist dabei sein Umgang mit den Begriffen eros (amor) und agape (caritas). Anders als eine lange Wirkungsgeschichte vermuten lassen könnte, stellt Origenes beide Begriffe nicht als grundsätzlich gegensätzliche Prinzipien nebeneinander. Der Eros ist als solcher nicht böse. Entscheidend ist seine Ausrichtung. Das Problem des Menschen besteht nicht darin, dass er begehrt. Das Problem besteht darin, was er begehrt. Dieselbe Kraft der Liebe kann sich auf Besitz, schöne Körper, Macht oder vergängliche Lust richten – oder sie kann sich zu Gott erheben. Geistliches Leben bedeutet nicht die Vernichtung des Begehrens, sondern dessen Läuterung und Neuordnung. Das Begehren muss gereinigt und auf das unvergängliche Gut neu ausgerichtet werden.
Die heute auch in kirchlichen Kreisen verbreitete Ansicht, dass sich die Identität eines Menschen wesentlich aus der Liebe zu innerweltlichen Gütern konstituiert und in dieser Ausrichtung mehr oder weniger irreversibel ist, wäre für Origenes Ausdruck einer defizitären Anthropologie, welche die vom Logos ausgehende Kraft (dynamis) der auf Erlösung zielenden Verwandlung des Menschen aus den Augen verloren hat.
Um das zu erläutern, greift Origenes auf ein Wort aus dem Hohelied zurück. In der griechischen Übersetzung lautet es: "Ordnet in mir die Liebe!" (Hld 2,4). Die ungeordnete Seele liebt die Dinge nicht in der ihnen entsprechenden Ordnung. Sie macht Mittel zu Zwecken und Geschaffenes zum letzten Gut. Der Logos stellt diese Ordnung wieder her. Hieronymus übersetzt: "Ordinavit in me caritatem – Er [der göttliche Bräutigam] ordnete in mir die Liebe" (ausführlich dazu: L. Schwienhorst-Schönberger, Das Hohelied der Liebe, Neuausgabe, Freiburg 2025, 79–86). Bei vielen, so Origenes, ist die Liebe (amor vel caritas) ungeordnet (contra ordinem) [In Cant. III,7,2]. Die gewissenhafte, geistliche Lektüre der Heiligen Schrift stellt eine wesentliche Hilfe dar, die Liebe neu zu ordnen. Die heute auch in kirchlichen Kreisen verbreitete Ansicht, dass sich die Identität eines Menschen wesentlich aus der Liebe zu innerweltlichen Gütern konstituiert und in dieser Ausrichtung mehr oder weniger irreversibel ist, wäre für Origenes Ausdruck einer defizitären Anthropologie, welche die vom Logos ausgehende Kraft (dynamis) der auf Erlösung zielenden Verwandlung des Menschen aus den Augen verloren hat.
Besonders eindrucksvoll bei seiner Kommentierung des Hoheliedes ist die Deutung des Motivs der Liebeswunde. Die Braut bekennt: "Ich bin verwundet von Liebe" (Hld 2,5 LXX). Origenes deutet diese Wunde als Wirkung des göttlichen Wortes. Der Logos trifft das Herz wie ein Pfeil. In der griechischen und römischen Mythologie wird der Gott Eros / Amor gewöhnlich mit einem Pfeil oder einem Köcher voller Pfeile dargestellt. Die Seele wird von einer Schönheit getroffen, die sie über sich selbst hinauszieht. Das später in der christlichen Mystik so wirkmächtige Motiv der vulneratio amoris, der Liebesverwundung, die unter anderem bei Teresa von Avila begegnet, hat hier ihre Wurzeln.
Ähnliches gilt für den berühmten Eröffnungsvers des Hoheliedes: "Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes" (Hld 1,2). Für Origenes reicht der Seele auf einer bestimmten Stufe ihrer geistigen Reifung die mittelbare Unterweisung nicht mehr aus. Sie verlangt nach einer unmittelbaren Begegnung mit dem göttlichen Bräutigam. Diese Sehnsucht findet im "Lied der Lieder" ihren stärksten Ausdruck. Das Hohelied stellt deshalb gegenüber Gesetz und Propheten eine gesteigerte Unmittelbarkeit der Begegnung mit dem göttlichen Logos dar.
Gebet dient nicht dazu, einen unwissenden Gott zu informieren oder einen unwilligen Gott umzustimmen, sondern im Beter einen Prozess in Gang zu setzen, in dem er sich mit seinem Willen dem Willen Gottes mehr und mehr angleicht.
An den hier genannten Beispielen wird deutlich, wie Origenes platonische Motive christlich transformiert. Wie in der platonischen Tradition besitzt der Eros eine aufsteigende Kraft: Schönheit weckt Verlangen und zieht den Menschen nach oben. Aber die höchste Schönheit ist bei Origenes keine abstrakte Idee. Sie begegnet im göttlichen Logos, der seinerseits zuerst zur Seele herabgestiegen ist. Im christlichen Sinn ist der menschliche Eros Antwort auf die "zuvor-kommende" göttliche Liebe.
Askese ist vor diesem Hintergrund kein Programm der Gefühlsunterdrückung. Der Vollkommene ist nicht derjenige, der nicht mehr liebt, sondern derjenige, dessen gesamte Liebeskraft auf das wahrhaft Liebenswerte gerichtet ist. "Platons philosophischer Eros wird zum exegetischen Eros der Begegnung mit dem göttlichen Wort […], womit er [Origenes] die Jesus-Mystik begründet" (A. Fürst, RAC, Bd. 26, Lf. 205 [2014], 521).
Das Gebet als Grundvollzug des geistlichen Lebens
Was Schriftlektüre, Reinigung, Christusgemeinschaft, Kontemplation und Liebe miteinander verbindet, ist schließlich das Gebet. Origenes hat ihm mit der Schrift Über das Gebet eine der frühesten umfangreichen christlichen Abhandlungen gewidmet. Darin behandelt der Lehrer des geistlichen Lebens zunächst einen auch heute verbreiteten philosophisch-theologischen Einwand: Wenn Gott alles weiß und seine Vorsehung alles umfasst, welchen Sinn hat dann das Gebet, insbesondere das Bittgebet? Die Antwort unseres alexandrinischen Meisters führt zu einem tieferen Verständnis des Betens: Gebet dient nicht dazu, einen unwissenden Gott zu informieren oder einen unwilligen Gott umzustimmen, sondern im Beter einen Prozess in Gang zu setzen, in dem er sich mit seinem Willen dem Willen Gottes mehr und mehr angleicht.
Origenes weist darauf hin, dass der Mensch, selbst wenn seine im Gebet geäußerten Bitten (scheinbar) nicht erhört werden, dennoch einen bedeutenden Gewinn davonträgt. Entscheidend ist die innere Haltung, die der Beter einnimmt. Er soll sich darüber im Klaren sein, dass er sich, wenn er andächtig betet, in die Gegenwart Gottes begibt und dadurch selbst verwandelt wird. Von ausschlaggebender Bedeutung ist die innere Haltung, die Sammlung der Gedanken, die Bereitschaft, von ungeordneten Begierden wie Zorn und Rachsucht frei zu werden, und sich in seiner Lebensführung dem Willen Gottes anzupassen. Beten und Handeln dürfen nicht auseinanderfallen. In diesem Sinne deutet Origenes das in der mystischen Tradition viel diskutierte Wort des Apostels Paulus: "Betet ohne Unterlass" (1 Thess 5,17). Unablässiges Gebet bedeutet nicht, ununterbrochen Worte zu sprechen. Wer seine guten Werke mit dem Gebet und sein Gebet mit guten Werken verbindet, wer im Bewusstsein der Gegenwart Gottes lebt, dessen ganzes Leben wird zum Gebet. Die höchste Ausrichtung des Gebetes gilt dementsprechend nicht den vergänglichen irdischen Dingen. Die Gabe, um die der Beter bittet, wenn er in rechter Weise betet, ist letztlich Gott selbst.
Die allmähliche Umgestaltung des ganzen Menschen durch den göttlichen Logos beginnt bereits in der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft.
Damit berührt sich die Gebetslehre des alexandrinischen Mystagogen mit seiner Lehre vom Eros. Das Gebet erzieht das Verlangen. Indem der Mensch in rechter Weise betet, lernt er, das Richtige zu wollen. Das Vaterunser ist in diesem Sinne eine Schule des Begehrens: Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe. Nicht Gott soll in den Willen des Menschen hineingezogen werden, sondern der menschliche Wille soll sich in Gottes Willen einfügen.
Doch auch hier wäre es falsch, das geistliche Leben als menschliche Selbstformung zu verstehen. Origenes betont vielmehr ausdrücklich, dass der Mensch nicht allein aus eigener Kraft richtig beten kann. Der Heilige Geist betet im Herzen der Gläubigen und tritt mit unaussprechlichen Seufzern für sie ein, wie der Apostel Paulus aus eigener Erfahrung zu berichten weiß (Röm 8,26).
Schriftlektüre und Gebet sind deshalb zwei Seiten ein und derselben Medaille. Im Lesen hört der Mensch auf das Wort Gottes; im Gebet antwortet er. Je tiefer diese wechselseitige Bewegung wird, desto weniger lassen sich Hören und Antworten voneinander trennen. Die Schrift wird Gebet, und das Gebet erschließt die Schrift. Exegese kann deshalb bei Origenes in Kontemplation und kontemplatives Gebet übergehen. Auslegung der Heiligen Schrift ist eingebunden in den Rahmen einer spirituellen Praxis.
Geistliches Leben als Verwandlung in das göttliche Wort
Origenes ist ein wahrer Meister des geistlichen Lebens. Seine Exegese, Christologie, Anthropologie, Mystik und Gebetslehre sind innerlich miteinander verbunden und formen sich zu einer kohärenten Theologie, selbst wenn er eingesteht, dass er sich bei der Beantwortung mancher theologischer Fragen nicht sicher ist.
Schon im gegenwärtigen Leben werden Augenblicke der Kontemplation möglich – nicht als Besitz Gottes, sondern als Vorwegnahme jener vollendeten Erkenntnis, zu der der Mensch unterwegs ist.
Am Anfang steht das göttliche Wort, das sich dem Menschen zuwendet. Es begegnet ihm in der Heiligen Schrift und endgültig in Jesus Christus. Die Schrift wird gelesen, aber indem sie gelesen wird, beginnt sie den Leser zu verändern. Der Buchstabe öffnet sich auf den Geist. Der geschichtliche Weg Israels wird zum Weg der Seele. Christus, der Logos, tritt dem Menschen als Lehrer und Arzt entgegen, reinigt sein Denken und seine Wünsche und führt ihn zum Vater.
Die Rückkehr der Seele zu Gott ist deshalb keine Flucht aus der Schöpfung. Sie ist die Wiederherstellung der rechten Beziehung zu Gott und seiner Schöpfung. Die zerstreute Seele wird gesammelt, ihr ungeordneter Eros wird gereinigt und auf das höchste Gut neu ausgerichtet. Allmählich erwachen jene geistlichen Sinne, mit denen der Mensch die göttliche Wirklichkeit wahrnehmen und erkennen kann. Die allmähliche Umgestaltung des ganzen Menschen durch den göttlichen Logos beginnt bereits in der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft. Schon im gegenwärtigen Leben werden Augenblicke der Kontemplation möglich – nicht als Besitz Gottes, sondern als Vorwegnahme jener vollendeten Erkenntnis, zu der der Mensch unterwegs ist.