Stille – der neue Luxus?Zwischen Großstadtlärm und Gottesbegegnung

Lärm, Beschleunigung, ständige Erreichbarkeit: Stille ist selten geworden. Und doch ist die Suche nach ihr nicht vergeblich. Zwischen Miami und österreichischer Provinz erkundet dieser Essay die Bedeutung der Stille für Gebet, Beziehungen und ein gelingendes Leben.

Skyline von Miami
© Unsplash

Zwei Jahre ist es nun her, dass mein Mann und ich uns auf die Reise über den großen Teich begaben — one way. Manchmal kommt mir der Gedanke, dass eine dreiwöchige Schiffsreise der Tragweite der Entscheidung mehr gerecht geworden wäre. Jedenfalls fanden wir uns mit vier großen Koffern in Miami wieder.

Seit 2020 verzeichnete Miami einen Bevölkerungszuwachs von etwa 10%. Ausschlaggebend war nicht zuletzt die liberale Pandemiepolitik Floridas, die zahlreiche New Yorker zur Flucht in den Sunstate bewegte. Schlagzeilen wie "Miami is the new Manhattan", "Wall Street South" oder "From Vacation Paradise to Global Wealth Hub" machen deutlich, wie weitreichend die demographischen Veränderungen sind.

In einer der lautesten und rastlosesten Städte Amerikas würde ich einen Schatz neu entdecken, den die christliche Tradition seit Jahrhunderten bewahrt und überliefert – die Stille.

Wir sehen es als kleines Wunder, unter diesen Umständen eine erschwingliche Wohnung gefunden zu haben, die einigermaßen zentral gelegen ist. Der Wermutstropfen: auch das neue Manhattan schläft nie. An unserer Wohnung führen sowohl die Miami Metrorail als auch die US1 — eine der Hauptstraßen Miamis — vorbei. (Zumal die Bewohner Miamis einer Studie zufolge die schlechtesten Autofahrer der USA sind.)

Was ich damals nicht ahnte: In einer der lautesten und rastlosesten Städte Amerikas würde ich einen Schatz neu entdecken, den die christliche Tradition seit Jahrhunderten bewahrt und überliefert – die Stille.

Die Stille in mir

Den Kulturschock erlebe ich mittlerweile in beiden Welten — in Amerika wie in Österreich. Vor einigen Wochen war es wieder so weit: Das Großstadtleben wich einsamen Landstraßen, Dorfkirchen, Ribiselsträuchern (zu Hochdeutsch: Johannisbeeren) und dem Fahrtwind beim Radfahren. Der Mangel an Reizüberflutung hat mich förmlich erschlagen. Wieder einmal wurde mir klar: Ruhe kann mehr Qual als Genuss sein, wenn man sie lange entbehrt hat. Vielleicht ist gerade das ein Hinweis darauf, wie dringend man ihrer bedarf.

Ich vereinbarte mit einer Freundin, mir jeden Morgen fünf bis zehn Minuten der Stille zu nehmen. Die Augen zu schließen, ruhig zu atmen — einfach nur da zu sein. Ich wählte einen Ort im Garten. Während um mich herum nur das Zwitschern der Vögel und das sanfte Rauschen des Windes zu hören war, hallte in meinem Inneren noch die Hektik und Rastlosigkeit der Großstadt nach. Doch ich blieb dran, und nach einigen Tagen kehrte Ruhe ein. Diese schlichten fünf Minuten veränderten meinen Tag. Sie vertieften mein anschließendes Gebet und sie schärften mein Bewusstsein für das, was da ist — in mir und um mich herum.

Ist der Großstädter zu einem rastlosen Leben verdammt? Bleibt Stille in einer hektischen Welt ein unerreichbares Gut?

Ich musste an einen Hundertseiter denken, den ich vor einigen Jahren im Klosterladen der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld erstanden hatte. Es war einer dieser gelungenen Spontankäufe: "Stille. Ein Wegweiser". Der Autor ist Erling Kagge. Ein norwegischer Abenteurer, der zum Süd- und Nordpol gewandert ist, und den Mount Everest bestiegen hat. Wochenlang nur Eis und Schnee. Die Weite des Horizonts. Die ultimative Stilleerfahrung!

"Ich wurde immer aufmerksamer gegenüber dieser Welt, von der ich ein Teil war. Ich war nicht gelangweilt, wurde nicht gestört. Ich war allein mit meinen Vorstellungen und Gedanken. Die Zukunft spielte keine Rolle mehr, die Vergangenheit kümmerte mich nicht, ich war mit einem Mal in meinem eigenen Leben präsent. Die Welt verschwindet, wenn man darin aufgeht, behauptete der Philosoph Martin Heidegger."

Habitare secum

Nun stellt sich natürlich die Frage: muss ich den Weg zu den Erdpolen auf mich nehmen, um sie zu finden — die Stille? Ist der Großstädter zu einem rastlosen Leben verdammt? Bleibt Stille in einer hektischen Welt ein unerreichbares Gut? Erling Kagge setzt einen Kontrapunkt zu der Ansicht, dass Stille im Außen beginnt. Das ist die entscheidende These, die mir über all die Jahre im Gedächtnis geblieben ist: "Die Stille um dich herum kann viel enthalten, aber für mich ist die interessanteste Stille diejenige, die in mir ist. […] Daher suche ich nicht mehr nach der absoluten Stille um mich herum. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir."

Die Suche nach der Stille in mir ist ein Bestreben, das der christlichen Spiritualität seit jeher vertraut ist. Die Gottesbegegnung beginnt dort, wo der Mensch lernt, bei sich selbst zu wohnen - habitare secum. Erinnerungen an Vergangenes und Phantasien über die Zukunft werden im Trubel des Alltags leicht zu jenem inneren Verkehr, der die Stille übertönt. Das kontemplative Gebet nimmt da seinen Anfang, wo der Mensch seinen inneren Blick bewusst davon abwendet. Erst wer lernt, gegenwärtig zu sein, schafft Raum für die leise Gegenwart Gottes.

Die Anforderungen des Lebens und der Anpassungsdruck, den uns die heutige Welt auferlegt, nehmen rasant zu. Umso größer ist die Versuchung, dem Problem mit noch mehr – wovon auch immer – zu begegnen.

Wer in die Stille findet, begegnet nicht nur Gott, sondern auch seinen Mitmenschen. Kürzlich wurde mir von einem Priester empfohlen, mir vor herausfordernden Gesprächen 15 Minuten Zeit zu nehmen, um zur Ruhe zu kommen und mich innerlich auf die Person einzustellen. Was für belastete Beziehungen gilt, lässt sich das nicht auch auf die alltäglichen übertragen? Ein Eheabend, eingeleitet mit einem gemeinsamen Moment der Stille — die Fähigkeit, gemeinsam schweigen zu können, ist schließlich ein Zeichen tiefer Verbundenheit. Kurz die Augen schließen, bevor man aus dem Auto schweigt, um die Eltern zu besuchen oder einen alten Freund wiederzusehen.

Der Luxus unserer Zeit

Es dürfte außer Frage stehen, dass unser Konsumverhalten von einem Mangel an tief erlebtem Dasein zehrt. Als "Millennial" weiß ich, wovon ich spreche: Die Anforderungen des Lebens und der Anpassungsdruck, den uns die heutige Welt auferlegt, nehmen rasant zu. Umso größer ist die Versuchung, dem Problem mit noch mehr – wovon auch immer – zu begegnen. Erling Kagge setzt dieser Logik eine überraschende These entgegen: "Ich meine, dass Stille der neue Luxus ist. Stille enthält eine Qualität, die exklusiver und beständiger ist als jeder andere Luxus. Eine meiner Töchter hat es während ihrer Sommerferien zu meiner Freude so erklärt: Stille ist das einzige Bedürfnis, das diejenigen, die ständig auf der Jagd nach etwas Neuem sind, niemals erfahren werden."

Die katholische Kirche verfügt hier über einen Schatz, der erstaunlich zeitgemäß ist. Angefangen bei kleinen Ritualen wie dem Entzünden einer Kerze bis hin zur Tradition der christlichen Kontemplation. Auch dem Kirchenraum kommt dabei eine nicht zu überschätzende Bedeutung zu. In vielen Großstädten sind Kirchen die einzigen Orte der Stille. In Amerika begegne ich regelmäßig Christen anderer Konfessionen. Gerade weil die konfessionellen Gräben hier tiefer sind als im deutschsprachigen Raum, überrascht mich immer wieder, was Nicht-Katholiken am Katholischen schätzen: die Stille. "Whenever I need silence, I sit in a Catholic church", sagte einmal eine Pfingstlerin zu mir. Kaum etwas scheint in unserer Zeit so selten geworden zu sein wie ein Ort, an dem man einfach nur verweilen kann.

Über Stille nachzudenken ist das eine. Sie zu erfahren etwas anderes. John Cages Werk 4'33'' lädt zu einem Experiment ein: vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden, in denen nichts geschieht – eine wohltuende Herausforderung? 

 

Stille ist der neue Luxus unserer Zeit. Es klingt so verboten einfach, und doch legt es den Finger in die Wunde unserer Zeit. Wir können es uns nicht leisten, ohne sie zu leben.

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