Franziskus kam nicht bereits als Heiliger auf die Welt, sondern wurde dies erst nach einem langen, schmerzhaften Entwicklungsprozess. Zudem wurde er in eine Welt voller Gewalt und Krieg geboren – wie dem Machtkampf zwischen Kaisertum und Papsttum, Kriegen zwischen italienischen Städten sowie innerkommunalen Machtkämpfen zwischen Adel und Bürgertum (wie in Assisi).
Auch der älteste Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro di Bernardone und seiner Gattin Pica (als Giovanni / Franciscus ca. 1181/82 in Assisi geboren) wurde nach einer turbulenten Jugend im Streben nach sozialem Aufstieg (Ritterwürde) in Kriege (mit Perugia) involviert und nach Gefangenschaft tief erschüttert (1202). Diese Krise führte nach einem Heerzug in Apulien zu einer Offenbarung mit der Aufforderung Gottes, sich in "seinen Dienst" zu stellen (1205).
Trotz der impliziten Kritik an bürgerlichen Normen in seiner vita strebte der Poverello zu keinem Zeitpunkt seines Wirkens sofortige Veränderungen in Kirche und Gesellschaft an; auch hegte er keinerlei "umstürzlerische Intentionen".
Vom Bürger zum Poverello
Damit begann ein jahrelanger Konversionsprozess, der mit dem Bruch von Franziskus mit seinem bürgerlichen Leben und mit der Familie begann. Danach lebte er bei Assisi als besitzloser Einsiedler, der Arme pflegte und in einer weiteren Vision von Gott den Auftrag zur "Wiederherstellung seines Hauses" erhielt. Stetes Suchen und eine erneute Vision offenbarten ihm seine wahre Bestimmung – nämlich Christus bzw. den Aposteln nachzufolgen und die Weisungen des Evangeliums wörtlich zu befolgen. Im Bewusstsein, einen göttlichen Auftrag zu erfüllen, entwickelte er daraufhin eine originäre Lebensform (vita), die jedoch den Strukturen von Kirche und Gesellschaft widersprach.
Hierbei wandte er sich vom aktuellen macht- und gewinnorientierten Denken ab und übte Fundamentalkritik an bürgerlichen Gesellschaftsnormen sowie an der Macht der Kirche. Ferner bemühte er sich um eine imitatio des irdischen Lebens Christi, indem er ohne Besitz als Wanderprediger (mit eremitorischen Phasen) agierte und die Mitmenschen zu Buße und Frieden sowie zur Achtung der Armen aufrief. Zudem propagierte er (ohne Ökologie) ein spirituelles Verhältnis zu Natur und Schöpfung, deren Wertschätzung für ihn eine Verehrung Gottes bedeutete.
Trotz der impliziten Kritik an bürgerlichen Normen in seiner vita strebte der Poverello zu keinem Zeitpunkt seines Wirkens sofortige Veränderungen in Kirche und Gesellschaft an; auch hegte er keinerlei "umstürzlerische Intentionen". Stattdessen intendierte er systemimmanente Reformen und einen allmählichen Reformprozess in Kirche und Gesellschaft durch das Beispiel des eigenen Lebens.
Die vita wird kirchlich anerkannt
Nach anfänglichen Widerständen gegen den "sanften Rebellen" in Assisi und mit Billigung des Ortsbischofs fand Franziskus aufgrund der Glaubwürdigkeit seines charismatischen Wirkens bald Zuspruch, indem sich ihm zahlreiche Gefährten aus der Oberschicht Assisis anschlossen. Trotz Zweifeln, den Willen Gottes richtig verstanden zu haben, betrieb er mit den Brüdern ein intensive Mission in Assisi und Mittelitalien, wobei sie aufgrund der Ähnlichkeit ihres Wirkens mit den Lebensformen der häretischen Armutsbewegung (u.a. Katharer) in Häresie-Verdacht gerieten. Um seine offenbarte vita zu retten, unterstellte sich Franziskus daher mit seiner fraternitas der Kirchenführung, indem er in Rom um Approbation seiner Lebensform vom Papst ersuchte. Dies gelang auch mit Hilfe von Kurialen und des Bischofs von Assisi, da Innozenz III. im Gegensatz zu seinen Vorgängern neue Formen der Laienfrömmigkeit nicht häretisierte, sondern ins Kirchenleben einbezog. Daher erhielt der Poverello unter dem Vorbehalt künftigen Erfolges der fraternitas die mündliche Approbation seiner vita (Ur-Regel 1210).
Zunehmend geriet er in Distanz zu seiner Gemeinschaft, sodass er – in panischer Angst um sein Seelenheil – verstärkt in der Einsamkeit lebte und im Gebet Christus-Ähnlichkeit erstrebte.
Trotz anhaltender Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns betrieb Franziskus die Ausbreitung seiner Gemeinschaft erfolgreich weiter, sodass bald eigene Provinzen in allen wichtigen Reichen des Abendlandes entstanden. Hinzu kamen Kontakte adliger Damen wie Klara di Favarone, die zwar Anschluss an Franziskus suchten, jedoch später in einem eigenen Orden betreut wurden (Zweiter Orden). Auch erweiterte der Poverello seinen Aktionsraum, indem er nun u.a. eine Mission der sog. Ungläubigen anstrebte. Zwar kam es während des 5. Kreuzzuges in Damiette zu einer Begegnung mit Sultan Malek-el-Kamil, doch misslang der Versuch von Franziskus, diesen zu missionieren oder gar das Martyrium zu erleiden (1219).
Gleichzeitig entstanden ordensinterne Wirren, nachdem verstärkt sozial Hochgestellte und Gebildete dem ordo beigetreten waren. Diese verlangten bald aufgrund ihrer Qualitäten wichtige Positionen im Orden und strebten neue Formen der Seelsorge mit theologischen Predigten an. Hiermit entsprachen sie auch veränderten Erwartungen gebildeter Gläubiger, die nun eine "moderne Seelsorge", jedoch keine simplen Bußpredigten ungebildeter Fratres wünschten. Franziskus suchte in den Wirren nach seiner Orientreise erneut Hilfe beim Papst, der daraufhin eine Zentralisierung des Ordens mit einer Ämterverfassung (Generalminister, Generalkapitel) sowie dessen Klerikalisierung betrieb und den ordo der Aufsicht eines Protektors unterstellte. Hierdurch sicherte Honorius III. zwar den Fortbestand des Ordens, doch wurde dieser zunehmend für päpstliche Interessen umgestaltet und funktionalisiert.
Der Weg in die Einsamkeit
Franziskus erschienen diese Entwicklungen zwar mehr als bedenklich, doch gleichzeitig erkannte er seine Unfähigkeit zu neuen Formen der Ordensführung; so trat er resignativ und von Selbstzweifeln gequält von der Leitung zurück (1220). Nun übernahmen Gebildete wie Petrus Cathani die Führung, welche die Transformation der fraternitas in einen Seelsorgeorden mit städtischen Konventen, großen Kirchen und eigenen Bildungseinrichtungen betrieben. Zwar wirkte der Gründer auch in der Folgezeit im Ordensleben mit, indem er den Dritten Orden gründete (1221) und an der Neugestaltung der Regel beteiligt war (als Regula bullata approbiert 1223). Doch zunehmend geriet er in Distanz zu seiner Gemeinschaft, sodass er – in panischer Angst um sein Seelenheil – verstärkt in der Einsamkeit lebte und im Gebet Christus-Ähnlichkeit erstrebte.
Bei einem Aufenthalt auf dem Berg La Verna kam es schließlich zu einer Stigmatisation – angeblich durch einen Seraphen (1224). Dieses Geschehnis hatte für Franziskus entscheidende Folgen, da nun seine Zerrissenheit zwischen seinem Wirken als fröhlichem "Gaukler Gottes" und seinen Ängsten, den Willen Gottes falsch verstanden zu haben, ein Ende fand. Jetzt besaß er endlich Erlösungsgewissheit, die ihm inneren Frieden verlieh und ihn in seinem weiteren Wirken bestärkte. Ungeachtet starker Hinfälligkeit unternahm er erneut Missionsreisen in Italien, bis ihn gesundheitliche Probleme zur Rückkehr nach Assisi zwangen. Trotz schmerzhafter ärztlicher Behandlungen verschlechterte sich sein Zustand kontinuierlich, sodass er sein Testament verfasste und schließlich friedlich im Kreise seiner Brüder starb (3.Oktober 1226).
Die Regel-Konflikte waren jahrzehntelang mit immer neuen Reformversuchen, aber auch mit Verfolgung der sog. Spiritualen und mit schweren Eingriffen der Päpste bis hin zur Spaltung des Ordens verbunden.
Nach seiner vorläufigen Beisetzung und anschließenden Kanonisierung (1228) war zwar die Existenz seines Ordens gesichert, doch wurde dieser nun durch interne Auseinandersetzungen zerrissen. Ausgelöst vom Bau seiner pompösen Grabeskirche intensivierten sich die Konflikte um das "richtige Verständnis" der vita bzw. des Armutspostulats. Hierbei lehnten "alte Gefährten" Veränderungen ab, während "Reformer" mit dem Papsttum eine zeitgemäße Akkommodation der vita befürworteten. Diese Regel-Konflikte waren zwar jahrzehntelang mit immer neuen Reformversuchen, aber auch mit Verfolgung der sog. Spiritualen und mit schweren Eingriffen der Päpste bis hin zur Spaltung des Ordens verbunden.
Trotz aller Wirren wurden aber zentrale Elemente der vita gewahrt, sodass der Orden maßgeblich zur Entwicklung und Integration neuer Formen religiösen Lebens in der Amtskirche und damit (implizit) zu deren Reform beitrug. Zwar wurde Franziskus seit dem Mittelalter in vielfältiger Weise gesellschaftlich und politisch vereinnahmt (u.a. als Patron Italiens). Doch wird er wegen seiner welthistorischen Leistung – ungeachtet der jeweiligen weltanschaulichen Orientierung – oftmals als "unvergleichlicher Heiliger" betrachtet.
Zum Thema erschien kürzlich von Dieter Berg: Franz von Assisi. Der sanfte Rebell – eine Biographie