Schriftauslegung als geistige ÜbungOrigenes – Lehrer des geistlichen Lebens (Teil 1)

Die Wanderungen Israels, der Exodus aus Ägypten, das Durchschreiten der Wüste, der Aufstieg nach Jerusalem sowie das Eintreten in das Allerheiligste werden für Origenes, dem bedeutendsten Theologen und Exegeten der frühen Kirche, der auch unserer Zeit noch einiges zu sagen hat, zu Bildern der Rückkehr der Seele zu Gott.

Heilige Schrift
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Origenes (185–254) gehört nicht nur zu den bedeutendsten Theologen und Exegeten der frühen Kirche, er steht auch am Anfang einer christlichen Theologie des geistlichen Lebens, die weit über seine Zeit hinausreicht und die es verdient, in der gegenwärtigen Krise des Glaubens neu entdeckt zu werden. Nach Hans Urs von Balthasar ist es kaum möglich, "Origenes und seine Bedeutung für die Geschichte des christlichen Denkens zu überschätzen" (Origenes. Geist und Feuer, Freiburg 31991, 11).

Für den alexandrinischen Gelehrten ist Theologie ihrem Wesen nach geistliche Praxis. Wer die Heilige Schrift auslegt, soll durch das Erkannte selbst verwandelt werden. Wer über Gott spricht, soll sich Gott annähern. Wer Christus erkennt, soll Christus ähnlich werden. Schriftauslegung ist bei Origenes eine Lebensform und letztlich ein Weg des Heils, dessen Ziel die immer vollkommenere Erkenntnis und Schau Gottes ist.

Gott selbst kommt dem Menschen entgegen: im Logos, der Mensch wird, in der Heiligen Schrift, die menschliche Sprache annimmt, und im Heiligen Geist, der den Menschen heiligt und zum Gebet befähigt.

Damit steht Origenes einerseits in der Tradition antiker Philosophie, die sich nicht primär als theoretisches Lehrgebäude, sondern als Lebensform und Übungsweg verstand. Andererseits transformiert Origenes dieses Ideal christologisch. Das Ziel des geistlichen Weges wird nicht durch die autonome Erhebung des menschlichen Willens erreicht. Gott selbst kommt dem Menschen entgegen: im Logos, der Mensch wird, in der Heiligen Schrift, die menschliche Sprache annimmt, und im Heiligen Geist, der den Menschen heiligt und zum Gebet befähigt. Das geistliche Leben ist deshalb wesentlich Antwort auf ein göttliches Entgegenkommen.

Das Lesen der Heiligen Schrift als geistige Übung

Von kaum einem anderen Theologen der Alten Kirche kann so uneingeschränkt wie von Origenes gesagt werden, dass sein Denken Schriftauslegung ist. Er stammt aus einem christlichen Elternhaus in Alexandrien und hat "seit frühester Kindheit wirklich ‚in der Bibel gelebt‘. Wie immer es sich mit den anderen Quellen seines Denkens verhalten mag: das Mark seiner Theologie hat er der Bibel entnommen" (Henri de Lubac, Geist aus der Geschichte. Das Schriftverständnis des Origenes. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln 1968, 93). Kommentare, Homilien und Scholien, erklärende Randbemerkungen zu schwer verständlichen Bibelstellen, machen den größten Teil seines überlieferten Werkes aus. Selbst seine stärker systematisch angelegte Schrift De principiis ist von einem dichten Netz biblischer Bezüge durchzogen.

Die moderne Forschung hat deutlich gemacht, dass man den geistigen Schriftsinn des Origenes nicht gegen seine philologische Arbeit ausspielen darf. Der Schöpfer der Hexapla, einer mehrsprachigen Synopse des Alten Testaments in sechs parallelen Spalten, konnte mit außerordentlicher Genauigkeit Textvarianten vergleichen, grammatische Fragen untersuchen, historische Schwierigkeiten erörtern und unterschiedliche Übersetzungen gegeneinander abwägen. Gerade seine geistliche Exegese setzt intensive philologische Arbeit voraus. Doch damit ist die Aufgabe des Exegeten nicht abgeschlossen. Die Schrift ist nach Origenes nicht lediglich ein historisches Dokument über vergangene Ereignisse. In ihr spricht derselbe Logos, der in Jesus Christus Fleisch geworden ist. Deshalb enthält sie eine Tiefendimension, die sich erst dem geistlich fortschreitenden Leser erschließt.

Der Kirchenhistoriker Alfons Fürst, Leiter der Origenes Forschungsstelle an der Universität Münster, beschreibt die biblische Hermeneutik des alexandrinischen Gelehrten wie folgt:

"Die philologische Methodik, die Origenes auf die Bibel anwendet, fundiert er hermeneutisch mit einer christlichen Wissenschaftstheorie […], indem er eine Analogie zwischen der Selbstoffenbarung Gottes in der Schrift und in der Natur postuliert: Beide gehen auf denselben Schöpfer zurück […], die Welt via Schöpfung, die Schrift durch Inspiration […]. Beide beruhen auf demselben Prinzip der Rationalität, dem Logos (Christus), der als schaffendes, bewahrendes und erlösendes Prinzip alles in der kreatürlichen Welt des Seins ebenso bis ins Kleinste durchdringt wie in der Textwelt der Bibel […], weshalb Weltdeutung und Schriftdeutung die beiden Wege der Erkenntnis Gottes sind und Analogien vom einen zum anderen Bereich gezogen werden können […]. Diese Analogie liefert die hermeneutische Grundlage für die Verknüpfung von Philosophie und Exegese sowie die Anwendung philologisch-wissenschaftlicher Methoden auf den Bibeltext und etabliert das Prinzip der Rationalität in der christlichen Theologie und Schriftauslegung" (A. Fürst, RAC, Bd. 26, Lf. 205 [2014] 517).

Der zweifache und der dreifache Schriftsinn

Im vierten Buch von De principiis entwickelt Origenes das Modell eines dreifachen Schriftsinns. Wie der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, so besitzt auch die Schrift gleichsam Leib, Seele und Geist. Der "Leib" entspricht dem unmittelbar zugänglichen historischen oder wörtlichen Sinn. Die "Seele" bezieht sich vor allem die sittliche Bedeutung eines Textes. Der "Geist" erschließt die Geheimnisse des göttlichen Heilsplanes. Origenes beruft sich dafür unter anderem auf Spr 22,20, wo in der Fassung der Septuaginta der Leser aufgefordert wird, das Verständnis der göttlichen Wortes "dreifach" in die eigene Seele einzuschreiben.

Der geistliche Sinn wird nicht lediglich gedacht, sondern vom Leser existenziell mitvollzogen: Israel zieht aus Ägypten aus – und der Leser soll selbst aus der Knechtschaft seiner Leidenschaften ausziehen.

Dieses theoretische Modell eines dreifachen Schriftsinns wird in der konkreten Exegese jedoch häufig auf die grundlegendere Unterscheidung eines zweifachen Schriftsinns von Buchstabe und Geist, von historischem und geistlichem Sinn zurückgeführt. Gerade deshalb kann man bei Origenes sowohl von einem drei- als auch von einem zweifachen Schriftverständnis sprechen. Der geistliche Sinn hebt den Literalsinn nicht einfach auf. Neuere Forschungen warnen deshalb zu Recht vor der früher verbreiteten Vorstellung, Origenes habe die Geschichte zugunsten einer willkürlichen Allegorie aufgelöst. Selbst dort, wo der "Buchstabe" zurücktritt, bleibt die geistliche Bedeutung an die konkrete Gestalt des Textes gebunden.

Von entscheidender Bedeutung dabei ist: Der geistliche Sinn wird nicht lediglich gedacht, sondern vom Leser existenziell mitvollzogen: Israel zieht aus Ägypten aus – und der Leser soll selbst aus der Knechtschaft seiner Leidenschaften ausziehen. Israel durchquert die Wüste – und der Christ soll die Prüfungen des geistlichen Lebens bestehen. Israel zieht in das Land der Verheißung ein – und die Seele soll zur Erkenntnis Gottes gelangen. Das biblische Geschehen wird zur Topographie des geistlichen Weges.

"Die irdischen Taten des Erlösers werden verstanden als Vorausbilder geistigen Handelns an der Seele des Christen und der ganzen Kirche. Es geht Origenes immer auch um ein existenzielles Mitbetroffensein des gläubigen Lesers und Hörers des Evangeliums. ‚Das sinnliche Evangelium in ein geistiges Evangelium verwandeln!‘ ist das Ziel aller Begegnung mit dem Wort der Schrift, die nie nur eine Begegnung mit einem leblosen Text, sondern die Begegnung mit dem lebendigen Christus ist" (Rudolf Voderholzer, Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn, Freiburg 1998, 322).

Origenes bindet die Schriftauslegung an moralische und asketische Voraussetzungen. Nicht allein Gelehrsamkeit erschließt die Schrift. Der Leser muss selbst dem entsprechen, was er erkennen will. Reinigung des Lebens und Reinigung des Verstehens bedingen einander. Die Sünde verdunkelt nicht nur den Willen, sondern auch die Erkenntnis. Umgekehrt wird der Mensch gerade durch den Umgang mit dem göttlichen Wort gereinigt. Exegese ist daher eine geistige Übung: ein beständiges Einüben in jene Wirklichkeit, von der die Schrift spricht.

Besonders deutlich wird dies im Hohelied. Die drei dem Salomo zugeschriebenen Bücher Sprichwörter, Kohelet und Hohelied entsprechen den drei Stufen des geistlichen Lebens: sittliche Bildung (Sprichwörter), Loslösung von der Vergänglichkeit der Welt (Kohelet) und schließlich die liebende Vereinigung mit dem göttlichen Wort (Hohelied) [ausführlicher dazu: L. Schwienhorst-Schönberger, Kohelet, HThKAT, Freiburg 22011, 123–134]. Die biblische Hermeneutik des Origenes macht ein Grundprinzip seiner Spiritualität sichtbar: Erkennen heißt verwandelt werden. Die Schrift ist nicht Gegenstand distanzierter Betrachtung. Sie zieht den Leser in die Bewegung hinein, von der sie handelt.

Jesus Christus – Lehrer, Arzt und Bräutigam der Seele

Diese Bewegung besitzt ihr Zentrum in Jesus Christus. Es wäre deshalb irreführend, die Spiritualität des alexandrinischen Lehrers als christlich kaschierten Platonismus zu deuten. Platonische Denkformen spielen zweifellos eine wichtige Rolle. Doch der geistige Aufstieg der Seele ist bei Origenes grundsätzlich christologisch strukturiert.

Christus ist der ewige Logos, die Weisheit und die Wahrheit Gottes. Er ist zugleich derjenige, der sich dem Menschen in einer seinem Zustand entsprechenden Weise zuwendet. Origenes liebt es, die zahlreichen biblischen Namen Christi – Weisheit, Wahrheit, Leben, Weg, Licht, Arzt, Lehrer, Hirt, Brot, Bräutigam – als verschiedene Aspekte seines Heilswirkens zu verstehen. Der Mensch wird erlöst, indem er zunehmend an diesen Eigenschaften Christi Anteil gewinnt. Er wird weise durch die Weisheit, gerecht durch die Gerechtigkeit, heilig durch die Heiligkeit, die Christus selbst ist. Die dynamische Anthropologie des Origenes ist daher wesentlich eine Anthropologie wachsender Christusförmigkeit.

Der Anfänger begegnet Christus als Lehrer und Arzt. Der Fortschreitende erkennt ihn als Weisheit und Wahrheit. Die vollkommener werdende Seele begegnet ihm schließlich als Bräutigam.

Dabei besitzt die Inkarnation eine geradezu pädagogische Bedeutung. Der unsichtbare Logos wird sichtbar, die unbegreifliche Weisheit tritt in die Geschichte ein. Die "Fleischwerdung" Christi und der "Buchstabe" der Schrift entsprechen einander: In beiden Fällen steigt das Göttliche zur Fassungskraft des Menschen herab. Die neuere Forschung hat deshalb zu Recht betont, dass Körperlichkeit und Inkarnation bei Origenes nicht bloß als Hindernisse zu verstehen sind. Gerade die sichtbare Menschheit Jesu bildet die Brücke zu einer reiferen Erkenntnis Gottes.

Christus bleibt deshalb auf allen Stufen des geistlichen Lebens der Mittler. Der Anfänger begegnet ihm als Lehrer und Arzt. Der Fortschreitende erkennt ihn als Weisheit und Wahrheit. Die vollkommener werdende Seele begegnet ihm schließlich als Bräutigam. Aber auch diese höchste Form der Christusbeziehung hebt die Vermittlung Christi nicht auf. Die Seele gelangt nicht an Christus vorbei zu einem vermeintlich höheren, unpersönlich gedachten Göttlichen. Im Gegenteil: Gerade in Christus erschließt sich ihr die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.

Die Rückkehr der Seele zu Gott

Besonders in seinem grundlegenden Werk De principiis entwickelt Origenes eine umfassende kosmologische und heilsgeschichtliche Vision. Am Anfang steht Gott und die von ihm geschaffene vernünftige Welt. Durch den falschen Gebrauch der Freiheit entfernen sich die vernünftigen Wesen von ihrem göttlichen Ursprung. Die geschaffene Welt wird nun zum Raum einer göttlichen Pädagogik, in der die gefallenen vernunftbegabten Wesen geheilt, erzogen und wieder zu Gott zurückgeführt werden sollen.

Man kann diese Bewegung mit dem später geläufigen Begriffspaar "exitus – reditus" beschreiben: Ausgang von Gott und Rückkehr zu Gott. Allerdings darf man das Schema nicht unbesehen mit dem späteren Neuplatonismus identifizieren. Bei Origenes ist der Ausgang kein notwendiges Überströmen des Einen in die Vielheit. Die Entfernung von Gott hängt mit geschöpflicher Freiheit zusammen. Entsprechend geschieht auch die Rückkehr nicht automatisch, sondern als Geschichte von Freiheit, Gnade, Reinigung und göttlicher Erziehung.

Für das geistliche Leben ist dabei weniger die spekulative Frage nach einer Präexistenz der Seelen entscheidend als die dynamische Struktur der Anthropologie: Der Mensch ist ein Wesen auf dem Weg. Er trägt das Bild Gottes in sich, soll aber immer mehr zur Ähnlichkeit mit Gott gelangen. Die Vollendung ist nicht statischer Besitz, sondern Wachstum in Erkenntnis, Freiheit und Liebe.

Für den geistlichen Menschen beginnt die Rückkehr zu Gott nicht erst nach dem Tod. Sie vollzieht sich bereits hier und jetzt.

Dieser Weg lässt sich als fortschreitende Reinigung und Sammlung verstehen. Der Mensch lebt zunächst zerstreut in der Vielheit seiner Wünsche. Seine Aufmerksamkeit ist auf vergängliche Dinge gerichtet. Sünde bedeutet insofern nicht nur moralische Schuld, sondern zugleich Zerstreuung und Desintegration. Der Weg zu Gott führt umgekehrt zur Sammlung und zu wachsender Einheit. Der Mensch lernt, seine Kräfte auf das eine, wahre Gut hin auszurichten.

Genau hier gewinnt die Schrift wiederum ihre geistliche Funktion. Die Wanderungen Israels, der Exodus aus Ägypten, das Durchschreiten der Wüste, der Aufstieg nach Jerusalem oder das Eintreten in das Allerheiligste werden zu Bildern dieser Rückkehr. Heilsgeschichte und Seelengeschichte spiegeln einander.

Den eschatologischen Horizont dieser Bewegung bildet für Origenes das paulinische Wort, dass Gott schließlich "alles in allem" sein werde (1 Kor 15,28). Die mit dem Begriff Apokatastasis verbundene Frage, ob Origenes damit eine notwendige universale Wiederherstellung aller vernünftigen Wesen lehrte, gehört zu den umstrittensten Fragen der Forschung. Man sollte seine unterschiedlichen und teilweise nur in problematischer Überlieferung erhaltenen Aussagen nicht vorschnell zu einem geschlossenen System zusammenfügen. Unbestreitbar ist jedoch, dass Origenes die gesamte Schöpfung unter dem Vorzeichen eines göttlichen Heilswillens betrachtet und die Vollendung als immer vollkommenere Teilhabe an Gott versteht. Die neuere Forschung beschreibt seine Eschatologie entsprechend als umfassenden kosmischen Heilsplan, in dem Metaphysik, Ethik, Schriftinterpretation und Soteriologie ineinandergreifen.

Für den geistlichen Menschen beginnt die Rückkehr zu Gott nicht erst nach dem Tod. Sie vollzieht sich bereits hier und jetzt – in jeder Überwindung einer Leidenschaft, in jedem tieferen Verstehen der Schrift, in jeder echten Gotteserkenntnis und in jedem Gebet.

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