"O! Des Menschen bloße Pein"Vom Wagnis einer Querfeldeintheologie

Querfeldein denken, um Gott neu zu suchen: Eine Theologie, die vertraute Pfade verlässt, muss auf intellektuelle Tiefe nicht verzichten. Mit Jesaja, monastischer Tradition und Georg Trakl lassen sich Gottes überraschende Wege entdecken – und die Frage nach Hoffnung in Krisenzeiten neu stellen.

Künstlerisch verändertes Einfahrt-verboten-Schild
© Foto von Belinda Fewings auf Unsplash

Lange bevor Jesus von Nazareth das Licht der Welt erblickte, hat Tritojesaja für eine vergnügte Querfeldeintheologie geworben. Gemeint ist eine Theologie also, die ausgetretene Pfade hinter sich lässt, eine Theologie, die ermuntert, die gewohnten menschlichen Gedanken über Gott, das überliefert Archivierte durchaus zu achten, aber gewahr zu sein, dass in einer zwischen den Zeilen der Gedanken meditierende Gottessuche elementar ist.

"Sucht den Herrn, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah! … Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so sind meine Wege über euren Wege und meine Gedanken über euren Gedanken" (Jes 55,6-9).

Jesaja warnt gewissermaßen vor einer Theologie eingeübter, allzu ausgetretener Wege; vor einer Theologie, die in ihrem Ringen um Wahrheit und auf ihrem Weg zu Gott hin überraschungsfrei um sich selbst kreist.

Keine Dünnbrettbohrer-Theologie

Damit ist keineswegs einer Wahrheit ohne Methode das Wort geredet, die die Bedeutsamkeit einer intellektuellen Durchdringung der Gottesfrage für die Begegnung mit Gott relativiert. Die von Jesaja empfohlene Querfeldeintheologie ist keine sternenstaubversunkene Dünnbrettbohrer-Theologie. Je mehr Gipfelstürmerinnen und Gipfelstürmer das beeindruckende Gebirge theologischer Durchdringung in Tradition und Gegenwart in der Kirche erklimmen, desto besser. Jesaja ruft ja nicht zur Gottessuche via Gedankenlosigkeit auf. Im Modus der Gottesrede exponiert Gott sich vielmehr selbst die im Maßstab der unendlichen Weiten des Himmels die menschliche intellektuelle Fassungskraft übersteigende eigene Gedankenqualität.

Damit wird eine feine Warnung vor dem akklamiert, was Karl Rahner einmal auf den Begriff "schulschlaudumm" gebracht hat. Es gilt immer wieder sensibel gewahr zu sein, dass eine fides quaerens intellectum zwar stark ist und den Glauben stärkt. Das stellt auch die jesajanische Gottesrede nicht in Frage. Der Mensch darf, er soll sich Gedanken machen über die Welt, seine Umgebung sich selbst und Gott. Aber er muss fähig bleiben, sich für einen überraschend anderen und ewigen Gedankenreichtum Gottes zu öffnen.

Wie geht das? Nun, die monastische Tradition, insbesondere die Zisterzienser haben es vorgemacht: Querfeldein sind sie aus vertrauten Orten in unwegsames Gelände gezogen, um Gelände urbar zu machen und ein konzentriertes Bethaus zur täglichen mehrfachen Anrufung Gottes zu errichten. Gelebte Querfeldeintheologie at its best. Sie kommt aus der Anrufung und kehrt immer wieder in ihr ein. Eben: Suchet den Herrn, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah! An oftmals sumpfigem Ort und öder Stelle ins Werk gesetztes Prosologion.

Hier geht es um die Aufforderung, sich munter von Gott an die Hand nehmen zu lassen und mit ihm querfeldein auf und davon mitten in das geistliche Leben hineinzulaufen.

So das Glaubensleben und theologische Denken zu gestalten, ist brandaktuell, weil die prophetische Warnung heiter ist. Die biblische Weisheit verknüpft ja gerade mit der Metapher von Menschenweg und Gottesweg gern auch theodizeeartige Wegdifferenzen, die auf die Unerklärlichkeit gegenwärtiger Krisen einzuzahlen scheinen; Differenzen auch, die Menschen abgründig verlegen und verzweifelt zurücklassen, weil sie das, was er an Leid und Elend erlebt, als sinnlos, als ungerecht erleben: den Tod eines lieben Menschen etwa. – Hier aber geht es um die Aufforderung, sich munter von Gott an die Hand nehmen zu lassen und mit ihm querfeldein auf und davon mitten in das geistliche Leben hineinzulaufen. Dass Gottes Gedanken und menschliche Gedanken, dass Wegvorstellungen auseinandergehen, ist in dem Fall eine euphorische Botschaft. Es lohnt sich, nach Gott zu suchen – täglich, um aus dem apokalyptischen Defätismus akuter Zukunftsansagen herauszufinden.

Gottes Gnadenpfade bleiben

Gottes Hoffnungsgedanken für seine Schöpfung, für seine Menschheit, für seine Kirche sind derart großzügig, dass niemals eine Situation eintritt, in der es heißen muss: Wir haben vor Gott verspielt. Immer wird es Gottes Gnadenpfade geben. Sie dann zu betreten, kann schmerzhaft sein. Abschied von liebgewordenen religiösen Mustern, die mich selbst oder nicht mehr gemeinsam tragen.

Auf die Weisheit dieser theologischen Ansagen macht auf seine Weise eines der bekanntesten Gedichte Georg Trakls - Ein Winterabend - aufmerksam. Trakl trug es im Dezember 1913 in Innsbruck erstmals vor.

"Mancher auf der Wanderschaft
kommt ans Tor auf dunklen Pfaden."

In der Härte der Realität gelangt ein Mensch nicht an irgendein Tor, sondern "ans" Tor. Die Wanderschaft ist kein Sisyphos-Pfad. Im Leben kann ein Mensch - immer wieder - das Tor erreichen. Und nun ist interessant, wie sich die Motive von der Erstfassung des Gedichtes hin zur zweiten Fassung verschiebt. In der Erstfassung heißt es:

"Seine Wunde voller Gnaden
Pflegt der Liebe sanfte Kraft.

Die Vulnerabilität der wandernden Person wird von der Liebe, die hier nicht weiter näher bestimmt wird, unaufdringlich gepflegt. Die zweite Fassung wird unaufdringlich bestimmter und robuster.

"Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft."

Gold spielt deutlich auf die Präsenz und Nähe Gottes an. Gnade wächst tief verwurzelt baumstark auf. Die Erstfassung fährt wiederum fort:

"O! Des Menschen bloße Pein.
Der mit Engeln stumm gerungen.
Langt von heiligem Schmerz bezwungen
Still nach Gottes Brot und Wein."

Hinlangendes Verlangen

Die Vulnerabilität wird emotional als "bloße Pein" und die Wanderschaft als ein wortloser Kampf am Jabbok eingeordnet. Und die wandernde Person greift selber zu in einer Art hinlangendem Verlangen. In der zweiten Version koinzidiert hingegen der Schmerz mit der Schwellenerfahrung, und zwar in der Radikalität eines versteinerten Schmerzes. Denn es heißt da:

"Wanderer tritt still herein:
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein."

Und an die Stelle des Hinlangens wird ein durch das Eintreten in den Raum sich einstellendes Widerfahrnis des Weges Gottes. Die Gedanken Gottes, sein Weg, den er mit uns vorhat, erglänzt, scheint auf, ungetrübt, in den Aufbruchspfaden des Abendmahls. Das führt in eine geistliche Aufgabe hinein: Welches Gedicht können wir, sollten wir, müssten wir - inspiriert von Jesaja - dieser Tage singen?

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