I.
Menschen stoßen, wenn sie ihre Endlichkeit anerkennen, auf fundamentale Grenzen, auf Erfahrungen von Differenz, die ihr Selbstsein bestimmen.
Erstens erfahren sie ihre Sterblichkeit als Grenze. Das Leben ist endlich. Es hat einmal begonnen – und es wird einmal enden. Die Kunst des Lebens ist daher immer mit der Kunst des Sterbens verbunden. Menschlich leben kann man nur in Anbetracht des Todes, im Wissen darum, dass das Leben nicht endlos, sondern sterblich ist. Das bedeutet nicht, dass man täglich tiefsinnig über den Tod nachdenken müsste. Viel eher ist eine bestimmte Optik im Leben, eine besondere Perspektive auf das Leben gefordert: Was auch immer geschieht, vollzieht sich dann unter dem Vorzeichen, dass jedem Leben eine Grenze, sein Tod eingeschrieben ist.
Zweitens erfahren Menschen eine Grenze angesichts anderer Menschen. Diese sind nicht einfach ein alter Ego, ein anderes Ich, so wie ich bin, nur eben ein wenig anders. Sie sind erst recht nicht mir, meinen Wünschen, Interessen oder Planungen unterworfen, so dass ich über sie verfügen oder sie beherrschen kann. Der andere Mensch ist ein wirklich Anderer, ein Freiheitswesen und lebt aus eigenem Ursprung, auf einen eigenen Tod hin, mit eigener Würde. Es spricht mich an – als er selbst, ohne dass ich im Vorfeld schon wissen könnte, was er zu mir sagen wird. In seinem Anspruch erfahre ich eine Grenze, die zu übertreten übergriffig, freiheitsverletzend, unwürdig, gegen die Würde des anderen Menschen gerichtet wäre. Meine Freiheit ist daher mit der Verantwortung – der Pflicht, auf den Anspruch des Anderen zu antworten – eng verbunden.
Und drittens können Menschen auch in der Natur eine Grenze erfahren. Damit ist nicht nur die Grenze der äußeren Natur gemeint, sondern auch die Begrenzung der "inneren" Natur. Die äußere Natur zeigt sich als Raum, innerhalb dessen alle Menschen leben. Wie die ökologische Krise zeigt, ist auch dieser Raum nicht unendlich, sondern begrenzt, ein Raum, den es in und mit seinen Grenzen anzuerkennen gilt. Aber auch in mir selbst, in meiner eigenen Natur, meinem eigenen Was-Sein, stoße ich auf Begrenzungen. Nicht nur dass ich überhaupt bin, sondern dass ich so bin, wie ich bin, ist mir vorgegeben und stellt eine Grenze dar. Ich muss etwas mit mir anfangen, und das bedeutet, dass ich mich zu dem, was ich bin, irgendwie verhalten muss, dass ich etwas aus mir – einem begrenzten Ich, das nicht alles mit sich machen kann, das in sich auf begrenzte Möglichkeiten und nicht nur auf Helles, sondern auch auf Dunkles stößt – machen muss.
Und Menschen können, viertens, eine Grenze in dem, angesichts dessen erfahren, was man das "Göttliche" nennen kann: einen umgreifenden, Sinn schenkenden Horizont, der für manche Menschen ein personales Gegenüber, ein Du ist, zu dem sie beten können, für andere Menschen sich in ganz anderer Gestalt zeigen kann. Der Glaube an Gott ist zugleich einer der fundamentalen Akte der Grenzüberschreitung, der Transzendierung des Endlichen – und der Anerkennung von Grenzen, und zwar nicht nur der Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf, sondern auch der Grenzen, die Gott selbst setzt. Denn Gott schafft nach dem ersten Schöpfungsbericht im Buch Genesis, indem er Grenzen zieht, und immer wieder besteht sein Handeln darin, um des Heils des Menschen willen Grenzen zu setzen. Grenzen, so der biblische Glaube, können auch heil-sam sein.
II.
Identität für gibt es für den Menschen als endliches Wesen nur aus der Differenz heraus, in der Anerkennung des Anderen, der Grenzen zwischen mir und dem Anderen. Grenzen sind also nicht nur Phänomene, die es zu überwinden gilt. Es gibt solche Grenzen, negative Grenzen, die sich gegen den Menschen richten, unmenschliche, ideologische Grenzen, die zu Fall gebracht werden müssen (wie die Mauer, die Deutschland lange getrennt hat, oder viele andere Mauern, seien sie nun physische Gebilde aus Stein oder existieren sie nur in den Köpfen von Menschen). Es gibt vermeintliche, nur aus Konvention oder Tradition noch bestehende Grenzen; und es gibt bedingte Grenzen, die nur temporär bestehen, die man hinter sich lassen kann. Jeder Sportler, jede Wissenschaftlerin, jeder Künstler weiß davon, aber auch viele Menschen, die in ihrem Alltag Großes leisten, können das bezeugen.
Nicht selten werden Grenzen als Kränkung wahrgenommen. Es ist menschlich, allzu menschlich, über alle Grenzen hinauszustreben
Es gibt daneben aber auch die anderen, positiven Grenzen, die sich nicht so einfach überwinden lassen, ja, deren Überwindung sogar von Nachteil wäre oder unmenschliche Konsequenzen hätte. Es sind Grenzen, die es anzuerkennen gilt. Ohne diese Anerkennung wäre ein menschliches, glückliches oder gelingendes Leben nicht möglich.
Menschliche Identität, so zeigt sich, ist nicht in sich selbst gegründet, sondern ist auf Nicht-Identität angewiesen und hingeordnet. Menschsein auf Begrenzungen, auf die Anerkennung von "Vorgaben", Gaben, die dem Menschen – als "positiv", von lt. ponere, d.h. legen, setzen, stellen – vorgesetzt sind und ihn begrenzen, die aber dennoch "Gaben" bleiben. Das Ich ist auf die Begegnung mit dem Anderen hin orientiert: mit dem Nicht-Ich: dem Tod, dem Du, der Natur oder dem Göttlichen.
III.
Nicht selten werden Grenzen – und zwar alle Grenzen – als Kränkung wahrgenommen. Oder sie werden übersehen, verdrängt, geleugnet. Es ist menschlich, allzu menschlich, über alle Grenzen hinauszustreben. Man kann es sich so leicht vorstellen: nicht mehr sterben zu müssen; von anderen Menschen nicht mehr in Anspruch genommen zu werden oder sie sich sogar untertan zu machen; alles, was man tun will, auch planen und dann tun zu können; keinerlei göttliche Wesen mehr über sich zu haben. Wäre ein solches Leben, ein grenzenloses Leben, nicht wunderbar?
Gerade die Technik – ihre Macht, ihre Erfolge, ihre Verheißungen – spielt bei diesen Vorstellungen eine große Rolle. Denn mittels der Technik ließen sich schon viele Grenzen überwinden und aufheben, Grenzen, die für Menschen früherer Generation von zentraler, lebensbestimmender Bedeutung waren, heute aber keine Rolle mehr spielen. Viele Träume – nicht nur der vielbeschworene Traum vom Fliegen – sind erfüllt worden. Der technische Fortschritt etwa in der Medizin lässt Menschen länger und gesünder leben. Vieles ist erreicht worden. Warum also nicht weiter auf die Technik setzen und die bestehenden Grenzen auflösen? Warum also nicht ins Unendliche streben, dorthin, wo es gar keine Grenzen mehr gibt?
IV.
Diese Fragen stellen sich heute mit sehr großer Dringlichkeit. Man muss aufpassen, dass man, wenn man sie stellt, aus einer radikal fortschrittsskeptischen Haltung heraus nicht späteren Generationen prinzipiell die Fortschrittsvorteile vorenthält, die man selbst genießt, die es aber gar nicht gäbe, wenn man mit der eigenen, kaum begrenzten Skepsis früher schon gelebt und den Lauf der Geschichte bestimmt hätte. Es ist nämlich ein seltsames Phänomen, dass nicht wenige Menschen die Grenzen des Fortschritts gerade bei jenen Fortschritten ziehen, von denen sie selbst noch profitieren können. An dieser Stelle gilt es also zu differenzieren. Und mit der Differenzierung wird es kompliziert.
Denn es gibt keine einfachen Lösungen, wenn es sich als notwendig zeigt, zwischen naivem Optimismus und ebenso naivem Pessimismus einen Weg zu bahnen. Es ist gar nicht leicht, im Detail, wenn es also konkret wird, die Grenze zwischen menschlichen und unmenschlichen Grenzen genau zu ziehen. Wann genau anerkennt man den Tod, den Anderen, die Natur oder Gott nicht mehr? Oder anders: Wie respektiert man diese Grenzen genau? Oder spezifischer: Wo endet der medizinische Fortschritt und wird zu einem Rückschritt? Diese Stelle ist schwer zu bezeichnen. Vertieftes Nachdenken, intensive Gespräche, öffentliche Debatten und interdisziplinäre Auseinandersetzungen sind notwendig.
Wann genau erleichtert die Macht der Technik im Alltag nicht mehr das Leben, sondern erschwert es? Das ist keine abstrakt-akademische Frage. Denn es ist, um ein Beispiel zu nennen, mehr als deutlich, dass soziale Medien auch äußerst a- oder anti-soziale Medien sein können. Wo aber zieht man die Grenze? Genau diese Frage wird derzeit angesichts der lebensbestimmenden und -verändernden Bedeutung sozialer Medien diskutiert. Man diskutiert sie auch mit Blick auf den Einsatz oder die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz oder auf noch viele weitere Herausforderungen. Die oft bemühten "Grenzen des Fortschritts" zwingen dazu.
Nicht jeden Trend mitzumachen und sich selbst bestimmte Grenzen aufzulegen, verdammt nicht zur Passivität, sondern erlaubt andere Formen der Aktivität.
V.
Schmerzhaft kann auch das Nachdenken über Grenzen sein. Denn es kann bedeuten, "Nein" zu sagen, wo man gerne "Ja" sagen würde. Es kann auch mit sich bringen, dass man sich irrt und Grenzen falsch zieht. Es kann aber auch dazu führen, das Handeln des Menschen neu und menschlicher auszurichten und zu orientieren. In einem bestimmten Bereich nicht mehr zu forschen, bedeutet nicht, gar nichts zu tun, sondern öffnet den Blick für andere, ebenfalls drängende Forschungsfragen. Oder ins Private gewendet: Nicht jeden Trend mitzumachen und sich selbst bestimmte Grenzen aufzulegen, verdammt nicht zur Passivität, sondern erlaubt andere Formen der Aktivität.
Grenzen können ein Fluch sein – wenn sie Menschen davon abhalten, ein gutes Leben zu führen, wenn sie sich gegen die Menschenwürde richten, wenn sie die Gegebenheiten der Wirklichkeit nicht anerkennen. Sie können aber auch ein Segen sein – als Grenzen, die ein gutes Leben ermöglichen, die Menschenwürde bewahren, die Wirklichkeit anerkennen. Das ist eine nahezu triviale Einsicht. Aber doch kann es notwendig sein, an sie zu erinnern, in all der begrenzten Macht, die solchen Erinnerungen zu eigen ist.