I.
Wer weiß heute noch, was ein "Abhub" bedeutet? Was unter "beidlebig" zu verstehen wäre? Worum es sich bei einem "Duns" handelt – nein, scholastische Philosophen sind damit nicht gemeint (die waren sicher das Gegenteil davon)! Bei einer "Gäspe" oder dem "Gebefall"? Worauf der "Jaherr" zielt? Auch ob die Begegnung mit einer "Quarre" angenehmer sein könnte als wenn wir eines "Schwertmagen" ansichtig werden? Des "Valants" gar?
Je, den Düwel ook, wovon mag hier die Rede sein? Deutscher Sprachbestand? Nicht mehr. War es aber einmal. Unterschiedlichste Gründe haben zum Erlöschen jener Worte beigetragen.
II.
Wer findet, die Aufzählung klinge ein bisschen lustvoll, liegt nicht falsch. Tatsächlich geht mir so gut wie keine Schatzkammer über jene, wo die Sprache eingelagert ist, in der ich aufgewachsen bin, zu denken mir angewöhnt habe und mich, mit wechselndem Erfolg, im Verstehen übe: DAS Deutsche Wörterbuch. Von Jacob und Wilhelm Grimm auf den Weg gebracht, mit 32 voluminösen Bänden 1961 abgeschlossen, 123 Jahre nach Arbeitsbeginn.
Wie die Titelgraphik durchblicken lässt, unter den Fittichen eines besonderen Genius: des Engels der Sprache. Doch, den gibt es ebenso wie jenen der Geschichte von Walter Benjamin! Und vielleicht bewegt er sich sogar ähnlich wie dieser: weg vom Paradies primordialen Begreifens, den Blick dabei auf wachsende Trümmerlandschaften gerichtet.
Die Grenzen meiner Sprache seien jene meiner Welt, schnappte ich irgendwo einmal auf. Zu wandeln vermögen sich beide. Schlag nach bei Grimm!
III.
Distinktive Mikro-Mehrsprachigkeit prägt unsere Gegenwart. Im gestreckten Galopp bloß einige Impressionen dazu.
Wer im Idiom der Jugend auf dem Laufenden bleiben möchte, verfolge am besten TikTok und Instagram. Zum raschen Hinterher-Hecheln benötigen jeweilige Generationen Ü 25 bis 30 freilich Kondition.
Für die "Einfache" oder "Leichte Sprache" gilt dies nicht. Inklusiv soll sie sein, wie anders auch ihre Schwester, eine vermeintlich "gerechte", diskriminierungsfreie (wird dort manchmal auch die Grammatik geschunden). Den Siegeszug des "Denglischen" nicht zu vergessen. Von selling points oder first bumps ist die Semantik da bevölkert, von squishy hypes, rage rooms oder much care, welche (dang!) bei jeder Beziehung anfalle.
Wenn sich unter herkömmlichem Wortbestand unversehens verschleiernde Inhalte eingenistet haben, wenn Setzung von Licht- und Finsternis-Begriffen die Sinne der Adressaten zurichten soll, befinden wir uns unweit der Diktion des politischen Personals samt journalistischem Anhang. Aus deren Wörternebel, vom Vater der Systemtheorie Lingua Blablativa getauft, bloß ein harmloseres Exempel ist der Gebrauch des Adjektivs "klar". In launiger Stimmung zähle ich vor der Mattscheibe gern mit. Auf sechsmal pro Minute steht der Rekord. Von wem er ist, gebe ich nicht preis, zumal er Tag für Tag gebrochen werden kann.
IV.
Sprachwandel (und darin verflochten der des Bewusstseins) ist unausbleiblich. Alltagskulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen werden durch ihn ebenso gespiegelt wie vorangetrieben. Als Sprachumbau zuweilen auch gezielt ins Werk gesetzt. Aus modifizierten Codes entsteht eine neue Weltsicht. Verharren gilt als Zeichen der Zurückgebliebenheit. Für solchen "Neusprech" bedarf es gar keiner im Vollsinne totalitären Instanz wie in Orwells berühmtem Roman.
Unabhängig davon gibt es immer wieder Begriffe, die ins Miss- oder Nicht-mehr-Verständliche entgleiten. Wie ausgewrungen, hohl und totgeschwätzt, bevor sie langsam aussterben. Auch Wichtiges ist davor nicht gefeit.
V.
"im anfang war das wort." So, der vom gelehrten Brüderpaar bevorzugten Kleinschreibung folgend, steht es auch auf dem Schild des mit einer Fackel ausgestatteten Engels der Sprache vor Band I des Wörterbuchs. Völlig zu Recht. Sprache ist ein schöpferisches Phänomen, aus dem sozusagen alles wird, was für uns der Fall sein (und in unsere Köpfe gelangen) kann, weit über die vordergründige Wirklichkeit hinaus. Grundsätzlich religiös eingefärbt also.
Was religiöse Ausdrucksweise direkt betrifft, scheint mittlerweile indes weniger ein Genius zu walten, als die Furie des Diffus-Werdens und Verschwindens. Die Zahl der Einlassungen dazu während des letzten Jahrzehnts ist bemerkenswert.
VI.
Selbst darauf gestoßen wurde ich erstmals, als unter den Teilnehmern eines Seminars niemand etwas mit dem Wort "Verheißung" anfangen konnte. Aber auch andere ehedem Leitbegriffe muten ringsum teils so fremdsprachig kurios an wie die eingangs aufgelisteten Beispiele: "Sünde" und "Gnade" etwa, "Buße", "Heiligkeit" und "Erlösung", das Kreuz oder die letzten Dinge ohnehin. Auch im bergenden Erinnerungsraum der Literatur dauern sie sehr in Maßen bloß noch fort.
VII.
Theologisch bin ich mit einem gewissen Pathos groß geworden. Religiöse Inhalte, hieß es da gern, müssten "in die Sprache von heute übersetzt" werden. Ein Verb, das besagt: ans andere Ufer des gleichen Flusses zu gelangen. Doch auf welche Weise bekommen wir dieses überhaupt in Sicht? Und wie lange dauert "heute"?
Damit also zum gängig gewordenen Kirchensprech mit dessen "Blase" (weltläufiger: bubble), in der seine Akteure auch semantisch be-, ja gefangen sind. Für ironisch gestimmte Zungenschnalzer lässt sich ein Schlachtfest daraus anrichten.
"An ihrer Sprache verrecken" sie, tönt ein Kommunikationsberater brachial wider diesen Jargon. Andere Autoren bieten ein Glossar von Floskeleien auf (168 exakt), intern wie nach draußen verbreiteten "Phrasenunsers". "Herzensvokabeln moderner Christenheit", die nicht nur "blut-", sondern vor allem inhalts-"leer" sind: vom "Wagnis", u. a. "gemeinsam auf der Suche" zu sein, über das "Wertschätzen" von Menschen (alles, was die betreffe, sei "von größter Mahnhaftigkeit"!), irgendwelcher "Zukunft" zugewandt allemal.
Aber wonach suchen sie denn? Was zu wagen teilen sie uns mit, das wir nicht auch anderswo fänden? Where is the beef?
VIII.
"Der Katholizismus vertritt kaum mehr religiöses Empfinden und Denken", beobachtete Michael Köhlmeier schon 2008. Auf ein Paradox zugleich machte er aufmerksam: Je stärker Kirche sich "den Leuten" andiene, desto uninteressierter seien diese offensichtlich an ihr. Hat das am Ende miteinander zu tun? Und kann sie in Konkurrenz zum Weltlich-Humanen überhaupt "mithalten, ohne ihr Eigenstes über Bord zu werfen"?
Die Sprache verrät es.
IX.
Evangelischer Kirchentag 2015 in Stuttgart. Auf einem Podium hatte ich beiläufig erwähnt, im ranking der meistgebrauchten Kirchenwörter stünde "Gott" wohl kaum mehr ganz oben ("eher Platz 8 oder so"). Massiver Gesprächsbedarf am Ende ließ darauf schließen, dass bei etlichen damit eine Saite eigenen Unbehagens zum Klingen gebracht worden war. Manche stimmten mir zu, manche machten Ausnahmen geltend: bei Kirchenmann X oder Kirchenfrau Y sei es aber nicht so.
Nun hat, gerade den Höchsten betreffend, religiöse Rede (als Ausfluss authentischen Sehnens, Denkens oder Erfahrens) tatsächlich etwas Verschwiegenes. Von jeher bewegt sie sich an den Grenzen des Sagbaren, durch Sprachnot eher gekennzeichnet als durch Auftrumpfen. Anhand der Mystik vor allem ließe sich dies nachverfolgen.
Beim konkreten Anlass aber ging es um den Eindruck einer Tendenz (so sehr dies konträren Erscheinungen gegenüber auch ungerecht sein mag!), dass Gott nicht nur im Äußerungsverhalten zeitgenössischer Gesellschaft an Bedeutung verliere, sondern dort auch, wo er doch selbstverständlich sein sollte: den Kirchen. Ob ohne oder mit Gendersternchen tritt er in den Hintergrund – und zwar keineswegs, weil gefürchtet würde, das Absolute in endlichen Sprachrastern unstatthaft zu fixieren.
X.
Die Ursachen des das Religiöse schrumpfenden Sprachwandels sind nicht nur der allgemeinen Säkularisierung geschuldet. Gewichtigen Anteil daran haben die Glaubensgemeinschaften selbst. Reflektierte Hüter eines lexikalischen Schatzes sollten sie dabei doch sein. Das Ur-Wort "Gott" an erster Stelle hegen, pflegen und vor Beiseite-Schieben wie Missbrauch schützen.
Durch ein neuerdings nicht selten schulterklopfend ausgestelltes Verhältnis dem Bezeichneten gegenüber tragen sie stattdessen zur Banalisierung bei. Kurzerhand wird der Höchste zur Affirmation wohlmeinender Haltungen eingespannt. "Ich, der Herr, Euer Gott, liebe die Vielfalt bei Euch in NRW." Vor kurzem so anlässlich eines ökumenischen Gottesdiensts zum Achtzigsten des Bundeslands. Oder seine "Liebe" wird umstandslos auf das verkitschte Niveau eines "Ich bin o.k., ihr seid o.k.!" heruntergebrochen, ohne Anstrengung, wie es uns eben gefällt. Neo-gottprotzende Rede solcher Art macht jedoch bloß Punkte für das, was der alte Feuerbach "Projektion" nannte.
XI.
Eine andere Spielart der Umpolung des eigenen Grundwort-Schatzes ist das Ausweichen vor der Gottesrede ins Wertelig-Politische. Buchstäblich aufs Panier schreibt man sich derlei. Allerlei Fahnen, die vor Sakralgebäuden stolz gehisst werden, erteilen von weitem schon Auskunft darüber, was die Zugehörigen dort umtreibt: "Aufstehen für Menschenwürde und Demokratie" steht etwa darauf. Oder: "Nächstenliebe, Dialog, Solidarität!" Toleranz, Respekt und gesellschaftlicher Zusammenhalt gehören ebenfalls zu diesem Setzkasten aktuellen Kirchensprechs. "Herz statt Hetze" nicht minder (sintemal es ja nie ohne Süßlichkeiten abgeht).
Fast fröhlich wird mir zumute, wenn ich einmal besserer Suggestion ansichtig werde – "Du. Wir. Gott" kann dies sein –, obschon ich ganz und gar kein Fan dieses Flaggezeigens bin, da es zuletzt doch bloß auf Reklame hinausläuft.
XII.
In pro und contra wird den Kirchen öffentlich fast nur mehr eine Rolle als Werteagenturen zugestanden. Bereitwillig fügen sie sich darein – was allmählich alles Weitergehende zu überlagern beginnt. Den Anspruch gar, Orte zu sein, wo sich Begegnungen mit einem unverfügbaren mysterium tremendum et fascinosum zu ereignen vermöchten. Für die angebrachte Reaktion auf das tremendum fände sich noch ein deutsches Wort: "Ehrfurcht" lautet es.
XIII.
Ob die Verflüchtigung des religiösen Wort-Schatzes womöglich zu stoppen sei? Durch Selbstverpflichtung vielleicht, sich (auch nur stotternd) an dem, was Ausdruck werden soll, mehr abzuarbeiten. Auf diese Weise davon überhaupt noch zu reden.
Ein Anfang immerhin wäre gemacht, wenn kirchlicherseits die kritische Selbstbefragung begänne, wie sehr "man" mittlerweile selbst Kraft jener Säkularisationsschübe ist, in deren Verlauf vormals unhintergehbare Begriffe entkernt werden. Ausgespien zuletzt.