Franz Jalics unterscheidet zwischen Kontemplation und kontemplativem Gebet. Das Beten der Psalmen ist kein kontemplatives Gebet im eigentlichen Sinn, wohl jedoch kann es in der Haltung der Kontemplation erfolgen. Wenn es in der Haltung der Kontemplation erfolgt, kann es in einem abgeleiteten Sinn als kontemplatives Beten verstanden werden. Das Problem besteht nun darin, dass man in die Haltung der Kontemplation – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht ohne kontemplatives Beten im eigentlichen Sinne hineinfindet. Hier stoßen wir auf das Dilemma, dass das kontemplative Beten der Psalmen nur dadurch erreicht wird, dass man das Beten der Psalmen (vorübergehend) lässt. Den Ausführungen von Thomas Merton ist dieses Dilemma deutlich anzumerken. Franz Jalics spricht es offen an, sichert sich aber gegen mögliche Missverständnisse ab:
"Ein häufiges Vorurteil gegen das kontemplative Gebet", so der Autor, "liegt in seiner Beziehung zur Heiligen Schrift. Dieses Vorurteil kommt meistens von Personen und Gruppen, die sich ernstes Gebet nur als Schriftbetrachtung vorstellen können. Wer kontemplativ betet, lautet die Kritik, vernachlässigt die Bibel […]. Was könnte christlicher sein, als ständig mit voller Aufmerksamkeit beim auferstandenen Christus zu verweilen! Nicht nur bei seinen Worten, sondern bei ihm selbst. Die Heilige Schrift führt uns dazu. Sie ist das Fundament und schafft die Atmosphäre zur Kontemplation. Ich kann außer der Nächstenliebe nichts Nützlicheres und nichts Wichtigeres zur Vorbereitung und zur Unterstützung des kontemplativen Gebetes empfehlen, als sich in die Heilige Schrift zu vertiefen. ‚Ignorantia scripturarum ignorantia Christi est‘ hat der hl. Hieronymus gesagt: Die Unkenntnis der Heiligen Schrift ist Unkenntnis Christi. Die Heilige Schrift ist eine Botschaft, die wie ein Pfeil über sich selbst hinausweist. Im Augenblick des Gebetes gibt es eine Unmittelbarkeit in der Hinwendung zu Jesus Christus, die eine aktuelle Beschäftigung mit der Schrift ausschließt" (20).
Jalics vergleicht die Bibel mit einem Liebesbrief, der vom Kommen des Geliebten kündet. Wenn nun der Geliebte vor der Tür steht und klopft (vgl. Hld 5,2; Offb 3,20) und ich sage: "Bleib lieber draußen, dein Brief ist viel schöner und interessanter", dann habe ich offensichtlich den Sinn des Briefes nicht verstanden.
Kontemplation als Zustand
Die Erfahrung, so Jalics, zeigt, dass der Zustand der Kontemplation ohne die regelmäßige Übung der Stille nicht erreicht werden kann. Regelmäßig vom Modus des Tuns in den Modus des Seins, des einfachen Da-Seins ohne Ich-Aktivität umzuschalten, ist aller Erfahrung nach die Voraussetzung dafür, dass uns auch im Alltag das göttliche Sein nährt und trägt:
"Unterscheiden wir zwischen Kontemplation und kontemplativem Gebet. Kontemplation ist ein Zustand, in dem das Wirken Gottes sehr intensiv und spürbar ist. Sie bezieht sich auf die dritte Phase des geistlichen Lebens. Sie ist nicht eine Gebetsweise, sondern ein Zustand, der in jedem Augenblick des Lebens da ist oder dasein kann, also im Gebet und außerhalb des Gebetes. Die Einführung in das kontemplative Gebet bringt mit sich, daß die Kontemplation mit der Zeit in das ganze Leben einfließt. Sie bleibt nicht auf die stillen Zeiten begrenzt […]. Die Geschichte zeigt, daß der kontemplative Zustand nicht ohne aktivitätslose, stille Zeiten geschenkt wird. Ausnahmen davon sind eine ganz außerordentliche Gnade. Das Zeichen ihrer Echtheit besteht darin, daß der Begnadete neben seinen Aktivitäten stille Zeiten sucht und sich diese effektiv gönnt" (21).
Verzicht auf mündliche Gebete, Gedanken, Gefühle
Jalics beschreibt in seinem Übungsbuch den Weg der Kontemplation als eine tiefgreifende Umwandlung. Es kommt darauf an, den rechten Zeitpunkt zu erkennen, da das Denken und Machen nicht weiterführt. Das schließt auch das Gebet mit ein.
"Es geht in diesem Buch um die mühsame und radikale Wende vom vorkontemplativen zum kontemplativen Gebet. Ich vergleiche sie mit der Umwandlung, die Paulus in der Begegnung mit Jesus Christus erlebt hat […] Der vorkontemplative Weg ist ein positiver und notwendiger Abschnitt des geistlichen Lebens. Ich spreche aber zu Menschen, die eben in diesem Niemandsland zwischen dem Weg der Tugenden und dem Weg der Kontemplation stehen. Ich zeige ihnen, wie der Weg weitergeht. Sie hängen jedoch noch allzusehr am Weg des Denkens und Machens. Ich muß hervorheben, daß dieser Weg sie nicht weiterführt, und muß zeigen, was sie alles loslassen müssen, damit sie in das Neue eintreten können" (23).
Jalics beteuert, dass er die verbreiteten und vertrauten vorkontemplativen Formen des Gebets nicht abwerten möchte. Seiner Erfahrung nach zeigt sich jedoch, dass viele Menschen, ob gläubig oder ungläubig, in ihrem Leben an einen Punkt kommen, wo sie mit all ihrem Tun und Machen nicht mehr weiter wissen.
"Ich möchte unterstreichen, daß alles seine Zeit hat. Die vorkontemplativen Gebetsweisen mit ihrem Schwerpunkt auf mündlichen Gebeten, Reflexionen und gefühlsbetonten Gebeten sind in sich gut und notwendig, bis die Zeit der Einfachheit eintritt. Ab diesem Punkt gilt das Gesetz des Leer-werdens. Nur wer gestorben ist, kann auferstehen. […] Einzig und allein die Leere führt in die Kontemplation. Die Kontemplation ist ja nichts anderes, als daß Gott uns und unsere Aktivitäten so erfüllt, daß nicht mehr wir leben, sondern Christus in uns lebt, nicht wir etwas ‚machen‘, sondern Christus in uns. Aber das erfordert schrittweise einen Verzicht auf mündliche Gebete, Gedanken und Gefühle" (146).
Wirkungen des kontemplativen Gebetes
Neben den "Kontemplativen Exerzitien" hat Jalics in zwei kleineren Schriften den kontemplativen Weg einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt und erklärt. Folgende kleine Kostprobe aus: "Der kontemplative Weg" (Ignatianische Impulse 14, Würzburg 2006) spricht den anthropologischen Aspekt und die heilende und erlösende Wirkung dieses Weges an:
"Eine andere Wirkung des kontemplativen Gebets ist, dass der Mensch in eine viel tiefere Beziehung zu sich selbst kommt. Er kann viel mehr bei sich verweilen. Wenn er versucht, nicht bei seinen Gedanken, sondern ganz bei sich zu verweilen, kommen seine Einsichten nicht mehr von einer rationalen oder psychischen Ebene, sondern aus der Tiefe seines Seins, das der innewohnende Gott ist. Das erfährt man sehr schnell beim kontemplativen Gebet. Gute Ideen kommen von tieferen Schichten und die Gedanken sind klarer. Sie treffen mehr und einfacher das Wesentliche. […] Die Erfahrung des kontemplativen Menschen ist, dass er nichts tut. Es tut sich alles wie von selbst. Es tut sich durch ihn, aber er spürt, dass er nur ein Werkzeug in Gottes Händen ist" (52f).
In dem Buch "Die geistliche Begleitung im Evangelium" (Würzburg, 2012) möchte Jalics zeigen, "wie Jesus Menschen geistlich begleitet hat" (9). In diesem Büchlein praktiziert Jalics, wie er selbst sagt, eine "spirituelle Schriftauslegung" (11). Er liest die Evangelien im Lichte der kontemplativen Erfahrung. "Im Grunde der Seele eines jeden Menschen schlummert eine Sehnsucht nach Gott. Es ist das eingeborene Wissen, dass unsere Heimat nicht auf dieser Erde, sondern in Gott ist. Bei ihm sind wir zuhause" (vgl. Mk 10,17–31).