Große Aufregung gibt es zur Zeit um die jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Bibel und Kirche" (2/2026) des Katholischen Bibelwerks mit dem Titel: "Bibel queer lesen". Das Thema polarisiert. Katrin Brockmöller, die Direktorin des Katholischen Bibelwerks, empfiehlt, "das Heft zu lesen und sich nicht nur am Titel zu stören. Für einen sachlichen und respektvollen Austausch stehen wir gern zur Verfügung, Hetze, Hass und Diffamierung lehnen wir allerdings vehement ab." Burkhard Hose, Vorstandsmitglied im Verein OutInChurch und einer der Autoren des Heftes, beklagt: "Es ist, wie es zu erwarten war. Kaum veröffentlicht das Katholische Bibelwerk ein Heft zum Thema ‚Bibel queer lesen‘, hagelt es in den Kommentaren Beschimpfungen, queerfeindliche Sprüche und fundamentalistische Ergüsse." Er fordert zu Solidaritätsbekundungen mit dem Katholischen Bibelwerk auf.
Kontextuelle Schriftauslegung
Um das Anliegen des Heftes zu verstehen, müssen wir uns zunächst mit der zugrundeliegenden Hermeneutik befassen. Beim Stichwort "Queerness und Bibel" dürften viele an die ein oder andere Bibelstelle denken, die davon spricht, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat, oder an das Verbot: "Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel" aus dem Buch Levitikus (18,22). Wird hier nicht eindeutig eine binäre Geschlechterkonstellation von Mann und Frau vorausgesetzt und homosexuelle Praxis verboten? Diese und ähnliche Bibelstellen, auch aus dem Neuen Testament, um dessen Interpretation heftig gestritten wird, spielen in dem Heft jedoch so gut wie keine Rolle; sie werden, von einer Ausnahme abgesehen, nicht einmal erwähnt.
Es geht den Autoren des Heftes um etwas weitaus Grundsätzlicheres. Es geht ihnen um die Frage: Wie ist die Bibel überhaupt zu verstehen? Welche "Haltung" (65) ist einzunehmen, um dem, was die Bibel will, gerecht zu werden? Kann diese Haltung im Rahmen einer Methode operationalisiert werden?
Das hermeneutische Konzept, das dem Projekt zugrundeliegt, ist die sogenannte kontextuelle Schriftauslegung. Vermutlich dürften die meisten Christen und Bibelleser gar nicht wissen, was das sein soll: kontextuelle Schriftauslegung. Deshalb ist es wichtig, dieses Modell zu verstehen, denn – und das macht die Sache durchaus brisant – kontextuelle Schriftauslegung gehört zu einem kirchlich anerkannten Zugang zum Verständnis der Heiligen Schrift. Was ist damit gemeint?
Rezeption ist kein rein passiver, sondern ein in hohem Maße aktiver Vorgang. Wir lesen biblische Texte aufgrund eines kulturell verinnerlichten Vorverständnisses und aufgrund dieses Vorverständnisses entwerfen wir die Bedeutung eines Textes.
Kontextuelle Exegese ist eine Form der Schriftauslegung, die den Lesern und Hörern bei der Sinnerfassung des biblischen Textes eine bedeutende Rolle zuspricht. Sie gehört zu einer Richtung der Literaturwissenschaft, die als Rezeptionsästhetik bezeichnet wird. Der Rezipient, also der Leser und Hörer der Heiligen Schrift, findet in der Bibel nicht eindeutig feststehende Bedeutungen vor, sondern stellt sie gleichsam im Prozess des Lesens und Hörens selbst her. Rezeption ist also kein rein passiver, sondern ein in hohem Maße aktiver Vorgang. Wir lesen biblische Texte aufgrund eines kulturell verinnerlichten Vorverständnisses und aufgrund dieses Vorverständnisses entwerfen wir die Bedeutung eines Textes. Wenn dieses Vorverständnis beispielsweise durch eine heteronormative Matrix geprägt ist, also durch das kulturell geprägte "Wissen", dass homosexuelle Praxis sittlich verwerflich und die Menschen ausschließlich als männliche oder weibliche existieren, dann findet ein durch dieses Wissen gebildeter Mensch in der Bibel eine Reihe von Texten, die diese Sicht bestätigen.
Dass es für eine solche Lesart in der Bibel Anhaltspunkte gibt, würden auch die Vertreter einer queeren Bibelhermeneutik nicht grundsätzlich in Abrede stellen. Sie halten allerdings dagegen und sagen: Man kann die Bibel auch ganz anders lesen. Und für diese andere Lesart gibt es gute Gründe. So eindeutig, wie gewöhnlich (von der Kirche und patriarchalen Wissenschaftlern) behauptet wird, ist die Bibel gar nicht. Die vermeintliche Eindeutigkeit ist Ergebnis einer durch institutionelle Macht abgestützten Lektürepraxis, die zudem ihre mit dieser Lektüre verbundenen Interessen verschleiert. Queeres Lesen, so heißt es in einem der Beiträge, "rückt die Analyse von Macht- und Herrschaftsverhältnissen in den Mittelpunkt der Bibellektüre" (65).
Gegen-den-Strich-Lesen
Da sich queere Bibellektüre als "Hermeneutik des queeren Verdachts" (65) über weite Strecken gegen kirchliche und wissenschaftlich anerkannte Deutungen richtet, wird in diesen Kreisen auch gerne auf das literaturwissenschaftliche Modell des "Gegen-den-Strich-Lesens" verwiesen. "Gegen den Strich lesen" kann zum Beispiel heißen, dass Leerstellen eines Textes gefüllt, dass Verschwiegenes angesprochen, dass dominante, repressive Lesarten subversiv unterlaufen werden. An die Stelle eines partizipatorisch-einfühlsamen Lesens tritt eine subversive, oppositionelle Lektüre – insbesondere dann, wenn sich LSBTIQA*-Personen (die Abkürzung steht für verschiedene sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender, Intergeschlechtlich, Queer, Asexuell und das Sternchen * für weitere Identitäten) durch die von kanonischen Texten vermittelten Sichtweisen diskriminiert fühlen.
Wenn diese Identitäten und die damit einhergehenden Praktiken als mit der Bibel unvereinbar deklariert werden, dann – so die Protagonisten dieses Projekts – handelt es sich um eine missbräuchliche Instrumentalisierung der Bibel. Deshalb müssen marginalisierte und diskriminierte Gruppen ermächtigt ("empowert") werden, einem derartigen Umgang mit der Bibel entgegenzutreten. Das Heft "Bibel queer lesen" möchte dazu das entsprechende exegetische und intellektuelle Rüstzeug bieten. Es handelt sich um ein exegetisches und bibelpastorales Projekt, das die befreiende, emanzipatorische Kraft der Bibel (wieder) zur Geltung bringen möchte. Die Bibel soll für marginalisierte Gruppen wieder bewohnbar werden (66).
Das Wort "G*tt" signalisiert: Es handelt sich um einen Containerbegriff, der mit Bedeutungen zu füllen ist; der queeren Bibellektüre geht es darum, die "falschen" Inhalte zu entsorgen, um das Wort neu und anders als bisher üblich zu verstehen.
"G*tt ist Fan von Vielfalt"
So lautet der Titel des ersten, einführenden Beitrags von Jens Ehebrecht-Zumsande, Burkhard Hose und Raphaela Noah Soden: "Queere Perspektiven auf die Bibel. Ein Erfahrungsraum aus Theologie, Exegese und Empowerment". Dass in diesem Beitrag nicht mehr das Wort "Gott" verwendet, sondern "G*tt" geschrieben wird, ist keine modische Petitesse, sondern stellt noch einmal eindringlich und anschaulich das zugrundeliegende hermeneutische Modell vor Augen und hat programmatische Bedeutung: Das Sternchen markiert die Leerstelle, die ich als Leser mit meinen persönlichen Erfahrungen, Vorstellungen und Wünschen, mit meinen Schmerzen und Sehnsüchten füllen darf und letztlich auch füllen muss. Es gibt im Grunde keine feststehenden Bedeutungen mehr, die mich einengen und verletzen könnten. Wenn das dennoch der Fall sein sollte, darf ich mich dagegen erheben ("Empowerment") und die vermeintliche Eindeutigkeit aufbrechen, dekonstruieren, und diesen Bruch auch äußerlich sicht- und hörbar markieren. Worte sind Hülsen, die jeder Leser und Hörer mit seinen subjektiven Vorstellungen füllen darf und letztlich auch füllen muss – weil er es, genau besehen, immer schon tut.
Das Wort "G*tt" signalisiert: Es handelt sich um einen Containerbegriff, der mit Bedeutungen zu füllen ist; der queeren Bibellektüre geht es darum, die "falschen" Inhalte zu entsorgen, um das Wort neu und anders als bisher üblich zu verstehen. "Je nachdem, wie die Bibel ausgelegt wird, stärkt sie queere Lebensrealitäten oder steht in einer Spannung zu ihnen. Sie wird entweder zum empowernden Befreiungsbuch oder zur Waffe in den Händen der Verteidiger*innen einer überkommenen Naturrechtslehre, in der queere Existenzen nicht vorkommen oder gar als sündige Abweichungen gebrandmarkt werden" (63).
Bibel kreativ weiterschreiben
Die Frage lautet also nicht mehr: "Was versteht die Bibel unter dem Wort 'Gott'?", sondern: "Was sagt mir das Wort 'Gott'? Wer ist Gott 'für mich'"? Und da das Wort "Gott" immer schon mit bestimmten Inhalten verbunden worden ist und einige davon wie etwa die Allmacht oder die Herrschaft oder die Vaterschaft Gottes mich triggern könnten, ist es mein gutes Recht, diese im Sinne der befreienden Botschaft der Bibel zurückzuweisen. Konkret heißt das: Ich schreibe das Wort um und markiere das auch äußerlich sichtbar durch eine andere Schreibweise. Der Text wird also nicht hinsichtlich einer vorgegebenen, vermeintlich feststehenden Bedeutung erfasst, sondern er wird gelesen, er wird neu und anders gelesen und letztlich sogar umgeschrieben. "Queeres Bibellesen […] versteht sich als kreatives Um- und Weiterschreiben gegen lehramtliche Engführungen, die Leben normieren, begrenzen oder ausschließen. Es hält die biblische Tradition nicht fest, sondern in Bewegung" (67).
Es handelt sich um einen kreativen, "schöpferischen" Umgang mit der Bibel, um "eine kreative Aneignung biblischer Texte" (65). Deshalb ist der Titel des so heftig kritisierten Heftes völlig korrekt: "Die Bibel queer lesen". Die Frage, ob diese Lesart richtig ist, wird gar nicht mehr gestellt, denn sie geht von der falschen Voraussetzung aus, dass literarische Texte vorgegebene und feststehende Bedeutungen aufweisen, die richtig zu erfassen wären: "Queere Lektüre widersetzt sich eindeutigen Zuschreibungen und stabilen Identitätskategorien und hält die Spannung zwischen Text, Kontext, Auslegung und gegenwärtiger Erfahrung bewusst offen" (65). In der Bibel soll gesucht werden, "was nährt, stärkt, aufrichtet, lebendig macht" (66).
Das biblische Projekt der Erlösung wird verstanden als eine Ermächtigung ("Empowerment"), sich aus einengenden, machtgestützten Zuschreibungen zu befreien, sie aufzubrechen, sie zu verflüssigen.
Bedeutungen werden zugeschrieben
Bedeutungen werden nicht entdeckt, sondern "zugeschrieben", so wie mir auch das Geschlecht nach meiner Geburt "zugeschrieben" wurde. Ob diese Zuschreibung ein fundamentum in re, also einen Anhaltspunkt in einer der Wahrnehmung vorgegebenen Realität hat, bleibt offen. Die Autoren sprechen von der "Prozesshaftigkeit von Bedeutungszuschreibungen" (65). Derartige Zuschreibungen sind nie etwas Endgültiges, sondern immer nur vorläufig. Festschreibungen sind Zeichen einer Erstarrung und bedürfen der Auflösung. Sie werden der fluiden Realität nicht gerecht. "Alles fließt" wusste schon der griechische Philosoph Heraklit (ca. 540-480 v. Chr.).
Das biblische Projekt der Erlösung wird verstanden als eine Ermächtigung ("Empowerment"), sich aus einengenden, machtgestützten Zuschreibungen zu befreien, sie aufzubrechen, sie zu verflüssigen: Queere Bibelauslegung "lädt dazu ein, Texte neu zu verstehen, in ihrem historischen Kontext zu deuten und als Quelle des Widerstands zu begreifen, als 'Empowerment-Buch'. Diese Perspektive ist nicht auf queere Leser*innen beschränkt, sondern ermöglicht allen Menschen neue Zugänge zur Bibel, schärft das Bewusstsein für Machtstrukturen und vertieft das Verständnis für die Vielfalt menschlicher Lebens- und Glaubensformen" (63f). Queere Theologie versteht sich "als subjektiv, erfahrungsbezogen und herrschaftskritisch" (65). Ihr Ziel ist "die Freisetzung emanzipatorischer Potenziale biblischer Traditionen. Diese Zielsetzung prägt auch die Art und Weise, wie Bibeltexte gelesen und ausgelegt werden" (65).
Männlich und weiblich
In der Diskussion um Gender und Homosexualität spielen oft einzelne Bibelstellen eine Schlüsselrolle. Es tobt ein Streit um die richtige Interpretation. In diesem Heft tritt diese Frage zurück. Das ist insofern konsequent, als, wie bereits dargelegt, das hermeneutische Konzept auf die Sinnkonstitution durch das rezipierende Subjekt hin ausgerichtet ist und nicht auf vorgegebene und vermeintlich feststehende Bedeutungen. Damit entspannt und verschiebt sich die Diskussionslage ein wenig. Es muss dann nicht mehr im Rahmen einer akrobatisch anmutenden Exegese gezeigt werden, dass die Worte "männlich" und "weiblich" in Gen 1,27 die Pole eines Spektrums bezeichnen, innerhalb dessen es unendlich viele sexuelle Identitäten gäbe.
Es geht um einen kreativen, poetischen Umgang mit der Bibel. Offen bleibt die Frage, was ein solcher poetischer Umgang mit der Heiligen Schrift für die exegetisch-theologische Argumentation in einer umstrittenen Frage austrägt.
Es ist exegetisch korrekt, wenn Katrin Brockmöller in ihrem kleinen Beitrag offen zugibt, dass Genesis 1,27 "weder vom sozialen Geschlecht noch von weiteren möglichen biologische Geschlechtern" spricht (79). Es geht um Nachkommenschaft. Ohne ausdrücklich auf die Diskussion einzugehen, gesteht sie damit implizit ein, dass die in einigen Kreisen vertretene und oft als neueste exegetische Erkenntnis präsentierte Spektrum-Theorie nicht haltbar ist. Gleichwohl versucht sie, dem queeren Anliegen des Heftes gerecht zu werden. Dazu wechselt sie gegen Ende ihres Beitrags in eine andere Gattung, lässt von der exegetischen Erörterung ab und schließt mit einem Gedicht von Raphaela Noah Soden, "[d]enn vom Menschen, in Genesis 1, kann man nur poetisch sprechen" (80). Dieser Stil passt sehr gut zum Geist des Heftes: Es geht um einen kreativen, poetischen Umgang mit der Bibel. Offen bleibt die Frage, was ein solcher poetischer Umgang mit der Heiligen Schrift für die exegetisch-theologische Argumentation in einer umstrittenen Frage austrägt.
Umbrüche in der Bibelwissenschaft
Im jüngsten Heft von "Bibel und Kirche" spiegelt sich eine inzwischen einflussreiche Richtung gegenwärtiger Bibelexegese wider. Die bis in die 1970-er Jahre vorherrschende "historisch-kritische Exegese" sah ihre Aufgabe in erster Linie darin, die ursprüngliche Bedeutung eines biblischen Textes zu erfassen, den biblischen Text, wie es in einem damals einflussreichen Methodenbuch heißt, "auf Eindeutigkeit hin einzuengen" (Fohrer / Hoffmann u.a., Exegese des Alten Testaments, Heidelberg 1979, 155). So würde heute kein Exeget mehr sprechen. Angeregt durch den "cultural turn" in den Literaturwissenschaften wurde der Einfluss der Rezeptionsästhetik mit ihrer Konzentration auf die Rolle des Lesers immer stärker. Das Interesse verlagerte sich vom geschlossenen Text auf die Rezeption des offenen Textes in verschiedenen kulturellen Kontexten. Die Rezeptionsgeschichte der Bibel zeigt, wie sich deren Auslegung dadurch verändert, dass sich deren Rezeptionskontexte ändern. In einer multikulturellen Gesellschaft bedarf die Bevorzugung eines kulturellen Kontextes einer besonderen Begründung.
Für das Verständnis der Bibel in der Katholischen Kirche hat dies gravierende Konsequenzen. Dass Katholiken in Afrika Fragen um Gender und Queerness von der Bibel her ganz anders beantworten als viele Katholiken in den liberalen Gesellschaften Europas, hängt mit den unterschiedlichen kulturellen Kontexten und den damit einhergehenden Vorverständnissen zusammen. Ein Streit um die richtige Auslegung der Bibel führt da nicht weiter – so würden Vertreter einer streng kontextuellen Bibelexegese sagen. Deshalb kommt es darauf an, die Bevorzugung eines Rezeptionskontextes durch das römische Lehramt aufzubrechen und den Glauben in Theorie und Praxis im Hinblick auf die vielen Kulturen, in denen er gelebt wird, zu diversifizieren, was ja ohnehin schon geschieht …
Ich erinnere mich an die Worte eines renommierten (liberalen) Kollegen aus der sogenannten "Richter-Schule", der damals davor warnte, das Anliegen der traditionellen historisch-kritischen Exegese angesichts der immer einflussreicher werdenden rezeptionsästhetischen Zugänge zur Bibel aufzugeben. Er sah die Gefahr, dass sich dann jeder die Bibel so zurechtlegt, wie es ihm passt, und die intersubjektiv überprüfbare wissenschaftliche Exegese an Bedeutung verliert. Auch den konservativen Exegeten, die meinten, mit Hilfe der Rezeptionsästhetik das von der historisch-kritischen Exegese als "unwissenschaftlich" verworfene geistige Schriftverständnis zu rehabilitieren, wird es am Ende so ergehen, wie dem Zauberlehrling in der gleichnamigen Ballade Goethes: "Herr! Die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los." – Wo ist der Meister, der das Wort kennt, um dem Treiben dieser Geister Einhalt zu gebieten?
Päpstliche Bibelkommission
Interessant ist nun, dass ein bedeutendes Dokument der Päpstlichen Bibelkommission aus dem Jahre 1993 zwei kontextuelle Zugänge zur Heiligen Schrift ausdrücklich würdigt: den befreiungstheologischen und den feministischen Zugang. Queere Theologie weiß sich mit diesen Richtungen kontextueller Theologie "eng verbunden" (64). Ist damit zu rechnen, dass ein zukünftiges Dokument der Päpstlichen Bibelkommission auch den queer-exegetischen Ansatz ausdrücklich würdigen wird? In der Art und Weise, wie queere Bibelauslegung in diesem Heft präsentiert wird, kann ich mir das nicht vorstellen.
Und damit kommen wir zu einem ersten Kritikpunkt: Das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission weist ausdrücklich und mit guten Argumenten auf die Grenzen kontextueller Schriftauslegung hin:
"In dem Maß, in dem sich die feministische Exegese einem einseitigen Programm verschreibt, setzt sie sich der Versuchung aus, die biblischen Texte tendenziös und damit in anfechtbarer Weise zu interpretieren. […] Ein solcher Versuch führt nämlich in seiner letzten Konsequenz dazu, den Inhalt der inspirierten Texte selbst zurückzuweisen, um ihm dafür eine andere, hypothetische Konstruktion vorzuziehen" (Die Interpretation der Bibel in der Kirche, Abschnitt I, E, 2).
Mir scheint, dass das Projekt einer queeren Bibellektüre, so wie es hier präsentiert wird, dieser Gefahr erlegen ist. Der Text wird gleichsam durch das rezipierende Subjekt geschluckt. Es gibt kein Gegenüber mehr. Der Herausgeber des Heftes, Andreas Hölscher, scheint das gespürt zu haben, wenn er in der Hinführung zum Thema des Heftes durch vorauslaufende Interpretation einige heikle Punkte zu entschärfen sucht: "'Die Bibel queer lesen' lädt dazu ein, vertraute Geschichten neu, quer und vielfältig zu betrachten – nicht gegen den Text, sondern mit ihm, zwischen den Zeilen, im Spannungsfeld von Tradition und Erfahrung" (61). Das Heft, so schreibt er weiter, eröffnet "neue Fragen" und lädt zum Nachdenken ein.
Anders Kirche sein
Spätestens hier zeigt sich, dass die Bibelwissenschaft nicht an der Ekklesiologie vorbeikommt. Das besagte Dokument der Päpstlichen Bibelkommission macht bereits im Titel unmissverständlich klar, was der normative Kontext einer Schriftauslegung ist, die sich katholisch nennen will: die Kirche. Denn der Titel des Dokumentes lautet nicht: "Die Interpretation der Bibel", sondern: "Die Interpretation der Bibel in der Kirche".
Dass Exegese nicht an der Ekklesiologie vorbeikommt, wird auch von den Protagonisten des Projekts einer queeren Bibellektüre sehr klar gesehen und produktiv bearbeitet. Sie sind also keineswegs so naiv, wie die Vertreter der alten, der Aufklärung verhafteten Schule, die noch meinte, man könne Exegese in "reiner Wissenschaftlichkeit" außerhalb einer jeden sinnstiftenden Rezeptionsgemeinschaft praktizieren. Hier zeigt sich ein durch die Gender-Diskussion geschärftes historisches Bewusstsein hinsichtlich der Kontextualität allen menschlichen Verstehens. Wie gehen sie nun mit der ekklesiologischen Frage um? Ihre Antwort lautet, um das Wort eines im synodalen Prozess engagierten deutschen Bischofs aufzugreifen: Wir wollen anders katholisch sein! Wir wollen durch eine entsprechende Praxis (der Grenzüberschreitungen) einen Mentalitätswechsel herbeiführen, der durch regelmäßiges Tun ("Doing Gender" – Einfach machen!) zu einer Transformation des Bewusstseins führt, so dass die Bibel dann aus dieser veränderten Bewusstseinsstruktur heraus – gleichsam wie selbstverständlich – trans- und gendergerecht gelesen wird.
Das Projekt lebt vom Primat der Praxis, vom Primat des menschlichen Tuns. Der evangelische Alttestamentler Bruno Biermann schreibt im zweiten programmatischen Beitrag des Heftes mit dem Titel: "Queer(y)ing die Bibel: Was sind Anliegen und Methoden queerer Bibelauslegung?":
"Geschlecht, Sexualität und Identität werden als Effekte sozialer Praxis verstanden, als Auswirkungen menschlicher Interaktionen mit gesellschaftlichen Vorstellungen. Geschlecht, Sexualität und Identität: also kein Sein, sondern ein Tun. Durch die Wiederholung von Handlungen, die durch Normen geregelt werden, entsteht der Eindruck von Beständigkeit und Natürlichkeit. […] Wenn Sexualität, Geschlecht und Identität Effekte sozialer Praxis sind, dann sind sie letztlich mehrdeutige und instabile Phänomene. Was als natürlich erscheinen mag, ist das Resultat von menschlichen Handlungen gemäß sozialer Normen. Queer Theorie verhält sich daher kritisch gegenüber der Annahme, dass Identität (z. B. 'Mann' oder 'Frau') eine biologisch, sozial und/oder religiös begründete, unwandelbare Konstante menschlicher Existenz bildet" (70).
Wie erfolgreich die Bewegung damit ist, zeigt sich an der in westlichen Gesellschaften inzwischen völlig veränderten Wahrnehmung und Beurteilung von Homosexualität und inzwischen auch von Transidentität – auch unter Christen: "Bibel ist ein Tun, nicht ein Sein, und wird erst durch beständige Wiederholung und Bestätigung durch menschliche Instanzen zur autoritativen Schrift" (73). Pointiert formuliert: Durch ständige Wiederholung dessen, was mir plausibel erscheint, wird dieses "Wissen" zu einem Habitus, zu einer zweiten Natur und als völlig normal angesehen.
Freilich, es gibt noch einige Biotope, die nicht mitmachen wollen, die widerspenstig sind. Sie zu überzeugen und mit ins Boot zu holen, ist eines der Anliegen des Heftes: "Ein queer reading der Bibel stellt deshalb auch eine ekklesiologische Anfrage. Sie fragt, ob Kirche bereit ist, Vielfalt nicht länger zu disziplinieren, sondern als Ort g*ttlicher Gegenwart ernst zu nehmen – und ob sie den Mut findet, sich am Reich G*ttes zu orientieren statt an der Sicherung bestehender Ordnungen" (67). Alle sind eingeladen, mitzumachen. Queere Bibellektüre ist "nicht nur für queere Menschen gedacht […] – alle können von ihr profitieren …", heißt es im Vorspann zu einem der Beiträge (62).
Einladung zum Nachdenken
Die Aufregung um das jüngste Heft von "Bibel und Kirche" ist verständlich. Die Fundamente christlicher Anthropologie und Theologie geraten ins Wanken. Müssen sie neu gelegt werden? Muss das alte kirchliche Ordnungsdenken durch ein neues ersetzt werden, wie Burkhard Hose, Hochschulpfarrer und Hochschulreferent im Bistum Würzburg, fordert, wenn er schreibt:
"Wenn das Reich G*ttes wie die Aussaat und das Wachsen eines Senfkorns ist – klein, widerständig, unkontrollierbar, Lebensraum schaffend –, dann muss jeder kirchlichen Ordnung, die die Vielfalt diszipliniert und Lebendigkeit begrenzt, mit Argwohn begegnet werden. Denn letztlich sabotiert jede kontrollierende Ordnung den Entfaltungsraum des Reiches Gottes. […] Erkennt die Kirche in ihrem Reden und Handeln die neue Ordnung des Reiches Gottes an? Wo hält sie noch an altem Ordnungsdenken fest, das Räume so normiert und kontrolliert, dass Menschen dadurch ausgeschlossen werden oder gar nicht erst vorkommen?" (93).
Greifen wir die Anregung von Andreas Hölscher "zum Nachdenken und Hinterfragen" (61) auf und stellen einige Fragen.
Vielfalt
Im Rahmen der Liberalisierung des Sexualstrafrechts gab es in den 1970er Jahren und weit darüber hinaus Bestrebungen, sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern zu legalisieren. Prominente Wissenschaftler, Literaten, Politiker sowie einflussreiche Medien beteiligten sich an der Kampagne der Entkriminalisierung pädosexueller Kontakte (vgl. Franz Walter, Im Schatten des Liberalismus, in: F.A.Z. 17.11.2014, S. 6; Reinhard Bingener, Pädophilie beim Kirchentag, in: F.A.Z. 30.11.2024, S. 5). Die soziologischen, psychologischen, medizinischen und juristischen Aspekte der Geschichte dieser Thematik sind so komplex, dass sie hier nicht einmal im Ansatz zur Sprache kommen können. Dennoch stellt sich die Frage, ob angesichts der inzwischen vorangeschrittenen Kenntnisse um sexuellen Missbrauch und Grenzüberschreitungen eine rein affirmative Verwendung von Begriffen und Metaphern der Grenzüberschreitung (71) und der unbegrenzten Vielfalt nicht irreführend und in gewisser Weise völlig aus der Zeit gefallen ist.
Für die Bibel jedenfalls sind Grenzen und Abgrenzungen elementar. Ein Leitbegriff der Schöpfungserzählung sind Trennung, Unterscheidung und klare Benennung. Im Synagogengottesdienst zum Ausgang des Schabbat wird im Rahmen des Rituals der "Hawdala" (wörtlich übersetzt: "Trennung", "Unterscheidung" – ein Leitbegriff von Gen 1) folgender Segen gesprochen:
"Gepriesen bist Du, HERR, unser Gott, König der Welt, der Du unterscheidest zwischen Heilig und Profan, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Israel und den Völkern, zwischen dem siebten Tag und den sechs Tagen der Arbeit. Gepriesen bist Du, HERR, der Du unterscheidest zwischen Heilig und Profan."
Das queere Lesen der Bibel scheint in der Tat eine Form des Lesens zu sein, die quer zur Heiligen Schrift steht.
Im unmittelbaren Anschluss an das Verbot homosexueller Praxis unter Männern findet sich in Lev 18,23 das Verbot der Zoophilie (früher "Sodomie" genannt): "Keinem Vieh darfst du beiwohnen; du würdest dadurch unrein. Keine Frau darf vor ein Vieh hintreten, um sich mit ihm zu begatten; das wäre eine schandbare Tat" (vgl. Lev 20,15f). Im ältesten Gesetzbuch des Alten Testaments, dem Bundesbuch, steht das Verbot der Zoophilie in unmittelbarer Nachbarschaft zum Verbot des Götzenopfers: "Jeder, der mit einem Tier verkehrt, hat den Tod verdient. Wer einer Gottheit außer dem HERRN (JHWH) Schlachtopfer darbringt, soll dem Bann verfallen" (Ex 22,18f). Unter Zoophilie versteht man den geschlechtlichen Umgang zwischen Mensch und Tier.
Es handelt sich dabei keineswegs um eine rein theoretische Diskussion imaginärer Fälle, wie einige Exegeten meinen. So etwas gab es damals und gibt es auch heute. Eine mit 100 zoophilen Personen an der Universität Wien durchgeführte klinisch-psychologische Studie (abgeschlossen im Jahre 2010) bestätigt vorangehende Untersuchungen, "dass Zoophilie als sexuelle Orientierung gesehen werden kann" (Marion Nasswetter, Eine klinisch-psychologische online Studie über Zoophilie, S. 144 [Uri: https://utheses.univie.ac.at/detail/9282; Persistent identifier: https://paidra.univie.ac.at/o:1267087; DOI: 10.25365/thesis.10279]. Das Thema ist gesellschaftlich hoch umstritten, die Rechtslage in verschiedenen Ländern diffus.
Die Religionsgeschichte bietet reichhaltiges Anschauungsmaterial. Der sexuelle Mensch-Tier-Kontakt scheint, wie 5.000 Jahre alte Felszeichnungen aus der Jungsteinzeit zeigen, so alt wie die Menschheit zu sein. In der griechischen Mythologie verwandelten sich Götter in Tiere, um mit Menschen geschlechtlich zu verkehren. Am bekanntesten in unserem Kulturkreis dürfte die Erzählung von Zeus und Europa sein. Zeus erscheint als prächtiger, weißer Stier und verführt die am Strand spielende Europa. Diese wurde schwanger und gebar Minos, der König von Kreta wurde. Dessen Gattin wiederum hatte Geschlechtsverkehr mit einem Stier, aus dem der Minotaurus hervorging, ein Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier, dem die Athener jährlich sieben Buben und Mädchen zum Fraß vorwerfen mussten; dem Helden Theseus gelingt es, das Ungeheuer zu töten und die Jugend Athens von ihrem grausamen Schicksal zu befreien. Alexander der Große, so wird von seiner Mutter Olympias erzählt, wurde von einer Schlange gezeugt. Beim Betreten des Ammon-Tempels konnte ihm ein ägyptischer Priester seine göttliche Abkunft bestätigen.
Scharfe Grenzziehung zu Vielfalt und Reichtum altorientalischer Göttergeschichten
Gibt es also doch so etwas wie eine vorgegebene göttliche Schöpfungsordnung, an der sich der Mensch zu orientieren hat, gegebenenfalls auch in kritischer Distanz zur Vielfalt sexueller Orientierungen, die in ihm angelegt sind? Hat das alte Naturrechtsdenken wirklich in jeder Hinsicht ausgedient?
Das Alte Testament kannte diese und ähnliche Erzählungen. Es zieht allerdings eine scharfe Grenze zu der Vielfalt und dem Reichtum altorientalischer Göttergeschichten. Dies hatte offensichtlich auch Konsequenzen für das Verständnis menschlicher Sexualität. Das Thema ist keineswegs ein Randphänomen in der Religions- und Kulturgeschichte der Menschheit. Thomas Hieke vermutet als einen Grund für das Verbot der Zoophilie im Alten Testament den Gedanken "der Störung der kosmischen (göttlichen) Ordnung, die eine unstatthafte Vermischung der Genera sowie der Lebensräume (Gott, Mensch, Tier) nicht zulassen kann" (Levitikus 16–27, Freiburg i. Br. 2014, 691). Gibt es also doch so etwas wie eine vorgegebene göttliche Schöpfungsordnung, an der sich der Mensch zu orientieren hat, gegebenenfalls auch in kritischer Distanz zur Vielfalt sexueller Orientierungen, die in ihm angelegt sind? Hat das alte Naturrechtsdenken wirklich in jeder Hinsicht ausgedient?
Im Hinblick auf die Vielfalt des altorientalischen und antiken Polytheismus war das religiöse Symbolsystem Israels vergleichsweise einfältig: JHWH ist einer und er ist einzigartig (Dtn 6,4), exklusiv, alle anderen Götter ausschließend. So gesehen ist der Gott der Bibel kein Fan von Vielfalt. Das zu verstehen und sich daran zu halten, ist Isarel nicht immer leicht gefallen. Es war eine lange und schmerzhafte Lerngeschichte. Die Welt der anderen Völker, ihr kultureller und religiöser Reichtum, haben auf Israel immer wieder große Faszination ausgeübt; oft wird sie mit sexuellen Metaphern beschrieben: "Ich will meinen Liebhabern hinterherlaufen. Sie geben mir Brot und Wasser, Wolle und Leinen, Öl und Getränke", sagt das als untreue Frau vom Propheten verklagte Volk (Hos 2,7). JHWH hat dafür kein Verständnis. Er reagiert ungehalten:
"Darum versperre ich dir den Weg mit Dornengestrüpp und verbaue ihn mit einer Mauer, sodass sie ihre Pfade nicht mehr findet. Dann wird sie ihren Liebhabern nachrennen, aber sie nicht einholen. Sie wird sie suchen, aber nicht finden" (Hos 2,8f).
Ja, in diesem Sinne war der biblische Ein-Gott-Glaube durchaus intolerant, wie in den letzten Jahren vor allem der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann betont hat. Der antike Polytheismus war im Grunde ein Kosmotheismus. Die Kräfte der Natur sowie die Strukturen der Gesellschaft waren durch göttliche Mächte miteinander verbunden; Götter und Göttinnen, in vielfältigen Metamorphosen genealogisch miteinander verbandelt, sowie mit Menschen und Tieren interagierend, waren eine Realität im kulturellen Wissen altorientalischer und antiker Gesellschaften. Sie waren in Bildern und Statuen gegenwärtig und wurden bei Prozessionen feierlich umhergetragen. Sie konnten unterschiedliche Identitäten annehmen, sich verstellen, Menschen in den Hinterhalt locken, ihnen aber auch wieder Gutes tun.
Der antike Kosmotheismus war interessanter und hatte mehr zu bieten als der vergleichsweise monomane Ein-Gott-Glaube Israels. Das Judentum hat nun dagegen gehalten und gesagt: Dieses so attraktive Angebot der anderen Völker beruht auf einer Täuschung. Bei Lichte betrachtet, ist nichts dahinter. Die vermeintlichen Götter sind "Nichtse" (Jes 41,24). Wer ihnen dient, täuscht sich. In dem auf Griechisch verfassten Buch der Weisheit, das als Schulbuch die Identität jüdischer Schüler in Abgrenzung zur paganen Kultur der Großstadt Alexandrien zu stärken sucht, heißt es:
"Ohne Verstand waren von Natur aus alle Menschen, denen die Gotteserkenntnis fehlte. Aus den sichtbaren Gütern vermochten sie nicht den Seienden zu erkennen. Beim Anblick der Werke erkannten sie den Meister nicht, sondern hielten das Feuer, den Wind, die flüchtige Luft, den Kreis der Gestirne, die gewaltige Flut oder die Welt beherrschenden Himmelsleuchten für Götter. Wenn sie diese, entzückt über ihre Schönheit, schon für Götter hielten, dann hätten sie auch erkennen sollen, wie viel besser ihr Gebieter ist, denn der Urheber der Schönheit hat sie erschaffen" (Weish 13,1–3; vgl. Röm 1,18–32).
Vor dem Hintergrund der hier skizzierten Genese und Phänomenologie des biblisch bezeugten religiösen Symbolsystems kommt mir das Lob der Vielfalt wie ein verkapptes Lob des Polytheismus vor. Es passt zum Selbstverständnis der Postmoderne, steht jedoch quer zur biblischen Tradition. Der Gott Israels ist einer, er ist treu, er verstellt sich nicht, er trägt keine Maske, er führt nichts Böses im Schilde. Die Fülle, die der biblische Glaube verspricht, ist nicht zu verwechseln mit der Vielfalt des antiken Kosmotheismus. Nur durch das Nadelöhr der Einfalt findet der Mensch Zugang zur Fülle des biblisch bezeugten Gottes, so bekennen Judentum und Christentum gemeinsam (vgl. Mk 12,28–34; 1 Thess 1,9; Röm 6,21). Die christliche Theologie hat die Mythen der Alten weder pauschal verworfen noch ungeprüft übernommen, sondern "ihre Irrtümer streng und gütig berichtigt und […] so aus den zerfallenden Trümmern der Tempel die unvergänglichen Güter geborgen" (Hugo Rahner, Griechische Mythen in christlicher Deutung [1945], Freiburg i. Br. 1992, 15).
Offenbarung
Ist der queer-theologische Ansatz, wie er hier präsentiert wird, überhaupt noch bereit und in der Lage, die Bibel als Zeugnis der Offenbarung Gottes zu verstehen? Das scheint mir sehr zweifelhaft zu sein. In dem Beitrag von Rolf Biermann heißt es: "So wird deutlich, dass Interpretationen von biblischen Texten und die Autorität der Bibel selbst ein Ergebnis von menschlichen Handlungen sind statt göttliche Setzungen" (73). "Die Macht von Grenzen und Ordnungen wird zum Resultat sozialer Prozesse, statt einer göttlichen Setzung" (75). Natürlich kann man solche und ähnliche Theorien vertreten, muss sich dann aber darüber im Klaren sein, dass damit das Selbstverständnis des christlichen Glaubens, der die Bibel als Zeugnis göttlicher Offenbarung versteht, aufgegeben wird (vgl. KKK 51–141: "Die Offenbarung Gottes"). Jedes bibelhermeneutische Model, das die Frage nach der göttlichen Offenbarung ausklammert oder defizitär beantwortet, wird dem Selbstverständnis der Bibel nicht gerecht und erregt gerechten Verdacht wider sich. Die Frage nach der Offenbarung Gottes ist das große Thema neuzeitlicher Theologie. Es sei daran erinnert, dass das wichtigste Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils den Titel trägt: Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung: Dei Verbum.
Damit zusammen hängt die Frage nach dem Wesen menschlichen Tuns, das in dem hier beschriebenen Ansatz eine Schlüsselrolle spielt. Hat menschliches Tun seinen Ursprung in sich selbst, oder ist es als Antwort auf eine Realität zu verstehen, die mir entgegenkommt und mich anspricht, in einer Weise, die ich lernen kann, mehr und mehr zu verstehen? Gibt es nicht doch so etwas wie eine Vor-Gabe, die nicht irgendeine beliebige, autopoetische, sondern eine ihr ent-sprechende, eine ana-loge Antwort erwartet?
Lesen, was dran ist
Eine Grundregel der Lectio divina – und im Grunde der liturgischen Leseordnung überhaupt – lautet: Lesen, was dran ist, und nicht, was ich mir wünsche. Queere Bibellektüre dagegen fordert dazu auf, (nur) das zu lesen, was "nährt, stärkt, aufrichtet, lebendig macht." Die Hermeneutik queerer Bibellektüre präsentiert sich als kritisch nach außen, ist aber hinsichtlich der eigenen Lebensform völlig unkritisch. Die Lesetheorie ist in dieser Hinsicht nicht konsistent. Was mich triggert, darf ich ausblenden oder uminterpretieren. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass sich jede Gruppe (innerhalb wie außerhalb der Kirche) ihren eigenen Kanon bastelt. Markion, der "Erzhäretiker", hat uns vorgemacht, wie das geht. Mich wundert, dass die zitierten Autoren diesen Aspekt überhaupt nicht im Blick haben. Dagegen heißt es bei Michael Casey, Lectio divina. Die Kunst der geistlichen Lesung, Sankt Ottilien 2010, 17:
"Wenn Gott durch die Bibel zu uns spricht, müssen wir seine Botschaft als ganze aufnehmen. […] Wir vergessen manchmal gern, dass seine Heilsgabe unserer eigenen Wahrnehmung und Erwartung zuwiderläuft. Nur wenn wir bereit sind, uns von ihm führen zu lassen, können wir sein Heil annehmen. Dem Buch, das wir gerade lesen, vertrauen wir uns aus eigenem Entschluss an. Wir nähern uns ihm ohne Abwehr, bereit, uns formen zu lassen. […] Wir sind wie ein Schüler, der zu seinem Meister kommt und bereit ist anzunehmen, zu lernen und sich zu ändern."
Spirituelle Notwehr
Die Autoren bedauern, dass sich LSBTIQA*-Personen gewöhnlich vor folgende Alternative gestellt sehen: "Entweder sie internalisieren spirituell gewaltvolle kirchliche Deutungen von Körper, Geschlecht und Begehren, die ihre Existenz als sündhaft, ungeordnet oder krankhaft markieren – mit gravierenden Folgen für Selbstwert, Gesundheit, G*ttesbeziehung und Lebensmöglichkeiten. Oder sie lösen sich radikal von kirchlichen/christlichen Bezügen, um überhaupt überleben zu können" (66). Damit möchten sie sich nicht abfinden. Mit ihrem Projekt bieten sie eine dritte Möglichkeit an: "Ein queer reading der biblischen Texte aus 'spiritueller Notwehr'" (66). Ich halte das Anliegen für sehr begrüßenswert. Ebenso kann ich der Aussage: "Bibellesen wird zu einem transformativen und heilschaffenden Akt" (67) vorbehaltlos zustimmen. Meine Frage ist jedoch, ob genau das eingelöst wird. Denn im Folgenden beschreiben sie diesen transformativen Akt als eine Bestätigung dessen, was ist. Auf welcher Ebene sollen Heilungen stattfinden? Was soll woraufhin transformiert werden? Aus den Beiträgen wird nicht deutlich, welches Verständnis von Identität und Transidentität zugrunde liegt. Dass Identitäten fluide sind, ist klar, doch auf welcher Ebene bewegt sich die Fluidität? Die für christliche Spiritualität grundlegende Unterscheidung zwischen dem empirischen Ich und dem wahren Selbst scheint den Autoren nicht bekannt zu sein.
Mit der in der Bibel bezeugten Offenbarung Gottes ist der Mensch eingeladen und aufgefordert, eine "falsche Identität" im Hinblick auf eine "wahre Identität" zu überschreiten. Bei diesem Prozess handelt es sich um eine tiefgreifende Transformation, zu der jeder Christ aufgefordert ist. Nach Auskunft des Apostels Paulus ist davon auch die sexuelle Identität des Menschen betroffen. In jedem Menschen gibt es so etwas wie eine existenzielle Inkongruenz, die sein geistiges, seelisches und leibliches In-der-Welt-Sein prägt; sie liegt noch vor den Verletzungen, die der Mensch in seiner raum-zeitlichen Wirklichkeit erleidet. Die Theologie spricht von der Ur-Sünde. Die Bibel zeigt einen Weg, der zur Überwindung dieser konstitutionellen Störung führt. Das ist der Weg der Erlösung. In wohl kaum einem anderen Text der Heiligen Schrift wird dieses Modell theologisch so klar und konsistent entfaltet wie im Römerbrief des Apostels Paulus.
Aus der jüngeren Hirnforschung wissen wir um die Plastizität des Gehirns. Es lässt sich empirisch nachweisen, dass sich das Gehirn durch Meditation verändert (vgl. Wolf Singer / Matthieu Ricard, Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2008). Eine systematische Schulung des Bewusstseins durch spirituelle Praxis wie Meditation, Gebet, Kontemplation und geistige Lesung weist Entsprechungen zu neuronalen Prozesse auf, die sich messen lassen. Dabei kommt dem Bewusstsein die Priorität zu, nicht den neuronalen Prozessen im Gehirn. Die neuronalen Prozesse korrelieren mit dem Bewusstsein, sie sind nicht dessen Ursache.
"Die Neuroplastizität ist ein allgemein anerkanntes Merkmal des menschlichen Gehirns. Sie ist das neurobiologische Korrelat für Transformation. Die neuronalen Vernetzungen können durch neue Erfahrungen entweder in ungeplanter Weise oder eben durch bestimmte evokative Übungen systematisch verändert werden. Wiederholte evokative Übung zur Steigerung der Bewusstseinsklarheit, der Präsenz- und Resonanzfähigkeit würde im Gehirn allmählich zu dauerhaften Veränderungen der organischen Struktur führen" (Harald Piron, Transpersonale Aspekte in der Neurobiologie, in: Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 15 [2/2009] 44–55, hier 51f).
In der Sprache der Theologie wird dieser Sachverhalt von Papst Johannes Paul II. so ausgedrückt:
"Deswegen darf man die Ausdrücke Ordnung der Natur und biologische Ordnung nicht durcheinanderbringen noch das, was sie ausdrücken, gleichsetzten. Die biologische Ordnung ist Ordnung der Natur in dem Maße, in dem sie den empirischen und beschreibenden Methoden der Naturwissenschaften zugänglich ist; aber insoweit sie ein spezifische Ordnung der Existenz ist, die in offensichtlicher Beziehung zur Causa prima steht, zu Gott, dem Schöpfer, ist die Ordnung der Natur keine biologische Ordnung mehr".
Die Ordnung der Natur weist demnach zwei Aspekte auf. Für christliche Spiritualität ist vor allem jener Aspekt von Bedeutung, bei dem die Ordnung der Natur zu einer Ordnung der Existenz wird, da sich der Mensch mit der ihm von Gott verliehenen Natur aus der Mitte seiner Existenz auf Gott, seinem Schöpfer, hin ausrichtet. Wenn das geschieht, dann wird die Natur nicht zerstört, sondern verwandelt; sie wird, mit dem Apostel Paulus gesprochen, zu einer neuen Schöpfung: "Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden" (2 Kor 5,17).
Mit Thomas Merton (Christliche Kontemplation. Ein radikaler Weg der Gottessuche, München 2010, 31f) gesprochen:
"Es gibt einen unaufhebbaren Gegensatz zwischen dem tiefen transzendenten Selbst, das nur in der Kontemplation erwacht, und dem oberflächlichen, äußerlichen Selbst, das wir gewöhnlich mit der ersten Person Einzahl bezeichnen. Wir müssen uns vor Augen halten, dass dieses oberflächliche ‚Ich‘ nicht unser wirkliches Selbst ist. Es ist vielmehr unser ‚individuelles Sein‘ und unser ‚empirisches Selbst‘, jedoch nicht die verborgene und geheimnisvolle Person, in der wir vor den Augen Gottes subsistieren. Das 'Ich', das in der Welt tätig ist, über sich selbst nachdenkt, seine eigenen Reaktionen beobachtet und von sich selbst redet, ist nicht das wahre ‚Ich‘, das in Christus mit Gott vereint worden ist."
Erst wenn diese Ebene in den Blick kommt, können wir in einem genuinen Sinn von christlicher Spiritualität sprechen. Ich kann nicht erkennen, dass diese Dimension in den genannten Beiträgen im Blick ist.
Fazit
Die Aufregung um das Heft "Bibel queer lesen" ist verständlich. Aufgabe des Bibelwerkes, insbesondere seines wissenschaftlichen Beirats wäre es, die durch das Heft angestoßenen Fragen und Diskussion aufzugreifen und gründlich zu bearbeiten. Das braucht Zeit und Geduld und die Bereitschaft, sich kritischen Anfragen zu stellen.