Ins Herz geschaut: Mit Georg Braulik die Psalmen beten

Der Benediktiner und Alttestamentler Georg Braulik (*1941) hat grundlegende exegetische und theologische Studien zu den Psalmen verfasst. Der Psalter als Kontext und die Liturgie als Ort für das rechte Verständnis der Psalmen spielen in seinen Publikationen eine besondere Rolle.

Aufgeschlagene Bibel
© Foto von Aaron Burden auf Unsplash

Im Gespräch mit Thomas Merton konnten wir sehen, wie ein spirituell Suchender mit den Psalmen ringt. Viele der dort angesprochenen Fragen finden bei Georg Braulik eine Antwort:

"Die beiden bibelwissenschaftlichen Neuorientierungen – 'vom Einzeltext zum Buch' und 'vom Text zum Leser' – bringen uns einen wesentlichen Fortschritt im Umgang mit den Psalmen. Genau das, was man an der bibelwissenschaftlichen Exegese bisher immer als problematisch empfand – nämlich die Distanz, die durch eine vorwiegend literarhistorische und gattungsgeschichtliche Betrachtungsweise der Einzelpsalmen geschaffen wurde –, ist nun grundsätzlich überwunden. Das gilt insbesondere für die Verwendung der Psalmen im Stundengebet. Hier wird die Bibel durch die Liturgie gedeutet. Das ist die Urgestalt christlicher Auslegung der Heiligen Schrift" (L'esegesi anticotestamentaria e la liturgia, Roma 2014, 84).

Braulik geht in seinen Publikationen auf die Spannungen zwischen einem wörtlichem und einem übertragenen, allegorischen Verständnis ein, denen wir bereits bei Thomas Merton begegnet sind: "Auch unabhängig von Allegorese", so Braulik, "ist klar, dass eine historisch literaturwissenschaftliche Auslegung der Psalmen, so unverzichtbar sie ist, für das Verständnis der Stundenliturgie nicht genügen kann" (ebd. 72). "Obwohl das hermeneutische Prinzip vieler allegorischer Auslegungen somit in 'einer präsentischen Interpretation der Heilsgeschichte' liegt, müssen ihre Erklärungen in keinem unversöhnlichen Widerspruch zur wissenschaftlichen Exegese kommen" (ebd. 82).

Sollen Christen die Psalmen Israels beten?

Als Benediktiner und Bibelwissenschaftler hat sich Braulik mit den Psalmen und ihrer Stellung im Benediktinischen Antiphonale befasst ("Psalmen beten mit dem Benediktinischen Antiphonale" [ÖBS 40], Frankfurt 2011). Aus langjähriger praktischer und geistiger Erfahrung mit der Tagzeitenliturgie gibt er in seiner jüngsten Publikation "Ins Herz geschaut. Beten mit den Heiligen des Alten Testaments" (Innsbruck 2020) wertvolle Hilfestellungen zum rechten Lesen, Beten und Meditieren der Psalmen.

Die Psalmen holen mich aus meinem Heilsindividualismus heraus und hinein in meine Zugehörigkeit zum Volk Gottes.

Auf die Frage: "Warum sollen Christen mit den Psalmen Israels beten" antwortet Georg Braulik: "Beten mit den Psalmen Israels heißt für uns also letztlich Beten mit Jesus. Durch ihn dürfen wir zusammen mit Israel als Glieder des einen Volkes Gottes beten" (114).

Wie lernt man Psalmen beten?

"Zunächst einfach so, wie ein Kind mit der Sprache seiner Eltern anfängt, seine eigenen Erfahrungen in Worte zu fassen. […] Man muss sich also auf eine ganz schlichte, fast fraglose Weise und oft mit längerer Geduld auf die Psalmen und ihr Gottesverhältnis einlassen. Dann erschließt sich beim Mitsprechen allmählich auch das Verständnis und der geistliche Sinn einzelner Worte, ein Funke springt. In diesem Gespräch nähern wir uns den Gedanken und Wegen Gottes, wie sie sein Volk in einer jahrhundertelangen Geschichte erfahren hat. Wir hören aus der Vielzahl der Stimmen seinen Willen und was er jetzt von uns erwartet. […] Mitbeten kann allerdings nur gelingen, wenn mir die Psalmen 'aus dem Herzen gesprochen' sind. Deshalb ist es entscheidend, sich mit dem Psalmbeter zu identifizieren, sich von seinen Worten ergreifen zu lassen, um mit ihnen sein Herz vor Gott auszuschütten oder trotz eines leeren Herzens mit ihm zu reden. Als Gedichte machen die Psalmen nicht nur Sachaussagen, sondern dienen auch der Selbst-Mitteilung von menschlichen Erfahrungen und vermitteln Stimmungen. Sie können in der Not des Glaubens und beim Verstummen des Betens 'der Seele eine Stimme geben', können in mir wecken, was sonst ungesagt bleiben müsste"(114f).

Meine Gefühle?

Georg Braulik geht in diesem Zusammenhang auf zwei Einwände ein. Der erste lautet:

Wie kann ich Psalmen beten, wenn "meine eigene Stimmungslage und die des Psalms auseinanderklaffen? Hier zeigt sich das Mitbeten der Psalmen auf nochmals neue Weise – als Solidarität mit Leidenden, Entrechteten, Angefochtenen, aber auch mit jenen, die zu einer mystischen Einheit mit Gott gefunden haben und überströmen vor Seligkeit. Die Psalmen holen mich aus meinem Heilsindividualismus heraus und hinein in meine Zugehörigkeit zum Volk Gottes. Sie lassen mich über mein eigenes Wohlbefinden oder mein seelisches Elend hinaus weit werden für die Freude und Nöte meiner Schwestern und Brüder, auf deren Situation diese Worte jetzt zutreffen und denen ich dazu meine Stimme gebe" (116f).

In der transpersonalen Psychologie sprechen wir in diesem Zusammenhang von der Desidentifikation mit einem Ich-Konzept – eine wichtige Phase des geistigen Weges. Bereits Athanasius und Augustinus waren mit der hier beschriebenen Wirkung der Psalmenrezitation vertraut.

… und die Gewalt in den Psalmen?

Im zweiten Einwand geht Braulik auf das viel diskutierte Problem der feind- und gewaltbesetzten Psalmen ein. Damit hatte sich bereits vor einigen Jahren der im christlich-jüdischen Dialog engagierte Alttestamentler Erich Zenger in seinem Buch: "Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen" (Freiburg i. Br. 1994) befasst (vgl. auch: B. Janowski, Ein Gott, der straft und tötet? Zwölf Fragen zum Gottesbild des Alten Testaments, Neukirchen-Vluyn 2013):

"Die Vernichtungs- und Vergeltungsbitten und die Vorstellung eines zürnenden, ja grausam strafenden Gottes", so Braulik, "lassen die Frage aufkommen, ob ich solche Texte zu meinem Gebet machen darf. […] Für das rechte Verständnis wichtig ist also der biblische Kontext, nicht zuletzt auch der Gesamtzusammenhang der Heiligen Schrift. Zweifellos schwingt bei den 'Strafwünschen' sehr viel an Emotionalität mit. Äußern sich darin doch die Verletzungen, Schrecken und Zweifel der Beter angesichts von Menschen, die das Recht beugen und über das Elend der Armen hinweggehen, wenn es ihnen zum Vorteil dient. […] Die Psalmen bewahren die Leidenden angesichts der Übermacht von Unterdrückung, Ausbeutung und Unrecht davor, selbst sprachlos und apathisch zu werden oder sich als Opfer eines unbegreiflichen Verhaltens Gottes zu fühlen. Nicht selten lassen die Polemiken schließlich die Frevler und Gegner ohne klares Profil und äußern irreale Projektionen von Gefühlen, die in den Abgründen des eigenen Herzens toben. Das Gebet entlässt sie zu Gott, damit er sie bändige. Ähnliches gilt noch heute: Wer in die Ängste und Hoffnungen der Psalmen eintaucht, kann ihre heilende Wirkung erfahren. […] Eine Grenze wird allerdings auch in bittersten Erfahrungen von Unrecht und Gewalt von den Psalmisten nie überschritten: Sie lehnen es immer ab, sich selbst zu 'rächen', das heißt: sich selbst ihr Recht zu verschaffen. Sie rufen auch nicht nach einem irrational dreinschlagenden Gott. Vielmehr appellieren sie an ihn als den Gott des Rechts, der sich für die Armen einsetzt und die Bedrängten aus ihrem Elend befreit. […] Dabei enttarnen die Psalmen auch unseren Unschuldswahn und zwingen nicht selten zum Bekenntnis, auch selbst Leid verursacht zu haben" (ebd. 117–119).

Im Rhythmus des Atems

Im Anschluss an Johannes Cassian (ca. 360–435) empfiehlt Braulik, Psalmenverse im Rhythmus des Atems zu wiederholen, um so in das Gebet der Ruhe zu finden (121).

"Doch sollte man auch versuchen, sich mit den Worten eines ganzen Psalms zu identifizieren und mit ihnen persönlich Gott anzureden. […] Hat man den Psalter allmählich kennengelernt, empfiehlt es sich, einige Lieblingspsalmen auszuwählen – für Krisen ebenso wie für glückliche Zeiten. Die Benediktregel empfiehlt, sie auswendig zu lernen. Dann hat man diese vertrauten und geschätzten Psalmen immer zur Verfügung und 'gebiert' sie beim Beten 'gleichsam aus innerstem Herzensgrund als etwas Eigenes' (Abbas Isaak)" (121f).

Psalmen verchristlichen?

Braulik spricht auch die eingangs genannte Frage nach Möglichkeiten und Grenzen eines genuin christlichen Verständnisses der Psalmen an:

"An wen wenden sich die Psalmen? Zweifellos an den Herrn, den Gott Israels. Dennoch bedürfen sie keiner zusätzlichen oder besonderen Verchristlichung. Schon inneralttestamentlich spricht der davidische Messias die Psalmen zum Herrn und die Psalmen sprechen über den Messias mit ihm – genauer: sie beten für den Messias und für sein mit ihm unlöslich verbundenes messianisches Volk. Als Christen, Christinnen beten wir die Psalmen in der Nachfolge Jesu und in der Gemeinschaft mit ihm so, wie er sie gebetet hat – zu Gott, dem Herrn, als seinem und unserem Vater (und unserer Mutter). Damit bleiben wir auch der altkirchlichen Tradition treu, die in der Liturgie die Gebete an den Vater richtet – durch Christus im Heiligen Geist" (122).

In diesem hermeneutischen Horizont hat Dieter Böhler SJ unter dem Leitwort: "Der Psalter als Buch des Messias" die Psalmen 28 bis 98 ausgelegt.

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