Psalm 96 - "Singt, singt, singt, preist, verkündet, erzählt!"Der Psalter als Buch des Messias

Was ist neu an der Botschaft des Neuen Testaments? Neu ist, dass die Sendung, die Mission systematisch und vor allem von Paulus in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Doch es gab durchaus biblische Vorgänger: Psalm 96 etwa hatte davon längst vor Paulus gesungen.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Ps 96 gleicht strukturell dem vorangehenden Psalm 95. Auch er hat drei Strophen, deren erste beide mit parallelen Imperativreihen beginnen:

V. 1-3: singt, singt, singt, preist, verkündet, erzählt!
V. 4-5: denn, denn V. 6: in seinem Heiligtum.
V. 7-10: gebt, gebt, gebt, bringt, kommt, werft, bebt, sagt
in Geradheit.
V. 11-12: Freuen sollen sich, froh sein, schmettern, jauchzen, jubeln
V. 13: denn, denn in seiner Treue.

Die erste Imperativreihe fordert zum Feiern auf, die zweite zu Ehrfurchtserweisen, die Jussivreihe zur Freude. Alle drei Strophen enden auf eine Eigenheit oder ein Eigentum Gottes. Die erste Strophe fordert die Israeliten auf, JHWHs Überlegenheit über die Götterwelt bei allen Nationen zu verkünden. Die zweite Strophe ruft diese Völkerwelt auf, in Israels Gotteserkenntnis und -verehrung einzutreten und seine universale Gottesherrschaft zu feiern. Die dritte Strophe fordert in Jussiven die untermenschliche Kreatur auf, Gottes Herrschaft zu bejubeln.

"Glanz und Pracht sind vor ihm, Macht und Zierde in seinem Heiligtum"

Schon gleich die erste Strophe beginnt mit einem Zitat aus (Deutero-) Jesaja: "Singt JHWH einen neuen Gesang!" (Jes 42,10). Es wird nicht die einzige Bezugnahme auf den Propheten sein, weswegen, Delitzsch, Psalmen 614, den "Grundton des Ps deuterojesajanisch" nennt.

1 Singt JHWH einen neuen Gesang, singt JHWH, ganze Erde!
2 Singt JHWH, preist seinen Namen, verkündet von Tag zu Tag seine Rettung!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Ehre, bei allen Völkern von seinen Wundern!
4 Denn groß ist JHWH und zu loben sehr, ehrfurchterregend ist er über alle Götter!
5 Denn alle Götter der Völker sind Nichtse, JHWH aber hat die Himmel gemacht.
6 Glanz und Pracht sind vor ihm, Macht und Zierde in seinem Heiligtum.

"Einen neuen Gesang singen" kann, wer lange nichts zu singen, lange nichts zu lachen hatte, jetzt aber wieder neu Grund dazu hat. Die Formulierung "neuer Gesang" steht mit Jes 42,10 und Ps 96,1 siebenmal im hebräischen AT, fast nur im Psalter (Ps 33,3; 40,4; 98,1; 144,9; 149,1), dazu dreimal in der griechischen Bibel (Jdt 16,13; Offb 5,9; 14,3). Aufgefordert wird in V. 1 zunächst die ganze Erde. Das kann entweder überschriftartig schon die ganze Menschheit meinen (wie in V. 9), auf die es ja am Ende hinauslaufen soll, oder das ganze "Land" Israel oder die israelitische Diaspora in allen Landen; Sie sollen missionarisch werden.

In V. 2-3 jedenfalls ist erst einmal Israel angesprochen: Es soll den nur ihm bekannten Namen JHWHs preisen und sein Rettungstun verkünden. Das hebräische Verbum basser (griechisch: evangelizein) meint meist Siegesmeldungen von der Front (Ps 67,12; 2 Sam 18,19-31), im Jesajabuch aber die Verkündigung von der Frohbotschaft der universalen Gottesherrschaft: Jes 40,9; 52,7; 60,6; 61,1. Daher beziehen Markus und Paulus den Ausdruck evangelion. Israel wird aufgefordert, bei den Nationen und Völkern den Ruhm seines Gottes zu verbreiten (V. 3).

"Gebt JHWH, ihr Sippen der Völker, gebt JHWH Ehre und Macht!"

Nach den sechs Imperativen folgt die Begründung in V. 4-5 mit einem doppelten "Denn": Israels Gott ist über alles, was bisher bei den Völkern "Götter" hieß, erhaben – auch dies eine grundlegende Botschaft (Deutero-)Jesajas, nachdem Israels Gott seine Überlegenheit selbst über die Götter Babylons erwiesen hatte. Der Psalmist entnimmt sein Argument Jes 41-42: Die gemachten Götter sind Nichtse, der machende Schöpfergott allein ist wirklicher Gott. Königlich-herrscherliche Pracht (Ps 21,6: "Glanz und Pracht") herrscht im Palast seines Jerusalemer Heiligtums (V. 6) und kündet von seinem universalen Königtum.

Die zweite Strophe fordert nun die "evangelisierten" Völker auf, in Israels Gottesverehrung einzutreten:

7 Gebt JHWH, ihr Sippen der Völker, gebt JHWH Ehre und Macht!
8 Gebt JHWH die Ehre seines Namens, bringt Opfergabe und kommt zu seinen Höfen!
9 Werft euch nieder vor JHWH in der Majestät (seiner) Heiligkeit! Bebt/tanzt vor ihm, alle Erde!
10 Sagt unter den Nationen: "JHWH ist König geworden!" Ja, feststehen wird der Erdkreis, er wird nicht wanken! Recht sprechen wird er den Völkern in Geradheit.

Der Psalmist entnimmt die V. 7-9a aus Ps 29,1-2, verlegt aber den dortigen himmlischen Kult ins irdische Heiligtum, lädt statt der "Göttersöhne" die "Sippen der Völker" ein (V. 7), in die Vorhöfe des irdischen Tempels zu kommen und Opfer zu bringen für die Feier der Liturgie (V. 8). Wie Jesaja in 56,1-8 verkündet, sollen die Nationen teilnehmen an Israels Gottesdienst. Die Völker werden eingeladen, vor dem Gott Israels erschauernd zu "beben" oder freudig zu "tanzen". Gottes Königtum über Israel soll nun bei allen Nationen als universales verkündet werden (V. 10) in Anlehnung an Jes 52,7 und Worte aus Ps 93,1; 97,1; 99,1. Die Stabilität des Erdkreises, von der V. 10 spricht, meint wie in Ps 46,3.4.7.10 (vgl. Ps 93) den Völkerfrieden und das Ende von Unruhe, Krieg und Tumult, wie Jes 2,1-5 sie ansagen, denn Gott wird allen Rechtsstreit unter den Nationen friedlich entscheiden.

"Freuen sollen sich die Himmel, frohlocken die Erde"

Nach den sechs feiernden plus acht Ehrfurcht erweisenden Imperativen der ersten beiden Strophen schließt die dritte mit fünf Jussiven an, die Freude ausdrücken.

11 Freuen sollen sich die Himmel, frohlocken die Erde, schmettern das Meer und, was es erfüllt!
12 Jauchzen sollen die Felder und alles, was auf ihnen ist, dann sollen jubeln alle Bäume des Waldes!
13 Vor JHWH, denn er kommt, denn er kommt, um zu richten die Erde. Er wird richten den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker in seiner Treue.

Die untermenschliche Kreatur wird nicht direkt im Du angeredet. Sie wird eingeladen, an der Feier von Gottes friedenstiftendem Herrschaftsantritt teilzunehmen. Der vertikale Raum wird vom Himmel über die Erde zu den Meerestiefen abgemessen, dann folgt in V. 12 der horizontale Raum des Kultur- und Naturlandes (vgl. Jes 55,12). Delitzsch, Psalmen 615, vermerkt, dass im Hebräischen die Wortanfänge in V. 11 die Buchstabenfolge J-H-W-H und J-H-W ergeben. Dergleichen Akrosticha sind im Psalter allgegenwärtig (z.B. Ps 25; 34; 37 usw.).

V. 13 fasst das "Evangelium" von Ps 96 abschließend zusammen: Gott selber kommt, um die Gottesherrschaft zu errichten. "Denn er kommt, denn er kommt" singt in freudiger Erregung der Psalmist. Ps 96 ist mit gutem Grund zum Psalm der Weihnachtsmesse geworden. In nicht ganz unähnlichem Sinne führt der Chronist bei Davids Überführung der Lade nach Jerusalem hinauf diesen Psalm 96 auf (mit einigen Variationen): 1 Chr 16,23-33.

Wie auch sonst im Psalter spielen Zahlen auch in Ps 96 eine Rolle: Fünfmal "Völker" und zweimal "Nationen" in V. 3, 5, 7, 10, 13 bezeichnen mit der Siebenheit die Universalität der Menschheit. Siebenmal kål ("alle", "ganz" in V. 1-5, 9, 12) symbolisiert dieselbe Vollständigkeit. Dass Gottes "Name" JHWH, der nach V. 2 und 8 von Israel und den Völkern verherrlicht werden soll, nur elfmal vorkommt, noch nicht zwölfmal, mag bedeuten, dass Israels Gotteserkenntnis noch nicht überallhin verbreitet ist. An der Leerstelle steht noch zweimal "alle Götter" (V. 4-5). "Es ist ein Missionslied" (Hengstenberg, Psalmen IV 46). Die Entlehnung von Ps 96,7-10 aus Ps 29,1-2 soll, wie andere Entlehnungen dieser Sorte den Psalter als Gesamtbuch durch innere Verstrebungen zusammenhalten (Ps 40,14-18 = Ps 70; Ps 14 = Ps 53; Ps 108 = 57,8-12 + 60,7-14).

"Singt dem Herrn einen neuen Gesang"

Das Neue Testament entnimmt, wie Ps 96 auch, wichtige Ausdrücke und Grundgedanken aus Deuterojesaja, dadurch kommen (indirekt) Berührungen mit dem Psalm zustande. Dazu gehört die Zitation "singt dem Herrn einen neuen Gesang" aus Jes 42,10 und Ps 96,1, die in Offb 5,9; 14,3 zitiert werden, sowie die für das NT grundlegende Idee vom Anbruch der universalen Königsherrschaft Gottes als "Evangelium", die aus Jes 40,9; 52,7; 60,6; 61,1 stammt, in Ps 96 besungen wird und von Markus (und Matthäus, Lukas wie Jesaja nur verbal) aufgenommen wird. Paulus nimmt den jesajanischen Ausdruck basser, evangelizesthai im Sinne der Völkerbekehrung zum Gott Israels auf.

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