Psalm 79 - "Bis wann, JHWH, willst du zürnen auf Dauer?"Der Psalter als Buch des Messias

Wenn Gottes Volk (Israel, Kirche) ein schlechtes Bild abgibt, fällt das in den Augen der Welt auf Gott zurück. Das kann ihm nicht egal sein und den Gläubigen auch nicht.

Bibel
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Der zuletzt betrachtete Psalm 78 hatte die großartige Fürsorge Gottes für Israel seit der Herausführung aus Ägypten vorgeführt und Israels fehlende Dankbarkeit. In Ps 79 nimmt nun Israel das Wort (durchgehendes "Wir") und klagt vor Gott (durchgehendes "Du"), die jetzige Situation sei katastrophal, der Tempel entweiht (V. 1), viele Israeliten getötet (V. 2f), Israel am Boden und von den umliegenden Nationen nur Spott (V. 4). Der Psalmist fordert Gott auf, seine gefährdete Reputation durch die Rettung seines Volkes wiederherzustellen. Die Überschrift ordnet Psalm 79 bei den Asaf-Psalmen ein (Pss 50, 73-83).

1 Instrumentallied von Asaf.

Ps 79 ist besonders eng verwandt mit Ps 74 und hat viele Berührungspunkte mit ihm. Die drei Strophen des Gedichts beginnen immer mit einer Nennung Gottes (V. 1, 5, 10), die zweite und dritte heben je mit einer Frage an.

Gott, hineingekommen sind Nationen in dein Erbe, verunreinigten deinen heiligen Tempel, setzten Jerusalem in Trümmer.
2 Sie gaben die Leichen deiner Knechte zum Fraß den Vögeln des Himmels, das Fleisch deiner Loyalen dem Getier der Erde.
3 Sie vergossen ihr Blut wie Wasser rings um Jerusalem, und keiner begrub (sie).
4 Wir wurden eine Schmähung für unsere Nachbarn, Spott und Hohn für die rings um uns.

"Bis wann, JHWH, willst du zürnen auf Dauer?"

"Jerusalem" in V. 1 und 3 bildet fast einen Rahmen um die Strophe. Der Dichter beschreibt die desolate Situation Jerusalems von innen nach außen. V. 1a ist eine summarische Einführung: fremde "Nationen kamen in dein Erbe!"; und dann im Einzelnen, immer weiter ausweitend: Im Innersten ist der Tempel entweiht (nicht zerstört!), die Stadt darum herum in Trümmern (V. 1), die Bewohner der Stadt und des Umlands rings herum massakriert, so dass die Nachbarvölker im äußersten Kreis, aber auch die im Land wohnenden heidnischen Nachbarn nur noch den Kopf schütteln über Israel – und seinen Gott.

"Wie Wasser", also als wäre ein Menschenleben nichts wert, haben die Heiden Menschenblut vergossen. Die Leichen blieben liegen, wurden also nicht etwa menschenwürdig begraben, sondern dem Getier zum Fraß überlassen – eine vollkommene Entwertung und Entehrung (vgl. Dtn 28,26; 1 Sam 17,44.46). Die Hinschlachtung der "Chasidim" ("Loyalen") war ein Spezifikum der seleukidischen Greuel im 2. Jh. v. Chr. (Delitzsch 531; 1 Makk 7,13.16; 2 Makk 14,6). 2 Makk berichtet, wie der Tempelschänder Antiochus IV Epiphanes einst in Jerusalem gewütet hatte:

Die Heilige Stadt [wollte] er kurzerhand dem Erdboden gleichmachen und in einen Friedhof umwandeln …, die Juden nicht einmal eines Grabes würdigen, sondern sie samt den Säuglingen den Raubvögeln und den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen, (2 Makk 9,14-15)

Der abschließende V. 4 nimmt Ps 44,14 auf:

Du setzest uns zur Schmähung für unsere Nachbarn, Spott und Hohn für die rings um uns.

Die zweite Strophe beginnt mit einer Frage und der neuerlichen Anrede Gottes. Dieses Mal sagen die Beter nicht "Gott", sondern nennen den heiligen Namen "JHWH". Der Grund ist, dass in dieser Strophe Gottes "Name" das Thema ist. "Dein Name" steht in V. 6 und zweimal in V. 9 und rahmt diese Strophe. Thema ist "die Ehre deines Namens" (V. 9), Gottes Reputation, die er sich durch die in Ps 78 ausführlich aufgezählten Wundertaten erworben hatte. Diese Reputation ist jetzt in Gefahr. Bei den Völkern liegt sie schon am Boden und in Israel ist sie zur Frage geworden.

5 Bis wann, JHWH, willst du zürnen auf Dauer, soll brennen wie Feuer deine Eifersucht?
6 Gieß deinen glühenden Grimm aus über die Nationen, die dich nicht kennen, und über Königreiche, die deinen Namen nie anriefen.
7 Denn man hat Jakob aufgefressen, und seine Wohnstatt haben sie verheert.
8 Gedenk nicht gegen uns der Verschuldungen der Früheren, eilends komme uns dein Erbarmen entgegen, denn wir sind sehr schwach geworden!
9 Hilf uns, Gott unserer Rettung, um der Ehre deines Namens willen und entreiß uns und bedeck unsere Sünden wegen deines Namens!

"Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott"

"Wie lang zürnst du dauerhaft?" macht eine Spannung auf zwischen "wie lang?" – das hat doch wohl auch einmal ein Ende? – und "dauerhaft" – also endlos. "Wie lang soll brennen?" fragt auch V. 5b. Gottes "Eifersucht" ist Ausdruck einer leidenschaftlich brennenden Liebe, die ein exklusives Verhältnis zwischen Ihm und seinem Volk anstrebte.

Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott (Ex 20,5; vgl. 34,14).
Denn der Herr, dein Gott, ist verzehrendes Feuer. Er ist ein eifersüchtiger Gott (Dtn 4,24; vgl. 5,9; 6,15).

Diese Liebe verträgt sich nicht mit Nebentouren Israels. Die Beter werfen JHWH vor, seine leidenschaftliche Liebe verbrenne inzwischen Israel – aber zum Schaden für Gottes Reputation, der nicht mehr wie in Ps 78 als Retter seines Volkes erscheint, sondern als Zerstörer. Sie schlagen ihm stattdessen vor: "Gieß deine[n] Glut[grimm] aus über die Nationen, die dich nicht kennen!", die Heidenvölker, die gewohnheitsmäßig Fremdgötter verehren und irdische Herrscher vergötzen (Antiochus IV, 215-164 v. Chr., der den Tempel von Jerusalem entweihte, trug den Beinamen "Epiphanes" = "der erscheinende [Gott]). "Man hat Jakob aufgefressen" (V. 7) greift auf V. 2 zurück, "seine Wohnstatt verheert" auf V. 1b. Die Beter bitten in V. 8 darum, nicht auch noch die Schuld ihrer Vorfahren abzahlen zu müssen – sie hatten genug zu tun mit der eigenen (V. 9b).

Wie Gott in Ps 78,39 einfach wegen Israels Schwäche erbarmungsvoll war, so soll er sich jetzt anrühren lassen von dem elenden Zustand seines Volkes, mehr als von der vorhandenen oder nicht vorhandenen Reue. Diese mittlere Strophe ist von Nennungen Gottes gerahmt in V. 5 und 9, wobei anstelle von "JHWH" (V. 5) am Ende "Gott unserer Rettung" tritt. Die Beter nehmen Gott als den Rettergott von Ps 78 in Anspruch, der einen "Namen" zu verlieren hat, einen "Ruf". "Die Ehre seines Namens" steht auf dem Spiel (V. 9). Die Beter leugnen ihre Sünden nicht (V. 9b), meinen aber, Gott würde seinem Namen mehr Ehre antun, indem er sie "bedeckt", statt sie zu bestrafen. Das Verbum kapper, "bedecken", ist zum Wort für "sühnen" geworden. Der Jom Kippur, der "Sühne-" oder "Versöhnungstag" (Lev 16) ist der Tag, an dem Israels (Jahres-) Schuld im Allerheiligsten des Tempels auf der kapporet, der "Sühneplatte", dem Deckel der Bundeslade "zugedeckt" wird (Lev 16,14-15; Hebr 9,7.12; Röm 3,25).

"Wir aber wollen danken dir in Ewigkeit"

Auch die dritte Strophe beginnt wieder mit einer Nennung Gottes und einer Frage:

10 Warum sollen sagen die Nationen "wo ist denn ihr Gott?" Bekannt werde bei den Nationen vor unseren Augen die Rächung des Bluts deiner Knechte, des vergossenen!
11 Es komme vor dich das Stöhnen des Gefangenen, nach der Machtgröße deines Arms lass übrig (von den) Todgeweihte(n)!
12 Und zahl zurück unsern Nachbarn siebenfach in ihre Brust ihre Schmähung, mit der sie dich schmähten, Herr!
13 Wir aber, das Volk und die Schafe deiner Weide, wir wollen danken dir in Ewigkeit, von Geschlecht zu Geschlecht wollen wir erzählen dein Lob!

Gottes Name, seine Reputation ist eben dadurch in Gefahr, dass die Völker öffentlich sagen: Israels Gott ist abwesend oder unfähig, sein Volk zu retten (vgl. Ez 36,19-23). "Wo ist denn dein/ihr Gott?" ist die Gott verhöhnende und den Gläubigen quälende Frage der Heiden oder Gottesverächter (Ps 42,4.11; 115,2; Joel 2,17). Das kann er nicht auf sich sitzen lassen! "Das vergossene Blut deiner Knechte" in V. 10 nimmt V. 2-3 auf: Die Heidenvölker haben in der barbarischsten und menschenverachtendsten Weise Menschen massakriert und sogar noch ihre Leichen geschändet. Das sind Verbrechen contra humanitatem, gegen die Menschheit. Diese Barbarei verlangt nach einem Richter, der Recht und Humanität wieder herstellt, nach einer Ahndung ("Rächung"), die den Wert der als wertlos Hingemetzelten durch einen teuren Preis wiederherstellt.

Nach Ex 3,7 hatte Gott das Elend Israels in der Sklaverei Ägyptens gesehen und ihr Schreien vor den Antreibern gehört. So, sagen die Beter, möge er jetzt wieder "das Stöhnen der Gefangenen" hören und die mächtige "Größe seines Arms" demonstrieren, indem er die Unterworfenen wie damals mit "hoch erhobenem Arm" befreit (Ex 6,6; Dtn 4,34; 5,15; 7,19 u.ö.). V. 12 nimmt V. 4 wieder auf: Nach V. 4 war Israel zu Schmähung, Spott und Hohn für die umliegenden Heidenvölker geworden. V. 12 sagt: Eigentlich wurdest damit du, Gott, geschmäht ("Wo ist denn ihr Gott?"). Die Beter bitten Gott, er möge die Schmähungen dorthin zurückschicken, woher sie kamen: in die Brust der Spötter. Die vier Bitten der dritten Strophe vervollständigen die sechs Bitten der zweiten zu einer Zehnerreihe. "Siebenfache" Heimzahlung heißt "vollständige" Vergeltung.

"Die Leichen deiner Frommen haben sie rings um Jerusalem zerstreut"

Abschließend versichern die Beter in V. 13, wenn Gott so einschreiten würde, würden sie wieder wie in Ps 77,21 und 78,71f. "Volk und Schafe seiner Weide" sein wollen (vgl. Ps 74,1; 95,7; 100,3; Jer 23,1; Ez 34,31). Anders als in Ps 78 wäre ihm der Dank seines Volkes sicher und die lobende Rühmung seiner Großtaten würde die "Ehre seines Namens" für Generationen wiederherstellen. Ps 79 ist der erste Psalm, der – noch in der Bibel – augenscheinlich als Schriftwort zitiert wird. 1 Makk 7,17 sagt von Alkimus, einem mit den hellenistischen Fremdherrschern verbündeten Israeliten, der Hohepriester werden wollte und wurde, er habe gehandelt

genau wie geschrieben steht: Die Leichen deiner Frommen haben sie rings um Jerusalem zerstreut, und ihr Blut haben sie vergossen, und keiner hat sie begraben.

Das zitiert weitgehend wörtlich Ps 79,2-3 und zwar septuagintaähnlich. Das könnte bedeuten, dass der Psalm schon in der Frühzeit der hellenistischen Krise in Juda entstand und dem entstehenden Psalter alsbald eingefügt wurde, denn 1 Makk datiert von 130/100 v. Chr.

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