Der heute zu betrachtende Psalm 83 ist der letzte der zwölf Asaf-Psalmen (Pss 50, 73-83). Er soll instrumentell begleitet werden, am wichtigsten ist aber der Vokal-Gesang, d.h. der Text, den er – anders als Pss 77–82 hervorhebt:
Gesang, Instrumentallied von Asaf.
"Gott" ist das erste Wort des Psalms, denn um ihn geht es in dem Lied. Das letzte Wort ist "auf der ganzen Erde" – denn da soll sein Andenken immer wieder ausgelöscht werden. Siebenmal werden Gottesbezeichnungen in dem Psalm genannt:
V. 2: Gott – Gottheit (El) – V. 13-14: Gott – Gott – V. 17.19: JHWH – JHWH – Höchster
Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit und bezeichnet hier: vollkommene Gottespräsenz.
Der Psalm besteht aus zwei Strophen. Die erste (V. 2-9) beklagt den "Antisemitismus", d.h. den offen oder latent immer wieder aufbrechenden Wunsch, Israel völlig auszulöschen, damit dieses von Gott selbst errichtete Gottes-Denkmal definitiv verschwinde. Die zweite Strophe (V. 10-19) nimmt Zuflucht zum Gebet und erfleht von Gott das Scheitern solcher Machenschaften – wie einst in biblischen Zeiten (Richterbuch).
Der Psalm beginnt mit einem dreifachen Appell an Gott:
2 Gott, bleib nicht in Ruhe, schweig nicht und sei nicht still, Gottheit!
"Deine Feinde wollen Tumult machen, deine Hasser erhoben das Haupt"
Gott (elohim) und "Gottheit" (el) rahmen die dringende Aufforderung, denn um die Gottesfrage geht es letztlich. V. 3 formuliert das Problem grundsätzlich:
3 Denn da: Deine Feinde wollen Tumult machen, deine Hasser erhoben das Haupt.
Die sich da rühren, sind letztlich Gottesfeinde, ihn wollen sie bekämpfen. Sie sind laut – da darf Gott nicht schweigen! Sie erheben das Haupt – frech und siegesgewiss. Wie zeigen sie ihren Gotteshass konkret?
4 Gegen dein Volk wollen sie aushecken eine Verschwörung, und sich beraten gegen deine Schützlinge.
5 Sie sagten: "Geht, wir wollen sie auslöschen als Nation, dass nicht mehr erinnert werde der Name IsraELs!"
Gruppierungen, die sonst nicht zusammenfänden, können sich dann doch auf einen Sündenbock einigen, den sie alle ablehnen. Gegen den verschwören sie sich. Da können selbst Herodes und Pilatus Freunde werden (Lk 23,12; Apg 4,27). Das hebräische Wort für "Schützlinge" ist hier "Geborgene", "Verborgene", meint also die, die Gott bei sich birgt und die auch keinen anderen Beschützer haben. Sie wollen Israel auslöschen "als Nation" (hebr.: "vom Nation-Sein"). Es geht ihnen nicht um einzelne Israeliten, sondern um das Gottesvolk als solches, diese störende institutionelle Erinnerung an Gott – vgl. Jer 48,2!
Im AT ist das Buch Ester die paradigmatische Erzählung vom Willen zur Vernichtung Israels, der bei den Völkern sich immer mal wieder breit macht – und doch existiert dieses Volk bis heute, weil Gott es "birgt". V. 5 spricht offen aus, worum es eigentlich geht: Der Name Israels soll ausgelöscht werden, denn "Isra-El" ist ein Denkmal für Gott. Das Stichwort "Name" wird in V. 17 und 19 noch zweimal fallen, dort immer in der Formulierung "dein Name, JHWH". Die Auslöschung des Namens Israels hat als letztes Ziel die Auslöschung "deines Namens, JHWH". Statt "Gott" steht hier, und nur hier im Psalm, tatsächlich zweimal der Name "JHWH". "Ich bin", "ich bin da" – so hatte Gott selbst seinen Namen interpretiert (Ex 3,14). Den wollen sie verschwinden lassen, indem sie Israel auslöschen.
6 Ja, sie haben sich beraten einmütigen Herzens, gegen dich haben einen Bund sie geschlossen!
"... sie wurden zum Arm für die Söhne Lots"
Die Verschwörung gegen den Sündenbock, der sie bei allen sonstigen Divergenzen zusammenführt, ist letztlich ein perverser "Bund" gegen Gott selbst. Ihr Komplizen-"Bund" ist das Gegenprojekt zum Bund Gottes mit seinem Bundesvolk.
V. 7-9 zählen nun zehn Feindnationen auf, um zu sagen: Ps 83 redet nicht von einem bestimmten Krieg oder Unternehmen gegen Israel, sondern meint "die katastrophische Seite der Geschichte Israels überhaupt" (Zenger, Psalmen II, HThKAT, 499), die Dauergefährdung von allen Seiten her. Die "Zelte" bezeichnen die Heerlager.
7 Die Zelte Edoms und der Ismaeliter, Moab und die Hagariter,
8 Gebal und Ammon und Amalek, Philistäa samt den Bewohnern von Tyrus.
9 Auch Assur hat sich angehängt an sie, sie wurden zum Arm für die Söhne Lots. Sela
Die zehn Nationen sind geographisch angeordnet: Edom und Ismael sind süd-südöstlich des Toten Meers, Moab schließt im Norden an, dann Ammon und östlich von Gilead die Hagariter (1 Chr 5,10). Gebal (bei Petra; vgl. HALOT I 174) und Amalek sind wieder im Süden auf der arabischen Halbinsel zu suchen. Philistäa und Tyrus liegen am Mittelmeer, die Philister ganz im Süden, die Phönizier ganz im Norden. Diese neun Nachbarn Israels "umklammern" es. Nach Zenger (500f) galt in Ägypten die "Neunheit" als Inbegriff der ägyptenfeindlichen und niederzuringenden Völker.
Als zehntes steht das Großreich Assur. Es steht abgesetzt, grenzte auch nicht an Kanaan, sondern war in Mesopotamien. Gleichzeitig war Assur eine hochmilitarisierte Weltmacht, die für jede kleinere Macht zum entscheidenden Unterstützer ("Arm" = starker Arm) werden konnte, wenn sie das wollte. Es zieht die Fäden und schiebt die kleinen Völker umher wie Schachfiguren. Die "Söhne Lots" sind Moab und Ammon (Gen 19,31-38). Da Lot ein Neffe Abrahams war, sind mit diesem letzten Wort der ersten Strophe tatsächlich Brudervölker angesprochen, die u. U. zu den schlimmsten Verrätern wurden, wie Edom nach dem Fall Jerusalems durch die Babylonier (Ps 137,7; Obd 8-14).
"Mein Gott, mach sie wie einen Wirbel, wie Stroh vor dem Wind"
In der zweiten Strophe bittet der Psalmist darum, Gott möge die feindlichen Pläne vereiteln. Seine Fluchbitten sind Gebete, denn er selbst optiert für Gewaltlosigkeit und überlässt es Gott, gegen die Feinde vorzugehen. Die Strophe beginnt mit drei Imperativen (V. 10, 12, 14), es folgen zwei Jussive in V. 16 und in V. 17a ein neuerlicher Imperativ. Sechs Jussive in V. 17b-19 vervollständigen die zwölf Wünsche des Zwölfstämmevolks gegen die zehn Völker.
In den V. 10-13 ruft der Beter Vorbilder aus dem Richterbuch, als Israel noch kein wehrhafter Staat war, in Erinnerung – klagt doch das ganze Buch III (Pss 73-89) nach dem Verlust der Staatlichkeit:
10 Tu ihnen wie Midian, wie Sisera, wie Jabin am Bach Kischon!
11 Sie wurden vernichtet in En-Dor, wurden zu Dünger auf dem Ackerboden.
12 Mach sie, ihre Vornehmen, wie Oreb und Seeb und wie Sebach und Zalmunna all ihre Fürsten!
13 Die sagten: "Lasst uns in Besitz nehmen für uns die Wohnstätten Gottes!"
Jabin war nach Ri 4,2 König von Kanaan, Sisera sein Heerführer. Sie wurden von Gott, der durch die Elemente für Israel kämpfte, am Bach Kischon besiegt (Ri 4,7.13; 5,20-21). Auf Israels Seite waren entscheidend zwei Frauen: Debora und Jael (Ri 4-5). Mit Gottes Hilfe sind auch sie einem hochgerüsteten Reiterheer mit Kriegswagen überlegen (Ri 4,3). Oreb ("Rabe") und Seeb ("Wolf") sowie Sebach und Zalmunna waren Midianiterfürsten, gegen die Gideon mit einer ganz kleinen Truppe siegreich blieb (Ri 6-8). Sie wollten Gottes eigenes Land, das er Israel verliehen hatte, für sich in Besitz nehmen (V. 13), blieben aber ironischerweise auf eben diesem Land auf dem Schlachtfeld liegen, als Dünger auf dem Acker (V. 11; vgl. Jer 8,2). En-Dor (Jos 17,11; 1 Sam 28,7) liegt beim Berg Tabor, vom dem aus die Schlacht gegen Sisera begann (Ri 4,6-14).
Die V. 14-15 entfalten nun im Bild den Zorn Gottes, der im Hebräischen zugleich durch die wutschnaubende Nase ('af) und die Wuthitze (charon) symbolisiert wird, als Sturm und Feuer:
14 Mein Gott, mach sie wie einen Wirbel, wie Stroh vor dem Wind,
15 wie Feuer, das den Wald verbrennen, und wie eine Flamme, die Berge versengen kann!
16 So sollst du sie verfolgen mit deinem Sturm, und mit deinem Unwetter sie erschrecken!
"Erfülle ihr Angesicht mit Schande, so dass sie suchen deinen Namen, JHWH!"
Der unsichtbare Sturmwind beseitigt mit gewaltigem Effekt herumliegendes Stroh. Eine kleine Flamme kann ganze bewaldete Berge wie den Libanon in Brand setzen, so dass nichts übrigbleibt (vgl. Jes 10,16-19). V. 16 übersetzt das Bild und überträgt es auf sie Feinde: verjagt, erschreckt sollen sie sein.
Die abschließenden Verse 17-19 wünschen ihr öffentliches, blamables Scheitern, das zugleich ein Zeugnis für Gottes Macht und Überlegenheit wäre:
17 Erfülle ihr Angesicht mit Schande, so dass sie suchen deinen Namen, JHWH!
18 Sie sollen beschämt werden und erschrecken bis sonst wohin und sollen zuschanden werden und zugrunde gehen!
19 Damit sie erkennen, dass du, dein Name, JHWH, allein der Höchste bist über die ganze Erde!
Sie wollten Israels Namen auslöschen (V. 5), damit das Gottes-Mahnmal verschwinde. Sie sollen sich so blamieren, dass sie zum Namen Gottes ihre Zuflucht nehmen müssen und erkennen, dass er allem überlegen ist als "der Höchste" (eljon). Der in Ps 82 propagierte Monotheismus ist auch das Ziel von Ps 83.